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Zwischen Normandie und Cote d'Azur (c) D. A. B
Aus den Tagebuchnotizen über eine Seereise von Bremerhaven nach Nizza
Zwischen Normandie und Cote d'Azur (c) D. A. B Aus den Tagebuchnotizen über eine Seereise von Bremerhaven nach Nizza 25.09 – 07.10.2009 Wir gingen in der altweiber-sommerlichen Jahreszeit an jenem Freitag, den 25.September, bei bedecktem Himmel und eher kühler Witterung in Bremerhaven an Bord der MS Athena, einem verhältnismäßig kleinen, doch gemütlichen Kreuzfahrtschiff, das auch gar nicht ausgebucht war. Doch schon das Durchqueren der Nordsee ließ Hoffnung auf gutes Wetter aufkommen, der Himmel wurde heller, und in der Strasse von Calais waren die in der Sonne leuchtenden Kreidefelsen von Dover ausmachen. Was wir zu der Zeit noch nicht wissen konnten, doch erhofften: die ganze Reise hindurch würde uns ein Bilderbuchwetter bei ruhiger See beglücken! Ein Geschenk des Himmels! Der größte Fluss, der in den Ärmelkanal mündet, ist die Seine, die so oft Besungene, die sich auf ihrem Weg durch die Normandie durch ihr Tal schlängelt! „Sequana“ , „die Schlange“, so nannten sie deshalb die Römer, und dieser Name – französisch abgewandelt – blieb ihr bis zum heutigen Tag. Wir ankerten im pittoresken Hafenstädtchen Honfleur, am linken Seine-Ufer gelegen, welches schon Maler wie Courbet, Sisley, Jongkind, Monet, Pissarro, Renoir und Cezanne anzog, um nur die berühmtesten zu nennen. Ein Kind dieser Stadt war neben dem Maler Eugène Boudin auch der Komponist Erik Satie. Der Name „Honfleur“ hat allerdings weniger mit Blumen zu tun, sondern geht auf die Wikinger zurück, jene wilden und abenteuerlustigen Krieger, die zu ihrer Zeit auch hier ihr Unwesen trieben, und die sich später als Normannen ein wenig mauserten. „Fleur“ hieß nämlich in ihrer Sprache „Fjord“. „Honfleur bedeutete „links vom Fjord“ und „Afleur“ „rechts vom Fjord“. Zu Anfang des 10. Jahrhunderts kam es denn doch zu einem Vertrag zwischen den Wikingern und dem damaligen König von Frankreich, Karl dem Einfältigen, in welchem drei wesentliche Punkte festgelegt wurden: 1. die Wikinger werden getauft! 2. sie haben 500 Km an Küste zu überwachen! 3. als Gegenleistung wird die hässliche Königstochter Gisela an den Wikinger Hof verheiratet! Im Hinblick auf solch eine prima Vereinbarung kann man schließlich nicht wählerisch sein! Der Wikingerfürst Rollo wurde kraft Taufe zum Normannenherzog Robert, und die kriegerischen Aktivitäten der Wikinger kamen tatsächlich zum Erliegen. Bereits Wilhelm Langschwert, Roberts Sohn, ersetzte die Kapelle auf dem Mont St. Michel durch eine Abtei. Wir unsererseits schenken nach Ankunft dem alten, malerischen Städtchen Honfleur aus Zeitgründen keinerlei Aufmerksamkeit. Während noch die eher durchsichtigen Morgennebel über der welligen und in meinen Augen dünn besiedelten Landschaft dahin gleiten, sich lichten und wieder verdichten, um endlich doch der Frühherbst-Sonne den Vortritt zu lassen, damit sie uns einen hellen, warmen Frühherbst-Tag beschere, fahren wir auf der Autobahn Nr. 13, der „Milchautobahn“ durch die normannische Landschaft gen Rouen, der Hauptstadt der oberen Normandie. (die der unteren Normandie ist Caens) Im Übrigen befinden sich Frankreichs Autobahnen durchweg in Privatbesitz. Aus diesem Grunde ist ihre Benutzung unterschiedlich teuer – oder auch preiswert – wie man will! Schon General der Gaulle pries stolz die 400 verschiedenen Käsesorten, mit denen „la douce France“ aufwarten kann, und wovon eine ganze Anzahl solch berühmter Kreationen aus Milch, raffinierten Zusätzen und ausgetüftelten Reifezeiten aus der Normandie stammen. Auch der Camembert entstand hier, und zwar während der französischen Revolution. Zwei Frauen versteckten auf ihrem kleinen Bauernhof einen den revolutionären Häschern entkommenen Monsieur Camembert. Aus Dankbarkeit schenkte er ihnen ein Rezept für einen Brie, der später seinen Namen erhielt (wenn der Flüchtling denn so geheißen hat!) und, wie wir wissen, Furore machte! 80 km legen wir zurück und erfahren nebenher, dass Rouen – man staune – als Tochterhafen von Le Havre, Frankreichs zweitgrößtem Hafen nach Marseille, der größte Getreidehafen Europas sei! Da das Land sehr feucht ist, ist es auch sehr fruchtbar. Unter anderem wird auch Flachs angebaut, dessen blaue Blüte jeweils nur einen Tag lang währt. Und angesichts eines blühenden Rapsfeldes im Spätsommer ist zu erfahren, dass in diesem gesegneten Landstrich, der doch über die Jahrhunderte hinweg so häufig Krieg und Zerstörung zu ertragen hatte, zwei Ernten im Jahr dieser heutzutage so begehrten Ölpflanzen eingefahren werden. Nur wenige Dörfer mit geduckten weit heruntergezogenen Dächern, oft mit Reed gedeckt, sind auszumachen, und, natürlich – neben Pferden – Milchvieh, vorwiegend schwarz-weiß-gefleckt. Es ist Sonntag, und wir erfahren schon einmal vorsorglich, dass in Rouen Sonntags alle öffentlichen Toiletten geschlossen sind. Schwächelnden Blasen wird „das „Toilettieren“ im bequemen Bus empfohlen und von solchen auch in Anspruch genommen! In Rouen regne es fast jeden Tag, so hören wir! Deshalb nenne man die Stadt auch „den Nachttopf der Normandie!“ Wir haben Glück, es regnet nicht, die Sonne scheint, und wir können die wundervollen Architekturen, insbesondere die berühmte Kathedrale „Notre Dame“ mit ihrer prächtigen Fassade aus den verschiedenen Perioden der Gotik, die zu den schönsten Kathedralen Frankreichs zählt, bei bestem Licht in Muße betrachten und bewundern. Claude Monet hat zwischen 1892 und 1894 einen 33 Gemälde umfassenden Bilder-Zyklus dieses wundervollen Bauwerks aus dem Seine-Tal entstammenden Kalkstein und Feuerstein geschaffen. In seinem gewaltig hohen in Gotik gewölbten Inneren mit seinen Renaissance-Grabmälern leuchten die langgezogenen farbigen Glasfenster aus dem 13. - 15. Jahrhundert. Auch Richard Löwenherz, der wilde Sohn einer wilden Mutter, ist hier angeblich (?) beigesetzt. Bemerkenswert sind die Türme. Die eine riesige Turmspitze ist nämlich aus Gusseisen und wurde noch vor dem Eiffelturm errichtet. Ein spätgotisches Meisterwerk ist jedoch der „Tour de Beurre“, der Butterturm, den die reichen Bürger im Gegenzug für die päpstliche Erlaubnis bezahlten, während der Fastenzeit die gute normannische Butter genießen zu dürfen! Victor Hugo nannte Rouen die Stadt der 100 Kirchen. Nach einem Spaziergang durch Gassen der Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern, deren Balken zum Teil mit Ochsenblut eingefärbt wurden, bewundern wir weitere Kirchenfassaden im Flamboyantstil – der Stil der französischen Spätgotik – und gelangen schließlich zu einer modernen Kirche, die der Schutzheiligen Jeanne d’Arc gewidmet ist, von der man auch munkelt, sie sei eine „versteckte“ natürliche Schwester des damaligen französischen Königs, Karl VII, gewesen, dem sie bekanntlich 1429 zu seiner Krönung in Reims verhalf. (Somit wäre sie vielleicht auch eine Tochter der ob ihres wenig gottgefälligen Lebenswandels berühmt berüchtigten Königin Isabeau de Bavarière – Elisabeth von Bayern – gewesen, die ihrem schwachsinnigen Ehemann, König Karl VI, ohnehin und ohne weiteres 12 Kinder gebar). Später wurde Jeanne verraten, der König (ihr Bruder?) ließ sie fallen. An einer Stelle vor dem heutigen modernen Sakralbau, nämlich auf dem damaligen Marktplatz, wurde die „Jungfrau von Orleans“, die militante, fromme Jeanne, 1431 von den Engländern als Hexe und Häretikerin einen Tag nach dem Urteilsspruch auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Unverzüglich wurde ihre Asche in die Seine gestreut, damit das Volk keine Märtyrin aus ihr mache und zu ihrem Grab pilgere. Vergeblich! 1920 wurde die Jungfrau von Papst Benedikt XV sogar heilig gesprochen. Und heute? In einer bekannten Konditorei werden die „Tränen der Jeanne d’Arc“ feilgeboten, eine Spezialität von Rouen: Mandeln, überzogen mit Schokolade. Was die Architektur in der Normandie im 11. Jahrhundert angeht, so nahm selbst Wilhelm der Eroberer Steine und Architekten mit, als er nach England übersetzte, um 1066 die Angelsachsen in der Schlacht bei Hastings zu schlagen und sich schließlich zum englischen König krönen zu lassen. Rouen jedoch, das herrliche Rouen, mauserte sich zu einem wichtigen Hafen und prunkt heute auch mit einer sehenswerten modernen Brücke. Auf dem Weg zurück nach Honfleur folgen wir der Route des Abbayes, die sich am rechten Seine-Ufer, ihren Mäandern folgend, in Richtung Nordwesten durch Wiesen und an Abteien vorüber schlängelt, von denen aus seit dem 7. und 8. Jahrhundert das Christentum in der Normandie verbreitet wurde. Wir besuchen zunächst die Abtei St. Georges de Boscherville. Die Abteikirche aus dem 12. Jahrhundert, frisch laser-gestrahlt, beeindruckt den Besucher durch ihre Höhe und durch ihre Helligkeit. Sie ist die einzige Abteikirche in reinem romanisch-normannischen Stil. Entzückt sind wir auch von den in letzter Zeit nach Archiv-Plänen aus dem 17. Jahrhundert gestalteten Abteigärten. Ich persönlich genieße zudem die außerordentliche Stille, die mich an diesem den hektisch-lauten Strassen und Plätzen unserer modernen Welt abgewandten, nahezu spirituellen Ort umfängt... Unglaublich dann die ungeheuer hohen imposanten Ruinen von Jumièges, und dabei nur ein Rest eines der einstmals bis zu den Religionskriegen größten Klöster Frankreichs! Das Benediktiner-Kloster, reich, vornehm, wurde in der französischen Revolution, als man die bis dahin alles beherrschende Kirche und ihre reichen und oft prunkvoll auftretenden Angehörigen gnadenlos verfolgte, aufgelöst. Man vertrieb die Mönche und sprengte die ehrwürdige, mächtige Klosteranlage, die Frankreichs Creme de la Creme beherbergte, sofern sie in diese Gegend kam. Zurück blieben eindruckvolle riesig hohe Mauerreste mit romanischen Bögen und gähnenden Fensterhöhlen auf einem ausgedehnten Gelände, welche immer noch einen Eindruck von der ungeheuren Bedeutung und wohl auch dem fabelhaften Reichtum des alten Klosters vermitteln. Überhaupt hören wir auf unserer Fahrt durch die Normandie immer wieder von Zerstörungen von Kircheneigentum und Vertreibungen geistlicher Angehöriger während der großen Revolution. 1067, also ein Jahr nach seinem Sieg in England, kehrte Wilhelm der Eroberer hierher zurück, um an der Weihe von Notre Dame, der einen der beiden Kirchen des Klosters, teilzunehmen. Der Besuch einer kleinen, niedrigen, vollständig erhaltenen romanischen Kirche im nahegelegenen Örtchen St. Martin lässt die im Mittelalter empfundene Frömmigkeit der zu jener Zeit lebenden Menschen allerdings bestenfalls erahnen...... Schließlich noch eine kurze Visite in Saint-Wandrille, einem 649 gegründeten und noch heute mit Leben erfülltem Benediktinerkloster. Sowohl der gotische Kreuzgang als auch die aus dem 17./18. Jahrhundert stammende Klausur und das nördliche Querschiff der Abteikirche haben die Revolution überstanden. Zu sehen ist noch ein Stück ihrer Fassade im Flamboyant-Stil. Die modernen Mönche haben eine neue, einer Scheune nachempfundene, hölzerne Kirche errichtet – man muss sie mögen! Ich tue es nicht! Es finden sich natürlich nicht nur Kirchen und Abteien im Seine-Tal. Kleine Schlösser und schöne Herrenhäuser wurden hier ebenfalls errichtet. Allerdings gibt es immer noch Sumpfgebiete (und Schlangen!) im Tal, sodass der Baugrund rar ist und von „Überbauung“ längst nicht die Rede sein kann. Bis ihr Flussbett im 19. Jahrhundert vertieft wurde, trat die Seine sehr häufig über ihre Ufer. So leben verhältnismäßig wenige Menschen in dem Tal. Auf mich wirkt es daher recht gemütlich, um nicht zu sagen streckenweise idyllisch. Nur selten verbindet eine Brücke die einander gegenüberliegenden Ufer. Dafür verkehrt alle Nase lang eine mickrige, doch offensichtlich ausreichende Fähre. Eindrucksvoll ist allerdings die 1977 fertig gestellte Pont de Brotonne, eine Schrägseilbrücke, welche den Fluss hoch und elegant überspannt. Unter ihr gleiten sogar Hochseeschiffe hindurch und somit Seine-aufwärts. Rouen wird sogar von Kreuzfahrschiffen erreicht! (Die Tide wird hier übrigens noch immer 5 m hoch!) Dieses Wunderwerk moderner Brückenbaukunst lässt uns wieder auf die „Milchautobahn“ gelangen. Doch noch einmal ein kurzer Blick zurück in das 15. Jahrhundert, in die Zeit des 100 jährigen Krieges und der Jeanne d’Arc. Agnes Sorel, die uns mindestens seit der Schulzeit geläufig ist, als wir Schillers „Jungfrau von Orleans“ lasen, war übrigens die erste offizielle Geliebte eines französischen Königs! Und hatte natürlich ihre Feinde! Hier im Seine-Tal lebte sie in einem „Gemäuer“, das in meinen Augen zur Not als Schloss für eine Maitresse durchgehen könnte, und hier wurde sie auch vergiftet, kurz, bevor ihr viertes Kind geboren wurde. Ach, da gibt es noch weitere Celebritäten, die der Normandie verbunden waren, zeitweise hier lebten oder gar aus ihr stammten: Erwähnt wurde bereits Victor Hugo, der große Schriftsteller. Doch da sind noch Eugène Bodart, auch Raoul Dufy, Fernand Léger und Edith Piaf...... Die Scilly-Inseln, ein Archipel von mehr als 140 Inseln (davon 55 größere Eilande, von denen wiederum nur sechs bewohnt sind, und mehr als 90 Felsenriffe) liegen etwa 45 Km südwestlich von Land’s End im Atlantik nahe dem westlichen Eingang zum Ärmelkanal. Kein Wunder übrigens, dass ihre gefährlichen Küsten im Laufe der Zeit über 2000 Schiffs-Havarien verursacht haben! Die Inseln gehören zu Cornwall/England. Hier gedeihen unter dem Einfluss des warmen Golfstroms in einem sehr milden, konstanten, nahezu subtropischen Klima mit vielen Sonnentagen und einer Temperaturdifferenz zwischen Winter und Sommer von nur 9 Grad im Mittel zahlreiche subtropische Bäume und Pflanzen. Wir unternehmen einen Ausflug zu den berühmten Abbey-Gardens, einer überraschend bezaubernden ausgedehnten Parkanlage auf dem hügeligen Gelände einer ehemaligen Benediktiner-Abtei, nachdem wir uns von der auf Reede liegenden MS Athena auf die Insel Tresco haben übersetzen lassen. An Land angekommen, gilt es zunächst, auf einem Spaziergang durch eine einer eher freundlicheren Brise ausgesetzte und nahezu baumlose Heidelandschaft bis zum Eingang des botanischen Wunders – als ein solches sollte es sich dann auch herausstellen – zu gelangen. Dabei ziehen immer wieder einzelne wuchtige und wie von Riesen aufgetürmte Felsen quasi als Einsprengsel das Auge auf sich, wenn es sich denn nicht von Pflanzen und Brombeeren am Wegrand ablenken lässt. Die Abtei, errichtet 1144, wird nach dem 15. Jahrhundert kaum mehr urkundlich erwähnt. Wahrscheinlich wurde sie bereits vor der Reformation verlassen, da sie den ständigen Angriffen von Dieben und Piraten nichts entgegen zu setzen hatte. Im 19. Jahrhundert ließ der wohlhabende Kaufmann und Hobby-Botaniker Augustus Smith, der nach Jahrhunderte langem Auf und Ab und Hin und Her über eine lange Zeit Eigentümer der Scilly-Inseln war, die heute so berühmten Gärten anlegen. Die Samen und Pflanzen holte er sich damals aus den Kew Gardens (Botanischer Garten) in London. So gedeiht auf dieser „kahlen Insel im Wind“ in einer überraschend anmutigen, durch Hecken und Mauern vor der ständig wehenden Brise geschützten großen Parkanlage dank des milden Klimas eine botanische Pracht subtropischer Bäume und Pflanzen, und wir staunen über eine Fülle fremdartiger vielfarbiger Blüten aus allen subtropischen Breiten der Welt! Von den inzwischen zu enormer Größe herangewachsenen exotischen Bäumen abgesehen bin ich ganz besonders hingerissen von den afrikanischen „Königs-Proteen“ mit ihren Sonnen gleichenden sonnenblumen-großen Blüten, sowie von den zahlreichen anmutigen pinkfarbenen Amaryllen auf blattlosen, zarten, weinroten Stängeln. Letztere zieren in wahren Pulks, hin und wieder auch vereinzelt, die Ränder der schmalen kiesbestreuten Spazierwege. Am oberen Ende der Hauptachse befindet sich eine bunte Grotte aus den verschiedensten Muscheln, ein wahrer „Hingucker!“. An einer Führung nehmen wir nicht teil. Wir genießen die Schönheit dieser herrlichen Flora für uns allein. Dennoch komme ich nicht umhin, über einen älteren – alten? – englischen Führer zu schmunzeln, der sich, wie so viele ältere Engländer, eines Stocks als Gehstütze bediente, ein Anblick, der angesichts unseres potenteren deutschen Gesundheitssystems in Deutschland – noch? – höchst selten ist! Ein kurzer Blick auf eine Sammlung gut erhaltener Gallionsfiguren.....und wir schlendern – windumweht! – zurück zum Boot. Durch eine steuerbordseits von der Morgensonne beschienene vorgelagerte Festung gestaltet sich die lange Einfahrt in den bretonischen Hafen Lorient geradezu bilderbuchmäßig spektakulär. Sein ursprüngliche Name war übrigens „L’Orient“, denn er war der Heimathafen der französischen Ostindien-Kompanie („Compagnie des Indes“, einer Handelsgesellschaft des 17./18. Jahrhunderts.) Von Anfang an war die Hafenstadt Mittelpunkt eines ausgedehnten Handelsgeflechts – in gewisser Weise schon damals eine „Globalisierung en miniature“, doch durchaus eine „Europäisierung“, was die Handelsbeziehungen anging! In L’Orient legten die Schiffe ab, um von den Maskarenen, aus Indien oder China und aus dem Orient mit den begehrten Gütern, wie Gold, Seide und Gewürzen, heimzukehren. Unter Napoleon wurde Lorient zum Kriegshafen, und er blieb es, als die deutsche Wehrmacht am 25. Juni 1940 dieses man muss schon sagen kuschelige Versteck übernahm. Die Deutschen errichteten hier die eindrucksvollen unzerstörbaren U-Boot-Bunker mit einer Mauerdicke von zwei bis sieben Metern (was mich sogleich an die Mauer-Dicke der Wolfsschanze in Ostpreußen erinnert), in denen ein Teil des „Dönitz-Rudels“ (benannt nach Admiral Dönitz, dem Hitler-Nachfolger) stationiert war, um von dort aus im Atlantik zu operieren. 168 Boote fanden hier auf der damals größten U-Boot-Basis der Welt Unterschlupf und Wartung! Man spricht auch von der größten Festung des 20. Jahrhunderts! Die flachen Dächer der Bunker sind mit einem dicken, dichten Fanggitter aus Beton belegt, welches die von den Alliierten abgeworfenen Bomben sofort zur Explosion brachte, bevor sie jene durchschlagen und die U-Boote beschädigen konnten. Die Folge war eine fast völlige Zerstörung der Stadt durch die Alliierten (1943). Wir erhalten Gelegenheit, diese ausgedehnten düster-grauen trutzigen Überbleibsel aus dem schrecklichen 2.Weltkrieg zu Gesicht zu bekommen. Lorient wurde erst am 10. Mai 1945, also zwei Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, an die Siegermächte übergeben. Die Stadt selbst, die wir nicht besuchen, gehört nach ihrer Zerbombung – ebenso wie Le Havre – nach ihrem Wiederaufbau zu den modernen und – vielleicht? – architektonisch eher langweiligen Städten Frankreichs. Im Zuge der Völkerwanderung gelangten im 5. Jahrhundert Briten, die sich vor den Angeln, Sachsen und Jüten auf der Flucht befanden, über den Kanal in die Bretagne. Sie brachten das Christentum mit, und außerdem sprachen sie keltisch, was von Vorteil war. Hatte doch während der über Jahrhunderte andauernden römischen Besatzungszeit in Gallien kein römischer Soldat den Fuß in die heutige Bretagne gesetzt und die Sprache der „Einheimischen“ durch ein „eingeschlepptes vulgäres Latein“ verhunzt. Immerhin siedelten seit dem 6. Jahrhundert vor Christus Kelten in diesem westlichsten Landstrich Europas, so weit man weiß. Heute wird hier wieder bretonisch gesprochen, ein Inselkeltisch und dem Gälischen nah verwandt – eine Sprache, bei der, im Gegensatz zum Französischen und Englischen, Aussprache und Schrift übereinstimmen. (nebenbei: die Gälisch-Sprechenden in Großbritannien/Cornwall und Frankreich streben die Zulassung ihres Idioms als EU-Sprache an!!!) Verboten war das Bretonisch seit der Annexion der Bretagne an Frankreich (1532), und Übertretungen wurden mit drakonischen Maßnahmen geahndet. Erol-Friedhelm, unser bretonischer Reiseführer, ein Deutsch-Bretone mit Köll’schem Zungenschlag und rheinischem Mutterwitz, dessen Mutter ihn nach ihrem Film-Idol, dem Leinwand-Korsaren Erol Flynn, benannt hat, erzählt uns, dass noch seine Großmutter väterlicherseits von ihrem Lehrer vertrimmt wurde, als sie es wagte, in der Schule bretonisch zu plappern. Das hat sich heute sehr geändert. Seit den 40iger Jahren des vorigen Jahrhunderts wird die Sprache geduldet, und in den 70igern wurde sie als Lerninhalt in der Schule frei gegeben. In der Bretagne ist die erste Fremdsprache also französisch. Es gibt Unabhängigkeitsbestrebungen, denen man zwischenzeitlich auch mittels vereinzelter Bombenattentate Nachdruck zu verleihen suchte, und bretonisch spricht hier jeder Bretone. Auch im Mittelalter, als die Bretagne ein selbständiges Herzogtum war, hat dieses stets versucht, auf seiner Eigenständigkeit zu beharren. Noch Anna von Bretagne (bretonisch Anna Breizh - 1477-1514), begehrte Erbin des Herzogtums, hat in ihren drei Ehen diese Unabhängigkeit durch entsprechende Eheverträge und Testamente zu wahren gesucht. Mit zwei französischen Königen war diese ausgesprochen gute Partie verheiratet (die erste Ehe mit dem deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. bestand nur auf dem Papier, und die Braut hat den Bräutigam nie zu Gesicht bekommen). In diesen beiden „französischen“ Ehen wurden 13 Kinder geboren, wovon nur drei das Erwachsenen-Alter erreichten!!! Annas Tochter Claude aus ihrer dritten Ehe, die den französischen König Franz I. heiratete, gelang es nicht, die Eigenständigkeit des Herzogtums rechtlich festzulegen. Der für sie wahrscheinlich nicht ganz zu durchschauende Ehevertrag bewirkte, dass die Bretagne 1532 endgültig zu Frankreich geschlagen wurde. Die Prinzessin hat sich, laut Erol-Friedhelm, ganz einfach über den Tisch ziehen lassen. Es verwundert nicht, dass die Seefahrt den Bretonen im Blut lag und viele von ihnen in Frankreichs Marine und in der Handels- und Fischerei-Flotte dienten! Aussehen und Flair eines filmreifen Korsaren strahlt auch Erol-Friedhelm aus! Geradezu ein Abbild des Schwarms seiner Mutter! Mit Erol-Friedhelm unternehmen wir zunächst eine Busfahrt nach Norden und erfahren zu unserer Überraschung, dass die Bretagne ein von der Sonne verwöhntes Land ist. Sie kann immerhin mit mehr Sonnentagen im Jahr aufwarten, als die Cote d’Azur, ja, der Süden überhaupt. Immerhin verbringen viele Franzosen ihre Ferien in den malerischen Orten an der spektakulären, abwechslungsreichen bretonischen Küste, von der wir allerdings nicht viel zu sehen bekamen. Unsere kleine Bus-Reise führt durch eine von Gezeitenflüssen durchfurchte Landschaft. Da das Meer im Wechsel der Tiden in die Flussläufe hineindrückte, entstanden im Laufe der Jahrmillionen (?) Canons und enge Täler. Demzufolge war auch die städtische Bebauung stets eine enge und führte, der Brandgefahr wegen, zum Verzicht auf Fachwerk, das bekanntlich wie Zunder brennt, wenn es denn brennt, und zur schnellen Ausbreitung des Feuers führt. Die Bretonen errichteten daher ihre Häuser bis in das 19. Jahrhundert hinein aus Granit. Ihre Giebel zeigen stets gegen den Wind. Alle klassischen bretonischen Häuser sind mit zwei Kaminen bestückt: im Westen ragt der Heizkamin auf, in den der Westwind hereinfegt und das Feuer anfacht. Den Ostkamin braucht man zum Kochen. Alle Holzteile des Hauses sind blau angemalt: Fensterumrahmungen, Türstöcke, überhaupt, alles, was am Haus aus Holz gefertigt ist. Warum? Weil die Fischer immer wussten, dass Sardinen, Thunfisch und Makrelen die blaue Farbe nicht erkennen können. Also wurde der Kiel der Fischerboote stets blau angemalt, um die Fische hinsichtlich der auf sie lauernden Gefahr sozusagen „hinter’s Blau-Licht zu führen“. Und was an blauer Farbe übrig blieb, das verwendete man eben für das Haus. Heute ist die Fischerei unter den jungen Leuten nicht mehr attraktiv, klärt uns Erol-Friedhelm auf. Fisch gäbe es zwar genug, aber nicht mehr genügend Fischer! Der Grund? Man bleibe zu lange auf See (und von der Freundin getrennt?!) Da gäbe es zunächst die kleine Küstenfischerei. Betreibe man diese, so sei man stets sechs Stunden auf See –na das ginge ja noch! Bei der großen Küstenfischerei seien es schon mal sechs Tage. Auch noch machbar, finde ich. Bei der Hochseefischerei, auf der man Jagd auf Thunfisch mache, seien es allerdings sechs Monate, ein halbes Jahr also! Für junge Männer sicher eine ernsthaft zu erwägende Non-Unternehmung! In dem alten, wirklich engen Fischerstädtchen Concarnaeu mit seinen recht schmalbrüstigen zweistöckigen Häuschen, einer sehr alten Siedlung, bewacht von einer mittelalterlichen alten Festung, welche die Fischer stets erfolgreich vor Angriffen unbotmäßiger Räuber zu Land und zur See schützte, erzählt uns Erol-Friedhelm von dem harten Leben der Fischerfamilien früherer Zeiten. Nie hatten die großen Familien mit ihren zahlreichen Kindern gleichzeitig in dem engen Wohnraum dieser engen Häuser Platz. Immer gab es irgendwelche aushäusig arbeitende Familienmitglieder. Ein hartes Leben! Das Städtchen mit seinen blau umrandeten Fensterstöcken macht auch tatsächlich nicht viel her und man beglückwünscht insgeheim die jetzige Generation, dass sie in einer besseren Zeit leben darf, worauf die moderne und ausgedehnte Neustadt hinweist. Pont-Aven! In der Bretagne gibt es wohl keinen anderen Ort, dessen Name in der Kunstgeschichte so viele Erinnerungen wach ruft, und der vor etwa 100 Jahren mit einer in der Malerei so neuen und gewagten Darstellung von Landschaft und Menschen von sich reden machte. Die Künstlerkolonie von Pont-Aven! Ein nur kurz währendes Aufleuchten in der europäischen Kunst in einer abgelegenen Gegend! Während ich durch das zwar idyllische aber eigentlich nichtssagende Städtchen mit den blau umrandeten Fenster- und Türstöcken seiner niedrigen granitenen Häuser wandere, dessen Name von einer über den Aven führenden steinernen Brücke herrührt, rufe ich mir die Bilder einer Ausstellung der damals hier arbeitenden Künstler in Erinnerung, die ich vor Jahren in München sah, und deren berühmtester unter ihnen Paul Gauguin war. Unvergesslich sind mir die flächig und in gedämpften Farben gemalten Bretoninnen, wie sie immer wieder in ihren Trachten mit den gebauschten Röcken und den eng anliegenden geflügelten Hauben, die spitz zulaufenden Holpantinen an den Füßen, in einer schwermütig wirkenden Landschaft dargestellt wurden! Damals vermochten sie mir eine Stimmung zu vermittelten, die ich bei dem Besuch des Örtchens nicht mehr empfand. Die Künstler von Pont-Aven waren nicht allein vom Tal des Flüsschens fasziniert: man lebte dort auch ausgesprochen billig! Die vielen Sonnentage nicht zu vergessen! Und die Natur ist überall wunderschön, finde ich. Doch „das Paradies ist nirgendwo...“, auch nicht in der Südsee, wo es Paul Gauguin nach seinem Aufenthalt in Pont-Aven zu finden hoffte – vergeblich, wie wir wissen! ....Es sei denn, man trägt es in sich. Die Gironde ist der riesige Mündungstrichter (Ästuar), den die beiden Flüsse Dordogne und Garonne 15 Km flussabwärts von Bordeaux bilden, und der auf einer Strecke von 75 Km schließlich eine Breite von 15 Km erreicht, bevor sich seine Wasser in den Atlantik ergießen. Ein riesiges Delta also und das größte in Europa! Hier gibt es reichlich Aale und noch bis 1985 durfte hier der Stör gefischt werden. Der bekannte Kaviar d’Aquitaine stammt jedoch heutzutage aus der Zucht. Im Südwesten und unmittelbar an die Gironde anschließend liegt das berühmte Weinbaugebiet Médoc, das seine in aller Welt bekannten Spitzenweine einem Boden aus Schotter und Kies verdankt. (sogenannter Eiszeitboden) Die eng gesetzten Rebstöcke werden von den Weinbauern kurz gehalten, damit ihre Wurzeln umso länger wachsen und in einer Tiefe bis zu sieben Metern Wasser und die wertvollen Mineralien aufnehmen können, die in den Sedimenten gespeichert sind. Wenn wir während unserer Fahrt nach Bordeaux mehr als ausführlich über die Kultivierung des Weines unterrichtet werden, so möchte ich als Quintessenz dieses Vortrags festhalten: Beim Weinbau ist der Boden ist das Allerwichtigste und steht im Ranking ganz oben. Dann erst folgt der Rebstock, die Rebenart also, und erst ganz am Ende steht die Pflege des Weines durch den Kellermeister. Auf unserem Weg nach Bordeaux durchfahren wir diese von der Natur so gesegnete Weinlandschaft und vernehmen schaudernd die Preise von einigen Spitzenweinen, die Tausende von EURO pro Flasche wert sind! Die der Familie Rotschild inbegriffen. Die Hafenstadt Bordeaux, an einer Flussbiegung der Garonne gelegen (der Tidehub beträgt hier, 90 Km vom Atlantik entfernt, noch 4 – 5 m!), ist seit 1987 kein Hafen mehr. Als eine reiche und prächtige Stadt priesen antike römische Reiseschriftsteller die von den Römern auf einer keltischen Siedlung errichtete „Metropole“ im Südwesten Frankreichs, die sie Burdigala tauften und die späterhin im Zuge der Völkerwanderung von Westgoten, Franken, Arabern und Normannen bestürmt wurde. Sie wurde zum Mittelpunkt des Herzogtums Aquitanien. (so nannte schon Caesar diese Gegend in seinen Aufzeichnungen „de bello gallico“) und war zeitweise dem englischen Königreich zugehörig, das unter Heinrich II von England (Plantagenet) und seiner Gemahlin, Eleonore von Aquitanien (Aliénor, 1122-1204) die riesige Ausdehnung von Schottland bis zu den Pyrenäen umfasste. Überhaupt Eleonore! Sie war eine Frau, die in der Geschichte wahrhaft von sich reden machte, und eine der mächtigsten des Mittelalters obendrein! Mit 15 Jahren heiratete sie den französischen Thronfolger, den man erst aus dem Kloster holen musste, um die für ihn überraschende Thronfolge antreten zu können, und wurde so Königin von Frankreich. Die Trauung fand in der Kathedrale St-André in Bordeaux statt, das einzige Bauwerk gotischen Baustils, das wir in dieser lichtdurchfluteten, hellen, hinreißenden Innenstadt auf unseren Spaziergängen, leider nur kurz, besichtigen konnten (ein höchst strenger Messner warf uns unerbittlich Punkt 12 Uhr hinaus!). Zwei dynastisch uninteressante Töchter gebar Aliénor dem bigotten König, und auf seinen strapaziösen Kreuzzug begleitete sie ihn obendrein, wobei sie ihre Umgebung wohl durch zu leichte Kleidung auf das Höchste brüskierte und ihren Gemahl damit wahrscheinlich schwer beleidigte! Geht doch die Fama, sie sei nackt durch Jerusalem geritten! Was ich nicht ganz glauben kann! Der König seinerseits war und blieb ihr, der man viele Liebhaber nachsagte (?), zu langweilig, sodass sie die Annullierung der Ehe betrieb, was in diesen Kreisen aufgrund verzwickter enger Verwandtschaftsgrade meist keine ernsthaften Schwierigkeiten machte. Stehenden Fußes heiratete sie den lebenslustigen normannischen Herzog Heinrich Plantagenet, der weitaus besser zu ihr passte, was jedoch dem mönchisch-frommen französischen König verständlicherweise, allein schon aus politischen Gründen, ein Dorn im Auge war. Dann wurde der 1154 auch noch englischer König (Heinrich II), bekam von seiner Frau sogar mehrere Söhne, darunter zwei spätere Könige (u.a. Richard Löwenherz, den späteren König Richard III, der bekanntlich nach einem Kreuzzug in österreichische Gefangenschaft geriet, und den seine Mutter mit einer ungeheuren Summe auslösen musste, sowie Johann Ohneland,). Später unterstützte Aliénor ihre Söhne, die nach dem väterlichen Thron strebten, vielleicht, weil sie auf den König, ihren Gemahl, sauer war, der sich nach 14 jähriger Ehe der „schönen Rosamunde“ zugewandt hatte. Der sperrte sie daraufhin ein, internierte sie 16 Jahre lang, die längste Zeit auf der Insel Oléon, einem wenig anziehenden atlantischen Eiland in der Nähe des Golfs von Biskaya. Nach dem Tod des Königs wurde Aliénor Regentin von England und führte die Regierungsgeschäfte für ihren sich im Orient und in der Gefangenschaft aufhaltenden Sohn Richard Löwenherz. Mit 82 Jahren, in einem für diese Zeit wahrhaft biblischen Alter, verstarb diese vitale Frau im Kloster Fontevraud (unteres Loire-Tal). Reich (?) und prächtig – und dies vor allem – ist das ehemalige Burdigala, das heutige Bordeaux, seit 1964 Münchens Partnerstadt, wahrhaftig! In jenem Jahr handelten Bordeaux’s Bürgermeister Jaques Chaban-Delmas, der später ein Ministeramt bekleidete (ebenso wie einer seiner Amtskollegen, dessen Name mir entfallen ist) und Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel diese Partnerschaft aus.( Bekanntlich wurde auch der Münchner später Minister in einem Bonner Kabinett). Schon die großzügig elegante Promenade, die am linken Ufer der Garonne entlang führt, und zu der hin sich die Place de la Bourse öffnet – Bordeaux’s schönster Platz mit seinen harmonischen Häuserfassaden aus dem 18.Jahrhundert – lässt den Betrachter erst einmal Luft holen! Nicht minder beeindruckend ist die Pont de Pierre mit ihren zahlreichen Rundpfeilern aus rotem und gelben Stein, das Wahrzeichen der Stadt, und bis 1965 die einzige Brücke über den breiten Fluss! Doch erst der Spaziergang durch die Innenstadt ist – für mich jedenfalls – atemberaubend: Alle Strassen, Sträßchen und Plätze werden ausschließlich von ockerfarbenen mehrstöckigen reich verzierten Häusern und Palästen im klassizistischen Stil des Louis Seize, eingerahmt, geschmückt und zeigen sich in ihrer vollen Schönheit im südlich-warmen Herbstlicht! (in einem dieser Häuser verbrachte Francisco Goya seine letzten Lebensjahre, nachdem er aus Spanien hatte fliehen müssen. Paris als Ort seines Exils lehnte er ab, weil es ihm dort zu kalt war!) Fast neckisch wirken die überall an den Fassaden angefügten kleinen, schwarzen Balkone mit ihren diskret geschwungenen Brüstungen! Und, schaut man genauer hin, so entdeckt man die vielen zu steinernen Menschenköpfen gebildeten Schlusssteine über den zahlreichen Arkaden! Der architektonisch in sich harmonischste Platz ist wohl der kleine Place du Parlament. Er soll der schönste Platz Frankreichs sein! Da ist keinerlei Blumenschmuck an den Häusern! Das Bordeaux des 18. Jahrhunderts ist eine reine Fassadenstadt! Hier wirkt ausschließlich die Architektur! A propos 18. Jahrhundert: Der Stadtrundgang beginnt an der Esplanade des Quinconces, an der ein Monument an die 1793 hingerichteten Girondisten erinnert. Auf einem mächtigen gegliederten Quader, um den sich allegorische Figuren gruppieren, strebt eine 43 m hohe kannelierte Säule gen Himmel, die auf ihrer Plattform eine 11 m hohe schlanke, geflügelte Frauenfigur trägt, die triumphierend eine Kette zerreist: „La Republique triomphante!“ Vor dem Monument versinnbildlichen in einem aufwendigen Brunnen wassersprühende Menschen- und Pferdefiguren in lebhaften Posen wohl die Ziele der Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Denke ich. Wer waren die Girondisten? Diese Männer, die zumeist aus der Gironde, der Gegend um Bordeaux also, die meisten aber aus der Stadt selbst, stammten, waren während der französischen Revolution Mitglieder einer Gruppe von Abgeordneten, die vorübergehend vom König mit der Regierung beauftragt wurden. Noch vor der Hinrichtung des Königs, die nach dem Aufstand der Sansculotten und auf deren Betreiben hin, stattfand, trennten sie sich von den Jakobinern und fielen schließlich selbst dem Pöbel zum Opfer, der sie köpfen ließ. Die elegante Rue de Catherine, welche die Innenstadt durchquert, ist übrigens die längste Fußgängerzone Frankreichs! Und die Place de la Comédie an Stelle des einstigen römischen Forums ist ein wunderbarer Treffpunkt, ein Platz zum Ausruhen! Überragt wird er von dem Grand Théatre, einem der schönsten des Landes und ein Juwel der Architektur des 18. Jahrhunderts mit seiner klassizistischen Säulenfront. Der majestätische doppelte Treppenaufgang, von dem ich nur den Hauch eines Schemens erhaschen konnte, als ich einen verstohlenen Blick in das Vestibül warf, sowie die Kuppel dienten als Vorbild für die Pariser Opéra. Gegenüber hat ein hochfeudales Hotel in einem klassizistischen „Palast“ Unterschlupf gefunden, ein Grund also, angesichts der Schönheit dieses Ensembles in einem benachbarten Straßen-Café einen Cappuccino zu schlürfen! Für 4,50 EURO! (in Rouen kostete er noch, läppische 3,50 EURO) Doch außergewöhnliche und unwiederbringliche Situationen haben ihren Preis, wie eine Mit-Kreuzfahrerin trocken bemerkte. Und Recht hatte sie! Wie zu erfahren, war Bordeaux schon immer eine Terre d’Asyl. So fanden hier auch viele Juden ihre Heimat, die in einer so berühmten Hafenstadt zumeist ihr gutes geschäftliches Auskommen hatten, so wie viele weitere europäische Ausländer auch. Im Geschäftsleben, wo es um andere „Werte“ geht, steht Fremdenhass bekanntlich hintan, ebenso wie in Kunst und Wissenschaft! An reichlich Kopftücher oder dunkle Hautfarben kann ich mich allerdings nicht erinnern. Die Menschen aus den ehemaligen Kolonien leben sicherlich in anderen Stadtvierteln, denke ich. Bordeaux fungierte übrigens in den letzten beiden Jahrhunderten dreimal vorübergehend als Frankreichs Hauptstadt: Im Krieg 1870/71, im ersten und im zweiten Weltkrieg. Als sich die Deutschen im 2. Weltkrieg schließlich doch hier festsetzten, errichteten sie unverzüglich neue U-Boot-Bunker in der bewährten und oben beschriebenen Bauweise. Allerdings fanden hier nur 19 U-Boote des Dönitz-Rudels ihr Versteck – vielleicht reichte die Zeit nicht aus, um sich entsprechend zu vergrößern, oder man besaß einfach nicht mehr von diesen unheimlichen Unterwasser-Fahrzeugen. Heute werden in Bordeaux alle Kampfflugzeuge der französischen Luftwaffe gebaut. Schon Caesar war aufgefallen, dass sich die Bewohner des südlichen Aquitanien untereinander in einem Idiom verständigten, das mit der im übrigen Gallien verbreiteten keltischen Sprache keinerlei Ähnlichkeit hatte. Man nimmt heute an, dass das damalige „Süd-Aquitanische“ dem heutigen Baskischen verwandt war. (Heutiges französisches Baskenland). Nach Durchquerung des Golfs von Biscaya, der sich zu unserer Überraschung von seiner charmantesten Seite zeigte, nämlich als ein ruhiges und durchaus nicht aufgewühltes Gewässer, als das er eigentlich bekannt ist, befinden wir uns im klassischen – spanischen – Baskenland. Und im Land der ETA! Das Baskische, so hören wir hier, sei die älteste Sprache Europas, älter also als keltisch, und stamme vielleicht aus der Ukraine (das wäre allerdings die allernächste Nachbarschaft!!!) Bilbaos Hochseehafen Gescht sei die teuerste Schlafstadt von ganz Spanien, so höre wir. („Jeder Ort habe halt so seine Superlative!“) Hier bezahle man ohne Weiteres 6000 – 12000 EURO für den Quadratmeter Wohnraum. (In Spanien wohnt man vorwiegend im Wohneigentum, Mietwohnungen machen nur 10% des gesamten Wohnkontingents aus). Allerdings werde hier gut verdient. Die Basken seien bekannt für ihren Fleiß und ihre Pünktlichkeit (und ihre Dickköpfigkeit!). So herrsche zwar in Spanien eine allgemeine Arbeitslosigkeit von 20%. Nicht so im Baskenland, denn hier betrage sie 0%, und die Renten seien für die nächsten 25 Jahre gesichert (!!!). Von solchen Zahlen kann man in Deutschland nur noch träumen! Wenn sie denn stimmen! Auf dem Weg in die Metropole fahren wir mit dem Bus an großartigen, hochherrschaftlichen Villen im viktorianischen Stil vorbei. Von einer Anhöhe aus betrachten wir das in bewaldeten Hügel eingebettete Bilbao (baskisch Bilbo, auch Otscho), in welcher sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts Industrie, Banken und eine ganze Reihe von ausländischen Ingenieuren, Bankern und Geschäftsleuten (vorwiegend Engländer aufgrund des bedeutsamen Stahlhandels mit England, aber auch viele Deutsche) angesiedelt haben. Im Gegensatz zu dem lichten, hellen, strahlenden Bordeaux präsentiert sich „Bilbo“ als eine schwermütige und zur Morgenstunde noch eingenebelte Stadtanlage in abweisendem Braun(!). So nebenher erfahren wir hier oben, dass in dieser uncharmanten und eher herben Stadt die besten Köche der Welt, die Könige des Gaumenkitzels, ausgebildet werden, und dass die baskische Küche im Michelin-Führer im Ranking an erster Stelle stehe! Am besten äße man überhaupt in San Sebastián. Das ist mir allerdings neu! Auch die besten Tappas gäbe es in Bilbao und San Sebastián. Tappa, so lernen wir bei dieser Gelegenheit, bedeute „Deckel“. Die Bauern, die das Essen mit auf das Feld nahmen, hielten die Gefäße mit einem Deckel bedeckt, damit keine Insekten hinein kämen. Davon leite sich der Name der kleinen Köstlichkeiten ab, die man zu einem Glas Wein – oder mehreren! – genießt. Im Laufe der Jahrzehnte des 19. und 20. Jahrhunderts wurde „Bilbo“ durch die inzwischen angesiedelte Schwerindustrie (Stahlproduktion) zur am stärksten verschmutzten Stadt Spaniens. Unser Stadtführer, ein angegrauter Deutscher, hat als junger Mensch noch die Zeit erlebt, als man täglich auf dem Balkon einen veritablen Haufen Ruß zusammenfegen musste, bevor man ihn betreten geschweige denn benutzten konnte. Das erinnert mich sofort an meine Assistentenzeit im Ruhrgebiet in den frühen 60igern, wo es damals nicht anders war. Faszinierend, wenn man sich vorstellt, welche Mengen an Schmutz und Ruß unter derartigen Umweltbedingungen im Laufe der Jahre eingeatmet werden, und was Atmungsorgane von Mensch und Tier auszuhalten vermögen! Dennoch verwundert es nicht, dass es in dieser hoch industrialisierten Stadt in den Sommern durch Smog und feuchte Hitze viele Tote gab. In den 80igern konnten die Stadtväter schließlich nicht umhin, mit einem Sanierungsprogramm zu beginnen. Doch Hochöfen gab es in Bilbao bis 1990. Nach dem Rückgang der Stahlproduktion in den 70igern galt es ohnehin, sich eine „neue Masche“ zu überlegen, um der Stadt vor ihrem Niedergang zu retten. Die Universität wurde erweitert, man zog enge Beziehungen zwischen ihr und Wirtschaftsunternehmen in Erwägung. Doch der echte Knüller war letztendlich der Bau des Guggenheim-Museums, das 1997 eröffnet wurde, und das sich durch die zahlreichen Besucherscharen, die oft sogar mittels eines Billigflugs für Stunden nach Bilbao kommen, um das Museum zu besuchen, längst amortisiert und auch reichlich Geld in die Stadtkasse gespült hat. Der „Guggenheim-Effekt“ versetzte die hoffnungslos vor sich hinrostende Industriedeponie geradezu in einen prosperierenden Taumel und riss das ganze Land mit. „Bilbo“ ist inzwischen sein Image einer hässlichen, grauen, schmutzigen, gesichtslosen Stadt endgültig los! Und die sommerliche Todesrate ist deutlich zurück gegangen! Als Industrie-Denkmal findet sich lediglich noch eine einsame Esse auf einem kleinen Rasenrondell. Während unserer Stadtbesichtigung folgen wir einer eleganten Avenida, an der sich zu beiden Seiten monumentale Paläste aus dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in eklektischen Stilrichtungen aneinander reihen, die sich jedoch vorwiegend an denen des viktorianischen Zeitalters orientieren. Sie zeugen von dem ungeheuren Reichtum ihrer (auch ehemaligen) Besitzer, heute Banken, zum Beispiel! Zu einem Spaziergang durch die Altstadt mit ihren engen Siete Calles (sieben Straßen) und einem Besuch der spätgotischen Kathedrale Santiago reicht die Zeit leider nicht. Hingegen verweilen wir lange vor der dem Rio Bilbao zugewandten Seite des geradezu monumentalen hellgrau schimmernden Bau des Guggenheimmuseums, das zunächst an ein geriffeltes Schiff, – naheliegend – erinnert. Weit gefehlt! Der berühmte kanadische Architekt Frank O. Gehry ließ sich nämlich bei seinem Entwurf von dem in seiner Kindheit in der Badewanne seiner Oma schwimmenden Sylvester-Karpfen inspirieren, wobei die gegeneinander kühn abgesetzten und verschobenen Geschosse und Architektur-Einheiten aus mit Titan überzogenem Kalkstein und Glas wohl an die Schuppen des Todskandidaten erinnern sollen. Auf dieser Seite überrascht ein (stündlich?) entstehender dichter Wasserdampf, der sich über mehrere Minuten über zwei hintereinander angeordnete rechteckige, langweilige Wasserbecken ohne bemerkenswerte Einfassung zusammenballt und über sie in den verschiedensten sich ständig ändernden Formen einem Mummenschanz skelettloser Gespenster ähnelnd quasi über sie hin tanzt, dahin gleitet, um ganz plötzlich wieder zu verschwinden. Event-Kunst also! Für mich persönlich weitaus bemerkenswerter ist allerdings eine über 3 Meter hohe (geschätzt, eher höher) riesige Spinne aus Bronze, in deren durchsichtigem Hinterleib ein ganzer Haufen von Eiern „dahin reift und sozusagen der Ablage harrt“. Ein so wunderschönes, in sich harmonisches und dabei absolut naturalistisch dargestelltes mächtiges Tier! Selbst für mich, der ich, ein Tierfreund zwar, keine emotionale Beziehung zu Insekten habe! Zwischen seinen grazilen, eleganten Beinen spazieren die Menschen wie durch einen kleinen, hohen und dabei weiträumigen Säulenwald. Mit der Schaffung dieser eleganten Großplastik hat die französische Künstlerin, eine schon ältere Dame, laut unserem Stadtführer ihr geknicktes Verhältnis zu ihrer Mutter darstellen wollen. Ich musste mich von dem Anblick dieses Kunstwerks regelrecht losreißen. Zu einem Besuch des Museums konnte ich mich – der dort ausgestellten Exponate wegen – nicht entschließen, obgleich es mir später leid tat, keinen Blick in das Innere dieses so außergewöhnlichen Museumsbaus getan zu haben. Selbst das Vestibül blieb mir verschlossen – leider! Es hätte sich sicherlich gelohnt! So blieb mir nur noch die äußere Betrachtung dieser aufregenden Architektur auch von der Eingangsseite aus. Und hier fühlt man sich wiederum an einen gefüllten silbrig schimmernden Blütenkelch erinnert. Die derzeit modernste U-Bahn stammt von Sir Norman Foster, dem in unseren Tagen berühmtesten Architekten Englands, dem wir in Deutschland neben anderen Bauwerken die Reichstagskuppel in Berlin verdanken. Die röhrenförmigen Eingänge nennen die Einwohner „Fosteritos“. Sie mache der weltberühmten Moskauer U-Bahn, einst Väterchen Stalins ganzer Stolz, ernsthafte Konkurrenz, so unser Stadtführer. Unter Franco wurde – nebenbei bemerkt – außer dem Wahlrecht für Frauen auch die Luxus-Steuer eingeführt. So wird beim Erwerb eines Kraftwagens zu der 18%igen Mehrwertsteuer das Nummernschild zusätzlich mit 18% besteuert! Ein solcher finanzieller Zugriff von Staatswegen würde bei uns in Deutschland, glaube ich, zu einem Aufschrei führen! Zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges Mitte der 30iger Jahre hielt das Baskenland treu zur Republik, was das verheerende Bombardement der Stadt Guernica durch die Deutschen zur Folge hatte. (Legion Condor!) Bekanntlich wurde diese dem Erdboden gemacht, doch sie lebt bis heute durch Pablo Picassos berühmtes Gemälde im Gedächtnis der Menschen fort. Als die dickköpfigen separatistischen Basken schließlich doch unter das Regime des Caudillo gerieten, führte dies 1959 zur Gründung der ETA (Euzkadi Ta Azkatasuna – was für eine Sprache!), was „Das Baskenland und seine Freiheit“ heißt. Die ETA, so, wie wir sie aus den Medien kennen, ist der bewaffnete Arm einer links-nationalistischen Partei, die derzeit, wie die Linken in Europa überhaupt, an Mitgliederschwund leidet und kaum noch einen Rückhalt in der fleißigen und zu Wohlstand gekommenen Bevölkerung findet. Wobei die Basken mittlerweile durchaus eine gewisse Autonomie genießen! Die bewaffnete ETA umfasse heute nur noch 120 Leute, so hören wir, und eigentlich bringen diese sich nur noch durch „harmlosere, ungefährliche Mini-Explosionen“ in Erinnerung und machen durch sie, nach Aussagen unseres Stadtführers, „lediglich noch PR“! Dieser hatte seine Schulzeit vorwiegend in einer baskischen Pflegefamilie verbracht, da es offensichtlich in der Umgebung seiner Eltern, die hinter der spanisch-französischen Grenze wohnten, und die er nur an den Wochenenden und in den Ferien sah, keine entsprechende weiterbildende Schule für ihn gab. Sein Pflegeeltern waren damals stramme Kommunisten. Dennoch fiel ihm fast der Hörer aus der Hand, als er als 15 Jähriger eines Tages den Telefonhörer abhob und eine männliche Stimme sich mit „Hier ist das Killerkommando der ETA! Ist Senor....zu sprechen?“ meldete! Das war noch zu Zeiten, als diese Kommandos Angst und Schrecken verbreiteten! Und sich ein unbedarfter deutscher Junge jäh in den Bannkreis professioneller nationalistischer Killer versetzt sah! Dieses Erlebnis hat unseren Führer allerdings nicht davon abgehalten, sich später mit einer Baskin ehelich zu verbinden, mit ihr eine Familie zu gründen und für immer in Bilbao zu bleiben ....... und es zu lieben! Heute gäbe es, seinen Aussagen zufolge, praktisch keine Killerkommandos mehr! Selbstverständlich kann „Bilbo“ noch mit weiteren Sehenswürdigkeiten aufwarten – Museen zum Beispiel, auch Brücken, Parks. Doch trotz allen Aufschwungs, trotz aller hinzu gekommenen Verschönerungen, trotz aller Modernität vermisse ich das Quirlige, den Trubel und die Schnelllebigkeit einer modernen Stadt. Und ich spüre einen Hauch von Tristesse über dieser so tüchtigen baskischen Metropole....... Im Rahmen der ersten Christenverfolgungen wurde im Jahr 43 einer der Lieblingsjünger des Jesus von Nazareth, Jakobus Zebedäus, in Jerusalem enthauptet. Unmittelbar nach dem Pfingsterlebnis soll er sich, der Legende nach, nach Spanien begeben haben, um dort zu missionieren, kehrte jedoch von dort erfolglos nach Jerusalem zurück, wo ihn der Märtyrertod erwartete. Schon seine Jünger sollen seine Gebeine nach dem heutigen Santiago de Compostela verbracht und dort beigesetzt haben! In einer weiteren legendären Version hätten die Jünger seinen Leichnam in ein Boot gelegt, welches zuletzt herrenlos an den Küsten Spaniens anlandete(!) Und in einer anderen Fassung schenkte Kaiser Justinian (6. Jahrhundert) die Gebeine des Heiligen dem Katharinen-Kloster auf dem Sinai, von wo sie in den Stürmen des sich ausbreitenden Islam von Mönchen in Spanien in Sicherheit gebracht wurden. Als die sieggewohnten Muslime dort ebenfalls auftauchten und die iberische Halbinsel eroberten, vergrub man sie eiligst im heutigen Compostela. Unsterbliche Legenden! 722 besiegte der Westgotenfürst Pelagius (Pelayo) in der Schlacht von Covadonga (Asturien) die Mauren. Mit diesem Sieg begann die Jahrhunderte lang andauernde Reconquista, die Vertreibung der Araber aus Spanien, wobei die Entdeckung des Apostelgrabes (!) die Christen umso mehr anspornte, die Rückeroberung des Landes voran zu treiben! Bekanntlich verließen die letzten Muslime erst Ende des 15. Jahrhunderts die iberische Halbinsel (1492 erfolgte die Kapitulation des letzten arabischen Fürsten Muhammad XII, des Herrschers von Granada, von den Spaniern „Boabdil“ genannt). Rom stand der Jakobus-Legende übrigens viele Jahrhunderte lang äußerst skeptisch gegenüber, mit anderen Worten: der Vatikan war ausgesprochen sauer! Erst der Polen-Papst Karel Woityla, (Johannes Paul II) rehabilitierte die Hl. Gebeine des Jesus-Jüngers, indem er sein Grab besuchte, wobei ich den Verdacht hege, dieser reiselustige Papst war neugierig auf die weltberühmte Pilgerstätte und wollte sie unbedingt kennen lernen! Schon 100 Jahre früher hatte der Vatikan die Reliquien des Heiligen zähneknirschend anerkannt, doch erst der Papst-Besuch bescherte den katholischen Christen die volle Anerkennung von Santiago de Compostela als heiligen Wallfahrtsort. Damit war Johannes Paul II. natürlich reichlich spät dran, denn schon ab dem 11. Jahrhundert, als das Pilgern in Mode kam, zog man durch Europa – eine mobile Gesellschaft, die der unseren modernen in ihrer Weise durchaus ebenbürtig war. Scharen frommer und abenteuerlustiger Leute wanderten zum Jakobus-Grab im äußeren Nord-Westen Spaniens: in der Regel per pedes mit Wanderstab und wunden Füßen, (vielleicht auch hin und wieder streckenweise zu Pferd oder – fußlahm – auf Ochsenkarren.... wer weiß). Und nicht selten – so stelle ich mir vor – war oft schon der Weg das Ziel! So, wie heutzutage wahrscheinlich auch! Fällt der Namenstag des Hl. Jakob, der 25. Juli, auf einen Sonntag, so feiert Santiago seit jenen Zeiten ein heiliges Jahr (was nichts mit dem heiligen Jahr in Rom zu tun hat). Bei dieser Gelegenheit kamen schon im Mittelalter Scharen von Engländern und Holländern auf Schiffen angepilgert! Und wenn sie nicht gerade in Seenot gerieten, so hatten sie es durchaus bequemer und waren längst nicht so lange unterwegs wie die marschierenden Kontinentalen. Reiselustige Menschen gab es also schon immer! Und so schlängeln und kreuzen sich in ganz Europa die verschiedensten Jahrhunderte alten Jakobs-Wege, um sich schließlich in Nordostspanien zu vereinigen und in ihrer letzten Etappe zwischen Pamplona und Santiago de Compostela zum klassischen Jakobsweg zu werden. Ich nehme an, der Osten Europas nahm sich weitgehend aus: Russen, Bulgaren und Griechen hängen bekanntlich dem orthodoxen Ritus an und werden kaum und schon gar nicht zahlreich zum Grab des Hl. Jakob gewandert sein. Seit etlichen Jahren ist die Pilgerreise auch bei den modernen Zeitgenossen sehr beliebt. Aufgepackt mit monströsen Rucksäcken, beschuht nach modernsten orthopädischen Erkenntnissen und mit zwei robusten Wanderstöcken ausgerüstet, meist auch den runden breitkrempigen Pilgerhut auf dem Kopf, so marschiert der zünftige moderne Pilger – die moderne Pilgerin – oder radelt sogar – ehrgeizig und tapfer, einzeln oder in Gruppen gen Westen, um schließlich (einigermaßen erschöpft) die Anerkennungsurkunde (wichtig) und den Segen des Hl. Jakob (ebenso wichtig) zu empfangen und vielleicht sogar mit dem berühmten Botafumeiro beweihräuchert zu werden, welcher bei religiösen Festen zum Schwingen gebracht wird. Nebenbei: die jeweilige Etappe beträgt 25 Km, denn alle 25 Km steht eine Herberge bereit, den müden Pilger aufzunehmen! Woher rührt der Name „Compostela“? Nun, da streiten sich wiederum die Geister. Einige meinen, er könne etwas mit „Stella“ = Stern zu tun haben, denn nach der Legende ist von einer Lichterscheinung im Zusammenhang mit dem Jakobusgrab die Rede (was einen sofort an den „Stern von Bethlehem“ denken lässt): „Campus stellae“ = Sternenfeld! Plausibler klingt für mich allerdings die zweite Version, und sie ist wohl auch die wahrscheinlichere: auf lateinisch heißt Friedhof „Compostum“. Die Römer, die im letzten vorchristlichen Jahrhundert nach Galizien kamen, pflegten ihre Toten an Wegen und Kreuzungen zu begraben, so geht man davon aus, dass eine Römerstraße als Namensgeberin fungiert, geht doch unter der heutigen Kathedrale von Santiago de Compostela solch eine alte Römerstraße hindurch (und ist zu besichtigen!) Unsereins pilgert natürlich auf höchst moderne und komfortable Weise: Nachdem das Schiff in den galizischen Hafen von A Coruna eingelaufen ist, der schon von Phöniziern, Kelten und Römern benutzt wurde, und der sich des ältesten Leuchtturms der Welt – entstanden im 2.Jahrhundert – und einer Lage in der niederschlagsreichsten Gegend Spaniens rühmt, geht es im Bus nach Süden. Zunächst gilt es allerdings, eine moderne Stadtlandschaft zu durchqueren, ein wenig einladendes Häusergebirge mit modernen Hochhäusern mit Hunderten von Wohnungen und Straßenschluchten. Vereinzelt fahren wir aber auch an schönen Fassaden und Galerien vorbei, bei denen hin und wieder der „maurische Einschlag“ durchkommt. Auf dem Weg nach Süden erfahren wir so einige galizische Besonderheiten: Das Galizische ist eine romanische Sprache und älter als das Kastilische. Sie wird heute wieder gepflegt, und auch die Politiker seien bemüht, in der jeweiligen Landessprache zu sprechen (Wie viele spanische Idiome beherrscht eigentlich die Königsfamilie?) Hier in A Coruna sei es auch weitaus schicker und weltläufiger als in Bilbao. (Was ich glaubhaft finde). Galizien hat die Ganztagsschule eingeführt, und alle Kinder tragen die einheitlichen Schuluniformen. Beides vermisse ich in Deutschland! (Was ich beklage!) Sehr zum Kummer von A Coruna wurde das – aus moderner Sicht – eher popeligere Santiago zur Hauptstadt Galiziens, das seit 1980 (wie auch das Baskenland und Katalanien) über einen Autonomie-Status verfügt. Santiago war anfänglich eine reine Universitätsstadt. Seine Universität geht auf das 15. Jahrhundert zurück. Von Handel und Wandel und einer Bedeutung außerhalb der Gelehrsamkeit war also in dieser mittelalterlichen Stadt weniger die Rede.... Wir fahren durch „grünes Land“. Klassisches europäisches Getreide, so ist zu erfahren, wird hier nicht angebaut. Früher betrieb man Roggenanbau, nunmehr ist es der aus der neuen Welt stammende Mais, der auf den Feldern steht. Auch heute noch ernährt man sich in Galizien vorwiegend aus Mais, Maronen und Kartoffeln. Seit dem 14. Jahrhundert pachteten die Bauern das Land von den reichen Klöstern (Minifundien) und fretteten sich so durch. Im 18. Jahrhundert stieg die Bevölkerungszahl in ganz Europa an. In Galizien herrschte lange eine hohe Kindersterblichkeit, welche erst durch den Maisanbau zurück ging, was andererseits zur Folge hatte, dass die zahlreichen Familienmitglieder nicht mehr ausreichend zu ernähren waren. Also wanderte man aus, vorwiegend nach Cuba, aber auch – weitaus weniger – nach Argentinien. Cuba war die letzte spanische Kolonie – die Karibik-Insel verblieb bis 1898 unter der spanischen Krone. Da einst die Römer ihre Truppen jeweils in einem „Castrum“, einem rechteckig angelegten Legionärslager, stationierten, welches sich oft späterhin zu einem zivilen Ort ähnlichen Namens mauserte, so pflegten die in Cuba Einwandernden in einem solchen Fall als Herkunftsort oft nur „Castro“ anzugeben. Und, weil man in Spanien bekanntlich mit reichlich Vornamen und – schlimmer noch – zusammengesetzten Nachnamen versehen ist, nannte man sie dort, der Einfachheit halber, „Fidel Castro“ = Sohn von Castro! (Fidel = Sohn). Nicht einer dieser Einwanderer hätte sich träumen lassen, dass einst ein Nachfahre im 20. Jahrhundert als ein weltbekannter Revolutionär, ein „Massimo Leader“ der Zuckerinsel und ein nicht unumstrittener, noch dazu langlebiger Politiker zu Weltruhm gelangen würde, der sich nicht scheute, sich mit der Weltmacht USA anzulegen! In Santiago angekommen macht sich Verwunderung breit: Wir durchfahren eine moderne, völlig gesichtslose, langweilige Stadt. Nachdem wir am Busbahnhof ausgestiegen sind, stellt sich heraus, dass es ab jetzt noch eine hübsche Strecke zu laufen gilt, um das alte Santiago zu erreichen! Man stelle sich die Enttäuschung des abgeschlafften Jakobs-Wanderers vor, da sich ihm mit Erreichen der Stadt das scheinbar zum Greifen nahe Ziel gleich einer Fata Morgana wieder entzieht, ihn quasi foppt und noch einmal so richtig fordert! Von der durch braune Granitbauten geprägten Altstadt, die ein einzigartiges architektonisches Ensemble bildet und ihr endgültiges Stadtbild weitgehend im 18. Jahrhundert erhielt, ist man, hat man sie denn erreicht, überwältigt! Die Plätze und Gassen, die Kirchen und Paläste fügen sich ineinander und spiegeln die vergangene Pracht und Bedeutung des berühmten Wallfahrtsortes wider. Auf dem weitläufigen Platz vor der barockisierten Kathedrale, eingerahmt von stattlichen braun schimmernden Bauten aus verschiedenen Epochen, kann ich mir angesichts der 1750 vollendeten, hohen und reich gegliederten, mit Figuren bestückten und durchaus nicht heiteren Kirchen-Fassade ohne Weiteres ein großartiges Autodafé vorstellen! Im katholischsten aller Länder wurde diese Fassade, hinter der die 80 m hohen Türme aufragen, ein Werk aus Gold („Obradoiro“) genannt. Streng blickt dieses „Gold“, das ein ebenso strenges Himmelreich zu verheißen scheint, auf den mittlerweile ausgepumpten Pilger hinab und macht ihn ganz klein, bevor er die hohe vielstufige Freitreppe erklimmt. Oben angekommen empfängt ihn der berühmte Portico de la Gloria, die ursprüngliche Fassade der Kathedrale, ein Meisterwerk romanischer Kunst. Auf der Mittelsäule steht der Apostel mit seinem Pilgerstab. Über die Jahrhunderte haben die Pilger am Ende ihrer Wallfahrt die Säulenbasis ehrfürchtig berührt, in der Hoffnung, dass sich ihre Wünsche erfüllen mögen, sodass sie heute ziemlich abgenutzt ist. Auch der Künstler des Portico de la Gloria, Meister Matteo, hat sich dort kniend dargestellt, und noch heute stoßen viele Pilger mit ihren Köpfen gegen den seinen, denn angeblich soll sich durch die Berührung seine Intelligenz, sein Genie auf sie übertragen! Ach! Wenn das so einfach wäre! Das Kirchenschiff des im 11. und 12. Jahrhundert entstandenen Bauwerks, das auf einen von den Mauren unter ihrem Feldherrn Al Mansur zerstörten Vorgängerbau zurück geht, ist in ihrem romanischen Stil erhalten geblieben. Es ist 100 Meter lang, 65 Meter breit und von einer eindrucksvollen Höhe von 20 Metern. So wirkt das Kircheninnere schlicht und majestätisch zugleich. Kein Wunder: sollte doch die Kathedrale zu Ehren des heiligen Jakob die größte Kirche in der damaligen Christenheit werden! Über dem Grab des Heiligen erhebt sich ein prächtiger Hochaltar, und in der Mitte des Mittelschiffs hängt ein 1,60 Meter hohes gebauchtes Weihrauchgefäß, der berühmte Botafumeiro, vom Gewölbe herab. Dieser wird jeweils nach einem feierlichen Hochamt von sechs Männern zum Schwingen gebracht, ein ungeheures Unterfangen, wenn man sich das Ausmaß der Schwingungsamplitude dieses Räucher-Pendels vorstellt! Seit 1570 darf Weihrauch, ein Symbol für Reinigung, Verehrung und Gebet, nur bei Hochämtern als ein Zeichen der Festlichkeit verwendet werden. Seit einiger Zeit sieht man das nicht mehr so streng! In Santiago de Compostela hatte der heilige Rauch allerdings noch einen ganz anderen Zweck: Er diente nämlich dazu, mit seinem Wohlgeruch die Ausdünstungen der Pilger „zu übertünchen“, welche nach Abschluss ihrer langen und schweißtreibenden Wanderung eine ganze Nacht wachend und betend (oder schnarchend?) in der Kathedrale verbrachten. Da war – denke ich – schon ein umfängliches Gefäß vonnöten! Nein, ich werde die fast herbe Schönheit des alten Santiago de Compostela mit seinen beeindruckenden Architekturen nicht beschreiben! Da fühle ich mich absolut überfordert! Nicht umsonst wird die Altstadt zum Weltkulturerbe der Menschheit (UNESCO) gezählt! Und seine berühmte Kathedrale ziert Spaniens 1-Cent-Stück! In der Höhe von Südportugal wird die Luft wärmer und weicher, sanfter, lieblich! Sie schmeichelt und streichelt! Endlich im Süden! Fischkutter sind auszumachen. Und Delphine! Wir halten auf die Strasse von Gibraltar zu. Der Atlantik ist hier 4000 Meter tief. Nach einem Seetag taucht vor uns langsam Afrikas Nord-West-Küste auf. An ihrer äußersten nordwestlichen Spitze, am Kap Spartel, das 300 Meter hoch aus dem Atlantik ragt und vom äußersten Ende des nordafrikanischen Rif-Gebirges gebildet wird, stoßen der kalte Ozean und das warme Mittelmeer zusammen. Hat doch Herkules – so erzählen es uns die alten Mythen der Griechen – an dieser Stelle einst die Erde geteilt! So entstand die Straße von Gibraltar, auch sie eine befahrendsten Wasserstraßen der Welt! Noch an der afrikanischen Atlantikküste gelegen leuchtet die Stadt aus Licht und Lebensfreude: Das geheimnisvolle Tanger! Welch ein Gegensatz zum ernsten, dunklen und strengen Santiago de Compostela! Tanger, arabisch Tandscha, wurde, der Sage nach, von Antaios, dem Sohn des Meeresgottes Poseidon und der Erdgöttin Gaia, gegründet. Dass der Ort auf die verwegenen und expansionsfreudigen Phönizier zurück geht, die im 5. Jahrhundert vor Christus tapfer durch die Säulen des Herkules (sie entsprechen dem heutigen Gibraltar und der spanischen Enklave Ceuta) hindurchfuhren und hier einen Handelsstützpunkt errichteten, ist zu belegen! Natürlich bemächtigten sich später auch die Römer bzw. die Byzantiner der Siedlung „Tingis“, bevor zunächst die Vandalen zur Zeit der Völkerwanderung, später die muslimischen Araber (für sie war Tanger im 8. Jahrhundert die militärische Basis für die Unterwerfung Spaniens) und noch später die Europäer auftauchten. In einer höchst wechselvollen Geschichte wuchs und blühte die Stadt und gedieh im 19. und 20. Jahrhundert zu einem bedeutenden Handelszentrum und zu einem Zentrum europäischer Diplomatie. Kein Wunder, dass sich mit der Zeit auch eine beachtliche europäische Kolonie etablierte. Tanger wurde zu einem Ort einträchtigen Zusammenlebens verschiedener kultureller Ethnien! Multi-Kulti also! Nachdem das Königreich Marokko 1912 seine Unabhängigkeit verlor und zwischen Spanien und Frankreich geteilt wurde, erklärte man Tanger zur internationalen Zone, das von acht Mächten verwaltet wurde! So sollte es bis 1956 bleiben (mit Ausnahme in der Zeit zwischen 1940 und 1945, als die Stadt während des 2.Weltkrieges unter alleiniger spanischer Verwaltung stand). Der internationale Status brachte Tanger erst Recht zur Blüte – und in einen geheimnisumwitterten Verruf: die internationale Diplomatie fand hier ihren neutralen Boden, um Beziehungsgeflechte und Intrigen zu knüpfen, und ein zollfreier Warenverkehr brachte Wohlstand, wenn nicht Reichtum, in die Stadt. Aber auch Schmuggel und Frauenhandel(!) schossen in’s Kraut. Vor letzterem erfasste mich als junges Mädchen stets das Grauen: Junge Frauen wurden „eingefangen“ und über Tanger in südamerikanische Bordelle „verscherbelt“ – so die Fama. (Und es wird schon etwas daran gewesen sein!) Was mich, die ich damals eine blutjunge Studentin war und in der bundesrepublikanischen „Großstadt“ München lebte, veranlasste, ständig auf der Hut zu sein und sich niemals von einer fremden Person, auch nicht einer weiblichen (!), in ein Gespräch ziehen zu lassen! Im Übrigen fühle ich mich – denke ich daran zurück – an heutige Verhältnisse erinnert, da junge Frauen aus dem europäischen und asiatischen Osten, und das in großem Stil, „gehandelt werden“. Tanger war in den 40iger und 50iger Jahren auch ein Magnet für Literaten, Aussteiger und Außenseiter. Mit der Wiedervereinigung mit dem erneut selbständig gewordenen Königreich Marokko waren Freizügigkeit und Freiheit in Handel und Wandel beendet! Zu dieser Zeit begann auch der Exodus der bis zu 40.000 Juden (oder Hebräer, wie sie sich nannten) aus Tanger. Dennoch erlebte die Stadt in den 60iger und 70iger Jahren eine zweite literarische Blüte. Sie wurde das „Mekka“ von Schriftstellern, wie z.B. Tennessee Williams, Truman Capote und William S. Burroughs, um nur einige wenige zu nennen. In Marokko machen die Berber rund 55% der Bevölkerung aus. Rund 45% sind Araber, und unser quirliger Stadtführer ist einer von ihnen. Heute hänge 95% der Bevölkerung dem Koran an, erzählt er. 400 Moscheen besäße die Stadt, – und die Gläubigen seien durchweg Sunniten – außerdem sechs Kirchen und acht Synagogen. Während wir mit dem Bus die breiten, eleganten, mit Palmen bestandenen Straßen und Plätze mit ihren im hellen Licht des Südens glänzenden Fassaden der Häuser und der Moscheen entlang fahren und unser lebhafter, humorvoller Stadtführer die stets herrschende Weltoffenheit und Toleranz in dieser Stadt preist, betrachte ich die sich in der Ferne einen Berg hinauf erstreckende Medina, die Altstadt, die einem Gemälde von Paul Klee gleicht: weiße und weiß-gelblich glänzende ineinander geschachtelte Quadrate und Rechtecke, und dazwischen immer wieder ochsenblutfarbene, wie achtlos dahin getupfte viereckige Farbkleckse! Ich bin nicht zum ersten Mal im Maghreb, und jedes Mal denke ich: hier muss der Kubismus geboren worden sein! Die Araber, so unser humorvoller Stadtführer, seien schon immer Stadtbewohner gewesen, seien es noch und liebten den Trubel städtischen Lebens. Die Berber hingegen hätten es lieber beschaulich, lebten am liebsten in Steinhäusern, umgeben von einem kleinen Garten (und vielleicht auch noch die Hühner in der Küche?). Die Muslimas blieben natürlich traditionsgemäß zu Hause und bekämen einmal im Jahr ein neues Kleid (?!!!!) Jedenfalls habe es sich früher und stets so verhalten, doch das habe sich schon geändert! Die jungen Frauen, durch TV und Modezeitschriften verführt, seien dabei, ihre Wünsche, die der Mann finanziell nicht mehr so ohne weiteres erfüllen könne, anzumelden und hartnäckig zu verfolgen und drängten daher aus dem Haus, in den Beruf und in die Emanzipation! Ein schweres Los für den traditionellen muslimischen Mann, der in alten Zeiten sogar mit mehreren Frauen in einer Vielehe fertig werden musste! Mir ist diese Entwicklung nicht unbekannt, konnte ich sie doch schon vor einigen Jahren auf einer Marokko-Reise beobachten! Wir verlassen zunächst die Stadt und folgen einer Strasse, die in sanften Kurven bergan führt. Zur Linken erstrecken sich Wälder von Pinien, den Nadelbäumen des Südens. Rechtsseitig wird der Blick immer wieder auf großzügige Villen von atemberaubender Schönheit gelenkt, die, umgeben von eleganten Gärten, dennoch die Sicht auf den in der Tiefe schimmernden Atlantik erlauben! Zweit- bis Dritt- bis Mehr-Wohnsitz der Reichen und Superreichen dieser Stadt und der Welt! Auch die Königsfamilie besitzt hier eine Residenz. In einem dieser wunderschönen Häuser wohnt auch der Bürgermeisters der Stadt, welcher alle vier Jahre vom König bestellt wird. Dabei handelt es sich nie um dieselbe Person! Es gibt keine zweite Amtszeit für diesen Job! Für keinen von diesen Herren! Die fürstliche Wohnstätte wird für den jeweiligen Stadtvater also stets eine vorübergehende und absehbare sein! Wir besuchen die Herkules-Höhlen und blicken von der hoch über dem Atlantik liegenden Felsenküste auf den Ozean und seinen breiten, sich in der Ferne verlierenden Sandstrand. Marokko verfügt über eine 3000 Km lange Atlantikküste. Dagegen ist die Mittelmeerküste nur armselige 500 Km lang! Auf der Rückfahrt zeigen sie sich dann doch: die Wohnsilos, die aussehen, wie alle Wohnsilos dieser Welt: groß, viereckig, flachdachig, gesichtslos, der phantasielose architektonische Ausdruck zunehmender Verstädterung, wie sie überall auf der Welt geschieht und zur Hässlichkeit einst wunderschöner und interessanter Stadtanlagen auf unserem Globus beiträgt. Durch die auf einem Hügel über dem Atlantik gelegene verwinkelte Kasba (Zitadelle) aus dem 17. Jahrhundert mit ihren weiß gekalkten Mauern und ihren sparsam in Blau abgesetzten Fensterumrahmungen (man fühlt sich, wie so oft im Maghreb, sogleich an Andalusien erinnert. Immerhin liegt Tanger nur 13 Km von Spanien entfernt!) führt der Spaziergang in die Medina, eine eher steile Angelegenheit mit ihrem Gewirr von Gässchen und Durchgängen und ihren vielen unebenen Treppen. Natürlich darf ein kurzer Besuch im Suk nicht fehlen. Die Menschen? Die Männer, gleich welcher Profession, bewegen sch in ihren gestreiften Djellabas, in Jeans oder in korrekten Anzügen durch die Straßen und Gassen, Frauen in modisch westlichem Stil gekleidet sieht man mindestens ebenso oft, wenn nicht noch öfter, wie diejenigen, die, in einen langen Kaftan gehüllt, dann aber auch das unvermeidliche Tuch um den Kopf geschlungen, zielstrebig dahin eilen oder entspannt daher schlendern ......Ob in der Medina oder auf der eleganten Hafenpromenade, ob in den Geschäftsstraßen oder auf den weiträumigen Plätzen: überall bietet sich dasselbe Bild: Tanger, das Tor zu Afrika, ist seit seiner Gründung durch die Phönizier, also seit 2500 Jahren, auch ein offenes Tor zu Europa! Es war Karl der Große, der bereits im ausgehenden 8. Jahrhundert die militanten Mauren, welche 711 in ihrem ungestümen Eroberungsdrang ihren Fuß auf die iberische Halbinsel gesetzt hatten, um auch hier den wahren Glauben zu verbreiten, aus Barcelona vertrieb und Katalonien zu einem fränkischen Schutzgebiet, zur „Spanischen Mark“ machte! Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Stadt zu einem Handelszentrum und wurde im 12. Jahrhundert mit dem Königreich Aragon vereinigt (Vom Islam also keine Spur!) Katalonien gewinnt die Balearen, Sizilien, Sardinien und Korsika und wird zur Beherrscherin des Mittelmeeres! Bis....ja, bis Kolumbus am Ende des 15. Jahrhunderts Amerika entdeckte! Barcelona, die blühende Hafenstadt, lag, im Gegensatz zu Cadiz und Sevilla, auf der falschen Seite des Landes, an der falschen Küste und versank traurig für einige Jahrhunderte in Armut, bis sie im 19. Jahrhundert von der industriellen Revolution sozusagen wieder hervorgeholt wurde, welche mit ihrem rasanten Wachstum die Grenzen der mittelalterlichen Stadt sprengte. Mit dem Bau des auf dem Reißbrett geplanten neuen Viertels, „Eixample“ wurde die Stadt um ein Wesentliches vergrößert, und in ihm konnten sich die katalanischen Jugendstil-Architekten, deren Prominentester Antoni Gaudí war, so richtig „ausleben“! Breite, sich lang hinziehende elegante Avenidas und großzügige Plätze verliehen der Stadt von nun an einen neuen, modernen Glanz! 1888 sah sich Barcelona in der Lage, sogar eine Weltausstellung auszurichten! Heute ist der Hafen von Barcelona einer der größten Häfen im Mittelmeer und der größte Hafen Spaniens. Schon die unternehmungslustigen Phönizier, später die Griechen, brachten Handel und Kultur nach dem heutigen Katalonien, somit auch nach dem späteren Barcino, so der ursprüngliche Name der Stadt, die ihren Namen, der Überlieferung nach, dem karthagischen Heerführer Barkas, dem Vater Hannibals, verdankt. Nach dem für sie siegreich beendeten 2. Punischen Krieg setzten sich die Römer für 600 Jahre auf der iberischen Halbinsel fest, bis auch diese Gegend zunächst den Wirren der Völkerwanderung und schließlich dem Einfall der Mauren ausgesetzt war. Nach dem Tod des Caudillo Francisco Franko, 1975, entwickelte sich Katalonien zu einem demokratischen Staat und wurde, wie andere spanische Regionen auch, weitgehend autonom. Im Zuge eines erneuten Aufblühens katalonischer Kultur wird selbstverständlich die eigene Sprache gepflegt! Das Katalanische, das sich aus dem Lateinischen herleitet, ähnelt eher einem südfranzösischen Dialekt als dem kastilischen Spanisch. Es ist zwischen Perpignan und Valencia, wie auch auf den Balearen, verbreitet und außerdem Amtssprache des Fürstentums Andorra! Bereits anlässlich früherer Besuche fiel mir auf meinen Stadt-Spaziergängen sofort die Zweisprachigkeit auf Straßen- und Geschäftsschildern auf! Barcelona! Künstler von Weltruhm brachte die Stadt hervor: Joan Miró, Pablo Casals, José Carreras und Montserrat Caballé. Pablo Picasso verbrachte hier einige Jugendjahre! Doch für mich ist Barcelona die Stadt des spanischen Jugendstils, des Modernisme! Schon bei meinem ersten Aufenthalt war die bis heute noch nicht vollendete mächtige, hochaufragende Kirche, „La Temple Expiatori de la Sagrada Família“ (Sühnekirche der heiligen Familie) des exzentrischen Architekten Antoni Gaudí mit ihren typischen hohen Türmen der eigentliche Anlass meines Besuches. Damals, vor etwa 30 Jahren, stand sie noch ganz einsam inmitten eines kleinen Parks, eher einer mickrigen Grünanlage, auf deren vereinzelt herumstehenden Bänken alte Frauen saßen und Strümpfe strickten. Kein Tourist weit und breit! Zumindest keiner, der danach aussah, geschweige denn gar ein Massenandrang, wie ich ihn vor etwa 10 Jahren erlebte! Und von Eintrittskarten war erst recht keine Rede! 40 Jahre lang hat Gaudí an der hl.Familie gearbeitet! (Begonnen wurde das Bauwerk 1882!) Man hofft, mit diesem monumentalen Kirchen-Bau bis zum Jahr 2026 (frühestens!) fertig zu werden. Es gilt sich zu sputen, denn dann wird sich der Tod des Künstlers zum hundertsten Mal jähren! Auch an eine Warnung vor Raubüberfällen kann ich mich, der ich damals allein unterwegs war, nicht erinnern. Doch vor etwa 10 Jahren, als ich mich einer Reisegruppe angeschlossen hatte, die sich ausschließlich mit dem Modernisme beschäftigte, war die Situation eine ganz andere. Einige Mitglieder der Gruppe, die abends noch im Dunkeln unterwegs waren, wurden damals tatsächlich überfallen und beraubt! Wie faszinierend und wie so ganz anders als alles, was die Kunstgeschichte bisher hervorgebracht hat, sind die Bauten der Architekten des spanischen Jugendstils, von denen nach der „heiligen Familie“ von Antoni Gaudí der Palau de la Música Catalana (Konzerthalle), entworfen von Lluis Domènec i Montaner, das wohl spektakulärste Kunstwerk ist. Damals lernte ich die verschwenderisch farbigen, allen bisherigen ästhetisch-mathematischen Regeln trotzenden Bauten mit ihren – im wahrsten Sinn des Wortes – phantastischen Dekorationen kennen, die so viele Architektur-Pilger anzieht, und die Barcelona zu einer so einzigartigen Stadt gemacht haben. Gibt es Vergleichbares im übrigen Europa? Man könnte an die frappierenden, bunten und so gar nicht konventionellen Bauten des inzwischen verstorbenen Künstlers Friedensreich Hundertwasser denken, wenngleich – so meine ich – die Architekturen des spanischen Modernisme denn doch eine nicht mit jenen zu vergleichende ganz andere Qualität aufweisen! Fast alle diese Kostbarkeiten gehören inzwischen zum Weltkulturerbe der Menschheit (UNESCO). Erwähnenswert ist vielleicht noch der deutsche Pavillon, den Mies van der Rohe zur Weltausstellung 1929 entwarf. Eine Rekonstruktion des Gebäudes ist heute noch zu sehen. Sein Anblick hat mich nicht „umgehauen“! Uns blieben nur wenige Stunden für einen Stadtspaziergang. Während ich mich meinen Erinnerungen hingebe, schlendern wir, vom Hafen kommend, an dem hundertjährigen Monument a Colom, der Kolumbussäule, vorbei und begeben uns auf die weltbekannte Rambla (les Rambles), jener baumbestandenen und daher angenehm schattenspendenden, einen Kilometer langen Promenade, die sich leicht bergan zur Placa de Catalunya, hinzieht. Abgesehen von interessanten Gebäuden zu ihren beiden Seiten, unter denen sich auch ein bemerkenswertes mehrstöckiges Haus im Stil des Modernisme befindet, machen der Blumen- und der Vogelmarkt, die zahlreichen Kioske, die Vorführungen von Straßenkünstlern und – vor allen Dingen – das bunt gemischte Publikum einen solchen Spaziergang stets anziehend. Nach einer kurzen Rast auf der Placa de Catalunya bummeln wir durch das gotische Viertel, werfen einen Blick in die gotische Catedral de Santa Eiulàlia und lassen unseren Bummel auf der großzügigen mit Palmen bestandenen Strand-Promenade ausklingen. Endstation Nizza! Ich stehe an der Reling, warte auf die Ausschiffung und hänge wiederum Erinnerungen nach! Vor nur wenig mehr als einem halben Jahrzehnt verlebte ich in der heimlichen Hauptstadt der Cote d’Azur wundervolle und unvergessliche Frühlingstage! Ich denke an die Spaziergänge die Hügel hinauf zum Musée Matisse, direkt neben den römischen Thermen und einem alten Friedhof gelegen. Unmittelbar in seiner Nähe beeindruckte mich der riesige, langgestreckte, mehrstöckige Bau des Hotels „La Reine Viktoire“ im extravaganten Stil der Belle Epoque, errichtet für Queen Viktoria! (Mein Gott, waren das Zeiten!) In seiner Eleganz blickt er, erhaben wie die Königin selbst, über die Stadt und auf das Meer! Auch Henri Matisse hat zeitweise mehrere Zimmer in diesem nicht zu übertreffenden „Palast“ bewohnt. Auf dem Weg zum Musée Chagall passiert man südliche Gärten, die sich gegen die breiten gepflegten bergan führenden Strassen abgrenzen, und in denen hin und wieder vornehme Villen zu erspähen sind. Und ich erinnere mich an das Musée des Beaux Arts, von dem ich einen eher muffigen Eindruck mitgenommen habe. Was wäre die Cote d’Azur ohne die Künstler, die Maler und Bildhauer, die hier gelebt und gearbeitet haben: Pablo Picasso, der berühmteste Maler des 20. Jahrhunderts, dessen Sammlungen wir damals in kleinen Museen besuchten! Sein Freund Henri Matisse, Fernand Léger, Raoul Dufy, Jean Cocteau….und viele andere! Sie alle haben die Kunstlandschaft der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts geprägt. Während ich über die Reling in das Becken des Bassin du Commerce und die dahinter aufragenden Hügel blicke, denke ich auch an die zahlreichen Exil-Literaten, die der Tyrannei des nationalsozialistischen Reichs entflohen waren und hier an der Cote in schlecht oder gar nicht beheizten Zimmern frierend der Weiterreise in die neue Welt harrten, stets in der Ungewissheit, ob sie es denn schaffen würden. Thomas Mann war zum Beispiel einer von ihnen, aber auch viele andere. Ich denke an die Ausflüge, die wir die Küste entlang machten: nach Osten, nach dem nahe gelegenen Menton, wo sich Jean Cocteau mit der Ausmalung des Rathaussaales in Erinnerung hält, und nach Westen, zu einst kleinen belanglosen Fischerorten, die so lange belanglos waren, bis sie durch die Künstler berühmt wurden, die hier zeitweise, oft über Jahre, lebten und arbeiteten, und sich ein jeder von ihnen zu einem Magneten für kunstbeflissene Touristen mauserte und dennoch, sein eigenes Flair pflegend, klein und bescheiden geblieben ist... bis hin nach Cannes, dem Städtchen der Filmpreise und der großen Stars! Jeder Ort ist voll der Erinnerungen an jene, deren Werke wir in kleinen, doch anspruchsvollen Sammlungen bewundern durften! Wie sehr Kunst und Kultur eine Landschaft prägt, das zeigt Franreichs „Vorzeige-Küste“ in ganz besonderem Maße! Die alte Stadt Nizza, auch sie eine griechische Gründung aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, später von den Römern okkupiert, von Sachsen, Mauren und Sarazenen (zumeist Piraten, denke ich) angegriffen, musste im Laufe der Jahrhunderte oft die „Obrigkeit“ wechseln! 1793 kam die Stadt endgültig zu Frankreich. Schon im 19. Jahrhundert wurde sie aufgrund ihrer günstigen, klimatischen Lage in der Baie des Anges, die sie in der kalten Jahreszeit vor dem höchst unangenehmen Mistral schützt, allmählich ein Anziehungspunkt für betuchte Touristen. Zahlreiche schicke Hotels aus der Zeit der Belle Epoque erinnern an die damalige vornehme Welt! In den Jahren des 2. Weltkriegs fiel Nizza allerdings zurück, befreite sich jedoch aus eigener Kraft von der deutschen Besetzung (1943/44) und rappelte sich erst nach Kriegsende langsam wieder hoch. Inzwischen sind Nizza, erneut eine mondän-schicke Stadt, die sich mit charmanter Grandezza präsentiert, und die gesamte Cote d’Azur eine Gegend für die „neuen“ Reichen (heutzutage die „neuen Russen“). Unvergesslich sind mir die Spaziergänge in der Altstadt mit seinem malerischen Blumen- und Obstmarkt und seinen kuscheligen – auch arabischen – Restaurants! Eingedenk der kolonialen Vergangenheit Frankreichs kochen auch in Nizza die nordafrikanischen Einwanderer! Die Fahrt zum Flughafen führt über die sich am Ufer der Baie des Anges hinziehende berühmte Promenade des Anglais, deren Name auf die englische Kolonie zurück geht, die einst den Bau dieser palmengesäumten Prachtstrasse finanzierte. Noch ein letzter Blick auf Nizzas alten Glanz aus den Tagen vor dem schrecklichen Krieg, insbesondere auf das berühmte Denkmal-geschützte Hotel Negresco, in das ich damals einen Blick hineingeworfen habe und völlig verblüfft und halb erschlagen ob seines aufgemotzten und von Kunstwerken strotzenden Inneren wieder heraus kam..... In den wenigen Jahren, die seit meinem letzten Besuch verstrichen sind, sind in der Verlängerung der Promenade Anglais langweilige moderne Apartement-Bauten und Hotels entstanden ......... Europa gleicht einer Schmuckdose voller Juwelen! Vorbei sind die Zeiten, als die Menschen noch zu Fuß unterwegs waren, um zu ihrem Ziel zu gelangen, vorbei die Zeit, als der Eselsrücken, gar eine Reise zu Pferd, schon einigermaßen komfortabel, wenn nicht gar luxuriös, war! Von einer abenteuerlichen und oft lebensgefährlichen Hochseereise unter Segeln ganz zu schweigen! Erst, seit die Eisenbahn, die Dampfschifffahrt und das Automobil erfunden wurde, bietet das Reisen Bequemlichkeiten, die sich der mittelalterliche Mensch und selbst noch Goethe, der bekanntlich, wie viele seiner Zeitgenossen, noch mit der Postkutsche und gern unterwegs war, sich nie hätten vorstellen können. Wie komfortabel ist das Reisen gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21.Jahrhunderts doch geworden! Heutzutage ist in unserer mobilen Gesellschaft selbst in vorgerücktem Alter, ein „ausreichender Gesundheitszustand“ vorausgesetzt, die Betrachtung dieses oder jenes „Schmuckstücks“ in Europa und auch außerhalb unseres Kontinents zu jeder Zeit möglich! Was für eine Welt, in der wir leben!
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