Über das Hören von Musik und über das Musizieren
Musik im Gehirn
© Anneliese Beck, Muenchen, 2006
Die Entwicklungsgeschichte der Hörfunktion
Im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Arten auf unserem Planeten kam es im Tierreich relativ spät zur Ausbildung der Gehörs. Von „Ohren“ im eigentlichen Sinne kann man sogar erst seit dem Auftreten der Wirbeltiere sprechen. Dennoch geben niedere Tiere durchaus Laute von sich, die von den Artgenossen – auch von anderen Tieren und manchmal auch von uns Menschen - wahrgenommen werden können. Das eindruckvollste Beispiel ist vielleicht die Grille.
Bei einzelnen Arten reiben die Männchen – und nur sie sind es, deren lautes Zirpen wir Menschen an den warmen Sommerabenden hören – ihre Hinterbeine an den Flügeln und erzeugen damit das typische Geräusch. Im Fachjargon spricht man dabei vom „Stridulieren“. Auf der Unterseite des rechten Vorderflügels befindet sich nämlich eine gezähnte „Schrillader“, über die das Hinterbein des Männchens streicht und damit das typische Zirpen erzeugt, welches einerseits das Revier „absteckt“, andererseits das Weibchen anlockt. Bei der männlichen Feldgrille hingegen reibt das Männchen seine Flügel rasch gegeneinander, wobei eine sog, „Schrillkante“ über eine sägeblattähnliche „Schrillader“ schleift.
Und wie wird das Gezirpe vom Weibchen wahrgenommen? Es hat ja keine Ohren – siehe oben! Das Weibchen „hört“ mit seinen Vorderbeinen mittels eines großen und eines kleinen „Trommelfells“ und das bis zu 10 m Entfernung. Nimmt es also das Männchen auf diese Weise wahr, so läuft es ihm entgegen, und dieses beginnt nun mit einem für den Menschen kaum wahrnehmbaren „Werbegesang“ ..... natürlich mit den Flügeln!
Wie andere Wirbeltiere verfügen auch die Fische über ein Hörorgan, allerdings ohne Trommelfell. Bei ihnen nimmt die Schwimmblase den Schalldruck auf. Die Fische haben sich im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte einen ausgeklügelten Gleichgewichtsapparat angeeignet. Sie verfügen nämlich schon über ein Labyrinth, und in ihm ist auch ihr Hörorgan installiert. Bekanntlich ist im Labyrinth, auch bei höheren Tieren bis hin zu uns Menschen, das Gleichgewichtsorgan lokalisiert. Bei den Fischen entwickelte sich die Gleichgewichts- und die Hörfunktion aus dem Seitenlinienorgan, welches bei jedem Fisch auf den Flanken von der Mitte des Rumpfes bis zu den Kiemen entlang läuft, und mit dessen Hilfe der Fisch in der Lage ist, jede Wasserbewegung zu empfinden und so in fast perfektem Gleichklang mit der gleichen Art in einem Schwarm zu schwimmen. Dieser Schwarm erscheint seinen Feinden als gefährlich großer Fisch, vor dem sie besser einen gebührenden Abstand einhalten.
Die Gleichgewichtsorgane liegen zwischen den Augen des Fisches. Dieses Organ besteht nun aus einem „Säckchen“ und drei im rechten Winkel zueinander stehenden Bogengängen, die mit haarförmigen Nervenzellen ausgestattet sind, welche die notwendigen Informationen zur Lageorientierung liefern. Theoretisch könnte der Fisch sogar seekrank werden.....Das Labyrinth ist nun der Ausgangspunkt in der Entwicklung hin zur Fähigkeit des Fisches zu hören. Sein Gehirn passte sich im Laufe seiner Entwicklung den neuen Informationen mittels seines Labyrinths – also des „neuartigen“ Gleichgewichtssinnes – an, und nach einer Zeit von drei Milliarden Jahren in der Entwicklungsgeschichte der Arten gab es auf der Erde Tiere, die „richtig“ hören konnten. Diese „Evolution“ ging selbstverständlich langsam – schrittweise – vonstatten. Das Gehirn des Fisches begann, den Schall zu analysieren und damit zu interpretieren, d.h. zu orten und zu identifizieren. Da die Fische keine Lungen, also keine Luftwege haben, um brüllen zu können, haben sie gelernt, Geräusche durch Zähneknirschen zu erzeugen, oder indem sie mit der Muskulatur auf der angespannten Schwimmblase trommeln ( die „Trommlerfische“ der Karibik) oder ihre Knöchelchen aneinander reiben. Diese „sprechenden Arten“ haben das Gehör am besten entwickelt. Zu ihnen gehört auch der Goldfisch. Fische sind also keineswegs stumm - es liegt an uns, bzw. an unserer eigenen, uns gemäßen, menschlichen Hörfunktion, dass wir sie nicht hören!
Erst die Amphibien – diese „doppellebigen“ Wasser-Landtiere – entwickelten ein „echtes Ohr“. Sie kamen nämlich in den Besitz eines Gehörknöchelchens (bei den Säugern und bei uns Menschen übertragen drei Gehörknöchelchen den Schall vom Trommelfell auf das Innenohr). Man ist der Meinung, dass diese Tiere durch „den Erwerb eines Gehörknöchelchens“ in der Lage waren, einen größeren Frequenzbereich wahrzunehmen. Doch zunächst konnten die „Fische“, die das Wasser verließen, um auf dem Land heimisch zu werden, schlechter hören als im nassen Element, denn im Wasser wird der Schall besser geleitet, als in der Luft. Allerdings wird er erschwert von der Luft auf das Wasser übertragen, und damit war die Übertragung des Schalls auf die mit Wasser gefüllten Hörkammern dieser „neuen Tiere“ deutlich beeinträchtigt und die Entwicklung eines lufthaltigen Mittelohres bei der Umsiedlung vom Wasser auf das Land zwingend.
Heute geht man davon aus, dass Vögel und Säuger ihre Hörorgane unabhängig von einander entwickelt haben. Jeder Tierart kommt ein ihr eigenes Frequenzspektrum zu. So können Vögel zum Beispiel einen Frequenzbereich zwischen 50 Hertz und 30000 Hertz hören, wobei die obere Hörgrenze bei den einzelnen Arten stark variiert. Wale und Fledermäuse hören, um wieder ein Beispiel zu nennen, bis 90000 Hertz. Letztere „tasten“ damit in der Dunkelheit ihre Umgebung nach Nahrung ab. Auch beim Menschen variiert das Hörvermögen, hier allerdings in Abhängigkeit vom Alter (und von eventuell bestehenden entsprechenden Krankheiten, natürlich). Ein gesunder Jugendlicher hört in einem Frequenzbereich von 300 Hertz bis 20000 Hertz. Mit zunehmendem Alter nimmt die Wahrnehmungskraft für Töne im oberen Frequenzen ab, wobei die Höreinbuße im höheren Lebensalter durchaus individuell verschieden stark ausgeprägt sein kann.
Anatomie des Ohres
Das Ohr teilt sich in drei Funktionsabschnitte auf:
in das äußeren Ohr
in das Mittelohr
und in das Innenohr
Dem äußeren Ohr wird die Ohrmuschel und der Gehörgang zugerechnet. Die Funktion des äußeren Ohres besteht im Auffangen des Schalls – (jeder weiß, dass man „besser hört“, wenn man seine Hand hinter die Ohrmuschel legt und diese leicht nach vorn biegt, und „spitzt nicht das Säugetier die Ohren“ oder richten sich nicht, z.B. beim Hund „die `Schlapp’-Ohren auf“?) – und der „Leitung“ der aufgefangenen Schallwellen, die sich naturgemäß von ihrer Quelle aus konzentrisch ausbreiten, durch den Gehörgang hin auf das Trommelfell. Das Trommelfell, eine Membran, welche das lufthaltige Mittelohr gegenüber dem äußeren Ohr abschließt, gerät nun durch die aufgefangenen akustischen Wellen in Schwingung.
Das Mittelohr ist eine lufthaltige Kammer, in dem die drei Gehörknöchelchen, nämlich Hammer, Amboss und Steigbügel, durch die auf sie übertragenen Schallwellen in Schwingung geraten. Die Belüftung der Kammer erfolgt lediglich durch die Ohrtrompete, also vom Nasen-Rachen aus, wodurch dafür gesorgt wird, dass der Luftdruck in dieser Kammer dem Luftdruck „der äußeren Welt“ entspricht. Ansonsten ist diese Kammer abgeschlossen. Wie kommt nun die Schwingung der Gehörknöchelchen zu Stande? Der Hammer liegt der dem Mittelohr zugewandten Seite des Trommelfelles an, und die Gehörknöchelchen sind untereinander durch Gelenke verbunden. Schwingt das Trommelfell, so schwingen auch diese winzig kleinen Knochen (der Steigbügel ist zum Beispiel nicht größer als ein Reiskorn). Die Fußplatte des Steigbügels liegt dem ovalen Fenster auf und bringt deren elastische Membran somit durch seine quasi „Kolbenbewegungen“ ebenfalls zum Schwingen, wobei die Schallwellen auf die Flüssigkeit der Hörschnecke übertragen werden.
Diese Schwingungskette wird in ihrer Beweglichkeit selbstverständlich durch Entzündungen oder Verletzungen beeinträchtigt, und es kommt zu einer Höreinbuße.
Wie aber verhält es sich bei Lärm?
Bei einem sehr lauten Knall, zum Beispiel einem Explosionsgeräusch, kann es zur Trommelfellzerreißung kommen. Zu der Zeit, als es noch keinen Hörschutz gab, war dies eine häufige Kriegsverletzung, als großkalibrig scharf geschossen wurde. Die Soldaten, zum Beispiel die Kanoniere, versuchten sich dagegen bei zu erwartenden starken Knallgeräuschen zu schützen, indem sie sich nicht nur die Ohren zuhielten sondern auch gleichzeitig den Mund aufrissen und zu gähnen versuchten. Warum? Um über die Ohrtrompete das Mittelohr zu belüften, also einen Druckausgleich herzustellen, um so die Verletzungsgefahr des Trommelfells hintan zu halten. Im übrigen sorgen zwei kleine Mittelohrmuskeln, der am Hammerhals ansetzende „Trommelfellspanner“ und der am Steigbügelkopf ansetzende Steigbügelmuskel dafür, dass durch ihre Anspannung das Trommelfell und die Gehörknöchelchenkette sich in einem für die Schallübertragung günstigen Spannungszustand befindet. Namentlich der zweite, der Steigbügelmuskel, versucht bei großer Lautstärke die Schwingung dieses kleinsten Knöchelchens, des Steigbügels, abzuschwächen, in dem er die Kraft seiner Kolbenbewegungen abbremst.
Das Hörorgan selbst, das Innenohr – es wird nach seinem Entdecker A. Corti (1822-1876) auch das Corti’sche Organ genannt – ist in der Hörschnecke installiert und gehört, im Gegensatz zum äußeren- und zum Mittelohr, zum Gehirn. 25000 Hörzellen – feinste Häärchen, daher auch Haarzellen genannt – sind in den 2 ½ Windungen der Hörschnecke auf einer Membran aufgereiht, wobei sich die für die hohen Frequenzen zuständigen Zellen im Bereich der unteren Windung, und die für die niederen Frequenzen schließlich in der „Kuppel“ der Schnecke befinden. Sie werden von einer Flüssigkeit, die man auch Endolymphe nennt, sozusagen „umspült.“ Durch die Schwingung der Membran des ovalen Fensters kommt es in der Endolymphe zu Volumenverschiebungen (am Beispiel des Zunami kann man sich das gut vorstellen), wodurch die Hörzellen durch „Verbiegung“ erregt werden. Anders ausgedrückt: Über das ovale Fenster setzt sich die Schallwelle sozusagen fort, und je nach ihrer Beschaffenheit gibt sie ihre Information in der beschriebenen Weise an die für diese zuständigen Haarzellen ab.
Das Ganze ähnelt durchaus dem Verhalten von Saiteninstrumenten.
Damit allein ist jedoch noch kein Hören möglich. Sozusagen „gebündelt“ werden nun die Hörinformationen von den Hörzellen, welche während ihrer Erregung durch die Schallwellen zunächst ein elektrisches Potential bilden, über eine chemische Substanz, einen Botenstoff, den sie absondern, über sogenannte Synapsen von dem sich „hinter“ den Hörzellen, also „hirnwärts“ befindlichen Hörnerven aufgenommen und wiederum in elektrische Potentiale umgewandelt.
Was sind nun Synapsen?
Mit Synapsen bezeichnet man einen winzigsten Spalt zwischen zwei Nervenzellen, welche auf ihrer Oberfläche Fangarmen ähnliche Ausläufer gebildet haben und mit ihnen die chemischen Botenstoffe, die man Neurotransmitter nennt, abgeben bzw. aufnehmen. Zwei Nervenzellen also, die über einen Neurotransmitter kommunizieren, nennt man eine Synapse. Im gesamten Gehirn geschieht die Informationsübertragung, die Vernetzung über diese Neurotransmitter mittels der beschriebenen Synapsen.
Die elektrischen Potentiale im Hörnerven, welche die Schallinformation enthalten, werden nun in höchster Geschwindigkeit in dieser Nervenbahn in die Großhirnrinde „transportiert“ und dort zu Bewusstsein gebracht. Das Individuum hört!!!! Es hört mit dem Gehirn! Alle anderen Strukturen: das äußere- das Mittel- das Innenohr und der Hörnerv bilden lediglich die Hörbahn, auf deren Weg die Schallinformation zum Gehirn gelangen und dort als Töne, als Geräusche, als Sprache, als Musik bewusst werden. Bei Bewusstlosigkeit, zum Beispiel in der Narkose, kann auch nicht „gehört“ werden, auch wenn die Hörbahn funktioniert.
Auch die Hörzellen sind der Verwundbarkeit durch großen Lärm ausgesetzt, sowohl einem plötzlichen Knallgeräusch wie auch einer, u.U. nur über Stunden (Diskothek), über Tage, über Monate, über Jahre andauernden Lärmbelastung. Die Hörzellen erkranken und sterben. Immer handelt es sich um einen von den Menschen verursachten, also technischen, Lärm, denn die Natur kennt keinen Lärm, dem unsere Ohren nicht standhalten könnten. Dafür sorgen, wie oben beschrieben, die lärmschützenden Mittelohrmuskeln, insbesondere der Steigbügelmuskel. Man stelle sich einen dumpfen, also niederfrequenten außergewöhnlich und erschreckend lauten Donnerschlag vor. Es ist nie bekannt geworden, dass es durch so ein Naturereignis zur Trommelfellzerreißung oder gar zu einer Innenohrverletzung (Hörzellenschädigung) mit Schwerhörigkeit gekommen wäre. Die Ohren der Tiere und des Menschen haben sich im Laufe der Jahrmillionen dem natürlichen Lärm angepasst.
Gemäß der Entwicklungsgeschichte befindet sich im Innenohr auch unser Gleichgewichtsapparat, das Labyrinth mit seinen Bogengängen, in denen die haarförmigen Nervenzellen mit ihren darauf befindlichen Steinchen aufgereiht sind. (siehe unter „Fische“).Letztendlich ist die anatomische Struktur des Innenohres selbstverständlich weitaus komplizierter, als hier in der Kürze und – hoffentlich – allgemeinverständlich dargestellt wurde.
Das Hören
Die Anordnung der Frequenzen im Corti’schen Organ in der Schnecke finden sich in allen Kernen und Hirnregionen wieder, die sich mit Tönen und Sprache befassen. Was die Musik anbetrifft, so entsteht im Gehirn eine musikalische Landkarte, die durch Üben (Hören und Musizieren) während der Lebensdauer eines musikalischen Menschen immer größer wird und sich immer mehr vervollständigt. Die Musik entsteht ausschließlich in seinem Gehirn. Beeinflusst durch Kultur ( man denke an die Musik der Völker anderer Kontinente ), Erziehung und natürlich Musikalität klingt daher die Musik in jedem Gehirn eines jeden Menschen anders, was natürlich auch mit der Begabung des Individuums und mit seiner Ausbildung zusammen hängt. Die musikalische Landkarte ist somit individuell angelegt. Aus den relativ wenigen 250000 Zellen des Corti’schen Organs in der Hörschnecke bearbeiten am Ende des Hirnstamms, den der Hörnerv zunächst erreicht, mehr als 1 ½ Millionen Zellen die Schallinformationen. In der Hirnrinde schließlich werden es Milliarden Zellen sein. Ausgangspunkt ist immer die Frequenzanordnung in der Schnecke, die im Gehirn engrammiert, sozusagen eingebrannt ist. Alle Hirnanteile, die sich mit Musik befassen, sind in die Bearbeitung der Frequenzen integriert. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die Sprache.
Erstes Hören
Bereits im Mutterleib bilden sich die Hörbahnen aus. Sie sind allerdings bei der Geburt noch nicht vollständig ausgereift. Doch schon in der 25. – 28. Schwangerschaftswoche kann der Embryo „hören“. Mütter beobachteten, dass sich ihr Ungeborenes zu bewegen begann, wenn sie sich entspannt hinsetzten und Musik hörten. Die gehörte Melodie wurde später bei diesen Kindern oft zu deren Lieblingsmelodie. Auch wurde beobachtet, dass das Ungeborene im Mutterleib strampelt, wenn die Mutter durch ein plötzliches lautes Geräusch stark erschrickt. Heute weiß man, dass ein Rhythmuswechsel vom Embryo bereits im dritten Schwangerschaftsmonat (10.-12. Woche) wahrgenommen wird.
Nach der Geburt setzt ein enormes Wachstum des Gehirns ein, Dieses Organ verbraucht in dieser Zeit mehr als 60% der zugeführten Energie. Nie ist sein Stoffwechsel größer, und nie lernt ein Mensch mehr als in seinen ersten drei Lebensjahren.
Schon in den ersten 6 Lebensmonaten hat das Krabbelkind die Sprachmelodie der Muttersprache erlernt und verinnerlicht. Spielend können Kleinkinder zwei oder mehrere Sprachen nebeneinander lernen, weshalb man über Jahrhunderte hinweg in hochgestellten Familien – erst recht in den regierenden Fürstenhäusern – mehrere fremdsprachige Lehrer, Gouvernanten, Erzieher gleichzeitig beschäftigte, sodass wir uns überhaupt nicht wundern müssen, wenn Prinzen und Prinzessinnen – bei letzteren war es wegen der in’s Auge gefassten Heiraten in fremde Länder besonders wichtig– schon in sehr jungen Jahren mehrsprachig waren, gar oft 5 – 6 Sprachen ihr Leben lang beherrschten.
Interessant ist außerdem folgender Versuch: Lässt man zum Beispiel in einer Krabbelgruppe eine Chinesin täglich 20 Minuten lang einen chinesischen Text vorlesen, dann erlernen diese Kinder diese Sprache innerhalb kürzester Zeit. Ersetzt man jedoch die Chinesin durch eine Schallplatte oder ein Tonband, so lernen die Kinder durchaus nicht schneller chinesisch als Kinder, die nicht „berieselt“ worden sind. Entscheidend ist die Anwesenheit der Vorleserin, ihre Mimik, ihre Mundbewegungen, ihre persönliche Zuwendung und.....ihr Lächeln! Also eine „vernetzte, ganzheitliche“ Lehrweise, die von dem kindlichen Gehirn ebenso „ganzheitlich“ aufgenommen, gespeichert und abrufbar verarbeitet wird.
Im Mittelalter glaubte man, die angeborene Muttersprache des Menschen sei Latein. Friedrich II, der Staufer, der „stupor mundi“, der außerordentlich gebildete und – natürlich mehrsprachige - deutsche Kaiser, der sich vorwiegend in Sizilien und Süditalien aufhielt und durch die der mittelalterlichen europäischen weit überlegene arabischen Kultur geprägt war, wollte diesen Beweis der natürlichen Muttersprachlichkeit antreten. Zu diesem Zweck ließ er Säuglinge von Ammen pflegen, die kein Wort mit den Kindern sprechen, sie nicht wiegen, sie nicht anlächeln durften, sondern sie nur zu füttern und sauber zu halten hatten. Nach kurzer Zeit verstarben alle diese Kinder. Ohne Anregung des Gehirns durch Töne und Sprache, vor allem aber ohne mütterliche Zuwendung, verkümmern neugeborene Kinder bis hin zum Tod.
Was folgt daraus? Die Lernfähigkeit der kleinen Kinder ist auf allen, also auf intellektuellen u n d auf musischen Gebieten zu fördern! Mit Freude und Spaß sollen sie auch in die Musik eingeführt werden! Und das je eher, desto besser, denn in den ersten Lebensjahren ist das Lernfenster am weitesten geöffnet! Und je eher der Musikunterricht erfolgt, desto weiträumiger wird die „musikalische Landkarte“ im Gehirn. Bis zum 8. Lebensjahr sollte die Einführung in die Musik erfolgen. Berühmte Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach wurden seit ihrer frühesten Kindheit von ihren Vätern belehrt. Auf diese Weise konnte schon ihr kindliches Gehirn weiträumige neuronale Vernetzungen, also Vernetzungen zwischen den Hirnzellen, entwickeln, die sie zu solch großen Musikwerken inspirierten.
Die Sprache der Musik wird offensichtlich von allen Kindern, aber auch von sogenannten „unmusikalischen Gehirnen“ verstanden. Die Amusie (= völliges unmusisch sein) ist ein krankhafter Prozess. Er geht mit einer substantiellen Schädigung des primären akustischen Areals in der Hirnrinde, einem Verteilerzentrum an mehr als einem Duzend weiterer Areale, einher.
Rund 100 Milliarden Nervenzellen verknüpfen sich über ihre „Ausläufer“ (siehe oben!) - man nennt sie Dentriten - mit 100 Billionen Synapsen zum wohl komplexesten Gebilde des Universums: dem menschlichen Gehirn. Den elektrischen und chemischen Vorgängen an diesen Synapsen (elektrische Potentiale werden in sog. chemische Botenstoffe, das sind Neurotransmitter, siehe oben) entspringt das wundersamste aller Phänomene: die Musik.
Das Großhirn ist der Kern alles Menschlichen. Es wird stimmungsmäßig gefärbt durch das sogenannte limbische System. Das sind bestimmte Hirnareale verschiedenster Lokalisation, und in diesem System, in diesen Arealen, befindet sich die Geburtsstätte von Wonne und Glück, von Trauer und Verzweiflung, von Aggression und Melancholie, von Gefühlen also, die unser Bewusstsein nur sehr schwer beherrschen kann – wenn überhaupt - , zu denen aber die Musik direkten Zugang hat.
Werden im Großhirn die Befehle zur Bewegung von Muskeln und Muskelgruppen abgegeben, so werden im Kleinhirn die Bewegungen, zum Beispiel des Musizierenden, automatisiert und überwacht. So wird die Feinarbeit vom Kleinhirn gesteuert. Sind die Bewegungsabläufe eingeschliffen, laufen sie unbewusst ab und ermöglichen es zum Beispiel dem Pianisten, sich ganz dem Musikwerk hinzugeben, ja in Trance zu gehen. Um einen Ton vollendet tönen zu lassen, sollte der Musiker ihn mindestens mehr als eine Million mal erklingen lassen. Das bedeutet, dass der Übende bis zu seinem 20. Lebensjahr mindestens 10000 Stunden geübt haben sollte. Durch das Üben kommt es zu einer starken synaptischen Verkoppelung und festen, eingefahrenen Bahnung mit daraus resultierender Verdickung der Synapsen (siehe unten).
Der Mensch besteht jedoch nicht nur aus Intellekt, nicht nur aus Gefühlen, er ist ein Individuum, das in einer ihn ständig fordernden Umwelt existiert, und das seinen Organismus, dieses extrem komplizierte Regelsystem, in einer sich ständig ändernden Umgebung am Leben erhalten muss. Dies geschieht mit Hilfe des Stammhirns, dem entwicklungsgeschichtlich ältesten Hirnteil, den wir mit allen Wirbeltieren gemeinsam haben, denn auch wir sind Wirbeltiere. Die Wachheit, die es uns erst ermöglicht, etwas aufzunehmen, stammt aus den Tiefen des Stammhirns. Es steuert unsere Bedürfnisse, es verlangt nach Nahrung, nach Schlaf, nach Triebbefriedigung, es aktiviert Aggressionen und kann ihnen keinen Widerstand entgegen setzen. Wie bereits oben beschrieben, erreicht die Hörbahn auch das Stammhirn und zieht an seinen beiden Seiten entlang, bevor sie die akustischen Areale der Hirnrinde erreicht. In den Kernen des Hirnstamms, also seinem unteren Anteil, werden dabei vorverarbeitete Informationsreize auf ein gutes Dutzend Areale in diesem Bereich verteilt. Eine höher gelegene Lokalisation, Thalamus genannt, fungiert ihrerseits als Bewacher und Filter des Schlafs.
Die Verknüpfung (VERNETZUNG) kann man sich gut an einem Beispiel klar machen: Kommt der betrunkene Vater nachts in das Schlafzimmer, wird die Mutter nicht aufwachen. Wimmert hingegen der Säugling leise, ist sie sofort hellwach. Ein zweites Beispiel: Eine Melodie, die der Komponist am Tage beiläufig hörte, ist in seinem Gehirn gespeichert. Nächtens, im Schlaf, schickt der Thalamus eben diese Melodie in das Großhirn – der Komponist erwacht........er erhebt sich und schreibt sie sofort nieder!
Beide Großhirnhälften sind durch den sogenannten Balken verbunden, ein dickes Geflecht von Verknüpfungen, welche die beiden Hälften miteinander vernetzen. Es zeigt sich, dass dieser Balken bei musikalisch Ausgebildeten um 15% dicker ist als bei Laien!
Mit dem Prozess des Lernens – auf dem Gebiet der Musik auch des Übens – laufen die entsprechenden Informationen in bestimmten Bahnen. Durch die Benutzung dieser Bahnen werden die Synapsen immer mehr verstärkt, was sich in einer substantiellen Verdickung der Nervenendigung zeigen lässt. Es verhält sich so, als müsse eine häufig befahrene Strasse immer besser ausgebaut werden. Je öfter, je intensiver von Jugend an trainiert – geübt - wird, um so besser werden die entsprechenden Fähigkeiten, zum Beispiel das Spielen eines Musikinstruments, umso abrufbarer aber auch später die Erinnerungen. Das ist insbesondere für einen Musiker existentiell wichtig. Ein anderes Beispiel: Das Fahrradfahren verlernt man nicht.
Das Neugeborene besitzt ein dichtes NETZ untrainierter Nervenzellen und Nervenbahnen. Dieses NETZ leitet alle Impulse, alle „Informationen“ nach allen Seiten hin weiter. Mit dem Prozess des Lernens – des Übens – kommt es zu einer Häufung der Impulse in bestimmten Bahnen, und, wie beschrieben, die Synapsen in diesem Bereich verdicken sich. Im Hippokampus-Bereich (Seepferdchen ist die exakte Übersetzung von Hippokampus. Die Bezeichnung dieses Hirnareals hat aber mit dem Fischchen insofern nichts zu tun, als sich die Bezeichnung an eine Zwitterfigur der griechischen Sage anlehnt), in diesem Bereich also, einer Struktur, welche entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Strukturen gehört und quasi als Mittelpunkt des limbischen Systems anzusehen ist, werden immer neue Nervenzellen gebildet und in das NETZ transportiert. Denn der Hippokampus, an den Innenseiten der Großhirnhälften gelegen, ist für die Speicherung von Informationen zuständig. Beim ständigen Lernen muss er sich also anstrengen. Das Interessante ist, dass er eigentlich nur Sinneseindrücke im Gedächtnis abspeichert, die mit Emotionen verbunden sind. (Hier erhebt sich die Frage: sind Eselsbrücken mit Emotionen verbunden?) Ein Beispiel: Wir erinnern uns vielleicht an ein uns besonders beeindruckendes Konzert und vergessen darüber andere – an sie erinnern wir uns nicht mehr. ...Ich verweise außerdem an das Beispiel der den Kindern vorlesenden Chinesin, die mit ihrer Mimik und ihrer Gestik, ihrer Sprachmelodie und ihrem Lächeln den Sprachduktus des Chinesischen im Hippokampus der Kinder besser zu speichern vermochte als ein gefühlloses Tonband. Der Hippokampus gehört leider auch mit zu den ersten Regionen, die von der Alzheimer Krankheit befallen werden.
Nicht genutzte Bahnen und Nervenzellen werden „still gelegt“, sie verkümmern. Dieser Prozess beginnt schon in der Pubertät. Sie werden zu stillen Verbindungen, die allerdings bei Bedarf wieder aktiviert werden können. Je vielfältiger die Anregungen sind, desto komplexere Strukturen können sich bilden. Als Beispiel kann man an dieser Stelle wiederum eine sich in der Kindheit angeeignete Mehrsprachigkeit oder das Erlernen mehrerer Musikinstrumente in sehr jungen Jahren anführen. Im Grunde genommen steht dem Erwachsenen zum Lernen, zur Fort- und Weiterbildung, weitgehend das in der Kindheit und Jugend gebildete NETZ zur Verfügung. Offensichtlich verhält es sich auch so, dass Kinder, die von früh an musikalisch gefördert wurden, eine bessere Chance haben ihr Leben zu meistern.
Aus biologischer Sicht können wir nur das bewusst erleben, was mit einer Aktivität der Großhirnrinde verbunden ist (Professor Gerhard Roth). Diese Aktivitäten sind mit erhöhten Stoffwechselprozessen der betroffenen Hirnzellen verbunden, wie man mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) darstellen kann. Bewusstsein, d.h. Großhirnrinde, und Gefühle, d.h. das limbische System, treten vornehmlich dann auf, wenn unser Gehirn mit Problemen konfrontiert wird, für die es keine Lösungen parat hat. Das Gehirn ist gezwungen, ein neues NETZwerk anzulegen, welches das limbische System auf der Grundlage gespeicherter Erfahrungen einfärbt.
Heute stellt man sich vor, dass die wahrgenommene Musik von mehreren Hirnmodulen verarbeitet wird. Diese Module arbeiten unabhängig voneinander, jedoch in synchronem Rhythmus, also mit gemeinsamen Schwingungsfrequenzen. Jedes dieser Module stellt ein neuronales NETZ dar. Ein Neuron ist eine Nervenzelle. Also bildet jedes Musik-Modul ein eigenes NETZ. Darin ordnet es die erfasste Information. Miteinander verknüpft sind diese Module zwar nicht, doch in ihrer synchronen Schwingung leiten sie die Ergebnisse der geordneten Information innerhalb von Bruchteilen von Sekunden an das Großhirn weiter.
Musik- und Sprachmodule sind nicht identisch. Melodien werden mehr in der rechten Hirnhälfte gespeichert, während die Speicherung des Rhythmus eher linksseitig erfolgt. Außerdem befindet sich dieses Areal in der Nähe des Sprachzentrums. Auch die Sprache hat ja einen Rhythmus! Und das ganz besonders im gereimten Gedicht! Musikalischer Rhythmus beruht auf Takt und Tondauer, wird also auf zweierlei Weise erzeugt. Rhythmus fördert – beschwingt – gleichförmige körperliche Betätigung, man denke zum Beispiel an die Gesänge der Wolga-Treidler, welche im 19. Jahrhundert die Schiffe stromaufwärts zogen, oder an die amerikanischen – meist schwarzen – Feldarbeiter, welche Vorsänger hatten. Regelmäßig fielen diese Arbeiter rhythmisch in den jeweiligen Refrain ein.
Dieser Gemeinschaftsrhythmus beschleunigt außerdem den Arbeitsgang und erhöht somit die Arbeitsproduktivität. Dies ist selbstverständlich bei einem regelmäßigen rhythmischen „Hau-Ruck“ bei einem schweißtreibenden Unterfangen ebenfalls der Fall. Und wandert man nicht fröhlicher und schneller beim Singen beschwingter, rhythmischen Wanderlieder, die aus der Zeit der wandernden Handwerksgesellen stammen, insbesondere, wenn man nach langer Wanderung aus Müdigkeit „lahmt“ und zu stolpern beginnt?..... Und es marschiert sich doch auch leichter bei zackig-rhythmischer Marschmusik!
Über Rhythmuswahrnehmung im Gehirn können auch Parkinsonkranke aktiviert werden.
Wie oben bereits beschrieben ist das Kleinhirn, welches sich im hinteren Anteil der Schädelhöhle befindet, verantwortlich für die Feinmotorik, ja, es trägt die entscheidende Verantwortung für die Geschicklichkeit des Musikers, zum Beispiel des Pianisten oder des Harfenisten. Geht zunächst einmal der Befehl vom Großhirn aus, die Finger an dem Instrument arbeiten zu lassen, so sind es die Basalganglien, welche die Bewegungen initiieren, also anregen.
Was sind nun „Basalganglien“?
Basalganglien sind verschiedene, unterhalb der Großhirnrinde jeder Hirnhälfte gelegene umschriebene Hirnareale, also beiderseits angelegte „Kerne“, Gebiete also, die für wichtige Funktionen des Gehirns, nämlich Motorik (zum Beispiel Fingerübungen, doch natürlich alle Bewegungsabläufe des Körpers überhaupt), Kognitivität (Erfahrung, Erlernen) und Emotionalität von großer Bedeutung sind, indem sie genau diese Funktionen „anfeuern“. Verknüpft sind sie somit mit der Großhirnrinde, dem Kleinhirn und dem limbischen System. Inzwischen glaubt man zu wissen, dass 70% aller grauen Zellen der Hirnrinde für das Gefühl und die Beweglichkeit der Hände, für die Sprache und den Gesang reserviert sind. Die Ausführung, das Klavierspiel also, das Aufsagen eines Textes oder das Singen einer Arie, um nur einmal diese Beispiele zu nennen, werden von den „niederen“ Hirnanteilen, wie den Basalganglien und dem Kleinhirn gesteuert, nachdem sie den Befehl „von oben“ erhalten haben. Es handelt sich um ein höchst komplexes ja, fast möchte man sagen, äußerst kompliziertes Zusammenspiel der verschiedensten Hirnanteile, ein Zusammenspiel, das längst noch nicht voll erforscht ist, und bei dem bei diesen angeführten Beispielen noch nicht einmal das Zusammenspiel mit dem Hören beim Musizieren und dem Sehen, nämlich dem Notenlesen berücksichtigt wurde.
Neurobiologie und Plastizität des Gehirns
Bei der Beobachtung durch das Mikroskop fällt eine ständige Verwandlung der Hirnzellen auf. Man sieht immer wieder Ausstülpungen, die sich vielfingerig tastend ihre Umgebung zu erkunden scheinen (Dentriten, siehe oben). Die Zellen richten sich nach molekularen Wegweisern, welche in großer Zahl auf der Außenhaut der Zellen oder zwischen den Zellen zu finden sind. Es bilden sich synaptische Verknüpfungen (siehe oben). Hierbei wird die Plastizität des Gehirns sichtbar. Die Verknüpfungen bilden sich besonders rege zu Beginn des Lebens. Wenn alte Zellen neue Synapsen bilden, dann ist das eine Arzt Jungbrunneneffekt für das Gehirn, denn die Nervenzelle verjüngt sich dabei (Daher: lebenslanges Lernen!). Im Hippokampus, dem Zentrum des Gedächtnisses, wurden Zellneubildungen gefunden, die nur dann heranreifen, wenn es neue und wichtige Lerninhalte zu speichern gibt. Auch alte und stillgelegte Bahnen werden reaktiviert. So gleicht das Gehirn einer Baustelle, die ständig im Umbau begriffen ist. Und an dem Umbau sollte auch noch im Alter gearbeitet werden.
Das Konzert
Zunächst haben sich die Augen ständig zu bewegen, um die Noten abzutasten. Somit werden die Zapfen und die Stäbchen auf beiden Netzhäuten gereizt, und diese Reize, elektrische Nervenaktionspotentiale auch hier analog zu den Haarzellen in den Hörschnecken, gelangen über die Sehnerven in Form eines elektrischen Potentials zu der primären Sehrinde. Hier werden die Informationen zerlegt und in verschiedenen Modulen getrennt analysiert: nach Farben, nach Kontrasten, nach Formen usw. Sie werden „erkannt“. Im Schläfenlappen sitzt das „Hörsystem“, welches rechtsseitig die Melodie, linksseitig – wie oben beschrieben – den Rhythmus verarbeitet. Im Scheitellappen der Großhirnrinde wird die Motorik bearbeitet und vom Kleinhirn – wie ebenfalls beschrieben - reguliert und automatisiert. Der Stirnlappen ist zuständig für die Pläne und Absichten des Musikers. Er entscheidet schließlich über den Ausdruck des Musikstückes. Alle Teilverarbeitungen – hier grob dargestellt – kommen gleichzeitig im Bewusstsein im Stirnlappen des Großhirns an und werden automatisch durch das richtige Greifen der Töne auf dem Instrument zum Klingen gebracht. Die Musikalität selbst ist, wie bereits anfangs erwähnt, an den verschiedensten Hirnarealen lokalisiert. Da er sich im Laufe der Zeit seine eigene musikalische Landkarte erarbeitet hat, hört der Musizierende auch die von ihm vorgetragene Musik individuell. Der Hippokampus dient als Schaltstelle des Gedächtnisses in doppelter Funktion: Er spielt Erinnerungen an Assoziationen in das Bewusstsein ein und entscheidet darüber, welche der hier ankommenden Informationen dauerhaft gespeichert werden sollen, und welche in das Großhirn zu schicken sind. Im Schläfenhirn und im Stirnhirn wird u.a. auch über den Ausdruck des Musikwerkes entschieden.
Im limbischen System (Mandelkern, Hippokampus, Basalganglien, Hypothalamus) erhält die Musik ihre emotionale Bedeutung – bei Menschen wie bei Tieren. Melodien signalisieren die vielfältigsten Gefühle: Liebe, Trauer, Aggressionen. Der Grund, warum es zwischen den tiefen Teilen des Stirnlappens und des Hippokampus „funktioniert“, ist eben das limbische System. In ihm werden alle Erfahrungen seit der Geburt (auch schon vor der Geburt?) unbewusst gespeichert und fließen in jede bewusste Entscheidung des Menschen ein. Der Hippokampus ist „das Tor der Erinnerungen“. Jede Musik wird durch dieses „Wissen“ gefärbt und auch beim Empfänger verstanden. Wie schon beschrieben ist das limbische System mit der Großhirnrinde intensiv verNETZT. Das getragene Adagio enthält die Gefühlstönung Melancholie, der flotte Marsch wird in die Gehirnschublade Erregung, Euphorie weiter geleitet. Das limbische System ist somit der Farbgeber und Verteiler für Gefühle. Durch VerNETZUNG mit anderen Hirnregionen erhalten objektive Gedankengänge ihre emotionale Wirkung und Zuweisung. Bestes Beispiel ist die Filmmusik. Dank des limbischen Systems verstärkt die Musik die Handlung und provoziert Gefühle.
Auch beim Lernen kommt es zu einer Kooperation des Großhirns, des limbischen Systems und des Hirnstamms. Diese ermöglicht auf der Grundlage des Bewertens neuer Informationen das Lernen. Die Basis des Lernens sind im limbischen System gespeicherte gemachte Erfahrungen, die als positiv oder negativ erinnert werden. Mehr noch lernt der Mensch aus gemachten Fehlern als aus positiver Betätigung. („Karriere durch Versagen!“ - Helmut Schmidt, Bundeskanzler) Lernen ist ein individueller Prozess eines jeden Hirnareals, die durch VERNETZU/NG intensiv miteinander kooperieren. Nur durch große Erfahrung kann das Gehirn wissen, welche Musik von welchem Komponisten stammt. Dazu bedarf es umfassender Gedächtnisinformationen aus anderen Hirnregionen. Bilder, Töne und Noten sind assoziativ miteinander im NETZ verknüpft und von modulartigen Neuronenkomplexen bearbeitet. Sie fügen sich im Bereich des Stirnhirns zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Und aufgrund des limbischen Systems ist Musik universal, denn, wie wir wissen, gehört dieser neuronale Gefühlsschaltkreis zu den stammesgeschichtlich ältesten Strukturen (siehe oben). Seit Jahrmillionen erfüllt das limbische System seine Funktion als extrem leistungsfähiger Dirigent der Emotionen – auch bei den uns nahestehenden Säugetieren, und sicher auch bei den Vögeln - und tut es bis heute! Egal, ob wir dem Singen eines Kanarienvogels zuhören oder einem Orchesterstar.
Das Großhirn
Im Verlauf der Entwicklungsgeschichte hat das Großhirn die darunter liegenden Hirnteile, den Hirnstamm und das Mittelhirn, überwuchert und macht nunmehr 90% des Hirngewichtes aus. Höhere Funktionen wie Kreativität, Kommunikation, Erinnerung, musikalisches Gedächtnis und kognitives Begreifen sind in der Großhirnrinde beheimatet. Hier bilden die Neurone, also die Nervenzellen, eine 3,5 mm dicke graue Hirnrinde („graue Substanz“), die mindestens aus 6 Schichten besteht. Auf einen Quadratmillimeter verschalten sich hier etwa 100000 Neuronen an einer unermesslich großen Anzahl von Kontaktstellen, den Synapsen. Es wird angenommen, dass fast jedes Neuron auch mit sich selbst verbunden ist. Unter der grauen Rinde liegen die weißen Nervenfasern, die „weiße Substanz“. Sie verbindet die unterschiedlichen Hirnregionen miteinander, ähnlich wie der Balken die beiden Hirnhälften miteinander verbindet (siehe oben unter „Balken“). Bei Musikern ist diese weiße Substanz bis zu 15% stärker als bei Laien. Die Beziehung beider Hirnhälften gestaltet sich dynamisch und komplex. Im Gehirn verändern sich Strukturen dauerhaft, wenn sie intensiv mit Musik konfrontiert werden. Alle diese betreffenden Strukturen treten bei einem Musiker während eines Konzerts in Aktion, da ja, wie schon beschrieben, die verschiedensten Hirnanteile miteinander in Verbindung treten .
Das hirneigene Belohnungssystem im limbischen System, welches bei der Suchterkrankung die entscheidende Rolle spielt, wird durch Musik aktiviert und macht glücklich. Angst machende Systeme, wie der Mandelkern, werden unterdrückt. Ließ nicht Saul stets nach David rufen, wenn ihn die Melancholie überkam, damit er ihm auf der Harfe vorspiele?
Tiefgreifende Wirkung hat die Musik also über das limbische System, welches auch, wie bereits erwähnt, das „Tor der Emotionen“ genannt wird. Es bewirkt, dass uns die Musik tief ergreift und Gänsehaut, Lachen oder Weinen hervor zu rufen vermag. Der Volksmund sagt: „Sie greife an’s Herz!“ Doch, wie wir heute wissen, „greift sie an das limbische System und stimmt so unser Herz – das Vegetativum – fröhlich.“ Musik, insbesondere die Musik von Bach und Mozart, haben eine Stress abbauende Wirkung und fördern glücklich machende Botenstoffe im Gehirn (Dopamin). Man spricht geradezu vom „Mozart-Effekt“. Das Tempo der Musik entspricht unserem Herzschlag von 60 Schlägen/Minute. Dies ist besonders bei Barockmusik der Fall. Langsame Musik von Bach, Händel, Vivaldi, Corelli erzeugen ein tiefes Gefühl der Geborgenheit. Der Rhythmus schafft Kontinuität und Sicherheit durch verlässliche Wiederkehr und bildet so die Basis für Optimismus und Urvertrauen.
Moderne Musik mit vielen Dissonanzen erzeugt bei vielen Orchestermusikern nachweisliche vegetative Störungen und während des Musizierens Veränderungen im Elektro- Encephalogramm (EEG). Diese vegetativen Störungen können zu Bluthochdruck und Magengeschwüren führen. Hier kann die Musik nur intellektuell wahrgenommen und verarbeitet werden. Das Gefühl wird nicht angesprochen. Wird einem Kleinkind eine derartige Musik zu Gehör gebracht, wendet es sich sofort ab.
Die Evolution – die Entwicklung zum Menschen über die Jahrmillionen - hat uns mit unserem Gehirn ein komplexes Universum geschaffen, welches so groß wie das Universum ist, welches wir bei einem Blick in den Sternenhimmel nicht einmal erahnen können, und den wir dennoch mit Glücksgefühlen betrachten. So lassen wir uns gleichermaßen von den großartigen Sinfonien, den herrlichen Musikwerken unserer universalen Musikgenies verzaubern. Unser Gehirn ist ein Orchester ohne Dirigent. Milliarden und Abermilliarden von Nervenzellen arbeiten ohne koordinierende Oberaufsicht in jeweils getrennten Arealen in der Großhirnrinde an jeweils gesonderten Aufgaben. Und sie vermitteln dennoch zusammenhängende Wahrnehmungen der sinnlich fassbaren Welt. .
Das Genie Mozart
Es wird berichtet, dass Mozart in den ersten Tagen nach seiner Geburt fortwährend schrie. Wenn aber Vater Leopold auf Bitten der genervten Mutter auf der Geige spielte, wurde das kleine Wolferl ruhig und zufrieden.
Dank seiner genetisch bedingten Veranlagung und seiner von seinem Vater konsequent eingehaltenen Förderung auf dem Gebiet der Musik konnte Mozart später zu einem Musikgenie werden. Er besaß selbstverständlich das absolute Gehör und konnte einen Ton angeben, der ihm auf dem Klavier vorgespielt wurde, oder ihn exakt und richtig singen.
Bereits mit 3 Jahren begann er zu komponieren und schrieb mit 9 Jahren seine erste Oper „Bastien und Bastienne“. Daraus lässt sich ermessen, welche ungeheuer umfangreiche musikalische Landkarte bereits in seiner frühesten Jugend in seinem Gehirn angelegt war. Bekanntlich ging er schon früh mit seinem Vater auf Konzertreisen (und hatte auf diesen Reisen oft Halsschmerzen bzw. eine Angina!), wurde von seinem Vater, der ihm auch Lesen und Schreiben beibrachte, streng erzogen und auf dem Gebiet der Musik gefördert. Auf diesen Konzertreisen lernte er auch bei Christian Bach wichtige Kompositionsregeln. Als er in Rom den neunstimmigen Chorsatz „Miserere“ von Palestrina hörte, bat er den Dirigenten um eine Kopie der Partitur, die dieser ihm verweigerte. Sie sollte nämlich geheim bleiben. Nachdem Mozart sich das „Miserere“ ein zweites Mal angehört hatte, konnte er die Partitur, sehr zur Verwunderung des Dirigenten, fehlerfrei niederschreiben. Er sah die Komposition wie eine Landkarte vor sich, konnte sie ohne Mühe „lesen“ und sofort zu Papier bringen. Als er bei einer Probe seiner „Zauberflöte“ von dem Theaterdirektor und Textdichter Schikaneder gebeten wurde, einen Chor einzufügen, sagte er nur: „Leut, gebt’s eure Kasblattln her, ich schmier’ euch was drauf!“ und schrieb den „Chor der Tempelherren“ in ihre Notenbücher.
Doch nur durch konsequentes Training, sprich Arbeit, konnte Mozart aufgrund außergewöhnlicher genetischer Erbanlagen einer berühmten Musikerfamilie, aus der er stammte, unser größtes, deutschsprachiges Musikgenie werden. (Wir wissen: Talent allein genügt nicht!) Die oben beschriebenen Bahnen im Gehirn wurden schon frühzeitig gelegt und ständig „befahren“, die Synapsen ständig „gefordert“, „benutzt“, sodass sie sich immer besser ausbilden konnten.
Mozart schrieb: „Ideen, die mir gefallen, behalte ich im Gedächtnis, summe sie oft vor mich ihn. Mein musikalisches Thema vergrößert sich dabei von selbst, wird methodisch geordnet und ausgeformt, und ich habe es als ganzes ausgearbeitet im Kopf, sodass ich es mit einem Blick überschauen kann, wie ein schönes Bild oder eine Statue. Ich höre in meiner Vorstellung die Teile auch nicht nacheinander, sondern ich höre sie alle gleichzeitig. Es ist ein unbeschreiblicher Genuss! All dieses Entwickeln und Produzieren findet in einem lieblichen, lebendigen Traum statt.“
Und seinem Vater schrieb er einmal, als dieser ihn wiederholt streng ermahnte, endlich wieder etwas aufzuschreiben: „Es ist alles komponiret, nur noch nicht geschriben!“ die Landkarte der Komposition war längst in seinem Gehirn gespeichert!
Kranke Musiker
Bei kranken Musikern wird die Bedeutung nicht nur der Hörbahnen, also Ohren und Hörnerven, sondern aller oben beschriebenen Hirnanteile für die Ausübung ihres künstlerischen Berufes besonders deutlich. Amusien (siehe oben) sind bei Patienten regelmäßig mit Schädigungen im Bereich der rechten Hirnhälfte verbunden. Laien betrifft diese Schädigung allerdings stärker als Musiker, denn diese hatten die Möglichkeit, in einem großem Teil der linken Hirnhälfte ein musikalisches Spezialwissen – ihre musikalische Landkarte – aufzubauen, einzurichten, zu engrammieren. Bei umschriebenen Hirnausfällen findet man vielfach keine klaren Hinweise auf die Lokalisierung der Musik, der musikalischen Landkarte also, denn die Repräsentation der musikalischen Zentren ist sehr unterschiedlich im Gehirn verteilt. Wie wir wissen ist selbst die Rechtshändigkeit nur zu 90% an die linke Hirnhälfte gebunden.
Ludwig van Beethoven
Heute weiß man, dass Beethoven von Jugend an an einer schweren Bleivergiftung litt. So ist nicht klar, ob das bereits in frühen Jahren beeinträchtigte Gehör des Komponisten nicht auch auf erhöhte Bleiwerte im Gewebe zurückzuführen ist. Bereits mit 30 Jahren fanden sich allerdings auch die ersten Anzeichen einer Otosklerose auf beiden Ohren, einer Erkrankung, bei der entzündungsähnliche Prozesse im Bereich der Gehörknöchelchen zu einer Fixierung des Steigbügels und einer Verhärtung der Membran des ovalen Fensters führt. Damit wird die Schwingungsfähigkeit der Gehörknöchelchen und der Membran aufgehoben. Der krankhafte Prozess kann auch auf die Schnecke übergreifen und ist meist von quälenden Ohrgeräuschen begleitet. Um wenigstens die Resonanz mit seinem Körper fühlen zu können sägte Beethoven bei seinem Klavier die Beine ab und spielte auf dem Boden liegend. Dabei befestigte er ein Stück Holz an den schwingenden Rahmen seines Instruments und nahm das andere Ende zwischen seine Zähne. Sehr schnell lernte er, sich die Töne geistig vorzustellen und brauchte zum Schluss nur noch eine leere Klaviertastatur zum Komponieren. Bloße Gedanken, Vorstellungen, aktivieren denselben Hirnanteil, der auch bei der Ausführung einer Handlung aktiviert wird, nämlich wenige Quadratzentimeter im Bereich des Stirnhirns. Allerdings war Beethoven nicht mehr in der Lage zu dirigieren. Mit 49 Jahren war er vollständig ertaubt und lebte mit dieser absoluten Taubheit noch 8 Jahre.
Robert Schumann
Bereits Anfang der 50iger Jahre des 19. Jahrhunderts machten sich die ersten Anzeichen der Hirnerkrankung dieses Komponisten bemerkbar. Doch noch komponierte er in diesen Jahren sehr viel, obgleich seine Sprache immer langsamer und schwerfälliger wurde. Hinzu kamen sodann akustische Halluzinationen von einerseits „herrlicher Musik mit wundervoll klingenden Instrumenten!“ aber auch „Dämonenstimmen mit grässlicher Musik!“ In der Nacht vom 17. Februar 1854 meinte Schumann Engelsstimmen zu hören, die ihm ein choralartiges Thema vorsangen. Dieses Thema, sowie die wenige Tage später dazu geschriebenen Variationen, sind seine letzte zusammenhängende Komposition. Selbstmord-Sehnsüchte werden von dem Komponisten bereits 1830 in seinem Tagebuch vermerkt, und er hat sich ja dann auch am 27.Februar 1854 bei Düsseldorf in den Rhein gestürzt. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes in der Nervenheilanstalt, in die er nach seiner Rettung aus dem Strom verbracht wurde, spielte er noch ab und zu Klavier, und noch im Jahr darauf versuchte er dort auch noch zu komponieren. 1856 verstarb Robert Schumann mit 46 Jahren in der Anstalt. Inzwischen ist ein Obduktionsprotokoll, das lange als verschollen galt, bekannt geworden. In ihm ist von einem „Auftreten einer ziemlich großen Menge einer gelblichen sulzigen Masse im Gehirn“ die Rede. Die in den Krankenberichten geschilderten Symptome stützen die These einer fortschreitenden „Gehirnlähmung“, einer progressiven Paralyse, wohl aufgrund einer syphilitischen Infektion.
Maurice Ravel
Maurice Ravel erkrankte 1933, also 58 jährig, an einem Hirnabbauprozess im Bereich des Scheitel- und Schläfenlappens der linken Großhirnhemisphäre. Während der letzten 4 Jahre seines Lebens konnte er zunächst nur noch mit Schwierigkeiten schreiben. Es stellten sich Rechtschreibfehler ein, die von seinen Schülern in seinen handschriftlich niedergelegten Kompositionen natürlich bemerkt wurden. Ravel schrieb an seinen Freund: „Ich werde die Jeanne d’Arc niemals schreiben können. Es ist vorbei, ich kann meine Musik nicht mehr schreiben.“ Er wohnte Aufführungen seiner eigenen Stücke bei und bemerkte jeden Fehler. Sein Gedächtnis für Musik war also nicht gestört. Er vermochte zwar Tonleitern auf dem Klavier zu spielen, nicht aber Musikstücke vom Blatt. Selbst seine eigenen Stücke konnte er nicht mehr spielen, weder vom Blatt noch aus dem Gedächtnis! Sagte man ihm einen Ton, so konnte er ihn aufschreiben, schrieb er jedoch seine eigene Komposition auf, so ging dies, wie oben ausgeführt, nur sehr langsam und mit vielen Fehlern vor sich. Er konnte also durchaus noch Musik hören, er konnte auch (eingeschränkt) Klavier spielen, er konnte auch Noten schreiben, aber er konnte das alles nicht gleichzeitig. Das NETZ hatte sozusagen Lücken! Aufgrund des oben beschriebenen Abbauprozesses im Bereich des oberen Schläfenhirns und des Scheitelhirns war es ihm nicht mehr möglich, diese Einzelleistungen ineinander zu integrieren.
Schwer betroffen sind Musiker, bei denen eine Menière’sche Erkrankung auftritt, welche durch Schwindelanfälle, quälende Ohrgeräusche und zunehmende Schwerhörigkeit gekennzeichnet ist. Die Erkrankung spielt sich im Bereich des Corti’schen Organs, also in der Hörschnecke, ab, in der es anfallsweise zu Verquellungen im Bereich der Hörzellen kommt, und sie kann ebenfalls zur – meist – einseitigen Taubheit führen. Die Töne werden verzerrt, erklingen schrill und blechern, und die Sprache erscheint diesen Patienten blubbernd, wie bei der Ente Donald Duck. Da die Erkrankung zumeist auf nur einem Ohr auftritt, ist damit auch die Stereophonie, also das räumliche Hören, gestört.
Wie oben bereits ausgeführt, ist das Innenohr für technischen Lärm über die Jahre hinweg anfällig. So kann es bei Orchestermusikern auch zu einer schleichend auftretenden Lärmschwerhörigkeit kommen, die nicht nur mit einer Höreinbusse, sondern auch mit einer Verzerrung der Musik, einer Misstonigkeit also, aber auch mit einer herabgesetzten Belastbarkeit für laute Töne einhergeht, welche bei zunehmendem Fortschreiten der Erkrankung als unerträglich empfunden wird. (herabgesetzte Intensitätsbreite)
Die Musik der Götter
So lange es Menschen gibt, also seit letzten Eiszeit, gibt es wohl die Musik. Das älteste Musikinstrument, das in Slowenien gefunden wurde, ist über 50000 Jahre alt und stammt aus einem Oberschenkelknochen eines jungen Bären. Zur Erzeugung von Tönen besaß es vier Löcher. Von einer 36 000 Jahre alten Flöte aus Schwanenknochen mit drei Löchern, gefunden in einer Höhle bei Blaubeuren, neigt man heute dazu anzunehmen, dass sie von Neandertalern hergestellt wurde. Natürlich konnte auch der Neandertaler mit seinem Kehlkopf Töne erzeugen, das kann ja jedes Wirbeltier, aber ob er singen konnte?
Die Musik kam vom Himmel, glaubten die Menschen, sie kam von den Göttern. Musik gibt es in allen Kulturen. Wird nicht der griechische Gott Apoll mit der Leier dargestellt? Mit der Musik wollten die Menschen wohl immer auch die Götter besänftigen. Wie man aus eiszeitlichen Höhlenzeichnungen schließen kann, wurde sie schon in ganz frühen Zeiten wohl auch stets in Verbindung mit rituellen Tänzen vorgetragen, denn auch die Tänze sollten die Götter gnädig stimmen, damit sie für Jagderfolg (damals), für gute Ernten und Kriegsglück (!) sorgten. Zum großen Ärger Moses’ fielen bekanntlich die Juden während ihrer 40 jährigen Wanderung durch die Wüste wiederholt von ihrem Gott Jahwe ab und tanzten sogar um das goldene Kalb. Immer spielte die Musik bei der Verehrung der Gottheiten eine große Rolle, da sie, wie wir aus etlichen Kulturen wissen, den Anbetenden durchaus in Trance versetzen kann und ihn so mit seiner Gottheit kommunizieren lässt. Auch in unserer Zeit spielt Musik in Gottesdiensten noch eine große Rolle. Und in den Gottesdiensten der Afro-Amerikaner werden die Gospelsongs auch heute noch mit rhythmischen wiegend-tänzerischen Körperbewegungen, tanzend also, gesungen.
Verwundert es da, dass auch noch einweiteres Instrument aus der Altsteinzeit zu Tage kam? 35 0000 Jahre alt ist eine Flöte aus Mammut-Elfenbein, zusammengesetzt aus 31 Einzelteilen! Und gefunden wurde sie im Lonetal in Baden-Württemberg.
Aus der Jungsteinzeit konnte man xylophonähnliche Instrumente in Vietnam entdecken, die etwa 10000 Jahre alt sind: sogenannte Lithophone, zusammengesetzt aus mehreren Klangsteinen, von denen der größte fast einen Meter lang ist! Das umfangreichste dieser Musikinstrumente ist aus 20 Klangsteinen zusammengefügt. Auch 9000 Jahre alte Flöten aus Kranichknochen aus China konnten aufgefunden werden. Die älteste spielbare Flöte aus dieser Zeit hat 8 Löcher, deren Töne genau eine Tonleiter ergeben. Außerdem besitzt sie noch ein kleineres Loch zum Spielen eines Halbtons.
Vor mehr als 5000 Jahren kannten auch die Chinesen und die Babylonier schon Musikinstrumente. Man schrieb der Musik Zauberwirkung zu, die sie ja eigentlich bis heute hat.
Die alten Griechen hatten ihre Musikkultur von den Ägyptern übernommen und haben sie schließlich an Europa weiter gegeben. Nach ihrer Mythologie schenkte Hermes die Lyra, Pan die Flöte und Athene die Trompete und die Schalmei den Menschen. Die Griechen der Antike kannten die Sprechgesänge – man denke an die altgriechischen Tragödien, in denen immer ein Chor vorkommt. Platon wies darauf hin, dass Musik die Seele forme und Sport den Körper stärke. Beides wurde in den „Gymnasien“ gelehrt und betrieben (das galt natürlich nur für Knaben!).
Neumen und die gregorianische Musik
Um 600 nach Christus ließ der Papst Gregor I., der Große, die Gesänge der Klöster sammeln. Die ersten Noten waren eigentlich nur Linien, Neumen, die so die Höhe der Töne angaben. Jedem Ton war die Silbe eines lateinischen Gebetes zugeordnet. Da man präzisieren musste, legte man horizontale Linien zwischen die Neumen. Taktstriche gab es nicht, und zu den gregorianischen Gesängen wurde natürlich auch nicht getanzt!
Die mittelalterliche Musik
Einzelne Noten mit viereckigen Köpfen, die Tönen zugeordnet waren, tauchen erst im 13.Jahrhundert auf. Bald schon konnte man den Tönen die Länge und die Höhe ansehen, und die Folianten zeigten sie zunächst eingeordnet in 4, später in 5 Linien.
Im Mittelalter entwickelte sich auch der mehrstimmige Kirchengesang, und schon bald gesellten sich Instrumente hinzu. Der Notendruck kam 50 Jahre nach dem Erscheinen der Gutenbergbibel im Jahre 1501 auf. Die Musiker waren erfindungsreich und schufen mit der Zeit immer technisch aufwendigere und klanglich schönere, beeindruckendere Instrumente. Und wie seit der Zeit der ersten Menschen, die die Musik kannten, hat diese bis heute soziale Funktionen und ist gemeinschaftsstiftend – und ehestiftend!!!
In den früheren Jahrhunderten glaubten die einfachen Leute, die Kirchenmusik käme von den Engeln. Ging es allerdings auf dem Dorfplatz zur Tanzmusik wild und lustig zu, so hatte der Teufel seine Hand im Spiel. Wie wir aus vielen Märchen wissen, spielte er auch die Geige! Stadtpfeifer und Spielmänner wurden zu Zeiten diffamiert und mussten sich mit bunten Kleidern kennzeichnen.
Zurück zu den Tieren
Die Singvögel mit ihren wunderschönen Pfeifkonzerten haben so manchen Komponisten zu Melodien angeregt. Der Gesang des Männchens löst beim Weibchen eine Hormonausschüttung aus, und schon baut sie ihr Nest aufmerksamer und stabiler, wenn sie ihren Partner hört! Bei den Vögeln ist die Gesangeskunst zum Kriterium der Partnerwahl geworden. Dadurch entwickelten sich die Singvogelarten besonders vielfältig und schnell. Es scheint daran zu liegen, dass die zwitschernden Tiere unter Konkurrenzdruck stehen – welches Männchen im Tierreich tut das nicht? Männchen mit den schönsten Stimmen haben die größten Chancen bei der Brautwerbung.
Auch Ratten haben Geschmack. Sie bevorzugen Musik, die ihre Gefühle anspricht, denn auch sie haben ja ein limbisches System. Lässt man nämlich Ratten zwischen Wolfgang Amadeus Mozart und Arnold Schönberg wählen, bevorzugen sie konsequent Mozart.
Die wunderschönen Gesänge der Buckelwale hallen mit ihren hohen, langgezogenen Seufzern und Gesängen Hunderte von Kilometern durch das Meer. Wasser leitet ja, wie wir wissen, den Schall besser als Luft. Ihre Gesänge sind unterschiedlich und vom Revier abhängig. Walmännchen vom Westpazifik nehmen Lieder von Walen aus dem indischen Ozean, die sie hören, auf und bauen sie in ihre „Ständchen“ der Brautwerbung ein. Theoretisch können sich Wale von Pol zu Pol unterhalten, wenn sie Artgenossen finden, die ihre Gesänge weitergeben und nicht gerade Ozeanriesen, die unsere Meere durchpflügen, dadurch die Schallwellen der Brautgesänge unterbrechen.
Den meisten Tieren fehlt das Takt- und Rhythmusgefühl. Allein der Buckelwal musiziert mit einem durchgehenden Rhythmus, der es erlaubt, in einer Gruppe zusammen zu singen. Wenn eine solche Gruppe mit ihrem organisierten Gesang ihr Revier verteidigt, beeindruckt das den Gegner so sehr, dass er die Flucht ergreift. Chorgesang verstärkt außerdem den Zusammenhalt der Horde.
Unter den „musizierenden Tieren“ sind natürlich die Singvögel unsere Lieblinge! In der Vogelwelt sind diese Tiere, je nachdem, welcher Art sie zugehören, in der Lage, ein mehr oder weniger breites Frequenzspektrum zu „modulieren“ und zu Gehör zu bringen. Damit soll bekanntlich beim Singvogel-Männchen die eigene Art „angepiepst“ werden, nicht nur, um die Weibchen zu beeindrucken, sondern auch, um die Revierfrage zu klären! Vögel sind in der Lage, ihren „Ruf“, ihr „Pfeifkonzert“, ihren „Gesang“ zu variieren, sie können sogar zur Brutzeit ein neues Lied „erfinden“, also entwickeln. Bei den in Gefangenschaft lebenden Kanarienvögeln ließ sich dieses Phänomen am besten untersuchen. Bei dem männlichen Vogel entsteht nämlich zur Brutzeit regelrecht ein neues Gehirnareal, wächst sozusagen als Grundlage für ein „neues Lied“, indem sich nämlich in einem umschriebenen Teil des Gehirns neue Nervenzellen bilden, die sich miteinander verknüpfen. Die Größe dieses Areals nimmt im Laufe dieses Wachstums um mehr als das doppelte zu. Das Gesangesmuster des Vogels wird in diesem neu entstandenen Schaltkreis festgeschrieben: das neue Lied ist entstanden, um das Weibchen anzulocken. Nach der Paarungszeit schrumpft das „gesangskontrollierende Hirngebilde“ wieder! Auf diese Weise schafft das Gehirn des Kanarienvogels eine strukturelle Basis für Lernprozesse, die nach der Paarung allerdings wieder vergessen werden, indem das entstandene Hirnareal schrumpft, ........um in der kommenden Brutsaison erneut anzuwachsen, auf dass ein neues Lied „komponiert“ werden kann!
Wie verhält es sich nun bei dem Tier, mit dem wir den allergrößten Anteil der Gene gemeinsam haben, mit unseren Verwandten, den Menschenaffen? Gehen wir davon aus, dass Musik erst dann Musik ist, wenn sie keinem anderen biologischen Zweck dient außer dem bloßen Lustgewinn, dann kommt das, nach dem heutigen Wissensstand, in der Tierwelt nicht vor. „Kein Tier musiziert einfach nur zu seiner eigenen Freude, oder zur Freude anderer!“ (Marc Hauser). Oder gibt es da eine Ausnahme? Was hat es mit dem spielerischen Trommeln der Menschenaffen auf sich? Gorillas trommeln meistens auf ihren Körper, Schimpansen und Bonobos trommeln auf Gegenstände oder auf Wände, und Orang Utans, die von den vier Menschenaffenarten den geringsten Verwandtschaftsgrad mit dem Menschen aufweisen können, trommeln so gut wie gar nicht. Findet hier eine Evolution der Musik im Tierreichstatt, welche ihre Fortsetzung bei den frühen Menschen fand? Oder signalisiert diese „Affenmusik“ vielleicht nicht auch eine genetische Botschaft im Sinne von: ich bin genetisch so fit, dass ich das Überlebenspflichtprogramm so leicht schaffe, ich kann sogar trällern und trommeln (Manfred Spitzer), was man durchaus auf gesunde, quirlige – meist junge – Menschen übertragen kann!
Beim Menschen demonstriert übrigens militärische Marschmusik dem Gegner Mächtigkeit und Einigkeit. (Auch hier ein biologisches Programm? Oder bloßer Lustgewinn? Oder mal das eine, mal das andere?) Der durch den Takt eingehaltene Gleichschritt, verbunden mit zackigem Gesang, kann allerdings Brücken durch die sich aufschaukelnde Resonanz gefährden oder gar zum Einsturz bringen, weshalb eine militärische Formation niemals eine Brücke im Gleichschritt und mit Gesang überqueren wird. Demokratisches Durcheinanderlaufen ist in diesem Falle angezeigt!
Wolf Singer, Max Plank Institut für Hirnforschung, Frankfurt
Gerd Kempermann, Hirnforscher, Charite´, Berlin
Melita Schachner, Zentrum für molekulare Neurobiologie, Hamburg
Günter Tembrock, Humbold Universität, Berlin
Gerhard Roth, Telekolleg, 13. März 2004
Ernst Pöppel, Max Plank Institut, München
Manfred Spitzer, „Musik im Kopf“, Ulm
Spiegel Spezial 2005,
„Die Entschlüsselung des Gehirns“
Robert Jourdain, „das wohltemperierte Gehirn“
Zusammengestellt von Dr.med. Adelheid Jungwirth
Redigiert von Dr.med. Anneliese Beck