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zurück zu REISEERLEBNISSEAuf der Rheinprinzessin im Land der Belger und Batavier.Geschichte der BENELUX-StaatenRömerzeit: 50 vor Chr. Erobern die Römer das Land der Batavier. Sie gründen die Städte Utrecht, Nimwegen und Maastricht. Das Gebiet wird Teil der römischen Provinz Germania inferior. Die im Norden siedelnden Friesen gehören nicht dazu. Ab 290 stoßen germanische Franken aus Südosten in das Gebiet südlich des Rheins, insbesondere in das Schelde-Gebiet. Unter der Bedingung eines Status der foederati gestehen ihnen die Römer das Gebiet der heutigen Niederlande, Flanderns und des dazugehörigen Deutschlands zu. Nach dem Untergang des römischen Reiches kommt es zu Unruhen zwischen den Friesen im Norden, den Sachsen im Osten (etwa das Gebiet des heutigen Niedersachsens) und den Franken im Süden 486 besiegten die Franken ihre römischen Nachbarn, sie dehnten ihr Siedlungsgebiet bis zur Loire aus, ihr Hauptsiedlungsgebiet ist Belgien und Nordfrankreich, ihre spätere Kaiserpfalz Aachen. Fränkisches Reich 800 – 843 Mittelreich (Lotharii Regnum) 843-855 Bistum Lüttich Lotharingen 855-977 Verschiedene Adelige Besitztümer 977-1304 Burgundische Niederlande (Haus Burgund) 1384-1477 Burgundische Niederlande (Haus Habsburg 1477-1556 Spanische Niederlande: 1556-1581 ……………………………………………………………………………………………………………………………………………. Republik der Sieben vereinigten Südliche spanische Niederlande -Niederlande 1579/81-1795 1581 – 1795 ……………………………………………………………………………………………………………………………………………. Österr. Niederlande 1713-1795 ……………………………………………………………………………………………………………………………………………… Batavische Republik Frankreich (Erste Republik) 1795-1806 1795-1805 Frankreich 1. Kaiserreich 1805-1815 ………………………………………………………………… Königreich Holland 1806-1810 …………………………………………………………………. …………………………………………………………………………. Vereinigtes Königreich der Niederlande 1815-1830 ……………………………………………………………………………………………………………………………………………… Ab 1830 : Königreich der Niederlande Königreich der Belgier Großherzogtum Luxemburg ……………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Auf der Rheinprinzessin im Land der Belger und Batavier
Auf der Rheinprinzessin im Land der Belger und Batavier Eine Flussreise vom 28.08. bis 07.09. 2010 “…..Gallia divisa est in partes tres, quarum unam incolunt Belgae.…” Ein jeder von uns, der sich in der Schule mit Caesars „de bello gallico“, dem gallischem Krieg plagen musste, hat die ersten Worte dieser umfangreichen Kriegsberichterstattung des berühmten römischen Feldherrn, der in der unwirtlichen Gegend des nördlichen Gallien Krieg gegen Kelten und Germanen führte und dabei seine ersten militärischen Sporen verdiente, verinnerlicht. Keiner von uns, davon bin ich überzeugt, wusste so genau, wo sich die damaligen Kriegsereignisse abspielten, außer, dass es sich vielleicht um die Gegend des Niederrheins handeln könnte, die mich in meiner Phantasie immer ein bisschen düster und neblig dünkte. In der Tat siedelten die Belger, die vorwiegend Kelten, zu einem kleineren Teil wohl auch germanischer Abstammung waren, und die sich in zahlreiche Stämme aufteilten, zwischen Seine und Rhein. In den militärischen Auseinandersetzungen mit den Römern wurden sie teilweise von diesen aufgerieben. Andere wurden in das römische Imperium eingegliedert, und wieder andere Stämme hatten schon früher auf die britische Insel übergesetzt, sodass Caesar, als er auch dort erschien, auf „Belger“, also Kelten, stieß, die ihre „nordfranzösische“ Kultur mitgebracht hatten. Im Übrigen fand er dieses Land zu neblig, zu feucht, zu ungemütlich, zu unwirtlich, als dass sich eine Eroberung für das Reich ausbezahlt hätte. So sah er davon ab und kehrte auf den Kontinent zurück. Bei den Bataviern hingegen handelte es sich um einen westgermanischen Volksstamm, der sich um die Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus im Gebiet der Rheinmündung, der späteren römischen „Provinz Belgica“ angesiedelt hatte, wo sich die Römer ab etwa 50 vor Christus mit ihm befassten. Sein Gebiet wurde ein Teil der römischen „Provinz Germania inferior“. Die weiter nördlich siedelnden Friesen widerstanden der römischen Expansion und blieben „für sich“. Endgültig unterworfen wurden die Batavier 12 vor Christus. Sie galten als gute Reiter und Schwimmer(!!) und stellten einen Teil der kaiserlichen Palastwache in Rom. Am bedeutsamsten ist jedoch noch heute für die Nachfahren der Batavier, das mittlerweile bunt gemischte Volk der Niederländer, die Gründung der heutigen Stadt Nimwegen (niederländisch Nijmegen), die unter dem römischen Kaiser Trajan im Jahre 5 nach Christus aus einem am Limes, dem römischen Grenzwall, gelegenen Militärstützpunkt hervorging. Sie gilt als die älteste Stadt der Niederlande (und konkurriert mit Maastricht!) Nimwegen, für uns Deutsche das Tor zu den Niederlanden, ist auch der erste Aufenthalt auf unserer Flussreise mit der „Rheinprinzessin“, dem gediegen-gemütlichen Schiff - ohne Ringelpietz und Muschibu - unter niederländischer Ägide. Nichts ist verwirrender als die Geschichte der Niederlande und Belgiens, welche eng miteinander verwoben ist.(siehe letzte Seite!) Und mindestens ebenso verwirrend sind die vielfältigen Wasserstraßen, die diese Länder durchfließen, durchströmen, dabei trotz regendsten Schiffsverkehrs eine wohltuende Ruhe ausstrahlend (wegen bestehender Lebensgefahr ist das Befahren mit Motorbooten verboten!), sodass man sich eher in einem stillen Land im Wasser vorkommt. Ganz abgesehen davon, dass man gar nicht so recht mitkriegt, auf welchem Rheinarm, auf welchem der Flüsse – Maas, Schelde, Amstel, Issel, Meuse usf. - oder auf welchem der vielen Kanäle, die überall alle natürlichen Wasserstraßen miteinander verbinden, man gerade unterwegs ist. Zudem befindet man sich alle Nase lang in einer Schleuse und lässt sich heben oder senken. Bestenfalls sind es die Grachten, „Chrachten“ sagen die Niederländer, auf denen man sich zu orten weiß…..manchmal! Wir hatten uns nachmittags in Köln eingeschifft, nicht ohne vorher selbstverständlich den berühmten Dom St. Peter und Maria besucht zu haben. Da ich mich vor etlichen Jahren zuletzt in Köln aufgehalten hatte, war ich überrascht, das berühmte Dombild von Stefan Lochner in der Marienkapelle nur mehr von der Ferne, postiert hinter einem Gitter, betrachten zu dürfen. Im Übrigen sandte der Himmel an jenem Einschiffungsnachmittag immer wieder kurze, heftige, Regenschauer. So also so begann die Reise, zunächst auf dem Niederrhein, dessen flache, ein wenig melancholische Ufer wir bis zum Eintritt der Dunkelheit in Muße in einer ebenso leicht melancholischen Stimmung betrachten konnten. In der Helle des folgenden Morgens befanden wir uns bereits auf der Waal, dem Hauptmündungsarm des Rheins. Der Fluss hatte sich mittlerweile in die Flussläufe seines Mündungsdeltas geteilt, die allesamt westwärts der Nordsee zustreben. Seit der Antike stellt er hier mit seinen unzähligen Wasserwegen und Zuflüssen eine natürliche Grenze dar und diente von alters her nicht nur dem Transport, sondern auch der Verteidigung. Hier endete auch das römische Reich. Alle Städte, die auf die Römer zurück gehen, liegen linksrheinisch bzw. am Südufer, so auch Nimwegen, unserem ersten Anlandeplatz. „Der Friede von Nimwegen“! In meinem Hinterkopf glimmt ein Lichtpünktchen auf – eine matte Erinnerung an den Geschichtsunterricht. Also: rein in’s Internet und bei Wikepedia „nachgeschlagen“: Es handelt sich um einen 1678/69 zwischen Frankreich und der Republik der sieben vereinigten Niederlande (siehe letzte Seite) ausgehandelten Vertrag zur Beendigung des Niederländisch-Französischen Krieges (auch „holländischer Krieg“ genannt), in dem die Niederländer absolute Neutralität gegenüber Frankreich und Schweden garantieren und dafür französisch besetzte Gebiete zurückerhalten. Wenn ich höre, dass Nimwegen ( Niederländisch Nijmegen, ausgesprochen „Neimechen“ mit rauem CH) seit 1402 eine Hansestadt war, die emsig Tuchhandel und Tuchfärberei betrieb, und wenn ich den imposanten Marktplatz mit dem nicht minder imposanten Rathaus (in dem das heutige Eurovisionslied komponiert wurde!), und die vorzeigbare Stevenskerk sehe, dann kann ich mir, übertrage ich diesen Reichtum auf das Gebiet der damaligen geschäftstüchtigen Niederländer, gut vorstellen, dass der expansionsgierige französische König Ludwig XIV. gern seine Hand auf dieses Land gelegt hätte. Daher nannte man den „Holländischen Krieg“ auch den „Raubkrieg Ludwig des XIV“. Es sei sofort angefügt, dass die reformierten Niederländer am Ende des 30 jährigen Krieges (1648) nach einer 80 Jahre lang andauernden kriegerischen Auseinandersetzung mit den, wie sie es empfanden, „erzkatholischen Unterdrückern“ endlich ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpft hatten (siehe letzte Seite), ein Freiheitskampf – es handelte sich dabei wohl eher um einzelne lokale Scharmützel, Sabotage- und Terrorakte - der auch in die deutsche Literatur einging („Egmont“ von Johann Wolfgang von Goethe). Nach der Reformation hatte nämlich der Calvinismus die Nordprovinzen erobert. Nach Erlangung der Unabhängigkeit der „Republik der sieben Vereinigten Niederlande“ wurde die Stadthalterschaft Wilhelm von Oranien übertragen, und noch heute gehört die Königsfamilie dem Haus Oranien an. Diesen berühmten Namen hat auch der niederländische Fußball unserer Zeit übernommen! Mit der Unabhängigkeit beginnt das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande, deren ostindische Kompanie (gegründet 1602) ein großes Kolonialreich in Südostasien aufbaute („Batavien“, genannt nach dem ursprünglichen Namen der Niederlande) und nichts wie reich wurde. Zu jenen Zeiten verfügten die Niederländer über die größte Hochseeflotte und somit über die Vorherrschaft auf den Meeren. Und: sie gestatteten Religionsfreiheit und holten Religionsflüchtlinge in ihr Land, die mithalfen, die aufblühende Wirtschaft weiter anzukurbeln und den Reichtum zu mehren. Noch in unseren Tagen gelten die Niederlande als eines der liberalsten Länder der Erde. Im Übrigen hat man den Eindruck, aus dem damals angesammelten ungeheuren Reichtum finanzieren sich noch heute die bemerkenswerten Hüte der Königin! Jenes Batavien ist jedoch längst Vergangenheit! Vergangenheit ist auch die damalige Vorherrschaft der Niederländer auf See. (Nebenbei bemerkt: heute verfügen die Deutschen über die drittgrößte Handelsflotte der Welt und über die meisten Containerschiffe! Kein Wunder, dass wir in den Zeiten der modernen Piraterie am Horn von Afrika präsent sein müssen!) Die einstige Hauptstadt der einträglichen niederländischen Kolonien, das legendäre Batavia, ist heute ein zusammengewürfelter Haufen von im Laufe der Jahrhunderte in der feuchten Tropenschwüle verrotteten Gebäuden, deren ehemalige Pracht, sowie das üppige Leben, das die Kolonialniederländer in ihnen einst genossen, noch nicht einmal mehr erahnen lässt. Hingegen fand ich, als ich es in den 80iger Jahren besuchte, eine belanglose ärmliche Vorstadt des modernen Jakarta in einem sumpfigen Gelände vor! Geblieben sind jedoch die herrlichen Kunstwerke berühmter Meister, die sich die damaligen reichen niederländischen Kaufleute in der Heimat leisteten, welche längst die berühmtesten Museen der Welt schmücken und die der Kunstliebhaber, keine Mühe scheuend, aufsucht, um sie beglückt zu betrachten (man denke an Rembrandt zum Beispiel und an Vermeer und Ach! An wie viele andere große Maler!) Aber auch die Gelehrsamkeit erblühte, war doch schon vor Luthers Veröffentlichung seiner Thesen an der Kirchentür zu Wittenberg (1517) die Buchdruckerkunst erfunden, womit der Gedankenaustausch der gelehrten Geister aller bekannten Sparten jener Zeit um ein vielfaches intensiviert wurde. „Ein Jahrhundert der Wissenschatten! Es ist eine Lust zu leben!“ jubelte schon Ulrich von Hutten. „Gott schüttet seine Gnade über die Erfolgreichen aus!“ lehrt Calvin, und der Erfolg sowohl in den Wissenschaften, wie in den Künsten, vor allem jedoch im Geschäftsleben zeitigte die süßen Früchte des Ruhms (auch, wenn der Geist , noch bis in die heutigen Tage, oft umsonst zu haben ist!), des Geldes und des wohligen Gefühls der Gottgefälligkeit! Auch in Nimwegen regnete es „streifenweise“. Es war, als trauere der Himmel erneut über das versehentliche Bombardement der Stadt durch die Alliierten, die es dadurch stark zerstörten. Das Luft-Geschwader war wegen des schlechten Wetters umgekehrt, ohne seine Bombenlast über dem vorgegebenen Ziel im Ruhrgebiet abzuladen. Irrtümlicherweise wähnten sich die Piloten über dem deutschen Kleve, als sie die Bomben abwarfen. Weitere Kriegsschäden erlitt die Stadt anlässlich der berühmten Schlacht um Arnheim (Operation „Market“, die größte Luftlandeoperation des 2. Weltkrieges) und der Schlacht im nahe gelegenen Reichswald (Operation Veritable). Erst nach diesen für die Alliierten erfolgreichen Schlachten gelang es ihnen, bei Wesel einen Brückenkopf über den Rhein zu schlagen und auf deutsches Gebiet zu gelangen. 10 000 deutsche und alliierte Soldaten haben in diesen schrecklichen Kämpfen ihr Leben verloren! Noch einmal zurück zur früheren Geschichte: Nach dem Untergang des weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert bildete sich seit der Völkerwanderungszeit, in der auch die Wikinger vorübergehend im Rheindelta ihr Unwesen trieben, aus mehreren germanischen Stämmen über Jahrhunderte das fränkische Königreich heraus, das im Jahre 800 nach Christus in der Krönung Karls des Großen zum Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation durch den Papst gipfelte. Die Kaiser des Mittelalters kann man fast als obdachlos bezeichnen, denn sie waren ständig auf Achse, von den verschiedenen weit verstreuten Kaiserpfalzen, welche sozusagen als Ruhestätte des Hofes dienten, einmal abgesehen. Auch Nimwegen besaß eine solche Kaiserpfalz, und Karl der Große weilte auch hier. Übriggeblieben ist von dieser „Behausung“ nichts mehr. An ihrer Stelle ließ Kaiser Barbarossa einen Palast errichten, doch auch von ihm existieren nur noch Fragmente der einstigen St. Martins-Kapelle. Gut erhalten hingegen ist die 16eckige St. Nikolaus-Kapelle im karolingischen Stil, errichtet auf einem Hügel, von welchem man einen schönen Blick auf die Waal hat. Dreimal hielt sich auch Kaiserin Theophanu, Gemahlin Otto II., in Nimwegen auf. Die junge Kaiserin, Nichte des byzantinischen Kaisers – das oströmische Kaiserreich ging erst im 15. Jahrhundert durch die Eroberung Konstantinopels (Byzanz) durch die Osmanen unter, überlebte das weströmische Reich also um 1000 Jahre! – war nicht „in Purpur geboren“ („Non Purpuragenita“), gehörte also nicht zur engsten Kaiserfamilie und war daher von minderem Wert. So konnte man sie in den Augen der hochgestochenen, hochnäsigen Byzantiner durchaus an den Sohn des „Barbaren-Kaisers“ im Westen abgegeben. Die nachmalige, noch junge Kaiserin erwies sich allerdings als die Tüchtigkeit selbst, als sie nach dem Tod ihres Gemahls die Regentschaft für ihren Sohn Otto III. übernahm, ebenso von bemerkenswerter politischer Pfiffigkeit. Mit 31 Jahren verstarb sie hier in Nimwegen nach einem kurzen, ereignisreichen und beschwerlichem Leben. Sie wurde in Köln begraben. Letztendlich: im Gegensatz zu all den weiteren Städten und Städtchen, die wir besuchen werden, hat es mir in Nimwegen nicht sonderlich gefallen! Schuld daran ist die starke Zerstörung der Stadt im 2.Weltkrieg, das Stadtbild nach dem Wiederaufbau fand ich ein bisschen langweilig…... Wir schippern zunächst auf der Waal und dann auf der Maas Richtung Nordsee. Gegen Abend erreichen wir Willemstad, das schon am Hollands Diep, einem breiten Mündungsarm liegt, der sich aus den Wassern der Waal und der Maas, sowie einem Maas-Kanal speist, und der sich nach nochmaliger Verzweigung als Haringvliet in die Nordsee ergießen wird. Benannt ist das puppenstubenartige ehemalige Bastionsstädtchen nach Wilhelm dem Schweiger, dem ersten Prinzen von Oranien. Die Anlage seiner Bastionen gleichen einem siebenzackigen Stern, die Häuschen sind niedrig und ebenerdig, die Stuben einsehbar, die Gehsteige schmal und durchgehend mit Kopfstein gepflastert (diese Pflasterung wird uns noch sehr oft begegnen!) und die Winzlings-Vorgärten beherbergen gerade einmal einen mit Rankwerk bepflanzten Blumentopf. Auf einem Spaziergang auf den Basteien gewinnt man einen Überblick über die Stadtanlage, die man in genehmer Zeit zu umrunden in der Lage ist. Allerdings verfügt das Städtchen über einen beachtlichen Jachthafen, wie wir überhaupt in jeder größeren bis kleineren bis kleinsten Stadt einen Jachthafen vorfinden werden. Die Niederländer, ein Seefahrervolk! Hochhäuser sind übrigens nicht in Sicht, auch in allen kleineren Städten, die wir noch besuchen werden, finden sich keine verunstaltenden Hochbauten, die jegliche Stadtlandschaft so ungemütlich machen! Der Himmel ist trübe, und während unseres gemächlichen Spazierganges kommt Regen und Wind auf. Nächtens werde ich durch ein beharrliches Stöhnen, Ächzen, Klopfen, Pfeifen, Trommeln, starkes Schwanken und Getrappel geweckt. Es regt mich nicht weiter auf. Das Ächzen der Planken und das Schaukeln im Bett in aufgewühlten Wellen kenne ich. Erst am nächsten Morgen erfahre ich von einer Mitreisenden, die bei uns zu Tisch saß, dass sie sich, durch die unheimlichen Geräusche um den Schlaf gebracht, angekleidet und auf die Suche nach dem Klabautermann gemacht habe. Sie habe das Schiff hell erleuchtet vorgefunden, und das Getrappel stammte von umher eilenden Matrosen, die den einen durch den Sturm verursachten Abriss zweier Kabel entdeckt hatten und dabei waren, den Schaden zu reparieren. Immerhin: Orkanartiger Sturm bei Windstärke 10! Nach dessen Abflauen wurde das Wetter sonnig und ruhig und blieb es den ganzen Verlauf der Reise über. Dem geneigten Leser wird sicherlich aufgefallen sein, dass ausschließlich von „den Niederlanden“, nicht jedoch von Holland die Rede ist. Holland (und somit auch „Holländer“) ist nicht die exakte Bezeichnung unseres Nachbarlandes, denn Holland ist nur ein Teil der Niederlande. Ursprünglich war Holland eine Grafschaft im mittelalterlichen fränkischen Reich zwischen Rhein und Amstel. „Holland“ wird im Westen von der Nordsee, im Osten vom Isselmeer und im Süden vom Rheindelta begrenzt. Im Norden reicht dieses Gebiet bis zur Nordseeinsel Texel. Die wichtigsten Großstädte von Holland sind Amsterdam, Rotterdam und den Haag. Das Synonym geht auf die sieben vereinigten Provinzen zurück, (siehe letzte Seite) deren einflussreichste Provinz die Provinz Holland war. Flandern! Stets hatte ich die Meisterwerke der flämischen Malerei, Werke von Jan van Eyck, Hans Memling, Dirk Bouts, Pieter Brueghel, Frans Hals und Peter Paul Rubens vor Augen, um nur ganz wenige der vielen wunderbaren Meister zu nennen, wenn von Flandern die Rede war, ebenso, wie die herrlichen kostbaren Gobelins, die sich die reichen Kaufleute und die verschuldeten Fürsten Europas in diesem Land anfertigen ließen. Und die Brüsseler Spitzen! Viele der Meisterwerke der flämischen Malerei lassen sich in den berühmten Museen der Welt, die Kunstwerke aus Brokat dort und in europäischen Schlössern bewundern, wenn sie nicht von reichen, privaten Sammlern, für die Öffentlichkeit unzugänglich, gebunkert wurden. Darstellungen zarter Mariengestalten in eingefriedeten Paradiesgärtchen und füllige, vor Lebensfreude strotzende Menschen (noch heute ist Bier das Lieblingsgetränk der Belgier, und ätherische Staturen befinden sich eher in der Minderzahl), erwecken das Entzücken des Kunstfreundes. Der Name Flandern (flämisch Vlaanderen, französisch Flandres) bezieht sich auf die ehemalige Grafschaft, die in ihrer Blütezeit den gesamten Küstenbereich von Calais bis Seeland umfasste. Europäische Kriege gehören längst zur Vergangenheit, aber der Sprachenkrieg in Belgien zwischen den „Allgemeen Neederlands“ sprechenden Flamen (das Flämische ist dem Niederländischen sehr ähnlich) und den Französisch sprechenden Wallonen dauert an. Belgiens Wahlspruch: „l’union fait sa force!“ (Einheit macht stark) hat sich bis heute noch nicht so recht umgesetzt. Wie kam es dazu? Wieder ein Blick in die ach so schwierige Geschichte Einer der bedeutendsten Feudalstaaten (siehe letzte Seite), die ab 925 entstehen, ist Flandern. Die Tuchmacherstädte Brügge, Gent und Ypern erfreuen sich zunehmender Unabhängigkeit. Doch 1384 fallen Flandern, ebenso wie die Niederlande, an das Herzogtum Burgund. Wie kam es dazu? Das Haus Burgund (französisch la maison de Valois-Bourgogne) entstand aus einem Seitenzweig des französischen Königshauses, als Philip der Kühne, Sohn des französischen Königs, 1363 mit Burgund belehnt wurde. Und dieser kühne Philip erwarb Flandern. Nachdem die Herzöge von Burgund im Laufe der Zeit ihr Gebiet durch Erwerb zahlreicher Territorien beiderseits der deutsch-französischen Grenze (auf welche Weise auch immer) zu einem ganz schönen Brocken vergrößert hatten und dabei immer mächtiger wurden (selbstverständlich auch die französische Königskrone anstrebten, die zu erlangen ihnen nie gelang), gehörten zu ihrem Gebiet auch das heutige Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Teile Nordfrankreichs. Karl der Kühne, der letzte Herzog von Burgund, besaß nur eine Erbtochter, Maria von Burgund, die er – nach langen Verhandlungen natürlich - mit dem habsburgischen armen Schlucker Maximilian, Sohn des derzeitigen Kaisers, Friedrich III., vermählte (woraus ausnahmsweise „zufällig“ eine Liebes-Ehe wurde!) Maria brachte das reiche Herzogtum mit in die Ehe, und so gelangte auch Flandern zu Habsburg, welches mit diesem burgundischen Erbe abrupt zu europäischer Geltung aufstieg. Maria galt als die schönste Frau ihrer Zeit! Kein Wunder, dass sich ihr Mann in sie verliebte! Leider verlor sie durch einen Jagdunfall früh ihr Leben. Nicht, dass die reichen Flamen von Stund‘ an kuschten! Oh nein! Da die Bürger Brügges mit der Herrschaft Maximilians, der 1488 als bereits 1486 gekrönter römischer Kaiser Deutscher Nation in ihrer Stadt weilte, nicht zufrieden waren, verfrachteten sie ihn kurzerhand in den Knast. Er „arme Kaiser“ kam nur mit Hilfe seines Vaters wieder frei und wich nach Antwerpen aus. Ich wette, da ist – bei der bekannten Geschäftstüchtigkeit der flämischen Kaufleute - ein ganz schöner Batzen Lösegeld geflossen. Wie dem auch sei, die südlichen und die nördlichen Niederlande waren nun habsburgisch. Nachdem nach dem Tod Karls des V., des Enkels Maximilians und Marias, das Reich, in dem aufgrund des riesigen Landzuwachses in Mittel- und Südamerika die Sonne nicht unterging, zwischen seinem Bruder, Ferdinand I. (Wien) und seinem Sohn Philipp II. (Madrid) aufgeteilt wurde, verblieben die Niederlande bei dem habsburgischen Spanien. (Siehe letzte Seite). Hier gilt es vielleicht noch anzumerken, dass am burgundischen Hof ein sehr strenges Zeremoniell geherrscht hatte, das der Hof zu Madrid Eins zu Eins übernahm und damit zum Vorbild für alle europäischen Fürstenhöfe wurde. Noch im 19. Jahrhundert wurde die österreichische Kaiserin Elisabeth (Sisi) magersüchtig unter der strengen Diktatur des spanischen Hofzeremoniells am Wiener Kaiserhof. Was den letzten und berühmtesten burgundischen Herzog, Karl, den Kühnen, Marias Vater, angeht, so war er ein machtbesessener, schlachtenerfahrener Mann und ständig auf Kriegszug, wobei er auch prompt im Januar 1477 in seiner letzten Schlacht - bei Nancy - um’s Leben kam. Dies ist insofern bemerkenswert, als sein nackter, gefrorener Körper angeblich bereits von Wölfen angefressen war, als man ihn nach 2 Tagen fand und durch einen Diener identifizieren ließ! Erst sein Urenkel, Karls V. ließ ihn von Nancy nach Brügge überführen und dort beisetzen. Auch in der Geschichte ist nichts so schön wie Klatsch und Tratsch nach dem Strickmuster der Regenbogenpresse! Nachdem sich die nördlichen dem Calvinismus anhangenden Niederlande nach ihrem schon erwähnten 80 jährigen Krieg gegen die Spanier von den katholisch gebliebenen südlichen Niederlanden, zu denen, wie beschrieben, das heutige Belgien, Teile des heutigen Nordfrankreich und Luxemburg gehörten, getrennt und selbstständig gemacht hatten (1578/79, siehe letzte Seite) war es auch zu einer Teilung Flanderns gekommen, wovon der größere Teil bei den südlichen Niederlanden verblieb. Bis 1713 gehörte man zu den spanischen, von 1713 bis 1795, nach dem spanischen Erbfolgekrieg, zu den österreichischen Habsburgern (siehe letzte Seite). Nur für kurze Zeit, nämlich von 1815 (Wiener Kongress) bis 1830 wurden die südlichen und die nördlichen Niederlande erneut zu einem „Vereinigten Königreich der Niederlande“ geeint. (Siehe letzte Seite). Nach revolutionären Unruhen um 1830 bildeten sich schließlich das Königreich Belgien und das Großherzogtum Luxemburg neben dem Königreich der Niederlande heraus (siehe letzte Seite) – ein politischer Status, der bis zum heutigen Tag fortbesteht! In der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das kleine Belgien aufgrund seines immensen Kolonialbesitzes am Kongo ein superreiches Land, in dem die Steuerpflicht der Bürger, einem Ondit zufolge, entfiel (so, wie es heutzutage in Monaco der Fall sein soll!) Und was die Mehrsprachigkeit angeht: Belgien ist ein Bundesstaat mit drei Sprachgemeinschaften: den flämisch sprechenden Flamen im Norden und Westen, den französischsprachigen Wallonen im Süden und den Deutschen im Osten – letztere eine kleine Minderheit! Das Land ist in drei Regionen aufgeteilt: in Flandern, Wallonien und Brüssel. Ich muss gestehen: im Einzelnen klar sind mir diese verzwickten Verhältnisse erst anlässlich dieser Reise geworden! Von der kleinen, kugelrunden und mit einem leuchtend roten Umhang bekleideten flämischen Reiseführerin, die uns in Flandern begleiten wird, ist zu erfahren, dass im Königreich Belgien die Flamen, was ihre Anzahl angeht, zwar die Mehrheit bilden, jedoch von Anfang an stets zu den „Minderbemittelten“ gehörten. Sie stammten in der Regel aus mediokren Verhältnissen und waren „dümmer“ als die gebildeteren Wallonen, die ihnen, was Intellektualität und Karriere betraf, überlegen waren. So habe das einfache Volk flämisch gesprochen, die Oberschicht bediente sich hingegen des Französischen. Das Verhältnis der beiden Sprachgruppen untereinander – die kleine deutschsprachigen Gruppe spielt in dieser Auseinandersetzung offensichtlich keine Rolle – habe sich erst Ende des 19. Jahrhunderts gebessert. Noch im ersten Weltkrieg hätten die Flamen die einfachen Soldaten gestellt und die Wallonen die Offiziere, deren Befehle sie meist nicht verstanden. Und noch vor 30 Jahren sei in den öffentlichen Einrichtungen – auf allen Ämtern zum Beispiel – vorwiegend französisch gesprochen worden. Erst nach dem zweiten Weltkrieg entstand eine neue Partei, die sich für die Flamen einsetzt. Heute ist Brüssel absolut zweisprachig. In der königlichen Regierung wie auch in den Bezirksregierungen, also auch den wallonischen und flämischen, bestehen beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander. Dennoch liest man immer wieder in unseren Zeitungen, dass sich der Sprachen- und damit der „Volkszugehörigkeit“-Streit in den Gegenden entzündet, wo die eine Sprachgruppe von der anderen „umzingelt“ ist und sich damit – könnte ich mir vorstellen – sehr schnell an die Wand gedrängt und nicht ausreichend gewürdigt fühlt. Ich habe den Eindruck, die angeblich 74000 Deutsch-Belgier, die im Osten des Landes wohnen und arbeiten, kümmert das ständige Aufflammen des Streits weniger. Wobei anzufügen wäre, dass auch in Wallonien deutschsprachige Belgier ansässig sind. Heutzutage im Zeitalter der Mobilität mischt sich ohne hin alles und jeder…….. Bekanntlich war das Gebiet der südlichen Niederlande, insbesondere Flandern, über Jahrhunderte hinweg bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts hinein ein, man könnte fast sagen „ständiger Kriegsschauplatz“, wobei es immer wieder zu Gebietsverschiebungen kam, die sich kein Mensch merken kann. Zu den Gründerstaaten der Europäischen Union gehörten nach den langen „bitteren“ Kriegserfahrungen neben Italien, Frankreich und Deutschland – dem Himmel sei gedankt – auch die Benelux-Staaten. Nachdem wir, nach Süden schippernd, über einen Kanal in die Oosterschelde, einem breiten Mündungsarm der Schelde (ausgesprochen „S-kelde“, verbunden mit einem Rachenlaut) eingebogen sind, befinden wir uns auf dem Weg nach Antwerpen, (französisch Anvers), dem nach Rotterdam zweitgrößten Hafen Europas und viertgrößten in der Welt. Seine Größe und Weitläufigkeit zu schildern ist für unsereinen, dem es vor Erstaunen die Sprache schier verschlägt, praktisch unmöglich! Schon Stunden vorher hatte der Schiffsverkehr stark zugenommen, auch Kohleschlepper gleiten an uns vorbei. Nanu? Wieso Kohle? Und wieso Richtung Binnenland? Aus Argentinien kommend, werde ich aufgeklärt! Viele Kilometer lang säumen Docks, riesige Containerschiffe und hohe Laufkräne die Menge den 120 Quadratkilometer großen „Haven“. Bei seinem Anblick wird mir die ungeheure, geballte Wirtschaftskraft der Europäischen Union sozusagen bildhaft vor Augen geführt. Nie zuvor habe ich so einen ausgedehnten Hafen gesehen! Mehrere Schleusen verbinden die Schelde und die Schelde-Rhein-Verbindung mit Antwerpens Hafen, und eine von ihnen ist die „Berendrechtsluisschleuse“. Sie wurde 1989 eröffnet und ist die größte der Welt. Endlich in Antwerpen, Brabants glänzender Perle an der Schelde! „Rubensstadt“, auch „Diamantenstadt“ wird die Kulturhauptstadt von 1993 auch genannt! Endlich also in der über lange Zeit vielleicht bedeutendsten Stadt Nordeuropas, welche im 15. Jahrhundert den Gipfel ihrer Macht erklomm, als Brügges Zugang zum Meer versandete und die Schelde durch Überflutung schiffbar gemacht worden war. Und sie blieb es, bis die nördlichen Provinzen in ihrem Kampf gegen Spanien den Fluss sperrten. Bekanntlich blieb Antwerpen im Verbund der südlichen Niederlande, und das war der Niedergang der Stadt! Erst Napoleon ließ die Wasserstraße wieder öffnen und den Hafen ausbauen. Woher rührt der Name dieser Stadt? Eine Legende rankt sich um die Statue des jungen römischen Legionärs Sivius Brabo hoch oben auf dem Brunnen auf Antwerpens „Grote Markt“. Danach machte ein böser Riese die Schifffahrt auf der Schelde unsicher, indem er allen Schiffern die Hände abschlug, die ihm kein Wegegeld bezahlten, bis der unerschrockene Römer mit ihm gleichermaßen verfuhr und seine Hand in die Schelde warf. „Hand werpen“ – Eine Legende! Wer vermag die Schönheit und Einmaligkeit der Altstadt ausreichend zu würdigen? Wer den „Grote Markt“ mit seinem hohen „Stadhuis“ - ein Monument des Bürgerstolzes - mit seinen gotischen Gitterfenstern, seinen italienischen Renaissance-Säulen und den landesüblichen Giebeln zu schildern, wer die Gildehäuser mit ihren so vielfältigen Fassaden und Giebeln – eines schöner und interessanter als das andere - die engen Gassen rund um die im 14. Jahrhundert begonnene Kathedrale „Onze lieve Vrouw“, ein Hauptwerk der flämischen Spätgotik, zu beschreiben? (Übrigens habe ich in diesen Gassen, stets die Nase in der Luft, plötzlich den Anschluss an die Gruppe verloren, sodass ich auf eigene Faust „auf Besichtigung“ ging, sie aber in der Kathedrale wieder aufgefischt habe, wo mir der flämische rote Umhang entgegen leuchtete!). Wer möchte nicht von der Kathedrale selbst mit ihren erhabenen Gemälden von Peter Paul Rubens und vielen anderen Meistern, die sie schmücken, schwärmen? Vor der französischen Revolution gab es in diesem Gotteshaus Dutzende von Altären der Gilden und Zünfte, die alle mit Gemälden und Skulpturen der besten Künstler des 16. Und 17. Jahrhunderts geschmückt waren. Doch während der französischen Besatzung wurden viele nach Paris entführt – Beutekunst war auch bei Napoleon nach bester seit der Antike bestehender Tradition in Mode! Nach dem Fall des Kaisers kehrte ein Teil der Gemälde in die Kathedrale zurück, ein anderer Teil gelangte in das „Koninklijk Museum voor Schone Kunsten“. Bei unserem Besuch hatten wir das Glück, dass ein Teil dieses Besitzes des königlichen Museums in der Kathedrale ausgestellt wurde. Dennoch: Die vier großen Gemälde, von Rubens für „Onze lieve Vrouw“ gemalt, („Kreuzaufrichtung“, „Kreuzabnahme“, „Christi Auferstehung“ und „Himmelfahrt Mariä“) sind das Beeindruckendste, was sich an Malerei auf dieser Reise sehen durfte! Antwerpen ist als d i e Stadt der Diamantenschleiferei und des Diamantenhandels auf dem Weltmarkt führend. Seit Generationen liegt der Diamantenhandel vorwiegend in der Hand der jüdischen Bürger der Stadt. In welcher europäischen Stadt leben mehr Juden als in Antwerpen? Sie bewohnen vorwiegend ein eigenes Viertel, und obgleich man nur noch wenige Männer auf den Straßen in der traditionellen Kleidung der Aschkenasim (schwarze Hose, schwarzer Gehrock, schwarzer runder Hut), die typischen Peles an den Schläfen, auf den Straßen sieht, ist unsere kugelrunde flämische Reiseführerin sofort in der Lage, Juden, gleichgültig welchen Geschlechts, zu erkennen. Überhaupt die Stadtrundfahrt! Alte und neue Häuser finden sich durchaus nebeneinander. „Jeder Belgier“, so hören wir, „werde mit einem Backstein und Ziegelstein geboren“ – das bedeute: das Neugeborene bekommt diese beiden Steine geschenkt. Denn Backstein und Ziegelstein, im Wechsel und dekorativ im Mauerwerk und an den Giebeln verarbeitet, kennzeichnen den Brabanter Baustil. .Auch darf sich die Stadt des Hochmodernen rühmen: nämlich des sich in die Breite erstreckenden und sofort „in’s Auge springenden“ Justizpalasts, im Volksmund „Schmetterlingspalast“ genannt, eine frappierende, einmalige, phantasievolle Architekturkomposition! Berühmt ist der Hauptbahnhof, der mit einer Kathedrale verglichen wird. Um in ihm ein Café aus dem 19.Jahrhundert, eine Touristenattraktion, aufzusuchen, machen wir uns noch in abendlicher Dunkelheit auf den Weg. In diesem mit alten, dunklen, doch eleganten Möbeln ausgestatteten höchst gediegenen Etablissement mit seinen Ton in Ton gehaltenen Wandmalereien hielten sich also die Reichen und die Schönen der damaligen Zeit auf, um auf die Anschlüsse zu warten und dabei was? Einen Kaffee? Einen Tee oder ein Bier? zu nehmen. Abschied von Antwerpen am Steen, einer Burg aus dem 16. Jahrhundert, am Rande der Altstadt und direkt am rechten Schelde-Ufer gelegen. Ist er mit seinem behäbig runden Turm nicht ein Sinnbild flämischer Sinnenfreude, was die leiblichen Genüsse angeht? Einschließlich der weltberühmten Pralinen? Von Antwerpen geht es am folgenden Tag in einem Bus über Land zu den beiden ebenso berühmten Kleinodien Flanderns: Brügge und Gent! Neben Antwerpen waren es diese beiden Städte, die mich zu der Reise auf der „Rheinprinzessin“ in die beiden Nachbarländer bewogen haben. Ist Brügge die Hauptstadt Westflanderns, nahe der Nordsee gelegen, so ist Gent Ostflanderns Metroplole. Wir fahren auf einer nahezu schnurgeraden Auto-Straße, oft gesäumt von Kopfweiden, durch ein Land, platt wie ein Bügelbrett. Warum die Kopfweiden? Flandern sei ein Land des Regens (!!!), und diese Bäume seien in der Lage, vermehrt Wasser aufzunehmen, hören wir von unserer liebenswürdigen, rundlichen Flämin. Brügge (flämisch „Brugge“, französisch „Bruges“), die älteste Stadt Belgiens, eine normannische Gründung aus dem 8./9. (?) Jahrhundert, wird nicht umsonst als ein Juwel beschrieben, welches im Mittelalter, als es noch mit einem Hafen gesegnet war, als Handelshafen, Finanzzentrum und eines der Hauptkontore der Deutschen Hanse in voller Blüte stand. Es diente als Umschlagplatz für Tuche aus Italien und Fernost, für Wolle und Kohle von den britischen Inseln, Pelzen aus Russland und zahllosen anderen Waren aus der bekannten Welt. Mit der Stiftung des Ordens zum goldenen Vlies verhalf Philipp, der Gute Flanderns burgundischer Herrscher, Brügges Webstoffen, dem führenden Exportartikel der Stadt, zu Weltgeltung. Dann begann der Zwin, Brügges Verbindung zum Hafen, zu versanden – Bagger kannte man schließlich noch längst nicht! – die Handelswege verlagerten sich, und Brügge wurde, wie bereits erwähnt, von Antwerpen überflügelt. Heute liegt es 15 Km vom Meer entfernt. Erst der Bau des Hafens von Zeebrugge (1907), der durch einen Kanal mit Brügge verbunden wurde, ließ die Stadt wieder aufleben. Das mittelalterliche Brügge, um- und durchflossen von Grachten, ein wirkliches Kleinod von einer ruhigen, versponnenen mittelalterlichen Stadtanlage, darf sich heutzutage einer Weltgeltung erfreuen, welcher jener, die es vor Jahrhunderten genoss, in nichts nachsteht! Ist doch der Tourismus ein durchaus beachtlicher Zweig der modernen Industrie! Zum Glück sind wir schon zeitig aufgebrochen, sodass es uns vergönnt war, die Ruhe, welche dem Städtchen in den Morgenstunden noch inne wohnt, wenigstens anfänglich während unseres gemächlichen Stadtspazierganges durch die engen gewundenen Sträßchen, über intime Plätze und schmale, geschwungene Brücken mit Blick auf die von mittelalterlichen Bauten und von Bäumen umsäumten Grachten zu genießen. Stets hat man die Bürgerhäuser, wie die öffentlichen Gebäude und die Kirchen mit all ihren vielen architektonischen Details vor Augen und bei deren Betrachtung ein Glücksgefühl im Herzen. Schließlich hält man auf einem Aufsehen erregenden Marktplatz inne, um insbesondere das herrliche gotische „Stadhuis“ zu bewundern. Man muss Brügge, dieses Juwel Flanderns, mittlerweile zum UNESCO-Welterbe zählend, gesehen und das Glücksgefühl, es durchwandern zu dürfen, erlebt haben! Im niederländischen Kulturraum entstanden im Mittelalter neben den zahlreichen Mönchs- und Nonnenklöstern die Beginen-Höfe. In ihnen versammelten sich Laienschwestern (Beginen), oft Witwen, die sich wohltätigen Werken, der Spitzenklöppelei und einem gemeinsamen andächtigen Leben widmeten. Vermutlich geht ihre Gründung 1189 auf Lambert le Bègue (der Stotterer) zurück, eines Geistlichen aus Lüttich, der sich der Witwen von Kreuzfahrern annahm. Diese Bewegung breitete sich in ganz Europa aus, besonders jedoch im Rheinland, wurde jedoch späterhin während der Reformation unterdrückt. Flandern ist praktisch die einzige Gegend, wo es noch einzelne Beginen-Häuser gibt, die übrigen sind zum Teil von anderen religiösen Gemeinschaften übernommen worden. Die meisten hat man jedoch zu Sozialwohnungen und Altersheimen, einmal auch in ein Studenten-Wohnheim , umgewandelt. Brügge verfügt noch über einen bemerkenswerten „Begijnhof“, einer großen, mit Pappeln bestandenen Grünfläche, durch die sich Spazierwege schlängeln, und um die sich eine ganze Anzahl niedriger weißer ebenerdiger oder einstöckiger weißer Häuser unterschiedlicher Fassaden und Giebelformen gruppieren, die sich also jeweils voneinander abheben und somit einen vielfältigen, unterhaltsamen Anblick bieten. Der Hof wurde 1235 von einer Gruppe frommer Frauen gegründet. Nach dem Ableben der letzten Begine übernahmen 1930 Benediktinerinnen die Klosteranlage. Gent, die vielleicht Schönste unter den Schönen! Gent, die einst Reiche! Gent, die immer wieder Aufmüpfige! Gent, in dem der spätere Kaiser Karl V. am 24.2.1500 im dortigen Prinzenhof zur Welt kam, (und in dessen Reich später, wie erwähnt, die Sonne niemals unterging!) Gent, in deren Mauern die erste Universität entstand, an der flämisch unterrichtet wurde! Gent, die Stadt der ständigen Überraschungen für den neugierigen Spaziergänger! Gent, das für mich ein französisches Flair ausstrahlt! Gent, eine der schönsten Städte, die ich die ich in meinem Leben durchwandert, in mich hineingezogen habe! Ist Brügge zum Weinen schön, so verschlägt es einem in Gent die Sprache! Der Name Gent (französisch Gand) leitet sich wahrscheinlich von dem keltischen „Ganda“ her, was „Zusammenfluss“ bedeutet, denn dort, wo sich das mächtige Grafenschloss „Gravensteen“ aus dem 12. Jahrhundert erhebt, treffen sich die „Lieve“ und die „Leie“. Römer, Franken, im 9. Jahrhundert vorübergehend auch Normannen, hielten sich hier auf, doch schon im 11. Jahrhundert wurde Gent zu einer Metropole der Textilproduktion und nach Paris die zweitgrößte Stadt Nordeuropas. In dieser Stadt hatten sich im Laufe der Zeit mächtige Zünfte entwickelt, die sich immer wieder gegen die Vorherrschaft der mittelalterlichen Fürsten wehrten (siehe letzte Seite) und Aufstände anzettelten. 1384 kam Gent durch Heirat an das Herzogtum Burgund (indem der schon erwähnte burgundische Herzog Philip der Kühne, Sohn des französischen Königs, Margarete von Flandern ehelichte).Doch auch danach kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den selbstbewussten – und reichen – Bürgern und den burgundischen Herzögen, ebenso, wie diese sich später auch gegenüber dem Kaiser Karl V. stur und bockig zeigten. Hier ging es, wie meistens in der langen Geschichte aller „zivilisierten Völker“ - wir kennen es auch - um Steuerhöhungen! Als in der Mitte des 16. Jahrhunderts das mittlerweile protestantische Gent nach der Teilung des Reiches an Karls Sohn Philipp II. von Spanien gefallen war, kam es sofort zu Aufständen gegen die katholischen Spanier, die ihrerseits umgehend mit einem Terror-Regime unter dem berühmt-berüchtigten spanischen Herzog Alba reagierten. Er war es auch, der den Statthalter von Flandern, Lamoral Graf Egmont hinrichten ließ. Und dies wiederum löste den Befreiungskampf der Niederlande unter Wilhelm von Oranien aus, welcher, wie bereits beschrieben, zur Errichtung der Republik der sieben vereinigten Niederlande führte (1579, siehe letzte Seite). 1794 eroberte Napoleon Flandern, ab 1815 (Wiener Kongress) gehörte die Stadt zu den Niederlanden, bis sie 1830 dem neu entstandenen Königreich Belgien „zugeschlagen“ wurde. In Gent fand – unserer fülligen Flämin zufolge - der flämische Sozialismus seinen Ursprung. Damals arbeiteten in der Textil-Industrie Kinder bereits ab dem 5. Lebensjahr, später immerhin ab dem 12. Lebensjahr! Die offizielle Sprache in Gent ist das „Allgemeen Nederlands“, inoffiziell pflegt man einen ostflämischen Dialekt. Gents Einmaligkeit und damit sein Ruhm bis in unsere Tage liegt am „Graslei“, dem alten Hafen am Ostufer der Leie. Es sind die in sich harmonischen und doch überraschend verschiedenen prächtigen, wie Perlen an einer Schnur aufgereihten, aus der Blütezeit kaufmännischer Tüchtigkeit stammenden Gildehäuser – ein jedes für sich ein kostbares Kleinod - deren Formen, Farben und vielfältige Ausschmückungen den Betrachter, der sie vom Westufer aus bewundert, begeistert ob solch unerwarteter Schönheit! Doch sie sind bei weitem nicht die einzigen der zahlreichen Juwelen der Stadt, die alle aufzuzählen ich mich enthalten möchte – man reise nach Gent und betrachte den Inhalt der gesamten Schmuck-Schatulle selbst! Die dreischiffige „Sint-Baafs-kathedraal“ (St. Bravo Kathedrale) aus grauem Granit und rotem Backstein zählt zu den schönsten gotischen Kirchen der historischen Niederlande. Normalerweise birgt die Taufkapelle den berühmten Genter Altar von Jan van Eyck (1432 vollendet und wahrscheinlich von seinem Bruder Hubert begonnen), ist doch dieses Kunstwerk für sich allein schon ein Grund, Gent zu besuchen. Doch zu unserem größten Bedauern war das berühmte Kunstwerk zwecks Restaurierung ausgelagert worden. Eine betuchte amerikanische Familie habe die Finanzierung dieses aufwendigen Unternehmens übernommen, so hören wir. Schade! Mit dem Bus geht es zurück in die Niederlande, wo uns das Schiff in Terneuzen, gelegen an der Westerschelde, wieder aufnimmt. Die Reise auf der „Rheinprinzessin“ setzt sich fort. Unser nächstes Ziel: Das quirlige Städtchen Middelburg auf der Halbinsel Walcheren, welche die Oosterschelde von der Westerschelde trennt, wobei beide Mündungsarme – wie sollte es auch anders sein – durch Wasserstraßen miteinander verbunden sind. Middelburg, Hauptstadt der Provinz Seeland, liegt am Veere-Vlissingen-Kanal, und in Middelburg unternehmen wir auch eine Grachten-Fahrt! Sind wir doch wieder „im Land im Wasser!“ Middelburg ist zur Zeit der Ost- und Westindischen Kompanie (letztere gegründet 1621) nicht zuletzt durch Sklaven-Handel reich geworden! Die Westindische Kompanie, die - ebenso wie die Ostindische Kompanie - auch in dieser Stadt einen Sitz hatte, hielt das Monopol für den Handel in West-Afrika und Amerika. Auf nicht weniger als 383 Sklavenschiffen transportierte die Kompanie in der Zeit von 1674-1740 ihre menschliche Fracht und trieb mit ihr einträglichen Handel! Das „Stadhuis“ in Middelburg ist eines der Großartigsten der Niederlande und ähnelt dem Äußeren einer gotischen Kathedrale. Nicht weniger als 25 Figuren von Grafen und Gräfinnen von Holland und Seeland schmücken die Fassade. Ein Spaziergang durch die Stadt ist ebenso unterhaltsam wie der Besuch einer Abtei mit großem Innenhof, zu der drei Sakralbauten gehören, darunter der 89 m hohe „Lange Jan“, der 89 m hohe Turm der Koorkerk, der um die Mittagszeit seine 49 Glocken zu einem Konzert ertönen lässt. Über verschlungene Wasserwege erreichen wir den Lek, einen Mündungsarm des Rheins, der nördlich der Waal zur Nordsee fließt. Wo die Vlist in den Lek einmündet, liegt das Städtchen Schoonhoven, das im 13. Jahrhundert entstand und sich seiner Silberschmiede und Uhrmacher rühmt. Ganz zufällig geraten wir auf unserem Stadtspaziergang in das „Nederlands Goud-, Zilver- en Klokkenmuseum“, wo es Bemerkenswertes zu betrachten gibt. Über dem spätgotischen Stadhuis ragt ein sechseckiger Turm mit 50 Glocken, die aus Schiffskanonen gegossen wurden! In den Niederlanden bimmelt es immer! Bemerkenswert ist die Sint Bartholomeuskerk aus dem 15. Jahrhundert, deren schiefer Turm seit den 1920iger Jahren abgestützt werden muss: er neigt sich heute 1,50 m zur Seite! Nach einer Reise auf für uns unübersichtlichen Kanälen befinden wir uns unversehens in Amsterdam! Es ist mein dritter Besuch in dieser Stadt, und jeder Aufenthalt fand - und findet nun - jeweils in einem ganz anderen Lebensalter und in völlig voneinander verschiedenen Lebensumständen statt (Alle waren sie - und so verhält es sich auch heute - durchaus positiv!). Wie aufregend, geheimnisvoll, fast abenteuerlich empfindet man eine faszinierende Stadt, wenn man sehr jung und so ziemlich unbedarft ist! Um wie viel intensiver und genauer betrachtet man in den mittleren Lebensjahren ihre Stadtlandschaft, die Lebensart der sie bewohnenden Menschen, und wie intensiv genießt man die Kunstwerke, die sie birgt! Und nun, im Alter? Zunächst lernen wir anlässlich der Stadtführung das direkt an den Wassern des Ijmeeres auf sieben aufgespülten Sandinseln völlig neu entstandene, allerdings noch nicht vollendete moderne Wohnviertel IJburg mit den entsprechend teuren Wohnungen kennen! Keine Arme-Leute-Behausungen! Aber doch eine „Massen-Menschen-Haltung!“ Sprich: ein jeder muss sich seine Individualität innerhalb seiner vier - vermutlich mehr – Wände schaffen, sofern er Wert darauf legt. Immerhin sollen hier einmal bis zu 50000 Menschen wohnen! Und nicht alle werden das IJmeer erblicken, wenn sie aus dem Küchenfenster schauen! Dies also ist die zuerst in’s Auge fallende Veränderung! Ich bemerke weiterhin, dass das Treiben in den Straßen außerhalb der Grachten um ein Vieles lebhafter geworden ist! Und, nicht zu übersehen: Unmengen von Fahrrädern! Jeder weiß, dass die Niederlande d a s Land des Zweirads sind! Hier in Amsterdam könnte man fast sagen: Fußgänger fallen auf! Sie sind wahrscheinlich ohnehin zum größten Teil Touristen (wenngleich sich auch Touristen, auch in der Metropole Amsterdam, farblich extra gekennzeichnete (!) Fahrräder mieten können und damit ihrerseits auffallen! Achtung! Man fahre und gehe ihnen möglichst aus dem Weg!). Niederländische Fahrradfahrer kennen (angeblich!) keine Verkehrszeichen, sie klingeln auch nicht, womit die wohltuende Stille auf den Straßen nahe und fern der Grachten erhalten bleibt! Sie treten einfach drauf los. Ohne oder mit aufgetürmtem oder baumelndem Gepäck und – oder – auf manchmal recht abenteuerliche Weise mitgeführten Kleinkindern schlängeln sich überall hindurch, schlängeln sich um einander und alles und jeden herum, biegen unerwartet ab, sind, sofern sie jung sind, selbstverständlich verkabelt und halten oder klemmen sich das Handy an‘s Ohr! Ein kurzer Blick in die Geschichte der Stadt: Dort, wo die Amstel in das IJMeer, einem Arm des Markermeeres (einst der südliche Teil der Zuidersee) einmündet, entstand ab dem 12. Jahrhundert auf Marschland eine kleine Siedlung. Die Bewohner schützten sich durch Deiche gegen Überflutungen und legten 1270 quer durch den Fluss einen Damm an („Amsteldendam“). Nachdem der schon mehrfach erwähnte bigotte Kaiser Karl V. – wir erinnern uns wiederum an sein Riesenreich durch die Eroberungen der Spanier in Mittel- und Südamerika – ab 1520 die Inquisition in den Niederlanden eingeführt hatte und sein Sohn, Philipp II., die Anti-Reformations-Politik seines Vaters mit eiserner Faust fortsetzte, flohen viele Bewohner aus den angrenzenden Regionen und strömten nach Amsterdam. Religions-Flüchtlinge, sozusagen, ebenso wie die vielen spanischen Juden und französischen Hugenotten, die im 17. Jahrhundert den Verfolgungen in ihren Heimatländern entkamen und in dieser Stadt eine Bleibe suchten. Noch bis in unsere Tage sind die Niederlande als ein fremdenfreundliches Land berühmt! Zu den heutigen Einwohnern gehören Emigranten aus Afrika, Asien, auch aus den ehemaligen holländischen Kolonien Indonesien, den Gewürzinseln, der Karibik und Surinam (holländisch Guajana), dazu all jene, die sich seit den 1960iger Jahren von Amsterdams offener sozialer Gesinnung angezogen fühlten! Dass sich allerdings in letzter Zeit ein leises Lüftchen erhoben hat, das aus einer anderen Richtung weht, (2002 und 2004 die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh) hat sich auch bis zu uns herumgesprochen….….Immerhin: in Amsterdam leben heute 176 verschiedene Nationalitäten (bei 760000 Einwohnern). Im 17. Jahrhundert brach das „goldene Zeitalter“ an, als am Ende des 30jährigen Krieges im Westfälischen Frieden die Unabhängigkeit der Niederlande anerkannt wurde (siehe letzte Seite). Amsterdam entwickelte sich nun zum wichtigsten Hafen der Welt. Die Ausdehnung britischer und französischer Macht im 18. Und 19. Jahrhundert führte allerdings wieder zum Niedergang der Stadt. Nach der kurzen napoleonischen Ära, in welcher der Erfolg gewohnte und geltungsbedürftige Kaiser der Franzosen auch die Niederlande ganz selbstverständlich in sein auf Expansion ausgerichtetes Machtstreben einbezog, kehrte 1813 Prinz Wilhelm von Oranien aus dem Exil zurück und erhielt den Königstitel (siehe letzte Seite). Seit wenigen Wochen zählen die Amsterdamer Grachten zum Welt-Kulturerbe. Kein Besucher, der nicht eine Fahrt auf den berühmtesten Wasserstraßen der Stadt unternimmt. So auch wir! Die Reiseführerin weist ausdrücklich darauf hin, dass das Wasser der Grachten nicht rieche(!), sondern eine gute Qualität aufweise. In der also guten Luft unternehme ich nun zum dritten Mal in meinem Leben eine Grachten-Fahrt und erfreue mich an den schmalen Fassaden der berühmten Giebelhäuser an den berühmtesten Grachten der Stadt, der Keizersgracht (benannt nach dem Deutschen Kaiser Maximilian, dem, wie erwähnt, habsburgischen Gemahl der superreichen Erbin Maria von Burgund), der Herren- und der Prinsengracht. Diese schmalen Häuser können unglaubliche 25m bis 30m tief sein. In so einem „tiefen Haus“, nämlich an der Prinsengracht 263, befand sich im hinteren Teil, dem „Achterhuis“, das Versteck der Familie Frank. Zusammen mit weiteren befreundeten Verfolgten, insgesamt acht Personen, lebte sie dort mehr als zwei Jahre lang, und in dieser Zeit hat Anne (Annelies Marie), die jüngere Tochter, ihr berühmtes Tagebuch geschrieben. Ihr Vater, Otto Frank, der als einziger der an der Prinsengracht vor den Besatzern Versteckten später das Konzentrationslager überlebte, hat es – wie wir wissen - nach dem Krieg veröffentlicht. Heute ist dieses Haus ein stark besuchtes Museum (Anne Frank Museum), und so sehen wir von unserem Sight-Seeing-Boot aus eine Schlange wartender Museumsbesucher vor dem Eingang. An dieser Stelle soll ein kurzer Blick auf geschichtliche Ereignisse in den Niederlanden im 20. Jahrhundert geworfen werden. War Belgien in den ersten Weltkrieg verwickelt, so konnten die Niederlande damals ihre Neutralität bewahren (und dem Deutschen Kaiser, Wilhelm II., nach seiner Abdankung das Exil anbieten). Anders im zweiten Weltkrieg. Auf Befehl Hitlers marschierte die Deutsche Wehrmacht im Mai 1940 in die Benelux-Länder ein, besetzte sie und verletzte somit die Neutralität der Niederlande. Die niederländische Königsfamilie konnte nach dem Einmarsch noch rechtzeitig nach London flüchten. Die damalige Königin Wilhelmine, Großmutter der jetzigen Königin Beatrix, bildete dort eine Exilregierung. Bekanntlich gab es im europäischen Ausland viele Sympathisanten für den Nationalsozialismus, und so existierte auch in den Niederlanden eine „National-Sozialistische Beweging“, die mit den deutschen Besatzern zusammen arbeitete. Immerhin stellten die Niederlande 60000 Freiwillige in der WaffenSS! Die in Deutschland geltenden Judengesetze wurden, wie in allen von den Deutschen okkupierten Ländern, auch in den Niederlanden unverzüglich eingeführt und die Judenverfolgung aufgenommen. Wie man nach dem Krieg erfuhr, habe es nicht wenige Denunzianten gegeben, die sich verborgen haltende Juden an die Deutschen auslieferten. 1933 war Otto Frank, der in Frankfurt ein Unternehmen leitete, dem Rat eines Freundes gefolgt und hatte das Angebot angenommen, in Amsterdam eine Niederlassung der Fa. Opekta zu gründen. Die Familie übersiedelte in die Niederlande. 1938 rief er dort eine weitere Firma in’s Leben, Pectacon, die mit Gewürzen handelte. Im Juli 1942 erhielt Annes ältere Schwester Margot einen Aufruf von der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam, der ihre Deportation in ein Arbeitslager bedeutete. Margot meldete sich, und die Familie verließ unverzüglich ihre bisherige Wohnung in einem südlichen Stadtteil, diese in reichlicher Unordnung und einen Zettel hinterlassend, aus dem hervorging, dass sie in die Schweiz geflohen sei. Sie zog in das von Otto Frank längst für diesen schlimmsten Fall vorbereitete Versteck im „Achterhuis“ des unscheinbaren, alten Hauses an der Prinsengracht 263, zusammen mit vier weiteren jüdischen Freunden, sodass diese Gruppe mehr als zwei Jahre lang verborgen überleben konnte, ohne dass jemand eine Ahnung davon hatte. Im Vorderhaus befanden sich weiterhin die Firma „Pectacon“ und ein an sie angeschlossener Gewürzladen, „ein Kräuterladen“, wie die Reiseleiterin berichtete. Die Franks und ihre „Mit-Versteckten“ hatten fünf Helfer. Alle zusammen trafen sie sich jeden Mittag im Hinterhaus zum Mittagessen, und abends, wenn die Angestellten, die von den Bewohnern des „Achterhuis“ nichts ahnten, die Firma verlassen hatten, begaben sich die Eingeschlossenen in das Vorderhaus, auch, um Radio (BBC) zu hören und in Diskussionen die politische Lage zu erörtern. Der Verräter, der das Versteck der Gestapo verriet, konnte nie identifiziert werden. Mehrere Personen gerieten in Verdacht, auch eine Putzfrau, doch sie alle bestritten bei ihren Verhören vehement, die Franks und ihre Freunde verraten zu haben. Bis heute konnte dieser Verrat nicht aufgeklärt werden. Die Entdeckten wurden zunächst nach Auschwitz deportiert und mehrere Erwachsene kamen dort sofort in den Gaskammern um. Anne und ihre Schwester wurden gegen Ende des Krieges, als die Rote Armee immer näher heranrückte, nach Bergen-Belsen verlegt, wo sie schließlich an Infektionen, Unterernährung und Erschöpfung starben. Anne steht noch heute für die Millionen jüdischer Menschen, die einem hirnrissigen und verbrecherisch-mörderischen Rassenwahn zum Opfer fielen. 1942 kam es zur japanischen Invasion in Niederländisch-Indien (heute Indonesien). Die Niederlande waren zur Zeit des Krieges noch immer eine ansehnliche Kolonialmacht und hatten, wie erwähnt, reiche Besitzungen Südostasien, dem heutigen Indonesien. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 begann der Freiheitskampf der Indonesier, deren Unabhängigkeit 1949 anerkannt wurde. Doch behielten die Niederlande bis 1962 den Westteil von Neuguinea in Besitz, bis sie auch dieses Gebiet verloren. Die Niederlande sind Gründungsmitglied der BeNeLux-Wirtschaftsunion (seit 1944 geplant), die 1958 festgelegt wurde und 1960 in Kraft trat. Eine Stippvisite anlässlich einer Schiffsreise kann dem Reisenden selbstverständlich niemals eine so großartige Stadt wie Amsterdam erschließen, auch wenn er anlässlich einer Stadtrundfahrt viel zu sehen und erklärt bekommt. Kein Amsterdamer Reiseleiter wird übrigens vergessen, einen Besuch des berühmten Rotlichtviertels zu empfehlen. Nicht, dass ich es bei meinem jetzigen Besuch aufgesucht hätte, doch kann ich mich noch gut an meine letzte Reise – im Rembrandtjahr 1969 – erinnern, als wir länger als eine Woche in Amsterdam weilten und uns ganz der Stadt und ihren Kunstwerken hingaben. Selbstverständlich sind wir damals auch im „Rotlichtviertel“ umhergestreift. Zu der Zeit kannten und kennen die Einwohner der Niederlande wohl auch heutzutage, der einstmals eingeführten und mittlerweile wohl wieder vergessenen Gardinensteuer wegen, vielfach keine verhüllenden Fenster-Stores, und so saßen die „süßen Damen“ damals strickend und häkelnd jeweils in großen Schaufenstern und machten einen durchaus biederen Eindruck, abgesehen davon, dass ich in dieser „Szene“ auch beim Friseur war……. In Amsterdam, einer der berühmten Städte der Welt, sollte man also länger verweilen, um es richtig kennen zu lernen und zu genießen. Auf eine Schilderung seiner Schönheiten, seiner berühmten Museen, welche die Meisterwerke der niederländischen Malerei hüten – insbesondere die des großen Sohnes der Stadt, Rembrandt - seiner interessanten Plätze usf. möchte ich ausdrücklich verzichten. Es gäbe viel zu viele Sehenswürdigkeiten aufzuführen und unendlich viele Geschichten zu erzählen. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass in dieser Stadt ebenfalls viele jüdische Diamantenschleifer leben, weshalb sich Amsterdam auch als Diamantenstadt begreift, und dass sich hier der älteste Zoo (der Tiergarten Artis) mit 7000 Tieren befindet. Des Weiteren findet man hier die sogenannten „Braunen Kneipen“, auch „Sozialisierungskneipen“ genannt, in denen keine Musik dröhnt oder vor sich hin leiert! Hier wird nur diskutiert! (bei immerhin 44000 Studenten, die an zwei Universitäten studieren). Amsterdam zu besuchen wird also dringendst empfohlen! (auch, wenn man dort nicht unbedingt zum Friseur gehen möchte!) Jahrhundertelang war das Rheindelta von ständigen Überflutungen bedroht, vor denen die Bewohner, deren Dörfer oft bis zu 5 m unter dem Meeresspiegel lagen, sich durch Dünen und Deiche zu schützen suchten. Die schlimmsten Katastrophen, die das Land heimsuchten, war die St. Elisabeth-Flut vom 19. November 1421, als das Meer 500 Quadratkilometer Land unter Wasser setzte, 72 Dörfer zerstörte und 10000 Menschen den Tod brachte. Die letzte große Springflut durchbrach 1953 an mehreren Stellen die Deiche. Nahezu 2000 Menschen und 200000 Tiere ertranken. Danach wurden über 30 Jahre lang ein Netz von Dämmen mit Schleusen und Sturmflutwehren gebaut und die Deiche der Küste entlang erhöht. Damit hat man die Gefahr der sich ständig wiederholenden Überflutungen und damit die allmähliche Versalzung des Bodens gebannt. Überhaupt die Trennung von Salz- und Süßwasser! Ein raffiniertes und ganz einfaches System, das sich die Niederländer da ausgedacht haben, indem sie sich die einfache physikalische Tatsache zu Nutze machen, dass Salzwasser absinkt, während eine Schleuse mit Süßwasser aufgefüllt wird. Man braucht dann „nur“ das Salzwasser abzupumpen! Praktisch! Von Amsterdam aus geht es auf der „Rheinprinzessin“ Richtung Norden. Wir schippern zunächst im Markermeer. Seine Existenz war mir neu! War doch seit Menschengdenken von der Zuidersee als einer großen Meeresbucht der Nordsee die Rede. Inzwischen führt der Houtribdijk (Markerwaardijk), ein Damm, der von der West- zur Ostküste der Zuidersee führt und sie in das südlich gelegene Markermeer und das nördlich daran anschließende Isselmeer trennt. Doch nicht nur das: Auch das Isselmeer, welches von dem Fluss Issel gespeist wird, welcher bei Arnheim vom Rhein abzweigt, schließt der nördlich gelegene 1932 vollendete Afsluitdijk (Damm) gegen die Nordsee ab! So hat sich die ehemals wilde Zuidersee in 2 Binnenmeere gewandelt, die dem Polder-Schicksal entgegen „schwappen“, muss man wohl in diesem Falle sagen. Schon wenige Jahre nach Vollendung des Afsluitdijk lag das Isselmeer 50 – 150 cm unter dem Meeresspiegel, wodurch die Orte an der ehemaligen Zuidersee geschützt waren. Bekanntlich haben die Niederländer seit Jahrhunderten durch Eindeichung und Entwässerung – ursprünglich mit Windmühlen als Pumpwerken – dem Meer Land abgerungen. Mittlerweile machen die Polder ein Fünftel der gesamten Landesfläche der Niederlande aus. Ohne sie wäre das Land gar nicht denkbar. Flevoland, die zwölfte und jüngste Provinz, besteht aus zwei solchen Poldern. Dem Isselmeer im 20. Jahrhundert abgetrotzt liegt es nun fünf Meter unter dem Meeresspiegel, ist bebaut und besiedelt. Allein um das Isselmeer haben mehr als 1500 Quadratkilometer durch Eindeichung gewonnenes Land zum Lebensraum der Nation beigetragen. Es wird für die Landwirtschaft, für den Bau von Industrie- und Freizeitanlagen und für das Anlegen von Ortschaften genutzt Im Hafen des kleinen Fischerortes Volendam, südlich von Edam am Westufer des Markermeer gelegen, gehen wir an Land. Hier wird gerade ein Fest gefeiert. Auf einem Spaziergang – natürlich, wie stets, auf Kopfsteinpflaster und mit diskretem Blick in so manche Wohnstube, TV-Programm inklusive - haben wir reichlich Muße, die hübschen, verschieden farbigen Haustüren aus dickem Holz zu betrachten, welche man gerade hier in den kleinen Orten am Marker- und am Isselmeer findet, und die mich sehr an die Haustüren erinnern, die ich auf den britischen Inseln gesehen habe. Das Wohngebiet Volendams liegt, typisch für diese Gegend, unterhalb des Meeresspiegels, während Kneipen und Souvenirläden – der Ort erfreut sich in der schönen Jahreszeit eines erfreulichen Zulaufs von Touristen - auf dem Deich angesiedelt sind. Auch Hoorn, unser nächster Hafen, liegt unter dem Meeresspiegel. Hoorn ist in zwiefacher Weise bemerkenswert: Zunächst sah ich hier zum ersten Mal, wie Hausbesitzer mit normalen Haus-Besen, lediglich befestigt an einem etwas längerem Stiel, ihre Fassaden abstaubten!!! Und das an einem Sonntag!!! Das muss man tatsächlich gesehen haben, da man doch meinen möchte, in der sauberen Seeluft findet sich kaum ein Stäubchen Staub!!! Die Höhe der Häuser kann sich der Leser vorstellen! Doch ist das Städtchen eigentlich seines Namens wegen berühmt, wurde doch das berüchtigte Kap an Südamerikas Südspitze nach ihm benannt, berüchtigt deshalb, da sich die See in jener Gegend zumeist aufgewühlt und wild gebärdet und als nicht ungefährlich gilt. Es ist also nicht der Name des verwegenen holländischen Seefahrers Willem Schouten, der von hier aus zu seiner berühmten Seereise aufbrach, auf der er als erster Entdecker die Spitze Südamerikas umrundete. Willem Schouten nannte seine Entdeckung, das Kap, nach seiner Heimatstadt. Auch der berühmte Seefahrer Abel Tasman stach übrigens im Hafen von Hoorn in See. Nach ihm ist bekanntlich die von ihm entdeckte Insel Tasmanien südlich von Australien benannt Hoorn, die Hauptstadt des alten Westfriesland, stieg im 16. Jahrhundert zum wichtigsten Hafen an der Zuidersee auf. Während des „Goldenen Zeitalters“ spielten die West- wie die Ostindische Kompanie – wie in Middelburg (siehe dort)- eine bedeutende Rolle, wovon noch heute die vielen ehemaligen reichen Kaufmannshäuser mit ihren wunderschönen Giebeln , die man hier bewundern kann, Zeugnis ablegen. Je reicher der Besitzer, desto prächtiger ist sein Haus, und umso mehr neigt es sich in die enge Straße hinein, als wolle es sich verbeugen (vor was und vor wem?), was insbesondere an der Promenade verblüffend aussieht. Denn diese etwas verwirrende, absonderliche Neigung der Fassaden und Giebel nach vorn zeigt keine Baufälligkeit oder Sehnsucht nach Restaurierung an, nein, sie ist von dem damaligen Bauherrn genau so vorgesehen und von seinem Baumeister auch so ausgeführt worden: Je mehr sich das Haus „verneigt“, umso stolzer zeigt es damit den Reichtum, den geschäftliches Erfolg seines Besitzers an! Den Ehrenplatz der in Hoorn geborenen Berühmtheiten aus dem „Goldenen Zeitalter“ nimmt Jan Pieterzoon Coen ein, der einst Batavia (Jakarta) gründete (und dort auch verstarb) und damit das niederländisch-ostindische Kolonialreich festigte. Sein Standbild erhebt sich mitten auf dem „Rode Stehen“ (Roter Stein) genannten ehemaligen Hinrichtungsstätte, auf deren einer Seite die im Renaissance-Stil errichtete öffentliche Waage, auf der anderen das prachtvolle ehemalige Westfriesische Abgeordneten-Haus – heute Museum –dem Besucher auf dem ehemaligen Arbeitsplatz des Henkers die Bedeutung und den Reichtum der Stadt vor Augen führen. Enkhuizen, bereits am Westufer des Isselmeer gelegen, war im 16. Jahrhundert für seine Heringsfischerei bekannt. 1572 gehörte es zu den ersten Städten, die sich gegen die spanische Fremdherrschaft erhoben, und seine Schiffe trugen im folgenden Jahr zum Sieg über die spanische Flotte bei. Tempi passati, und das schon längst, denn schon im 18. Jahrhundert begann der Hafen zu versanden, und der oben erwähnte Afsluit-Damm versetzte dem Städtchen beinahe den Todesstoß. Heute beherbergt Enkhuizen das berühmte Zuidersee-Museum, und natürlich profitiert es auch vom Tourismus,. Enkhuizen ist eine bezaubernde, sehenswerte Stadt. Nun, Anfang September sieht man viele Segelboote auf der ehemaligen Zuidersee, wie sie lautlos im Wind dahin flitzen oder gemächlich vor sich hin dümpeln – die Niederlande: ein stilles Land, und immer noch ein Land der Seefahrer, doch heute, von der Handels- und der NATO-Marine abgesehen, ein Land der Freizeit-Segler. Wie wir von unserer Reiseführerin hören, sei es hier, am Isselmeer schwierig, die Häuser zu unterkellern: es sei zu feucht. Davon merkt man als Spaziergänger nichts: alle öffentlichen Bauten sind vor Jahrhunderten entstanden, reizvoll und gepflegt, die Privathäuser sehen adrett aus und werden auch mit dem beschriebenen Besen einmal in der Woche abgestaubt! Selbst hier, so nah der rauen See, entdecken wir wiederholt jene intime „Pergola“, der wir schon in Flandern begegnet sind, ein kleiner Platz unter Linden oder Buchen, deren Geäst, kunstvoll zugeschnitten, ineinander greifen und so - zum Schutz gegen Sonne und Regen - ein undurchdringliches Blätterdach bilden, ähnlich den „Pergeln“, wie wir sie aus Südeuropa kennen. Die Kirchen in dieser Gegend geben sich im Norden der Niederlande in der „Polder Gotik“. Das bedeutet, dass das Innere möglichst aus Holz gefertigt ist und nur die Außenmauern aus Stein sind, damit die Kirche „leicht“ sei. Zu allen Stunden machen sie sich durch ein hell erklingendes Glockenspiel akustisch bemerkbar… eine Moschee habe ich nirgends gesehen! Und schon gar nicht in dieser Gegend! Wir überqueren das Isselmeer, gleiten in das Katelmeer und von dort in die Isselmündung. Auf der Issel schippert die „Rheinprinzessin“ beschaulich durch eine flache Landschaft nach Süden, dem Rhein zu. Voll Aufbruchsstimmung sammeln sich bereits die Vogelschwärme – auch sie bereit, in den Süden zu ziehen. In der Ferne sind beiderseits des Flusses kleine Dörfer mit ihren spitztürmigen Kirchen zu erblicken. Hier scheint vorwiegend Viehwirtschaft betrieben zu werden. Auf den parallel verlaufenden Landstraßen, oft gesäumt von Pappeln oder Linden, herrscht verhältnismäßig wenig Verkehr. Überhaupt habe ich weder in den Niederlanden noch in Flandern einen Stau, gar verstopfte Straßen, gesehen. In Mitteleuropa sind wir da anderes gewohnt! Zutphen liegt an der Mündung des Flüsschens Berkel und des Twentekanals in die Issel. Zutphen – der Name leitet sich von Zuid-Veen = Südmoor ab – trat im 14. Jahrhundert der Hanse bei. Während des 80 jährigen Krieges – wir erinnern uns: der Freiheitskampf der Niederländer gegen die Spanier - wurde Zuphten 1572 von den Spaniern eingenommen und erst nach 19 Jahren von Prinz Moritz von Oranien befreit. Ob wohl die Inquisition ihren Fuß hierher gesetzt hat? Zu erfahren war zum Glück nichts! Ausflug in das große Freilicht-Museum Arnheim! Auf einem großen, parkähnlichen Gelände, das man über mehrere Stunden zu Fuß durchwandern aber auch in einer kleinen Schienen-Bahn durchqueren kann, fallen mir vor allen die verschiedenen Windmühlen auf! Ich wusste gar nicht, dass es von diesen so ungeheuer wichtigen „Mehlbetrieben“ wo viele Spielarten und auch so verschiedene Größen gibt! Wie zu erwarten waren etliche verschiedene Bauern- und Fischerhäuser und Handwerksbetriebe aus früheren Jahrhunderten zu studieren. Überflüssig zu erwähnen, dass dieses wirklich aufwendige Museum mit viel Liebe aufgebaut wurde und untadelig gepflegt wird! Und schon sind wir am Ende unserer Reise – wir befinden uns wieder auf dem Rhein, dem „Vater Rhein“ wie wir sagen, der in den Niederlanden und im weiteren Sinne auch in Flandern so viele „Kinder“ hat, von denen wir so manches auf der niederländischen „Rheinprinzessin“ befahren durften. Adieu, Ihr freundlichen Flamen und Niederländer! Adieu, du Land der Wasserstraßen, der Windräder, der Fahrräder, der Jachten, und der Stille, du freundliches Land im Wasser unter dem Wind!
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