MS-ALBATROS von D.A.B.


 zurück zu  REISEERLEBNISSE        

I NHALT :

MS-Albatros

 
     

 

Unter der Flagge der Bahamas
Aus den Tagebuchaufzeichnungen einer Seereisenden auf dem Kreuzfahrtschiff  MS-Albatros im April/Mai 2007
 
   „von der Neuen Welt in das Alte Europa“  
     
   
In der Karibik und im Golf von Mexiko
Dixieland
Die Hauptstadt einer Weltmacht und die Hauptstadt der Welt
Der herbe Norden
Und...ein Paradies im stürmischen Ozean
 
 

 

 
In der Karibik und im Golf von Mexiko
    „Bim Bam: Guten Morgen, liebe Gäste! Hier s-pricht de Kabidän from the Brigge! Ein neuer Tag – ein neues Glück!.....“ Punkt 10 Uhr Ortszeit meldet sich an Seetagen über Lautsprecher Kapitän Morton Arne Hansen, ein Norweger, um in seinem charmanten Mehrsprachen-Kauderwelsch ein ob einer stets kniffligen Wind-, Wetter-, sowie – weit wichtiger – Meeresströmungs-Situation ein für uns undurchschaubares Navigations-Statement abzugeben. Aus ihm entnehmen wir lediglich, zu unserer Freude natürlich, dass wir uns mitten im Hochdrück befinden und uns auf weitere Hochdrücke freuen können, Temperatür-Angaben inklusive! Tiefdrücke sind gehalten, sich taktvoll im Hintergrund zu halten oder gar ganz weit weg ihr Unwesen zu treiben! Bricht dennoch unerwartet ein kleinwinziges fürwitziges Tiefdrück über uns herein, so hat es der leutselig-charmante Kapitän Hansen in seiner Vorhersage taktvoll verschwiegen! Im Übrigen steht er mit dem Vokal U auf Kriegsfuß! Und bleibt dabei!
    In Sydney hat er die Albatros von seinem wortkargen Vorgänger übernommen. Da hatte das gemütliche „kleine“ Schiff mit seinem türkisfarbenen Schornstein bereits die halbe Weltreise hinter sich. Aufgebrochen war es vor Weihnachten 2006 in Monte Carlo, war nach Durchquerung des Mittelmeeres durch den Suez- Kanal und das rote Meer geschippert, hatte im arabischen Meerbusen, im Indischen Ozean und im Südchinesischen Meer gekreuzt, hatte nach der arabischen Halbinsel Indien, China und Vietnam, auch Taiwan, Japan, Indonesien und die Philippinen berührt, war in die südliche Erdhalbkugel bis nach Australien und Neuseeland vorgedrungen, hatte den Pazifischen Ozean bezwungen und dabei auch Südseeinseln gestreift, hatte an den Gestaden der Indianerstaaten Peru und Ecuador festgemacht und war schließlich durch den Panama Kanal gefahren, um in der Karibischen See zu schaukeln. Dort also lag es am 09.04.2007 im Hafen von La Romana, bereit, uns an Bord zu nehmen. 5400 weitere Seemeilen, das sind etwa 10 000 km, würden wir nach 4 Wochen an Bord hinter uns gebracht haben. Dann nämlich würde sich die Albatros nach insgesamt 135 Tagen auf See dem  heimatlichen Bremerhaven nähern und der smarte Käpt’n würde für uns in noch immer alter Frische ein letztes Mal „das Lots“ ankündigen, die Ankunft jenes Mannes, mit dessen Hilfe sein Schiff an dem für uns dann letzten Kai festmachen würde. Immer war „das Lots“ eine ganz wichtige Person, die, nachdem sein kleines Küstenschiff backbord angelegt hatte, auf einer herabgelassenen Hängeleiter heraufgeklettert kam, um die Albatros zu übernehmen und in den jeweiligen Hafen zu steuern, zu „bugsieren“, von dem aus wir auf Landausflügen Unbekanntes erkunden und erleben würden.
    La Romana gehört zur Dominikanischen Republik, und die wiederum befindet sich, zusammen mit ihrem Nachbarstaat Haiti, auf der von Kolumbus ehemals „Hispaniola“ benannten Insel, südöstlich von Cuba gelegen. Wir, meine Freundin M. und ich, werden so gut wie nichts von ihr sehen, außer, dass es gerade in ein gesegnetes, frisches Grün von Bäumen und Plantagen geregnet hat. Als endlich alle Ausflügler und Neuankömmlinge an Bord sind, nimmt die „tapfere alte Tante Albatros“ Kurs auf Jamaika.
 
    Jamaika, den großen Antillen zugehörig, wird als die schönste Karibikinsel bezeichnet, und sie ist nach Kuba und Hispaniola die Drittgrößte. Jamaika ist ein Schwarzen-Staat. Ende des 18. Jahrhunderts zählte die Insel bereits 250 000 schwarze Sklaven und nur 25 000 Weiße, vornehmlich Zuckerrohr-Plantagenbesitzer.1670 kam die ehemals spanisch beherrschte Insel in britische Hände, und die Zuckerrohrbarone der Karibik hatten, wie man weiß, in der Folge im britischen Parlament so ziemlich das Sagen! So nach dem Motto: Ohne Zucker geht schon mal gar nix!  1831 fand der letzte große Sklavenaufstand statt, 1866 wurde Jamaika zur britischen Kronkolonie erklärt. Erst knapp 100 Jahre später, nämlich 1962, wurde der Staat Jamaika, der sich seit 1944 selbst verwaltete, unabhängig, verblieb jedoch und verbleibt noch im Verband des britischen Commonwealth. Deswegen herrscht hier auch Linksverkehr! So, wie in all jenen Territorien auf dieser Welt, auf die einst die Briten ihre Hand gelegt hatten. Inzwischen blüht der Tourismus auf der Insel ob ihrer gepriesenen Naturschönheiten, Sandstände inbegriffen.
    In Ocho Rios treiben wir uns in karibischer Hitze auf eigene Faust herum, bewundern dabei die mich immer wieder begeisternden subtropischen blühenden und großblättrigen, z.T. bizarren Bäume auf den Strassen, und starren in die undurchdringliche Macchia, den wuchernden Urwald, der unmittelbar an den Straßenrändern außerhalb des winzigen Ortes den Berg hinaufwuchert. In einem hübsch angelegten bunt blühenden Park (Turtle Park) mit verschiedenen Palmenarten, bunten Blumen und üppigen Bananenstauden zeigt uns eine uniformierte liebenswürdige Schwarze kleine, eher mickrige Wasserschildkröten und versäumt auch nicht, den Rucksack eines jungen männlichen Weißen zu durchsuchen. Wir Alten sind unverdächtig – denkt man! 
    Neben schlanken, sehr schönen jungen farbigen Mädchen spazieren reichlich jüngere und ältere kurzhalsige schwarze und braune Frauen mit üppigen, um nicht zu sagen überbordenden Figuren durch die Strassen. Das enorme Gesäß schaukelt jeweils in den engen Jeanshosen, und der ungeheure Busen und der unübersehbare Bauch werden stolz vorangetragen. Die Männer sind eher dünn. Ein sehr junges Fancy-Girl trägt mir auf offener Straße mit leiser Stimme Sex an. Was sagt das aus? Ich nehme an: Armut und gewisse Vorlieben gewisser älterer Damen (wohl vorwiegend Amerikanerinnen). Einem jüngeren weißen Ehepaar werden unvermittelt „Zigaretten“ angeboten! Aha!!!! So weit Jamaika!
    Nach dem Ablegen nimmt die Albatros unter Kapitän Hansens Kommando Fahrt auf und macht sich auf den Weg zu den 300 km entfernten nordwestlich gelegenen Cayman Islands, auf denen Columbus einst viele Schildkröten sichtete. Deshalb nannte er sie „Las Tortugas“. Das spanische Caimán steht eigentlich für Leguan. Wie dem auch sei: uns erwarten Schildkröten....
    Das dem Kapitän assistierende Offizierscorps ist übrigens international  aufgestellt: der 1.Offizier stammt aus der Ukraine, und auch ein Türke und ein Österreicher sind mit von der Partie. Sein – unser – Schiff wurde 1972 in Finnland gebaut, wird berichtet, in den 80igern in Hamburg aufgepoppt und aufgebrezelt und bei dieser Gelegenheit gleich um 23 m verlängert. Der gemütlichen Albatros wird nachgesagt, dass sie gut in der See liege. Auch die übrige Crew ist eine ausgesprochene Multi-Kulti-Gesellschaft. Etwa 480 Passagiere werden in erster Linie von einem Schwarm Philippinos versorgt und verwöhnt, es folgen Ukrainer, Inder, Indonesier und etliche andere Nationalitäten. Unser schmächtiger, blasser, uns stets anstrahlender und  hilfsbereiter Kabinen-Steward Mihai kommt aus Constanza, und Zedna, unsere kleine, kräftige, arbeitsame Restaurant-Stewardess mit ihren kurz geschnittenen blonden Haaren und ihrer Brille auf der Nase stammt aus Tschechien. Sie ist einfach eine zum Liebhaben. Der Chefkoch ist Österreicher, der Beikoch Deutscher, der Suppenchef ein Inder und der Konditormeister ein Mann aus Indonesien. Unter ihrer Ägide tummeln sich die Philippinos in der Küche, und im Restaurant haben wir ihrem ewigen liebenswürdigen Sing-Sang in den Ohren. Dann gibt es natürlich die vielen unsichtbaren Helfer: Matrosen, Techniker, Schneider, Putz- und Waschmänner usw., usf., ebenfalls hinsichtlich ihrer Herkunft ein „global“ zusammengewürfelter Haufen, wie es, glaube ich, schon immer in der christlichen Seefahrt üblich war.(Wenn auch nicht in dieser Bandbreite!). Trotz der internationalen Besatzung wird das Schiff deutschsprachig geführt, und man kann sagen: zu fast 100% kommen die Passagiere aus dem deutschsprachigen Raum bzw. beherrschen das Deutsche.
 
    1503 also wurden die Cayman-Inseln also von Columbus entdeckt, von den Spaniern 1670 zusammen mit Jamaika an die Engländer abgetreten und 1863 dieser Insel angegliedert. Als Letztere 1962 die Unabhängigkeit wählte, entschieden sich die Caymans, britische Kronkolonie mit interner Selbstverwaltung zu werden. Heute sind sie Dominion und gehören nicht zur EU. Dafür sind sie ein internationales Finanzzentrum mit einer dynamischen Entwicklung, ein Steuerparadies – sicher auch ein „Steuer-Schlupfloch-Paradies“ – mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in der Karibik und ein wichtiger Finanzplatz hinter Tokio, New York und London! Woran bemerkt dies der naiv-verwunderte Tourist? An der überraschend großen Anzahl von Banken, aber auch an der überraschend großen Anzahl sehr teurer Schmuckläden in einem in seinen Augen belanglosen Nest auf einer Insel, von der er eigentlich bisher noch nichts gehört hat! Wie Perlen, zu einer Kette aneinander gereiht, präsentieren jene im Zentrum des Städtchens George Town auf der Hauptinsel Grand Cayman ihre glitzernden und teuren Preziosen.
    Leider sind die Caymans auch eine Hurrikan-gebeutelte Gegend.
    Wir ankern auf Reede, erreichen in stürmisch schaukelnden Booten das Ufer und betreten das ruhige, saubere gepflegte Städtchen, natürlich bei glühender Hitze! Es ist nicht zu übersehen, wie der letzte schwere Hurrikan 2004 gewütet hat: zwar weniger an verwüsteten Häusern! Die sind längst wieder aufgebaut! Sondern an den zahlreichen abgeknickten Bäumen! Im letzten halben Jahrhundert fegten übrigens mehrere schwere, schreckliche Hurrikans über die Inseln hinweg! Was nun die Häuser angeht, so bewundern wir wunderschöne einstöckige Privathäuser meist im Bungalow-Stil! (Hochhäuser gibt es hier ohnehin nicht!) Sie sind die ersten einer großen Anzahl, die wir auf dieser Reise noch zu bewundern haben werden! Überall flattert der Union Jack auf Dächern und vor Gebäuden – die farbigen Einwohner sind british subjects, „Untertanen der Queen“ also. Diese hat aber keine so gute Presse, wie festzustellen ist, obgleich sie in ihrer Begrüßungsrede anlässlich ihres letzten Besuchs ausdrücklich betonte: „Ihr seid alle meine Kinder!“ Das lasse man sich in der heutigen Zeit auf der Zunge zergehen! Nach dem oben erwähnten Hurrikan wurden die „Kinder“, was finanzielle Hilfe anbelangt, von ihrem Mutterland allerdings im Regen stehen gelassen. Es waren die USA, welche die Dollars locker machten und den Inselbewohnern unter die Arme griffen.  Letztendlich spendete dann auch die EU 3 Millionen EURO!
    Die Friedhöfe liegen übrigens alle am Strand, very close to the sea! Warum? Es ließ sich nicht ergründen. Es ist halt so. Und so viele Friedhöfe sind es auch wieder nicht!
     Selbstverständlich ist ein Besuch der weltweit einzigen Suppenschildkrötenfarm ein „Muss“. Sie befindet sich in einem hübschen parkähnlich angelegten und weitläufigen Gelände mit einer Anzahl großer Wasserbecken, in dem diese „Riesenviecher“ – sie sind so groß, dass man sie nur mit Mühe heben kann – sich träge umher bewegen und herumplanschen. 80 – 120 m lang können sie werden. Die in grünlichem oder bräunlichem Ton in Ton gehaltene individuelle Zeichnung des panzerartigen Rückenschilds eines jeden Tieres ist von einer Schönheit, wie sie eben nur die Natur hervorzubringen vermag. Ein Hoch auf ihre raffinierte Durchmischung der Suppenschildkröten-Gene! Man kann sich gar nicht satt sehen. Diese Tiere gehören übrigens zu den bedrohten Arten. Gerade in Mittelamerika ist der Genuss von Schildkrötenfleisch von Alters her gebräuchlich (auch Meerschweinchen, übrigens!) und wurde stets als eine Delikatesse angesehen. Ganz abgesehen davon, dass Schildpatt immer und überall als ein beliebtes Material zur kunsthandwerklichen Verarbeitung geschätzt war. Mit der Zucht auf Gran Cayman will man dem Aussterben dieser Tierart entgegensteuern und gleichzeitig seine Nutzung (Fleisch, Häute, Schildpatt) gewährleisten.
    Grand Cayman mag zwar im Geld schwimmen, doch es gebricht an Süßwasser! Heutzutage ist das, wie man weiß, kein Problem mehr. Süßwasser lässt sich aus dem Meer durch Entsalzung, aber auch aus Pflanzen gewinnen. Begegnet man im Orient oder in asiatischen Ländern unentwegt streunenden räudigen Hunden und Katzen, so habe ich sowohl hier wie auch schon auf Jamaika keines dieser Tiere in welchem Zustand auch immer zu Gesicht bekommen.......
    Auf Hochseeschiffsreisen ist es üblich, dass ärztliche Kollegen, die sich als Passagiere an Bord befinden, vom Schiffsarzt zu einem Drink geladen werden, um ihnen nach einem Kennenlern-Gespräch die Ordination, deren Ausstattung und das kleine Schiffshospital vorzuführen. So auch auf dieser Reise. Frau Dr. A.W., einst Allgemeinärztin in eigener Praxis und kurz vor dem Ruhestand, gleicht einer vertraueneinflössenden blonden stattlichen Walküre von der „Waterkant“ im Großmutteralter. 1991 sei ein körperliches Training als Voraussetzung für die Befähigung als Schiffsarzt allgemein eingeführt worden, so hören wir von ihr, und dieses sei sehr hart und eigentlich die einzig ernsthafte Hürde, die es zu überwinden gilt, um auf See arbeiten zu dürfen. Von lebensbedrohlichen Erkrankungen, welche eine Ausbootung des Patienten erforderlich machen, einmal abgesehen – Frau Dr. W. hatte in Panama gerade eine solche wegen einer schweren Magenblutung hinter sich, und auf den Azoren werden auch wir eine beobachten – wird sie sich im wesentlichen wohl auf Erkältungskrankheiten eingeschossen haben, denn unter der Zugluft der allüberall blasenden Air Condition schniefte, schnäuzte und hustete beinahe das ganze Schiff, während die Seekrankheit bestenfalls im Verborgenen „blühte“. Unsere Hilfe, die wir „6 alte Hans’ln“ für den Notfall angeboten haben, musste sie nicht in Anspruch nehmen. Im übrigens stelle ich es mir nicht gerade gemütlich vor, in Panama City oder auf einer Azoren-Insel im Elend einer ernsthaften Erkrankung in einem Hospital „zurück gelassen“ zu werden, von der Sprachbarriere einmal ganz abgesehen. Opportun ist übrigens der Abschluss einer Reise-Abbruch-Versicherung bei mehrwöchigen / mehrmonatigen Aufenthalten auf See. So schnell wird man nämlich nicht wieder an Bord zurückgenommen!
    Und dann ankerten wir vor Playa del Carmen, einem kleinen Badeort auf der Halbinsel Yukatan in Mexiko, wiederum auf Reede! An Land herrschte eine Hitze zum Umfallen! Am Vordringlichsten war aufgrund eines von M. gegebenen Versprechens der Erwerb einer Postkarte und einer mexikanischen Briefmarke! Mit Poststempel, natürlich! Das Ambiente dieses Badeortes mit seinem rot-, braun- und weißhäutigen Durcheinander-Menschen-Gewimmel stand vorerst im Hintergrund des Interesses. Nachdem sich zunächst lediglich eine verstaubte und eigentlich nicht erwerbenswürdige Postkarte in einer Bruchbude fand, dessen Besitzer stolz seine Kenntnis von Helmut Kohl und Franz Beckenbauer kund tat, landeten wir in einem Großkaufhaus. Das Malheur bestand darin, dass in diesem aufgrund eines Computerfehlers just alle Kassen ausgefallen waren. Es blieb uns nichts anderes übrig, als eine der bunten Karten zu entwenden. Daraufhin erfolgte die Suche nach dem Postamt! 
    Ein mexikanisches Mini-Postamt in einem von Europäern und US-Amerikanern frequentierten kleinen Badeort ist an und für sich schon ein Erlebnis! Nicht, dass hier ein Gedränge geherrscht hätte! In einer dunkelgrauen kühlen (!) Betonbude, in der eine Flut von Kartons und Papierstapeln ihren Platz heischten, wartete in schummrigem Licht  eine etwas nervöse Deutsche hinter einer Mexikanerin und deren  Berg von Geschäftspost vor einem ebenso kühlen dunkelgrauen Betontresen voller Stempel und Formulare. Die Nase knapp über dem jeweiligen Papier, was für seine Kurzsichtigkeit sprach, befleißigte sich ein hinter dem Tresen sitzender Adonis-schöner ernsthafter junger weißer lateinamerikanischer Beamter des Stempelns und des Unterschreibens in der gebührenden Gemächlichkeit eines Menschen, der sich von Geburt an mit glühender Hitze auseinander zu setzen hat und dieserhalb schon aus gesundheitlichen Gründen keinerlei nordische Hektik an sich herankommen lässt. Ob seines Aussehens hätte er ohne weiteres auch als Latinlover sein Brot verdienen können – als beachboy zum Beispiel. Die unruhige Deutsche vor uns trat ängstlich von einem Fuß auf den anderen....Ihr Mann hatte sie um Sondermarken geschickt und sie beauftragt, solche für Dollars zu erwerben! (Für die paar Stunden Aufenthalt an Land tauscht kein normaler Mensch Devisen ein!) Der Philatelist selbst briet mittlerweile, vor dem  Postoffice wartend, in der Sonnenglut! Männer! Statt sich in einem dreisprachigen Kauderwelsch mit einem derart kniffligen Problem auseinander zusetzen, bei dem man sich ja blamieren könnte, lag dieses Unterfangen selbstverständlich unter seiner Würde! Für Derartiges sind Frauen zuständig, wie man weiß! Auch eine Art Heldentum! Unterdessen stempelte und unterschrieb der Adonis gemessen und ohne Ende weiter. Eine neu hinzu gekommene Mexikanerin schnarrte derweil in kehligem Spanisch ihre rollenden RRRs in ihr Handy.....Endlich –  kaum zu glauben! – endlich war die Geschäftspost erledigt. Der kühle, doch höfliche Adonis wandte sich der gehorsamen deutschen Philatelisten-Ehefrau zu, indem er sich nun ohne weiteres der englischen Sprache bediente, und siehe da: nichts ist unmöglich: Sondermarken für Dollars waren in gewünschter Menge und kommentarlos zu haben! M. erwarb ihre einzige Briefmarke in ebensolcher Währung und erhielt auch in dieser ihr Wechselgeld zurück!
    Hübsche Häuser, hübsche Gärten, Weiße, Farbige und die ersten Nachkommen der Mayas, die wir zu Gesicht bekommen: Kleine Menschen mit tiefschwarzem glatten Haar, dunklen Augen, halslos und mit den typischen gebogenen großen Nasen im braunen Gesicht! Wir nähern uns der alten Indio-Kultur. Doch zunächst muss noch gebunkert werden. Etliche unserer Philippinos hatten gut zu tun, um unter den Augen des österreichischen Offiziers Kisten um Kisten von Obst und Gemüse auf einer wackeligen Leiter an Bord des Bootes zu schleppen, welches uns alle zusammen an diesem Abend zum Schiff zurück bringen würde. Und beinahe wäre auch eine Kiste Bananen in’s Wasser gefallen.......
    In dieses Boot, eines von mehreren, welche alle an den Außenwänden der oberen Decks gut vertäut sind, würden wir uns zu stapeln und zu quetschen haben, falls wir in Seenot auf hoher See wassern müssten! Und überhaupt noch hinein kämen! Angeblich könne man 2 – 3 Tage darin ausharren (Benzin für den Motor und entsprechende Verproviantierung, die u.U. ebenfalls gewassert werden soll, vorausgesetzt). Noch vor Erreichen der Karibik-Insel Jamaika war die gesetzlich vorgeschriebene Seerettungs-Übung angesagt ( für M. und mich war es übrigens nicht die erste Übung): Sammeln in kleineren Gruppen auf den für sie vorgeschriebenen Decks, Überstreifen, Festzurren und das Üben der weiteren Handhabung der Schwimmweste, sodann Aufstellen im Gänsemarsch, immer die rechte Hand auf der rechten Schulter des Vordermannes und in dieser Position auf die Kommandos der Offiziere warten. Im Übrigen gilt noch immer die Devise: Frauen und Kinder zuerst. Kinder gab es bei uns auf dem Schiff nicht, die überwältigende Mehrheit der Passagiere befand sich bereits im Ruhestandsalter und hatte, wenn man so will, ihr Leben gelebt!!! (So hat man den Eindruck: jetzt wird nur noch die Rente verbraten!) Auf meiner ersten Hochseereise habe ich gelernt, dass  Feuerausbruch der Schlimmste und Gefährlichste aller denkbaren Zwischenfälle auf See sei. Das lässt sich gut vorstellen. Übrigens wussten unsere Mitreisenden nichts von dem kurz zuvor stattgefundenen Schiffsuntergang vor der Insel Santorin in der südlichen Ägäis! Die täglich erscheinende Bordzeitung, die uns während des Abendessens regelmäßig zusammen mit der Programmvorschau für den kommenden Tag unter die Kabinentür geschoben wurde, verschwieg dieses beunruhigende Ereignis wohlweislich! Bekanntlich wurden alle Passagiere gerettet. Von Panik war mir nichts zu Ohren gekommen! Allerdings geschah das Unglück sozusagen vor den Augen der Inselbewohner, und die Verunglückten hatten das rettende Land im Blickfeld.....Die Rettungsringe sind auf der Albatros unterhalb der Rehling festgemacht und mit einer aufgrollten langen Schnur verbunden. Ich bin mir nicht sicher, ob bei Alarm: „Mann über Bord“ und dem sofortigen Hinterherwerfen des Rettungsrings der Abgetauchte tatsächlich gerettet werden kann, schon gar nicht bei stürmischem Seegang. Der Bremsweg eines sofort gestoppten Schiffes ist um ein Vielfaches länger, als man gemeinhin denkt!.....In derlei fatale Situationen kamen wir glücklicherweise nicht. 
      Ausflug nach Chichén Itzá, der unvergesslichen „Stadt am Rande des Teiches“ , die sich im Norden der Halbinsel entwickelte, nachdem  andere Maya-Städte außerhalb Yukatans längst dem rätselhaften Verfall preisgegeben waren. Noch immer weiß man nicht so genau, warum. Die einstige Pracht der Maya-Städte können wir uns heutzutage wohl kaum vorstellen. Und ihre Götter bleiben uns fremd. Auf sie und auf die uns noch heute verblüffenden kulturellen Leistungen dieses alten Indio-Volkes möchte ich hier nicht eingehen und könnte es auch gar nicht. Nur so viel sei erwähnt: schon vor etwa 20 Jahren habe ich Chichén Itzá besucht und bin nun überwältigt, wie wunderschön und gepflegt die gewaltige archäologische Anlage geworden ist, die einem herrlichen Park gleicht. Und noch immer steht sie im Mittelpunkt der ehemals quicklebendigen Stadt: die 30 m hohe Hauptpyramide, im Volksmund und in der Literatur „El Castillo“ genannt – alle ausgegrabenen Bauwerke wurden mit spanisch-christlichen Namen belegt! – Ihre Unzahl steil hinanführender Stufen habe ich damals mühelos bestiegen, um auf der obersten Plattform von einem gesalzenen Höhenschwindel erfasst zu werden. Während die Indio-Buben munter die vielen Stufen herauf- und herunter sprangen, musste unsereins kaltschweißig und mit rebellierendem Magen im Rückwärtsgang, Podex voraus, auf allen Vieren hinunter kraxeln! Heute ist das Besteigen der Pyramide verboten. Die Götterwelt dieses alten Indio-Volkes ist ein verwirrendes, eigentlich nicht durchschaubares Pantheon, von dem man sich noch am ehesten den Sonnengott, den Regengott und die gefiederte Schlange merkt. Wir „aufgeklärten Europäer“ gruseln uns angesichts des Chac-Mool, jener halb auf dem Rücken liegenden, halb sich aufrichtenden Figur aus Stein, auf deren Bauch sich eine Einbuchtung befindet, in die wahrscheinlich Opfergaben gelegt wurden, Menschenopfer (Blut) eingeschlossen, und die uns so geheimnisvoll anschaut.... Der Name „Chac-Mool“ ist eine Kombination von Chac, dem Regengott, und Mool, dem Jaguar, dem heiligen Tier der Mayas. Was also die Opferung von Menschen an die Götter anbetrifft – und das Maya-Volk war ja schließlich nicht das einzige, welches derartige Praktiken ausübte – so kommt mir immer Schiller in den Sinn: „....gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn...“ Der Wahn scheint wirklich etwas spezifisch „Verderblich-Menschliches“ zu sein, und das bis zum heutigen Tag! (Terrorismus). Ich kenne kein wahnhaftes Tier. Wahrscheinlich hat es mit der Evolution des menschlichen Gehirns hin zu kognitiven Fähigkeiten zu tun, denke ich.
    Was ist während der mehrstündigen Fahrt zu der alten Maya-Stadt zu erfahren? Mexiko ist ein Vielvölkerstaat, in dem allein 52 Indio-Stämme leben. Der Tourismus wächst – USA-Touristen bilden selbstverständlich die Mehrheit, und so hat vor kurzem die Zivilisation auch in diesem eigentlich eher abgelegenen Yukatan angedockt. Die Bevölkerung bilden hier im Wesentlichen noch immer die Nachkommen jener hochberühmten Mayas, deren Hochkultur fleißige Archäologen weiter ausbuddeln und erforschen. Die Maya-Männer sind im Durchschnitt 1,50 m groß, die Frauen 1,40 m. Alle haben so gut wie keinen Hals – jedenfalls sieht man ihn kaum – und asiatische Züge. Man nimmt an, dass sie vor etwa 35 000 – 26 000 Jahren, aus Asien kommend, über die Behringstrasse – damals begehbar – in den amerikanischen Kontinent eingewandert sind. Immerhin seien ihre Dialekte zu 12% mit dem altmongolischen Dialekt identisch, hören wir. Die Mayas kennen übrigens in ihrer Sprache auch kein R! (was mich an das Chinesische erinnert). Mag sich das Schönheitsideal von Zeit zu Zeit und von Gegend zu Gegend ändern: das Schmuckbedürfnis ist, so scheint es, in den menschlichen Genen verankert: die alten Mayas zum Beispiel verzierten ihre Schneidezähne mit Jade und legten Glasperlen in die Augen ihrer Babys, damit sie sich das Schielen angewöhnten(!), und sie klemmten die Köpfe der Winzlinge zwischen zwei Bretter, damit der sich der als schön empfundene Lang-Schädel „auswachse“! Diese Prozeduren galten natürlich nur für die damalige Oberschicht. Die einfachen Bauern hatten für derlei Schnickschnack keine Zeit!
    Heute werden die Schulen im Maya-Land bilingual geführt, was bedeutet, dass der Unterricht in Maya und in Spanisch gehalten wird. In der Familie wird nur Maya gesprochen. Die Wohnhütten werden auf Postamenten errichtet und besitzen keine Fenster. Die Wände bestehen aus Hölzern, die Dächer werden mit Palmwedel gedeckt. In ihnen befindet sich eine offene Feuerstelle, die das Ungeziefer abhält und Dach stabilisiert. In diesen Hütten wohnen bis zu 14 Familienmitglieder. Daher die Hängematten, welche die besten der Welt sein sollen! In Yukatan unterscheidet man: die normale Hängematte, die Ehematte und die Familienmatte.
    Heiraten dürfen die Mayas ab dem 14. Lebensjahr. Eine Eheschließung in einem so frühen Alter ist im übrigen Land selbstverständlich verboten. Die Schwiegertochter muss vor der Ehe ein Jahr lang bei den Schwiegereltern probewohnen. (Dabei wird sich herausstellen, ob sie der Schwiegermutter genehm ist!) Eine Ehescheidung kennen die Mayas nicht und kannten sie nie. Dafür dürfen die Männer zwei Ehefrauen haben, wenn sie diese ernähren können. Ein Ausweg aus der Ehekrise auf Maya-Art! Noch immer besteht bei den Maya eine hohe Kindersterblichkeit. Westlich ausgebildete Ärzte werden von ihnen abgelehnt! Natürlich wurden auch sie einst zwangs-christianisiert. Doch auch hier, wie überall auf der Welt, wo die christlichen Missionare tätig waren, ließen sich nicht alle vorchristlichen Rituale auszurotten! Am Toten-Fest zum Beispiel werden die Knochen des/der Verstorbenen hervorgekramt  und aufpoliert! Die Familie hält am Grab ein Festessen ab, und es wird getanzt!  Nachdem ich eigentlich noch nie ein fröhliches Indianergesicht gesehen habe, sei es in Europa, sei es in Mittel- oder Südamerika, kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Tänze, diese Feiern überhaupt, sehr ausgelassen sind! Alles in allem: kein sehr innovationsfreudiges Volk, die heutigen Maya. Übrigens hält man hier noch sehr alte Bienen-Völker. Mexiko ist auch heute Hauptexporteur von Honig. „Die Biene Maya“ – die Literatur und Karel Gott haben sie berühmt gemacht – hat keinen Stachel und wurde auch verzehrt. Den Weltuntergang haben die alten Mayas für 2012 vorausberechnet. Wir können uns also vorerst noch entspannen! 
    Im Bus fahren wir durch niederen tropischen Regenwald, der auf Kalkböden wächst, und der durch die Hurrikane niedrig gehalten wird. Er ist gerade mal mannshoch. Die Bäume sind Flachwurzeler. Interessanterweise finden sich auf Yukatan keine oberirdischen Flüsse! Dafür findet man reichlich Cenoten, natürliche Brunnenformationen, welche durch unterirdische Wasserläufe gespeist werden. Auch die alte Maya-Stadt Chichén Itzá wurde auf diese Weise mit Süßwasser versorgt. Der Mayatsch ist 90 km lang und der längste unterirdische Fluss der Welt, so weit man weiß. Wir durchfahren das arg provinzielle Städtchen Valladolid, das wegen des damaligen Papstbesuchs (Johannes Paul II) ganz in nun angeschmutztem Gelb gehalten ist. Gelb ist die „Empfangs-Farbe“ im Maya-Land! Valladolid verfügt auch über einen Knast, in dem vorwiegend Hängematten geknüpft werden!!!!....
    Was lässt sich noch in Kürze noch über Mexiko berichten? Die vielfältigen Indio-Stämme wurden bereits erwähnt. Des weiteren leben 8% Weiße, 4% Asiaten und 4% Afro-Amerikaner in diesem Land. 77% der Bevölkerung sind allerdings Mestizen. Aus diesem Grund identifiziert man sich weitgehend mit Spanien, bzw. mit der spanischen Kultur. Aber man lernt auch gern deutsch in der Schule und kann in einer deutschen Schule (die 2. größte weltweit) das deutsche Abitur ablegen. Außerdem leben hier viele deutsche Juden! Mexiko steht an 2. Stelle in der Erdölförderung auf dem amerikanischen Kontinent, (1 Liter Sprit kostet 45  Cent ) und außerdem überweist Mexiko von allen Katholiken weltweit das meiste Geld an den Vatikan! Übrigens brachte man dem 3. Reich große Sympathie entgegen, was auf den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg von 1846-1848 zurückgeht, als die Yankees an den Rio Grande (ein relativ schmales Gewässer!) vorstießen und den Mexikanern Texas und Kalifornien abnahmen! Hinterher hat es ihnen wohl leid getan......
    Viele Vogelarten gibt es hier natürlich, und uns Europäer faszinieren besonders die  Pelikane mit ihren gewaltigen Schnäbeln, wie sie mit ihren bajonettförmig eingezogenen Hälsen in Schwärmen durch die Luft segeln, um nach Beutefischen Ausschau zu halten. Doch da sind noch die Geier, die Fregattvögel, die Flamingos, die farbenfrohen Papageien und Tukane. Es gibt hier viele Schlangenarten, Alligatoren, Leguane und den Ameisenbär, die unangenehme Tarantel, wie auch die trägen pflanzenfressenden Seekühe und die spritzigen Seeotter, das zwar hübsche, aber nicht zu ertragende Skunk (Stinktier), der Ozelot, der Puma und der wunderschöne Jaguar.  Der Tapir ist das größte Säugetier in dieser Gegend.
 
 
Dixieland
    Ganz plötzlich sind sie da! Mitten auf hoher See werden wir von ihnen umsummt und umschwirrt. Im Sturzflug landen sie auf Speisen und Getränken des Büffets auf dem Lido-Deck, und auf den gefüllten Tellern und Gläsern auf den Gästetischchen. Für sie ein Schlaraffenland! Sind es Killerbienen? Sind es Hornissen? Und wo haben wir sie eingefangen? Wann und wo hat sich ihre Königin auf den Hochzeitsflug begeben und sich ausgerechnet die Albatros für ihren Honeymoon  ausgesucht? Aus ihrem lebhaften Herumschwärmen ist zu schließen, dass sich die „Hautflügler“ in Hochstimmung befinden. Außerdem: Wo sollen sie auch hin? Um uns herrscht nichts als unendliche Wasserwüste, denn wir befinden uns auf der Fahrt nach Miami und sind dabei, einen Seetag zu genießen! Im Übrigen konnte ich – rückblickend - keinen einzigen Passagier beobachten, der ob der Invasion dieser eigentlich unangenehmen Tiere in Panik geraten wäre. Was die „Aufregung“ anbetrifft: die äußere Ruhe an Deck täuscht. In Aufruhr befindet sich das Personal, bei denen der Putzteufel das Regiment übernommen hat. Überall wird gewienert und geschrubbt, gefegt und gemalert, und alle sehen ganz blass und mitgenommen aus. Was ist der Grund? Das verheißungsvolle Amerika! Die strengen US-Hafenbehörden werden gefürchtet wie der Gottseibeiuns persönlich. Die tollsten Geschichten kursieren auf dem Schiff: alle Pässe würden einzeln durchgesehen werden, bevor wir an Land dürfen, heißt es, persönliche Gegenüberstellungen seien nicht ausgeschlossen, ohnehin hat alles staubfrei und blitzblank und eigentlich steril zu sein. Überall haben Desinfektionsmittel bereit zu stehen. Und wenn wir Pech haben kämen die Beamten sogar mit Sprengstoff-Spürhunden an Bord, teilt uns Thomas, der junge und besorgte Kreuzfahrtdirektor mit! Als ich Mihai, unserem Kabinensteward, von den Hunden  erzähle, bricht der schier zusammen. Ohnehin hat er die ganze Nacht vor lauter Aufregung nicht geschlafen. Grau-bleich schleicht er nur noch mit einem Putzlappen in der Hand herum und sieht regelrecht elend aus. Kein Wunder, dass George W. Bush so auftrumpft, wenn er schon ein so belangloses Kreuzfahrtschiff in Angst und Schrecken zu versetzen vermag! Von den Kontrollen an Land gar nicht zu reden, hören wir, und die seien in Kanada noch schlimmer – wird geflüstert....Nicht auszudenken, wenn die Amis die Hornissen entdecken!!!! Eher ertränken sie uns, als dass sie uns von Bord lassen!!! Doch der Allmächtige hat ein Einsehen. Er schickt ein kleines fürwitziges Tiefdrück über die See, auf dass es sich mit dem Hochdrück anlege: dicke Wolken ziehen sich zusammen, Wind kommt auf, das Schiff beginnt zu schaukeln.... und plötzlich ist ein Grummeln und Grollen zu hören. Im Nu fahren grelle Blitze über den Himmel, und noch während sie dahinhuschen kracht es ohrenbetäubend. Ehe wir es uns versehen sind wir mitten in einem Gewitter! Ein solches Naturereignis auf See ist ein unvergessliches Erlebnis! Ausgeliefert den Mächten der Natur befindet man sich da auf hoher See (ebenso wie vor Gericht) nicht ohnehin in Gottes Hand? Im Nu schüttet es aus allen Himmeln wie aus Kübeln. Kapitän Hansen, Thomas und die Offiziere halten an einem Nachbartisch unter einem Dach des Lido-Deck Kriegsrat ab, während wir beinahe fassungslos dem weltuntergangähnlichen Gepladder zusehen und uns ein bisschen nass spritzen lassen....So schnell, wie das Unwetter über uns kam, so schnell verschwindet es, als ob es sich nur „ausgekotzt“ hätte. Die See beruhigt sich wieder - es ist deutlich kühler geworden und....die Hornissen oder welcher Art Wespentiere sie auch gewesen sein mögen, wurden von dem heftigen Regen so benommen und daher regelrecht zu Boden geschwemmt, dass sie gemütlich mit dem Staubsauger „entsorgt“ werden konnten.
    Die Einfahrt in den Hafen von Miami in den frühen Morgenstunden ist atemberaubend. Wir gleiten an den einzelnen Keys vorbei, die z.T. mit überraschend schönen „Habitats“ bebaut sind (in einer solchen wohnt z.B. Barbara Becker), immer begleitet von der US-Coast Guard, die uns schon auf hoher See innerhalb des US-Hoheitsgebietes im Visier hatte. In der Ferne überspannt eine kühne elegante Brücke die Biscayne Bay, und vor uns nähert sich die Skyline des Finanzdistrikts der Hauptstadt Floridas, des südlichsten Festlandstaats der USA. ( Nur Hawaii liegt näher am Äquator). Miami hatte ich Naivling mir eher wie eine Rentnerkolonie im Laubenpieperstil vorgestellt.....
    Bei der Ankunft der Europäer im 16.jahrhundert lebten etwa 25000 Indianer in Floridas Sümpfen. Das Land ist platt wie ein Bügelbrett, und die weiten Grasflächen im Inneren sind von rund 30000 schimmernden Seen gesprenkelt. Aus ihnen fließen Ströme warmen Wassers durch das riesige Sumpfgebiet der Everglades (Achtung: jede Menge Alligatoren!), das an der Südspitze des Staates in Mangrovenwälder übergeht. Der Name „Everglades“ bedeutet Frischwasser, also Trinkwasser. Aus ihnen speisen sich auch der Miami River, der durch Miami fließt, ebenso wie der Little River. Am Miami River lebten einst die Seminolen, ein Indianerstamm. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts eine Eisenbahnlinie bis zur eben dieser Südspitze der Halbinsel gebaut war, wollte in den 1920iger Jahren plötzlich jeder Amerikaner ein Ferienhaus in Florida haben....und nach der kubanischen Revolution 1959 schwemmten bekanntlich Hunderttausende von Flüchtlingen von der Zuckerinsel herüber. Später stießen auch noch  Flüchtlinge aus Haiti hinzu. Beide Volksgruppen haben sich vorwiegend in den Stadtteilen „Little Havanna“ und „Little Haiti“ von Miami niedergelassen.
    Nachdem das Schiff festgemacht hat hängen wir über der Reling und harren der Dinge, die da kommen sollen. Zu unserer Verwunderung verlässt Kapitän Hansen das Schiff und palavert endlos, mit den Armen herumfuchtelnd und seinen gesamten temperamentvollen Charme versprühend, mit den verschiedensten (weißen!) Leuten vor dem Hafengebäude. Mittlerweile wird, man staune, ein roter Teppich vor der Gangway, zu deren beiden Seiten man außerdem ein „Sicherheitsnetz“ gespannt hat, ausgerollt. Diese ist nämlich ein reichlich wackelig, (ich fand sie schlampig verschraubt, doch wer weiß...), doch keinem Karibikstaat und erst recht uns Passagieren hat das sonderlich berührt! Schließlich wird noch ein aufgeständertes Steuerrad, mit einem runden Schild: „Willkommen zu Hause“ aufgestellt! Na, so was! Als ob der Präsident selbst erwartet würde! Langsam trudeln weitere weiße Hafenbeamte in ihren Automobilen ein und betreten das Schiff. Hunde sind nicht in Sicht. Niedere Dienste, wie z.B. das Schiff vertäuen oder Müllcontainer mittels Gabelstapler abfahren, werden übrigens ausschließlich von Angestellten schwarzer Hautfarbe verrichtet.
    Sodann läuft es für uns dann doch recht glimpflich ab, haben wir doch ordnungsgemäß und pingelig alle erforderlichen Einreisepapiere ausgefüllt und abgegeben. Wir dürfen das Schiff verlassen, nicht ohne im Hafengebäude durchsucht und durchleuchtet zu werden, wie wir es von Flughäfen her gewöhnt sind. Die Amerikaner sind freundlich und liebenswürdig, stempeln viel, sind einem Späßchen auch nicht abgeneigt, aber sie sind korrekt. Diese strengen Einreisemodalitäten werden wir an der gesamten Ostküste erleben. Sie sind dem 11. September „zu danken“. (Auf den Flughäfen, so erfahren wir später, wird einem auch die allerkleinste Tube Zahnpasta abgenommen, andere Ingredenzien will ich erst gar nicht erwähnen!) Weiter im Norden werde ich sogar aufgefordert, meine Schuhe abzustreifen, als sie Piepstöne von sich gaben! Gürtel müssen abgenommen und überhaupt alles, was piepst, aus den Taschen gekramt und vorgezeigt werden. Bei Herrn Walter N., unserem  80 jährigen Tischgenossen, piepste bei einem Landgang das linke Knie! Oh nein, kein Kunstknie, nur eine elastische Binde! (in deren Gewebe wahrscheinlich ein feiner Metallfaden mitlief), die der alte Herr, zum Gaudium anderer Passagiere, sein Hosenbein hochrollend, vorwies! Nicht glimpflich hingegen läuft es für Kapitän Hansen ab. Trotz intensiver Verhandlungen - sozusagen mit Händen und Füßen - muss er sein Schiff um 35 m versetzen! Da gab es keinen Pardon.  
    „In Miami schaut man sich nicht einfach Leute an – man betrachtet Berühmtheiten!“ Unglaublich, wer hier alles wohnt, besser noch: ein in der Regel unglaublich schönes Anwesen besitzt. Miami (3,4 Mill. Einwohner) hat sich auf dem Festland und auf einer Reihe von Inseln ausgebreitet, welche durch Brücken mit ihm verbunden sind. Auf ihnen leben vorwiegend die Reichen und die Schönen, ebenso wie im Stadtteil Coral Gables auf „der festen Unterlage“. Sehenswert  sind die Häuser, die Hotels und Nachtclubs aus den 1920iger, den 1930iger und 1940iger Jahren im historischen Art-Deco-Distrikt auf der Insel Miami Beach, der unter Denkmal-Schutz steht. Als erstes Urlaubs Eldorado ist Miami Beach übrigens die große alte Dame unter den Ferienorten. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war die Insel nicht mehr als ein von Schlangen und Mücken heimgesuchter Mangrovensumpf. Heute punktet sie nicht nur mit ihren interessanten – und schönen - Architekturen, sondern auch mit einem herrlichen Sandstrand. Unweit von ihm können wir die sehenswerte Villa des einstigen berühmten Modeschöpfers Gianni Versace (aus Reggio di Calabria gebürtig) aus der Nähe betrachten. Bekanntlich wurde der Meister 1997 auf den Treppen vor dieser seiner Residenz von einem 27 jährigen kriminellen Schwulen erschossen, der schon im Vorfeld vom FBI gesucht worden war! Und wir können einen Blick in seinen wunderschönen Garten werfen, von dem er nun nichts mehr hat! Was den Mörder angeht, so brachte der sich 10 Tage nach dem Mord selbst um......Nebenbei bemerkt: Privater Waffenbesitz ist in der amerikanischen Verfassung verankert!
    Die Kubaner in Miami sind beliebt, hören wir, und sie sind oft reich. Früher, so war zu erfahren, gab es in Little Havanna viele Juden und viele Juweliergeschäfte. Heutzutage werden hier die Schulen bilingual geführt: Der Lehrstoff wird in Englisch und in Spanisch angeboten. Auch wir besuchen dieses Viertel und trinken einen umwerfend starken kubanischen Kaffee in einem Souvenir-Etablissement unter lauter kubanischer Musik und schauen den Männern beim Domino-Spiel zu.
    Warum hat es mir in Miami so gut gefallen? Ist es die Lage dieser sauberen, gepflegten  „Inselstadt“ am warmen Meer, wie sie sich mit ihren hellen Gebäuden und malerischen Gärten im südlichen Licht präsentiert? Ist es das subtropische Klima überhaupt, das eine Pflanzenwelt hervorbringt, die uns „Nordleute“ von je her fasziniert, und von der wir träumen, wenn wir in der Kälte bibbern: von den verschiedensten Palmenarten nämlich, von mehrfarbigen Oleander-, Hibiskus- und Bougainvillablüten, die alle wie das Unkraut gedeihen, um nur die „Leitpflanzen“ zu nennen? Überflüssig zu erwähnen, dass in den Gärten und Parks ein Fülle fremdartiger südlicher Bäume und Sträucher wachsen (weniger Blumen, übrigens, was am Kalksteinboden liegt)! Oder ist es die Leichtigkeit eines „südlichen Lebensgefühls“, verbunden mit einem gewissen mondänen lifestyle der Schönen und Berühmten oder der einst schön und berühmt „Gewesenen“, die sich hier angesiedelt haben? Wobei wahrscheinlich auch richtig Penunze verbrannt wird! Ist es die Kreativität so vieler Künstler, die hier leben, welche dieser geradezu geputzten Stadt – ich möchte fast sagen - eine so „angenehme Schwingung“ verleiht? Nein, es ist hier bei weitem nicht alles Muchibu. Es gibt sicher sehr viel mehr Ernsthaftes als Leichtfertiges, sehr viel mehr Geschäftsmäßiges, Gediegenes, als Geflipper und Geflirre! Die Mehrzahl der Bürger eben, die sich in die Kurve legen, um die ganze Chose hier in Schwung zu halten! In der Vielfältigkeit ihrer Topografie und ihrer Architekturen, verbunden mit einer Offenheit und Toleranz, die den Menschen hier wohl zu Eigen ist, habe ich mich in dieser Stadt am Meer sehr wohl gefühlt! Außerdem: endlich ist es auch etwas kühler geworden.....
    Nach dieser „Leichtigkeit des Seins“ trifft uns erneut die absolute Strenge der US-Behörden: Vor Port Canaveral haben wir 5 Stunden lang zu warten, weil wir angeblich beim Hafenmeister nicht genau 24 Stunden im Voraus angemeldet gewesen seien. Dabei habe man, so hören wir, die Anmeldung bestätigt – schriftlich! Das haben wir nun davon, dass wir nicht mit im Irak-Krieg sind! (Möchte man meinen!) Brav warten wir die 5 Stunden ab und genießen das Frühstück in der amerikanischen Version, nicht ohne vorher die Hände mittels eines Schaums, den uns die Philippinos in die Handflächen schäumen, gehorsam desinfiziert zu haben! Seit Miami desinfizieren wir ständig, bis hinauf nach Halifax: beim Betreten des Schiffs nach Landgängen und vor jeder Mahlzeit! Amerikanische Version des Frühstücks bedeutet: das üppige Frühstücks-Buffet fällt aus, so lange wir uns in amerikanischen Hoheitsgewässern befinden. Alles muss extra bestellt werden! Das trifft auch auf die Salat-Buffets bei den übrigen Mahlzeiten zu. Kaum schippern wir jedoch anlässlich eines Seetages wieder außerhalb der Yankee-Zone, genießen wir die Buffet-Freiheit und es wird wieder normal geschlemmt und n i c h t  desinfiziert!!!! Basta!
    In Port Canaveral liegt übrigens das modernste Atom-Ü-Boot der US-Marine, auf das uns der Kapitän aufmerksam macht. Auch eine „Seeküh“ ist zu sehen. Nach Verlassen des Schiffs machen wir uns auf zu einem Ausflug in das Kennedy Space Center!
    Bekanntlich ist das Space Center ein riesiges Naturschutzgebiet, wo man die Alligatoren in den Abflussgräben direkt neben den schnurgeraden Strassen beobachten kann. Natürlich war auch hier alles nichts als Sumnpf, und für das Space Center musste viel ausgebaggert und aufgeschüttet werden. Cape Canaveral ist eine Insel zwischen dem Banana River und dem Indian River. Wegen des Sumpflandes hat man Seekühe, bekanntlich Pflanzenfresser, hierher verfrachtet, damit sie die Wasserstrassen abweiden. Durch Motorboote werden die Tiere leider oft tödlich verletzt: Geraten sie nämlich in die Nähe des Rotors, werden ihre Lungen angeschnitten und sie ertrinken. Seekühe bekommen übrigens immer nur ein Junges. Direkt am Meer gelegen mischt sich hier in Cape Canaveral Süß- und Salzwasser, und es gibt reichlich Mangrovenwälder (Rot-, Weiß- und Schwarzmangroven), in denen die Fischbrut gedeiht. Allerdings sind die brasilianischen Peppers (ein giftiges Ebenholz!) im Vormarsch und verdrängen die Mangroven, die aus ökologischer Sicht so wichtig sind! „Lift off and splash down“ klärt uns die schwäbelnde Reiseleiterin auf: die Auseinandersetzung der Mangroven mit Ebbe und Flut oder des Waldes mit dem Hurrikan. Früher gab es hier Orangenbäume, hören wir, doch die Palmen haben sie verdrängt. Die Nadelbäume, die sich hier angesiedelt haben, kommen aus Australien. Auch Pinien sind zu sehen, und Ebenholzbäume. Waldbrände, z.T. gewollt und geplant, kämen häufig vor, und oft schlage auch der Blitz ein. Das passt ja zur Raumfahrt, denke ich.
    Es gibt wenig Blumen an Floridas Küste, ganz besonders in Cape Canaveral. Doch viele Tiere! Der Weißkopfadler, das Wappentier der USA, wohnt hier. Sein Nest (wir können eines entdecken) ist so groß wie eine King Size Matratze, auf der 5 Personen schlafen können. Als vor 2 Jahren der Hurrikan Kathrina über Florida hinwegfegte, blieb dieses Nest jedenfalls unverletzt! Reiher leben hier und Ibisse - weiß, rot, schwarz, und natürlich eine Menge anderer Vogelarten.
    Während unserer Reise entlang der Ostküste der USA werden wir auf unseren Landgängen von meist älteren deutschen Damen, die als örtliche Reiseleiterinnen arbeiten, begleitet, betreut und instruiert. In der Regel sind sie ihren Männern in die USA gefolgt und haben sich hier ansässig gemacht. Unsere Dame in Cape Canaveral ist mit ihrem Vater, einem Raumfahrt-Ingenieur, aus dem Schwäbischen herübergekommen, und ihre gesamte Kindheit, so erzählt sie uns, war von der Raumfahrt bestimmt. In der Tat leben die Menschen, die sich mit der Eroberung des Weltraums beschäftigen, in einer anderen Welt.
    Schon von Ferne können wir eine „alte“ Saturn-Rakete in dem weitläufigen Freilichtmuseum erkennen. Wir sehen weitere ältere Raketen, oder das alte Kontrollgebäude der Apollo-Flüge, doch am beeindruckendsten ist das Museum! Wir betrachten das Innere einer riesigen Rakete, erblicken die Mondfähre, Ausrüstungen für die Raumfahrt und – zum Anfassen! – einen Mondstein. Ein merkwürdiges Gefühl, etwas Außerirdisch-Materielles zu berühren! Alle so fremdartigen Exponate, für deren Betrachtung man sich sehr viel Zeit nehmen muss, sind für uns unglaublich faszinierend, und sie sollen  auch hier im Einzelnen gar nicht beschrieben werden. Konnte doch unsereiner als nunmehr ältere Person über ihre gelebten Jahre hin von Ferne die Entwicklung der Raumfahrt beobachten, angefangen von Wernher von Braun, der hier als erster Pionier sehr verehrt wird, über die Mondlandung, über Raumkapseln, Satelliten, Space Shuttles, ISS (International Space Station), Marssonden, Weltraummüll und Weltraumträume! Schließlich gehen wir noch in’s Kino. Ausgerüstet mit einer 3-D-Brille erleben wir auf einer 5 Stockwerk hohen Leinwand  in einem IMAX-Film das „Sein“ in einer engen Raumkapsel so körperlich, als seien auch wir mit von der Raumfahrt-Partie und schwebten im Verein mit den Astronauten in Ermangelung der Schwerkraft in der länglichen Enge herum.
    1660 wurde Karl II  in Westminster zum König von England gekrönt, nachdem er mit Hilfe englischer Adeliger aus dem französischen Exil zurückgekehrt war. Karl belohnte acht seiner Getreuen, die ihn zum Thron verholfen hatten, mit einem Landstreifen auf dem amerikanischen Kontinent. Zwischen dem Ashley River und dem Cooper River, die in ihrer gemeinsamen Mündung einen Hafen bilden, hatten englische Auswanderer eine Kolonie gegründet. Mit der Zeit hatten sich ihnen Kaufleute, Handwerker und Pflanzer aus Westindien zugesellt. Etwas später folgten französische Hugenotten, schottische Presbyterianer und spanisch-portugiesische Juden. Die Beschenkten nannten die Stadt, die sie 1680 auf die Halbinsel verlegten, Charles Town.
     Im 18. Jahrhundert genoss der britische Landadel das Leben in Swinging Charleston. Durch Indigo, Reis und Baumwolle war die Stadt reich geworden, und ihr Hafen machte denen von New York und Philadelphia ernsthafte Konkurrenz. 1791 wurde die Baumwoll-Entkernungsmaschine erfunden. Damit gingen die Geschäfte mit der Baumwolle sprunghaft in die Höhe, wie sich denken lässt. (Heute werden 2x im Monat Personenkraftwagen der Marke BMW nach Europa verschifft!). Eine Zeit lang war Charleston die Hauptstadt von South Carolina. Mittlerweile ergriff auch die Stadt das Unabhängigkeitsfieber, wie in den übrigen amerikanischen Kolonien. Es folgten die Auseinandersetzungen mit dem Mutterland, bis  die Engländer 1782 von mehr als 300 Schiffen vertrieben wurden.
    Den offenen Konflikt zwischen den Nord- und den Südstaaten lösten 1861 in Charleston stationierte Truppen aus South Carolina aus. Der Bürgerkrieg begann. Im Gegensatz zu Atlanta (wie wir aus „vom Winde verweht“ wissen) wurde die Stadt zum Glück nicht zerstört, doch sie verlor immer mehr an Bedeutung. Noch schlimmer: etliche Erdbeben, das schwerste von ihnen 1886 mit Feuer und Wirbelsturm, forderten ihren Tribut. Doch zu seiner Glanzzeit war Charleston Nordamerikas wohlhabendste und kultivierteste Stadt!
    Im 20. Jahrhundert erlässt Charleston als erste Stadt in den Vereinigten Staaten einen Zonenplan zur Sanierung historischer Viertel....Charleston wird als eine der schönsten Städte der USA beschrieben! Eine echte Südstaaten-Lady also: elegant, gepflegt, vornehm!
    Wie Kaufleute nun einmal sind achten sie weniger auf Glaubensrichtungen und Überzeugungen sondern mehr auf Geschäftstüchtigkeit und den damit verbundenen zu erzielenden Profit. Im Gegensatz zu den nördlicher gelegenen puritanisch oder presbyterianisch geprägten kolonialen Siedlungen, in denen Verunglimpfungen, ja regelrechte Verfolgungen  Andersgläubiger und Außenseiter von den einst selbst um des Glaubens willen Verfolgten mit aller Unbeugsamkeit und allem Fanatismus betrieben wurden, ließen die Charlestoner stets alle Glaubensrichtungen zu. Und eine jede hatte ihre eigene Kirche! Charleston war sozusagen eine Multikulti-Stadt.
    Was macht Charleston heute so berühmt? Es ist old Charleston, das historische Viertel der Stadt. Hier wohnen noch Nachkommen der ersten englischen Siedler. (Rhett ist z.B. so ein alter Name! Wir kennen ihn aus „Vom Winde verweht“) Hier findet man neben prächtigen Herrensitzen noch Einfamilienhäuser aus dem 18. Jahrhundert, lange, engbrüstige Gebäude in den z.T. noch gepflasterten Strassen und, wie erwartet, viele Kirchen! Mitten in der Stadt befindet sich auch der ehemalige Sklavenmarkt, eine Markthalle; in der die Sklaven ausgestellt und versteigert wurden. Bis 1863 war er „in Betrieb“. Heute beherbergt die Halle das Old Slave Mart Museum.
    Beinahe irritierend wirken unter einem bedeckten Himmel die Palmen vor den dicht an dicht stehenden alten Häusern aus Backstein; Stuck und Holz im altenglischen Stil, oder vor den georgianischen  Herrenhäusern aus rotem Backstein mit schönen säulengeschmückten Veranden in kleinen gepflegten Gärten. Ich habe das Gefühl, old England und der swingende Süden passen nicht so recht zusammen und die etwas strenge, unterkühlte Inselarchitektur unter Palmen ist etwas gewöhnungsbedürftig! Wie überhaupt die engen Strassen dieser Stadt, so wunderschön und fast aufregend die sie eingrenzenden Häuser auch sind, etwas zwar Elegantes, Ernsthaftes, um nicht zu sagen Gediegenes, jedoch keinerlei Sinnlichkeit ausstrahlen. Dieser Widerspruch löst sich in der Nähe des Hafens, wo man die schönsten, die attraktivsten, die teuersten Herrensitze bewundern kann, etwas auf! Wie sich denken lässt, sind diese Anwesen in der Nähe des Wassers außerordentlich teuer. Unter Ein- Zweimillionen Dollar tut sich gar nichts! Dabei sind sie überhaupt nicht groß, von geräumig, oder in ihren Ausmaßen gar großartig, gar nicht zu reden. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1820, der Zeit der Revolution also, und dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und sie sind nahezu unbezahlbar. Manche von ihnen tragen auf ihren Dächern den sog. „Witwen-Ausguck“, kleine Aufbauten mit einem großen Fenster, von denen aus die alten Damen in Ermanglung des TV damals „die große Weite Welt“ auf dem „Boulevard“  vor dem Hafen betrachten und im Verein mit ihren Freundinnen die Leute „ausrichten“ konnten!
     Die Baubehörde der Stadt kann sich äußerst strenger Auflagen rühmen. Neue Häuser im Viertel müssen ohnehin im alten Stil errichtet werden und dürfen keinen Millimeter von den auferlegten Vorgaben abweichen. Beim äußeren Anstrich, zum Beispiel, müssen der Baubehörde fünf Farben von vielleicht Zwanzig vorgelegt werden, und die Beamten suchen eine aus!!! Und nur die wird als Anstrich verwendet! An einigen alten Häusern sieht man übrigens noch die traditionellen alten Feuerversicherungsmarkierungen. Wegen der ständigen Brandgefahr entstanden gegen Ende des 18. Jahrhunderts immer mehr Feuerversicherungsgesellschaften, und jede von ihnen hatte ihre eigene Feuerwehr! Die wiederum löschte jeweils lediglich das bei ihr versicherte Haus! Überhaupt nicht versicherte Häuser ließ man ganz einfach herunterbrennen!
    Charleston ist auch berühmt für seine Gärten! Viele Besucher kommen eigens wegen der Gartenanlagen hierher. Leider können wir keine dieser Anlagen besuchen, in denen zu Anfang des Frühlings (unsere Zeit also) unter immergrünen alten Eichen Zehntausende von Kamelien, Azaleen und Magnolien blühen sollen. Ohnehin interessiert uns eine Plantage aus dem „alten tiefen Süden“ mehr! 
    Die Strasse nach Boone Hall – nördlich von Charleston gelegen – wird von Urwald eingegrenzt. Auch er hat durch den letzten großen Hurrikan arg gelitten. Die Plantage betritt man durch ein geschwungenes schmiedeeisernes Tor, welches in eine alte hohe Ziegelmauer eingelassen ist. So gelangt man in eine breite von alten Eichenbäumen bestandene Allee, von denen eine Fülle langer, grau-gelber wohl abgestorbener Luftwurzeln mir nicht bekannter Saprophyten im leichten Wind hin und her schwingen. Wie lange, ungekämmte Hexenhaare kommen sie mir vor. Sofort fühle ich mich in jene schummrige Stimmung versetzt, die Julian Green in seinem Buch über das Leben auf einer Plantage des Südens beschreibt. An eine unheimliche, ja feindlich-gefährliche Märchenweltwelt außerhalb des Herrenhauses vermag ich mich zu erinnern. Von undurchdringlichem Urwald außerhalb des Parks, den zu betreten den Kindern wegen der darin lauernden Gefahren verboten war – von Schlangen zum Beispiel, und von einem unentrinnbaren sich Verirren und nicht wieder gefunden Werden war die Rede. Diesen Urwald gibt es tatsächlich noch in unmittelbarer Nachbarschaft des ausgedehnten Parks. Wie ich überhaupt die ganze Düsternis empfunden habe, die der amerikanisch-französische Autor in seinem Buch beschreibt. Die alten Bäume, mit ihren bizarren, oft unmittelbar über dem Boden dahinkriechenden Stämmen und mit ihrem dichtem Blattwerk, aus denen das Abgestorbene der Saprophyten in vielen, vielen Fäden fast drohend herabhängt, (mindestens 1 m lang, wenn nicht länger) sind das Faszinierende in diesem Hexen-Park. Von einer Heiterkeit des Südens, wie sie in „vom Winde verweht“ beschrieben wird, kann nicht die Rede sein. Von halb hohen Buchsbaumhecken eingefasste Rosengärten, freundlicherer Baumbestand in der Nähe und große Wiesenflächen vor dem Herrenhaus vermitteln dann doch eine freundlichere, gastlichere Atmosphäre.
    Das gediegene einflügelige einstöckige Herrenhaus ist aus Backstein errichtet, dem ein heller  vornehmer Portikus mit vier ebenso vornehmen Säulen vorgesetzt ist, und welcher über die Dachhöhe hinausragt. Er ist sicher erst später hinzu gekommen. Empfangen werden wir von zwei Damen in altertümlicher Tracht: die eine ist dem 18. Jahrhundert entstiegen und trägt ein Mieder, eine biedere Schürze über ihrem gefälteltem Rock und ein Häubchen. Die zweite Dame entstammt dem 19. Jahrhundert und schwingt eine Krinoline. Die Inneneinrichtung des Hauses zeigt sich unaufdringlich und gediegen. Da findet sich nichts Aufgemotztes, Aufgeplüschtes, „Weichgespültes“, kein Nippes, keine dicken Teppiche oder sonstige Staubfänger, sondern eher geschmackvoll Praktisches, wie es das härtere Leben auf dem Lande im Gegensatz zum komfortableren Stadtleben erfordert, und es mag dennoch ihren Besitzern gutes Geld gekostet haben. Man leistete sich, was sich auch Europa leistete, sofern man es sich leisten konnte, und ließ mit zunehmender Wohlhabenheit auch schöne und kostbare Dinge, vornehmlich aus Paris, herüber bringen: feines Geschirr, teure Möbel, Silberzeug, Tapeten, Fayencen, Bücher, Musikinstrumente.  Nicht im Überfluss doch in bescheidenerem Umfang ist all dies in Boone Hall zu besichtigen. Alte Fotografien der ehemals hier ansässigen Familie hängen an den Wänden. Auf ihnen sind auch die schwarzen Arbeiter auf den Feldern oder vor ihren Katen zu sehen – in jener Zeit, da die Fotografie in Mode kam, werden sie wohl keine Sklaven mehr gewesen sein.
    Die sehr vornehmen, eingeschnürten Damen verbrachten also ihre Tage in dieser eher dumpfen, im Sommer feucht-heißen, schweißtreibenden Einsamkeit und waren wohl ständig schwanger, nicht wissend, ob sie die nächste Entbindung überleben würden. Nicht selten war ein Plantagenbesitzer im Durchschnitt drei-viermal verheiratet, da er seine Frauen oft im Kindbett verlor. Ärztliche Hilfe gab es in der Abgeschiedenheit ohnehin nicht oder fast nicht. Und Hebammen werden vielleicht Sklavinnen gewesen sein. Von der Kindersterblichkeit erst gar nicht zu reden. Hinzu kam das gefürchtete, stets tödlich verlaufende Gelbfieber, das in jenen Jahrhunderten im Süden grassierte, und welches in unseren modernen Zeiten selbstverständlich ausgerottet ist. Was Wunder, dass diese vornehmen Damen, kamen sie trotz aller Widrigkeiten dennoch in die Jahre, häufig dem „Julep“ zugetan waren. So bei Julian Green! Heutzutage wird der Julep, der im 18.Jahrhundert in den Südstaaten in Mode kam, aus Minze, Bourbon, Zucker (oder Zuckersirup) und Wasser „gemixt“. Bei Julian Green ist es statt des Whiskys der Rum. Der Name Julep (= „Süßes Getränk“) kommt übrigens aus dem Persischen: er heißt dort „Julab“ und bedeutet Rosenwasser. Doch mit so etwas Sanftem hatten die wackeren Dixie-Damen nichts am Hut!
     Weiterer großer Beliebtheit erfreute sich – wie in Europa auch – das Laudanum,  im frühen 16. Jahrhundert von Paracelsus entwickelt. Seine Tinktur bestand zu 90% aus Wasser und zu 10% aus Opium, welches bekanntlich ein hohes Suchtpotential besitzt. Bedenkt man, dass starke Schmerzen mit keiner anderen Arznei so gut bekämpft werden können wie mit Opium (wie Durchfall auch), so kann man sich gut vorstellen, dass  Laudanum in den abgelegenen Plantagen, wo die ärztliche Versorgung gleich Null war, zur Hausapotheke gehörte. Man denke nur an die schier unerträglichen Zahnschmerzen, an die Ohrenschmerzen (der Kinder, denen man es natürlich auch eingeflößt hat) und an die Unfälle. Goethe zum Beispiel, E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe sollen es regelmäßig konsumiert haben – wie man heutzutage sagt. Laudanum sind inzwischen weitere Gewürze wie Zimt, Nelken, Safran und Wein zugesetzt – es schmeckt besser!
        Gäste, die ja von weit her in diese Einsamkeit kamen, obgleich sie oft „Nachbarn“ waren, blieben wochen- oder monatelang. Das war auch bei uns in Europa auf den einsam gelegenen Gütern so üblich. Die Besucher brachten wohl einige Abwechslung in das aus heutiger Sicht wahrscheinlich  eintönige Alltagseinerlei auf so einer abgelegenen Plantage.  
    Auf Boone Hall sind noch die alten Sklavenunterkünfte zu sehen. Hintereinander ausgerichtet stehen in der Nähe des Herrenhauses eine Reihe gemauerter Katen, in deren  einzigem engen Raum mit kärglichster Ausstattung die Familien der Schwarzen ein Dach über dem Kopf hatten. Betten, oder wenigstens eine Liegstatt, habe ich nicht gesehen! Man schlief wohl auf einer Aufschüttung auf dem Boden.
    Boone Hall ist eine „Vorzeige-Plantage“. Hier wurde auch der berühmte Film „Fackeln im Sturm“ gedreht
 

 

 
Die Hauptstadt einer Weltmacht und die Hauptstadt der Welt
    Wir verlassen Dixieland und es geht weiter nach Norden. Es kühlt nun in der Tat ab. Die Hitze ist endgültig vorbei. Noch vor wenigen Tagen betrug die Temperatur in New York 6 Grad C. Inzwischen gab es dort kalte Regengüsse. Sie setzten die Stadt unter Wasser. Und nach 10 Tagen auf See herrscht nun in unseren Breiten eine Windstärke von 60 km/h, die Luft hat sich nur noch auf 12 Grad C erwärmt, und in der Nacht kommt Sturm auf.
    Nun spielt sich unser sonst so bescheidener „tanzender Schrank“ in den Vordergrund: lässt man ihn nämlich offen, so schwingen seine Türen im Rhythmus des Wellenganges auf und zu, und die Schubläden, sofern sie – geschlossen – nicht eingerastet sind, tun mit und rutschen zu unserem Vergnügen im selben Rhythmus mit Getöse raus und rein!  Das kommt alle Nase lang vor, weil – besonders ich - wir die  Arretierung immer wieder vergessen! Im Übrigen rasten alle Türen des Schiffes in geöffnetem Zustand ebenfalls automatisch ein, damit man bei Wellengang „keinen vor die Birne kriegt!“ An allen Geländern und Handläufen in den Kabinengängen, wie auch in den Kabinen selbst sind nun für alle Fälle  „Spei-Tüten“ angebracht, sodass man sie bei Bedarf flugs zur Hand hat. Unmerklich gewöhnt man sich einen „Seemannsgang“ an. Im Bett rolle ich hin und her, und, bin ich wach, höre ich, wie die gute alte Albatros in ihren Planken und Verstrebungen ächzt und knarrt und knarzt.
    615 Seemeilen gilt es von Charleston bis Philadelphia zu bewältigen, das sind etwa 1107 km. Das Leben auf See ist auch ohne Landgang alles andere als langweilig. Dafür sorgt schon die Crew unseres Kreuzfahrtdirektors, deren Mitglieder an ihrem türkisfarbenen Dress – der Farbe des Schornsteins der Albatros, man erinnere sich - sofort in jeglichem Getümmel  auszumachen sind. Selbstverständlich befinden sich auch Künstler an Bord, die jeden Abend für Unterhaltung sorgen, seien es Musiker oder Tänzer. Ein Bauchredner ist ebenfalls mit von der Partie. Auf den Landausflügen schließen sie sich uns an, aber ihre Shows besuchen wir beide nahezu nie, von Stippvisiten einmal abgesehen. An den noch warmen Abenden sitzen wir auf Deck und schauen in die Sterne oder auf die dunkle See. Später, als es kälter wird, machen wir es uns in einer Ecke gemütlich. Bei Tage schaue ich zwischendurch immer bei den Proben der Musikanten und der Sänger zu. Die jungen Balletteusen strecken und biegen sich beim Training, und ein farbiger südafrikanischer Sänger lächelt immer besonders freundlich. Hat er aber bei seinen Proben das Mikrophon in der Hand, suche ich bald das Weite....die Wände beben ob der Lautstärke! In verschiedenen Bars kann man Ruhe und Lärm finden. Eine Jazzband gibt es ebenso wie eine Band, die flott zum Tanz aufspielt und natürlich auch immer üben muss! Und eine Klavier-Solistin. Da können wir uns die abendlichen Shows gut schenken! Jedermann kann in the early morning und/oder auch den ganzen Tag über Sport treiben – ein „Trimm dich Center“ findet sich auf dem obersten Deck, Deck 9. Vom Boule bis Bizepstraining, vom  Jogging bis Joga und von Schwimmen bis Sauna ist alles geboten, was man sich wünscht. Der Swimmingpool ist allerdings bei starkem Wellengang gesperrt – zu gefährlich! Hingegen kann man sich einem Chor, einer Gesellschafts- und einer Volkstanzgruppe (american folkdancing), einer Mundharmonika-Band und einem Malkurs anschließen. Man kann an einem Quiz mitmachen und sich am Bingo-Spiel beteiligen. Es gibt Gesprächskreise über Philosophie und Theologie – ich nehme an einem Teil – und Englisch-Training für Anfänger und Fortgeschrittene – ich mache bei letzterem mit  Es gibt einen Kino-Saal, in dem jeden Abend ein Spielfilm angeboten wird (leider habe ich die „Fackeln im Sturm“ versäumt) oder in einem Streifen die zu erwartenden Sehenswürdigkeiten an Land im Vorfeld gezeigt und einschließlich des geschichtlichen Hintergrunds erklärt werden, oder aber Gesehenes und Erlebtes, aufgenommen mittels Video, noch einmal nach zu erleben sind. Es gibt Autorenlesungen, und im Kabinenfernsehen bereitet uns Alex, der Crew-Fürst, auf den nächsten Landgang vor. Überhaupt Alex! Groß, aufgeblondet und hochgegelt, doch von beeindruckender Stimmgewalt, klärt er uns auch über Bordlautsprecher stets über die Sehenswürdigkeiten auf, an denen wir gerade vorbeirauschen, wenn denn welche auszumachen sind. Es ist der Chief-Manager der Kreuzfahrt-Events! Der Maitre de Plaisir obendrein ! Auch eine Bordandacht kann an jedem Vormittag besucht werden, wenn nicht gerade Landgang angesagt ist. Es gibt eine Bordbibliothek, es bilden sich Skatrunden, die in ein Skat-Turnier einmünden, man kann sich mit Gesellschaftsspielen beschäftigen und ....lesen....lesen...sich sonnen, auf das Meer schauen und die Seele baumeln lassen.....und selbstverständlich kann man auch „de Kabidän on the Brigge“ besuchen.....
    In der Delaware Bucht, in der Nähe Philadelphias, der ersten Hauptstadt der Vereinigten Staaten, stoßen drei Bundesstaaten zusammen: New Jersey, Pennsylvania und Delaware. Im Staate Delaware gibt es viel Industrie und wenig Steuern!!! So erfahren wir. Der Delaware-Fluss ist eher eine trübe Brühe, an dessen Ufern in die Jahre gekommene Industrien, die mich sehr an Industrie-Anlagen an den Ufern russischer Wasserwege erinnern, auf die frühe Industrialisierung des Nordens hinweist. Eine Bö erfasst einen unserer gelben Sonnenschirme, hebt ihn hoch, dreht ihn um und setzt ihn, Stiel oben, auf den braunen Wellen ab, auf denen er noch lange elegant tanzt, bis er endgültig untergeht. Ein Tribut an den Flussgott in der Hoffnung, er möge uns gewogen sein. Wir erreichen Philadelphia mit Verspätung und fürchten um den Ausflug nach Washington. Aber Thomas hat alles umorganisiert und im Griff! Rein in den Bus und auf einem Highway durch dunkle, abweisende Wälder der Bundeshauptstadt zu. Dahin ist der sinnliche Süden, dahin ist swinging Dixie! Der Golfstrom hat sich abgewandt! Mitte April ist hier die Natur ist noch weit zurück. Nur vorsichtig wagen sich einige Frühblüher hervor. Unterwegs kommen wir an der Industriestadt Baltimore vorbei. Sofort erinnere ich mich an den berühmten Hitchcock-Film „Marnie“, denn genau so düster und unheimlich sieht die Stadt von Ferne aus: mit seinen fast anthrazitfarbenen Hochhäusern und seiner – so habe ich den Eindruck -  schmutzigen Industrie. Doch der äußere Anblick so im Vorübereilen  mag täuschen. Hier in Baltimore befindet sich übrigens die berühmte John Hopkins Universität, eine private Universität, gegründet 1876, die als erste Universität nach europäischem Vorbild Forschung und Lehre vereinte. Ihr Stifter, nach dem sie benannt ist, vermachte ihr zum Zwecke der Gründung 7 Millionen Dollar – damals! Der Medizinische Campus ist weltberühmt! Die Studiengebühren belaufen sich auf 33000 Dollar/Jahr (Universitäten sind überhaupt sehr teuer in den USA), doch man kann ein günstiges Darlehen aufnehmen. Nebenbei: die Ärzte verdienen heutzutage nicht mehr so viel wie in früheren Zeiten. Das hat sich offensichtlich dem alten Europa angeglichen! Später begegnet uns auf dieser Fahrt nach Washington das etwas bizarre, uns ungewohnte große Bauwerk eines Mormonentempels.
    Wie bereits erwähnt diente ursprünglich Philadelphia, die Unterzeichnungsstätte der Unabhängigkeitserklärung (1783) als Regierungssitz, doch bald wurde der Ruf nach einer neuen Hauptstadt laut. Nach langen zähen Verhandlungen zwischen Nord- und Südstaaten einigte man sich auf einen Standort am Fluss Potomac. Maryland und Virginia traten Land für den District of Columbia ab, und 1800 zog die Regierung endgültig von  Philadelphia nach Washington DC um. Durch Rückgabe des Landes südlich des Potomac River an Virginia verringerte sich die Fläche des District of Columbia um ein Drittel. Der Bau der Hauptstadt ging langsam, doch stetig voran und wurde auch nicht durch den Sezessionskrieg  (Bürgerkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten 1861-1865) unterbrochen. Der Zustrom von 40000 freigelassenen Sklaven ließ die Bevölkerungszahl schlagartig in die Höhe schnellen. Bekanntlich wurde Präsident Abraham Lincoln am 14. April 1865 in einem Washingtoner Theater während einer Vorstellung ermordet.....
    In Washington und in den Vororten in Maryland und Virginia leben mehr 3 Millionen Menschen. Die Stadt selbst zählt 600000 Einwohner, und davon sind mehr als 70% Schwarze, die regelmäßig die Bürgermeister aus ihren eigenen Reihen wählen. Drogen- und Kriminalitätsprobleme – Gott sei’s geklagt – beschränken sich auf bestimmte Viertel. Und die Anzahl der Schwarzarbeiter sei angeblich sehr hoch. Der Besucher nimmt von alledem nichts wahr – ich erlebe ein strahlendes, sonniges Washington, in das der Frühling eingezogen ist!
    Schon während der Einfahrt in die Regierungsmetropole begeistere ich mich an den eleganten Strassen, gesäumt von geschmackvollen Villen in wunderschön angelegten Gärten. Sodann lasse ich mich von den Residenzen der ausländischen Botschaften beeindrucken - durch die Bank sehr aufwendige und sehr elegante Architekturen, und eine schöner und interessanter als die andere! (Alle Botschaften finden sich übrigens nebeneinander!) Man trumpft eben auf in der Hauptstadt der Weltmacht! Dazwischen ragt die gewaltige Kathedrale in gotischem Stil empor, deren Rosettenfenster ganz aus Mondstein gemacht ist. Beim Anblick der Mall mit ihren ausgedehnten Grünflächen, der von Bäumen gesäumten Avenuen, der vornehmen Wohnhäuser und Botschaften kann man sich nur schwer vorstellen, dass der größte Teil des Stadtgebietes einmal schlammiges Sumpfland war. 1912 schenkte Japan der Stadt 3000 Kirschbäume. Die doppelblütigen „Blumen“ an den Zweigen stehen zwar am Beginn der Welke,  präsentieren sich neben Magnolien und Azaleen aber gerade noch in ihrer letzten Schönheit. Auch in Washington wird das Kirschblütenfest gefeiert, und es dauert eine ganze Woche lang....Die Regierungsbauten im klassischen hellenisch-römischen Stil symbolisieren die Nachfolge des römischen Reiches, denn die römische Republik sollte das Vorbild der unabhängig gewordenen amerikanischen Nation sein. So spricht man von Washington auch als vom „Rom in Amerika“. Da es sich also am römischen Reich orientierte, wurde es teilweise dem alten Rom nachgebaut. Der Petersdom war übrigens das Vorbild für das Capitol, und das Lincoln Memorial und der oberste Gerichtshof, der Supreme Court, gleichen griechischen Tempeln. Auch ein 169 m hoher marmorner Obelisk zwischen dem Weißen Haus und dem Washington Monument, dessen Bau zwischenzeitlich unterbrochen war, was an einem Farbunterschied zwischen unten und oben noch auszumachen ist, fehlt nicht.  Der Park vor dem Capitol wurde übrigens von demselben Gartenarchitekten angelegt, der auch den Central Park in New York gestaltet hat. Im Nordflügel des Capitols ist der Senat beheimatet. Hier sitzen u.a. Hilary Clinton und der mittlerweile gealterte Edward Kennedy, beides politische Persönlichkeiten, die auch wir Europäer kennen. Edward Kennedy ist der jüngste und einzig am Leben gebliebene Sohn des alten Joe, der seine Söhne nacheinander in das Rennen um die Präsidentschaft geschickt hatte. Sein Ältester, Joseph (Joe), stürzte schon vorher als Marineflieger im II. Weltkrieg ab, sein zweiter, John F.(Jack), wäre in demselben Krieg um ein Haar im Pazifik ertrunken, konnte aber zum Glück sich und einen Kameraden retten. Unglücklicherweise wurde er dabei an seiner Wirbelsäule so schwer verletzt, dass er, auch später als strahlender Präsident, ständig unter Schmerzmitteln stand. Er wurde ermordet, wie schon andere Präsidenten vor ihm. Sein jüngerer Bruder, Robert (Bobby), wurde bereits als Präsidentschaftskandidat umgebracht. Und Edward (Teddy), der Jüngste: der vermasselte seine Kandidatur von vornherein, als er bei einem Autounfall seine Sekretärin ertrinken ließ, ohne Hilfe zu holen, und in seiner Panik statt dessen an das Krankenbett seines nach einem Schlaganfall halb gelähmten Vaters eilte, um zu beichten....Im Südflügel des Capitols sitzen die Abgeordneten des Repräsentantenhauses.
    Erst seit 1963 dürfen die Washingtoner den Präsidenten mitwählen, doch ihre Vertreter dürfen nicht mit abstimmen. Jeder Bundesstaat, und mag er noch so winzig sein, sendet zwei Senatoren in den Senat. Die Washingtoner wiederum sind nicht im Senat vertreten. Steuern müssen sie allerdings bezahlen (Taxation without Representation). Die Anzahl der Abgeordneten im Repräsentantenhaus rechnen sich selbstredend nach der Einwohnerzahl eines jeden Bundesstaates. Die Malls und Parks der repräsentativen Stadt übertreffen alle meine bisherigen Vorstellungen - trotz TV – bei weitem. Sie sind großartig!. Sie werden gesäumt von unzähligen weiteren beeindruckenden Baulichkeiten, wie den vielen berühmten Washingtoner Museen und Kunstsammlungen, die in ihrer Anhäufung in der Welt einmalig sein sollen, den Bibliotheken, den Theatern, den Monumenten und vielen weiteren öffentlichen Gebäuden. Und Placido Domingo ist hier Operndirektor! Der Union Station, der Unionsbahnhof, den ich der Zeitknappheit halber leider nur von außen sehen konnte, zählt zu den schönsten Bahnhöfen der Welt. Der Zutritt zu allen Museen ist übrigens umsonst und viele freie Veranstaltungen sind kostenlos. Inmitten der Bürgersteige stehen große, schwere, längliche bepflanzte Blumentröge so, dass Passanten sie zu umrunden haben. Der Grund: Selbstmordattentäter sollen keine Gelegenheit haben, nahe an ein Gebäude heran zu kommen und eine Bombe zu zünden! Ungleich harmloser ist die Auflage, dass jedes Haus, welches mindestens 5 Stockwerke hoch ist, auf dem Dach einen Wassertank zu installieren hat! 
    Die blühenden Bäume in den weitläufigen Parks, die Eleganz aller öffentlichen Bauten, die ich sehen konnte, (von den privaten war schon die Rede) die bewegenden Denkmäler, insbesondere jene, welche als  Mahnmale für die so verlustreichen Kriege oversea ( Korea, Vietnam) gestaltet wurden, aber auch die vornehmen Gedenkstätten, diese in hellenistischem Stil, die an die berühmten Präsidenten Jefferson und Lincoln erinnern.... Sie alle werden mir unvergesslich sein......
    Das weiße Haus ist übrigens eines der ältesten Häuser der Stadt. Es wurde 1800 bezugsfertig und besitzt 132 Zimmer. Vor dem 11. September konnte jedermann das weiße Haus besuchen, seit dem 11. September unterliegt die Besichtigung  strengsten Sicherheitsvorkehrungen, wie sich denken lässt! (Und langen Anmeldungszeiten im Voraus!)
    Als wir das weiße Haus von außen eingehender betrachten wollen, geraten wir vor eine Absperrung, welche ein Nähertreten nicht ermöglicht. Über uns knattern plötzlich drei Hubschrauber à la ligne, von denen der vordere und der hintere abdrehen, während der mittlere zur Landung ansetzt: der Präsident kommt gerade nach Hause. Na, wenigstens das! Nachdem sich die Absperrung aufgelöst hat, lässt sich ein Zipfelchen von einem der berühmtesten Häuser der Welt doch noch erspähen.
    Was gibt es weiteres zu berichten? Leider nicht viel, denn, wie oben berichtet, waren wir zu unserem Kummer viel zu spät dran. Vieles konnten wir deshalb nicht besichtigen, zum Beispiel Arlington mit seinem berühmten Heldenfriedhof, das auf der anderen Seite des Potomac River liegt. Doch wir werfen wenigstens noch einen Blick auf Georgetown: schon vor der Gründung der Bundeshauptstadt ein kleiner Tabakhafen, nun ein gemütliches Stadtviertel mit seinen alten, eleganten Wohnhäusern zwischen den Bäumen an stillen Straßen, mit Boutiquen und Galerien und dem lebhaftesten Nachtleben in der ansonsten „erhabenen Hauptstadt“ einer Weltmacht ....
    Es gäbe viele Gründe, Washington vielleicht doch noch einmal zu besuchen und für mehrere Tage zu genießen  - wenn nur der dumme (und gefährliche )  Terrorkrieg nicht wäre!
    Seit geraumer Zeit begleiten uns wieder einige blinde Passagiere, die keinerlei Anstalten machen, irgendwann irgendwo wieder von Bord zu gehen. Kleine kugelige fast unscheinbare Piepmätze, runder und etwas größer als unsere heimischen Spatzen, genießen diese Reise wie wir und hauen sich genüsslich den Bauch voll. Vögel können ja reiselustige Tiere sein, wie wir von den Zuvögeln wissen. Ob diese Tschilplinge, die irgendwo auf die Albatros geraten sind, auch dazu gehören, wissen wir nicht.
    New York, die Stadt der Immigranten, ist auch eine Stadt der Superlative, denn hier ist alles eindrucksvoller, größer und höher als anderswo! Und dies nicht nur wegen der beeindruckenden Skyscrapers, dieser so ungemein interessanten Architekturen! Sich von See aus dieser Stadt mit ihrer imposanten Skyline zu nähern ist ein unvergleichliches und ein unvergessliches Erlebnis! New York ist nicht Amerika, sagt man, oder besser: es ist so ganz anders als Amerika, und dennoch verkörpert die Stadt mit ihrer Lebensart „Amerika“: das Land der Freiheit und der vielfältigen Möglichkeiten. Der Mythos Amerika war über Jahrhunderte ein Mythos der Verheißung für so viele Menschen, die aus der Enge armer, wohl eher armseliger Dörfer in der alten Welt, auch vor einem oft willkürlich erzwungenen Militärdienst für sinnlose europäische Eroberungskriege, oder vor einer Verunglimpfung, wenn nicht gar Verfolgung durch engstirnige, fundamentalistische oder rassistische  Mitmenschen in ein freies Land flohen, um dort unbehelligt ein zwar hartes, doch immerhin hoffnungsvolles Leben zu beginnen....Für alle diese Menschen war die Freiheitsstatue, ein Geschenk der Franzosen übrigens, ein Symbol für ein freies Leben in Selbstbestimmung, wie es uns heute so selbstverständlich erscheint. ....Es sei denn, sie hatten ansteckende Krankheiten, wie z.B. Tuberkulose oder Syphilis! Dann mussten sie umkehren, wie ich von einem früheren Besuch im Einwanderungsmuseum auf Ellis Island her weiß! (wo man zunächst in Quarantäne saß und ärztlich untersucht wurde!) Die in den frühen Zeiten eher lockeren Einwanderungsbedingungen verschärften sich unter den großen Einwanderungswellen Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere in den Jahren zwischen den Weltkriegen im 20. Jahrhundert. Dennoch: Gastfreundschaft und Raubeinigkeit, Toleranz und unerbittliche Anforderungen im Arbeitsleben, die großen Familien oft eingepfercht in lichtlosen Wohnungen, in denen alle Mitglieder Tag und Nacht werkelten, nähten, steppten, polsterten schusterten usw., sich durchzubeißen hatten eben.... das erwartete die Einwanderer zunächst in New York. ( Wenn sie nicht weiter in das riesige Land hinein wanderten.) Und was brachten sie ihrerseits mit? Sie hatten den unbändigen Willen, es durchzustehen, setzten aber auch ihre Schöpfungskraft, ihren Einfallsreichtum und ihren Geschäftssinn frei, entwickelten ein Unternehmertum, welches in dieser Stadt eben nicht so ohne Weiteres durch Engstirnigkeit oder Überbürokratie gebremst wurde....Leider hatten sie auch manchmal eine reichliche Portion krimineller Energie in ihrem virtuellen Gepäck! Wenn sie nicht überhaupt von zu Hause vor polizeilichem Zugriff ausgebüchst waren! Es ist bei weitem nicht alles golden in dieser Stadt, dennoch ist durch den ständigen Zustrom von Energie, Inspiration, künstlerischer Kreativität, Ideenreichtum und Geschäftssinn eine Lebenskraft am Werk, welche auch der Besucher verspürt! Immerhin leben hier zwei Millionen Fremde, deren geistige Einflüsse diese großzügige Stadt in sich aufsaugt und schon immer aufgesaugt hat. Und: New York ist der Sitz der vereinten Nationen! New York ist die „heimliche Hauptstadt der Welt!“
    Wenn der Fremde an New York denkt, so denkt er natürlich an Manhattan!
     Die ersten holländischen Siedler hatten 1624 einen Stützpunkt an der Südspitze der Insel „Mannahattan“ errichtet. Sie nannten sie Nieuw Amsterdam. Sodann wurde die gesamte felsige Insel Manhattan von dem holländischen Gouverneur den Indianern abgekauft – für Glasperlen und Kleidung im Wert von etwa 24 Dollar. Schon 1664 übernahmen die Briten die bereits 2000 Einwohner zählende Stadt widerstandslos und benannten sie zu Ehren des Herzogs von York in New York um. Von 1783 bis 1790 ist New York die Hauptstadt der Vereinigten Staaten. George Washington legt hier seinen Amtseid als erster Präsident ab.
    Vor 15 Jahren habe ich eine Woche lang in dieser Stadt verbracht. Damals standen die Twin Towers noch, das spektakuläre Welthandelszentrum, der Stolz der New Yorker! Kein Mensch dachte an so etwas Entsetzliches wie an den schrecklichen Terroranschlag, der am 11. September 2001 die Stadt geradezu in ein Inferno verwandelte und der „unverwundbaren“ Weltmacht auf heimischem Boden eine solch entsetzliche, eine solch schmachvolle Niederlage beibrachte, und der so vielen Menschen auf grausame Weise das Leben kostete.
    Ich war sehr gespannt, ob und wie sich diese Stadt seit meinem letzten Besuch verändert haben würde.
    Das Anlegen an der Pier im Hudson River, unweit des Times Square (!), gestaltet sich trotz aller Anstrengungen „des Lots“ und der Offiziere ein wenig schwierig, ein nicht unriskantes Anlegemanöver sozusagen, und die Pier selbst sieht auch ein bisschen „antik“ und mitgenommen aus. Doch dann sind wir schon zu Fuß unterwegs! Standen vor einer Woche die Strassen der heftigen Regenfälle wegen unter Wasser - dazu bei unangenehmer Kälte, (New York liegt übrigens auf derselben Höhe wie Neapel!) so ist hier jetzt der Frühling ausgebrochen! Die Sonne scheint, die Bäume blühen (ich hatte gar nicht mehr im Kopf, dass es in dieser Stadt sooo viele Bäume gibt), es ist warm, und es ist Sonntag! Um zum Broadway zu kommen, folgen wir einer ruhigen Strasse, in der die Bäume über und über mit weißen Blüten bedeckt sind. An den Häusern fallen die außen angebrachten Feuerleitern auf, wie wir sie aus amerikanischen Filmen kennen,  und ich erinnere mich gleich an „Frühstück bei Tiffany“ von Truman Capote, verfilmt mit der unvergleichlichen Audrey Hepburn! Jedes Haus muss übrigens eine Feuertreppe haben – das ist die Vorschrift, doch bei den neueren Häusern verläuft sie in ihrem jeweiligen Inneren. Unser Spaziergang soll hier im einzelnen nicht geschildert werden, nur so viel: Am Columbus Circle wuselt es von Erwachsenen und Kindern in der sonntäglichen Sonne, im Central Park herrscht das absolute Begängnis! Dort wimmelt und wurlt es zu meinem Erstaunen derart, dass man schier nicht vorwärts kommt, Pferdekutschen eingeschlossen. Das berühmte Plaza Hotel ist durch Baugerüste unzugänglich – es wird umgebaut! In den sonntäglichen Strassen drängen sich die Menschen! Erst jetzt kommt mir so recht zu Bewusstsein, was ich bei den früheren Landgängen an der Küste der USA eher im Unterbewusstsein registriert habe: Ein großer Teil der Amerikaner sind fettleibig!!! Sie sind nicht nur, was man so landläufig „übergewichtig“ oder gar „dick“ nennt,  nein, diese Menschen sind krankhaft fettleibig, und zwar schon von Kindesbeinen an! Ich kann sagen: Von den Folgen des 11. September in Down Town abgesehen ist dies das  Eindrucksvollste an Veränderung seit meinem letzten Besuch, das mir geradezu in die Augen springt! „Die Dünnen fallen auf“ meint M., und sie hat Recht, denn man hat den Eindruck: die Dicken sind die Norm! Das unkontrollierte Hineinmampfen aller möglicher kalorienreicher Snacks und Fast Foods, der automatische Griff in den Kühlschrank zu jeder Tages- und Nachtzeit sind ein nicht zu unterschätzender Angriff auf die Volksgesundheit! Nachdem auch bei uns von ärztlicher Seite über die Zunahme der Übergewichtigen – schon im Kindesalter – geklagt wird, kann ich mir die Zukunft meiner Landsleute, wie sie vielleicht auch so daher watscheln werden, richtig vorstellen!
    Da die Geschäfte auch heute am Sonntag selbstverständlich geöffnet sind, besuchen wir  Tiffany und einige weitere, sehr vornehme Läden auf der Fifth Avenue, wo die internationalen Reichen und Schönen shoppen. Wir denken natürlich nicht daran, es ihnen gleich zu tun, sondern uns ist es nur um die Betrachtung der geschmackvollen Innenausstattung dieser feinen Verkaufsetablissements zu tun, und wir bewundern die mannshohen frischen Blütensträuße in riesigen gebauchten Vasen! Im Trump Tower genießen wir bei Eis die absolut feudale teure Ausstattung! In St. Patricks Cathedral, der Kirche des Erzbischofs von New York, kommt der Hammer: Alle Besucher, die der hl. Messe, die gerade gefeiert wird, beiwohnen möchten, werden von einem farbigen Messdiener nach Bomben und Waffen durchsucht! Whouw! Der 11. September!
    Eine besondere Überraschung ist für mich der Grand Central Terminal, den wir, unter anderem, am folgenden Vormittag aufsuchen, und den ich nicht kannte. Von der Straße kommend gelangt man zunächst auf eine Ballostrade, erblickt gegenüber eine ebensolche und schaut sodann in eine überraschend elegante Halle in warmem Gelb hinunter. An beiden Stirnseiten finden sich über die gesamte Höhe Rundbogenfenstern und rechteckige Durchbrüche an in den seitlichen Wänden als Zugang zu den Zügen. Eine flach gewölbte Decke in Grün mit kleinen Rundbogenfenstern und umlaufenden Jugendstilelementen schließt sie nach oben ab. Und von dieser Decke hängt ein Union Jack, der in seiner Größe unweigerlich die Blicke auf sich zieht. Schreitet man – ja, man schreitet! – die Stufen auf der doppelläufigen geschwungenen Marmortreppe herab und schaut sich um, so sind das schönste ohne Zweifel die Fahrkartenschalter: kleine Fenster, nach innen zu öffnen, (der Kopf des Kartenverkäufers füllt sie nahezu aus!) strahlen in einer mehrfachen  Umrahmung eine Gemütlichkeit aus der Gründerzeit aus, die man in unserem Land wohl nicht finden wird! Grand Central Station ist der schönste Bahnhof, den ich in meinem Leben gesehen habe!
    Am quirligen Times Square mit seinen riesigen Reklameplakaten, umrahmt von flackernden bunten Lichtern, stehen schon am Vormittag die Menschen Schlange vor irgendwelchen Einlässen zu irgendwelchen Veranstaltungen, Filmvorführungen und mehr. Ich habe den Eindruck, als gehe es hier bei weitem bunter und lebhafter zu, als vor 15 Jahren, wie ich die Stadt zur damaligen Zeit eigentlich gemütlicher fand. Jedermann weiß, dass die Straßenzüge auf Manhattan rechtwinklig zueinander angeordnet und recht übersichtlich sind. Nur der Broadway verläuft diagonal, indem er einem alten Indianerpfad folgt. Der Name „Times Square“ bezeichnet lediglich den Hauptabschnitt dieses aufregenden Boulevards mit seinen prunkvollen und berühmten Theatern, Kinos, Hotels, Restaurants, Nachtklubs und Geschäften. Gay People – Gay Street!
    Was erfahren wir auf einer Stadtrundfahrt durch Downtown? Ich beginne gleich mit dem Makabren! Verstorbene werden in der Regel ausgeblutet, dann schön hergerichtet und aufgebahrt. Eine Art Mumifizierung light also! Die Angehörigen defilieren am geöffneten Sarg vorbei und nehmen Abschied von dem Verstorbenen.  Dann wird der Sarg auf den Friedhof gefahren und beigesetzt. Die sogenannte  Begräbnisfeierlichkeiten (Gottesdienst zum Beispiel) finden also zu Hause statt.
    Barbara Hutton, die bekannte Erbin des Woolworth-Imperiums, die 7 Ehemänner abzufinden hatte und ständig „in den Gazetten unterwegs“ war, verarmte am Ende ihres Lebens tatsächlich und besaß nur noch 3000 Dollar. (Hier soll gleich eingeschoben werden, dass die höchste Dollar-Note der 100 Dollar-Schein ist. Bei uns ist der 500-Euro-Schein die höchste Note. Immerhin ist die Euro inzwischen auch mehr wert als der Dollar!) Die Millionenerbin sei in einem Armenhaus gestorben! Die Arme!
    In Chinatown herrscht ein für mich ungewohntes Gedränge von Menschen asiatischer Provenienz, und alle sprechen chinesisch! Auch die Jungen! In diesem Viertel gibt es eine Fülle von Lebensmittelgeschäften mit einem überbordendem Angebot: Einladend und appetitlich ausgelegte einheimische und exotische Gemüse und Früchte zum einen. Was Fisch und Meeresfrüchte anbelangt, so gibt es nahezu alles, von Austern bis Zander, und was Fleischangebot angeht – auch hier werden die Waren auf sauberen Platten und Tabletts präsentiert – so findet sich auch reichlich Lebendware: Federvieh, Fische, Krebse, Hummer, Garnelen, Schildkröten, Frösche....Beinahe komme ich mir vor wie einst in Hongkong, aber da war der „lebende Tiere Markt“ bei weitem schlimmer! Doch Seafood scheint hier ganz allgemein bevorzugt zu sein und überwiegt das Angebot an Fleisch. Alle Waren sind auch in chinesischer Schrift bezeichnet und ausgezeichnet. Selbst die Straßennamen sind zweisprachig und werden somit auch in 2 Schriften angezeigt! Bekanntlich halten die Chinesen viel vom Essen, und so kommen sie mir alle wie in einem Kaufrausch vor. Ganze Familien schleppen Tüten oder hängen sie an die Kinderwagen. Quer über den Straße hängen bunte Girlanden, Zeichen gefeierter Straßenfeste. Laut Reiseleiterin tummeln sich hier in Chinatown 2 Millionen Chinesen. Und etwa 2 Millionen Touristen über das Jahr. Jedenfalls gibt es kaum ein Durchkommen. Das Auge kann sich an dieser Fülle von Exotik kaum satt sehen! Und würden die hellhaarigen Langnasen nicht unter den schwarzhaarigen Schlitzaugen auffallen, könnte man leicht den Anschluss an seine Reisegesellschaft verlieren. Unter den Chinesen werden noch alte Riten befolgt, so hören wir, insbesondere die Altenverehrung, die bei uns ja keine so gute Presse mehr hat! Bei meinem letzten Besuch empfand ich Chinatown als eine eher ruhige Gegend!
    In little Italy gleich nebenan wimmelt es von italienischen Straßenrestaurants, und alle sind voll besetzt!
    Down Town und der Ground Zero! Die eingeebnete graue Grundfläche der Zwillingstürme gähnt uns wie ein Nichts und eine einzige Anklage zugleich an. Sie ist inzwischen zu einem Pilgerort geworden. Davor zu stehen ist so bewegend, so touchy, dass man den Tränen nahe ist! Ein schreckliches Mahnmal! Die große Weltkugel des Landshuter Bildhauers Fritz König, welche einst den Platz vor den mächtigen Twin Towers schmückte, ist durch den furchtbaren Anschlag nicht zerstört, sondern lediglich an ihrer Oberfläche beschädigt worden. Sie ist noch zu sehen, auch sie ein Mahnmal. In der Nähe des ehemaligen World Trade Centers wurde inzwischen gebaut: es entstand Twin Tower City. Die Arbeiten zur Errichtung eines Freedom Tower haben begonnen. Das Gebäude der Deutschen Bank in der Nähe der Twin Towers war damals durch den Anschlag ebenfalls beschädigt worden. Man hat sich vor kurzem entschlossen, es von oben Stockwerk für Stockwerk abzutragen. Dies geschieht seit Oktober 2006. Zum Entsetzen der Arbeiter fand man inzwischen etwa 700 menschliche Knochen, die durch die Explosion durch die Luft geschleudert worden und in diesem Gebäude eingeschlagen waren, allerdings bisher noch keinen Schädel.
    Beeindruckend elegant ist der Wintergarten, gleich nebenan,  geworden! Vor ihm genießen die Menschen inmitten schöner Blumenanlagen die Sonne und die Aussicht auf den südlichen Teil des Hudson River. Eine kleine Parkanlage mit blühenden Bäumen und ein Hauch von Intimität...
    An der gesamten die Ostküste habe ich ein einziges muslimisches Kopftuch gesehen: hier in New York! Eine mutige junge Frau, kann man sagen! Auch konnte ich keinerlei muslimische Kopfbedeckungen bei Männern entdecken! Und die Aschkenasim, die Juden aus Mittel- und Osteuropa bzw. ihre Nachkommen, sind heutzutage – im Gegensatz zu meinem letzten Besuch – nicht mehr im Straßenbild von New York an ihrem Outfit zu erkennen. Im Getümmel der fifth Avenue bemerkte ich lediglich 2 Herren in den typischen schwarzen Anzügen mit langen Gehröcken und den Schläfenlocken unter ihren runden Hüten. Einer Kipa begegnete ich nicht.......
    .......Während des Auslaufens aus New York gedenkt die Albatros in Höhe des Ground Zero der bei dem Terror-Anschlag am 11. September Getöteten mit einem dreimaligen Ehren-Salut.......
 
   
Der herbe Norden
    New Port, nördlich von New York, liegt im kleinen Bundesstaat Rhode Island. Und der wiederum verdankt seinen Namen seinem Entdecker, dem ersten Puritaner, der ihn hier betrat, und den die Form der Insel an die Insel Rhodos erinnerte. 1639 landete hier eine Gruppe verfolgter Dissidenten aus Massachusetts auf der Suche nach einer neuen Heimat an und ließ sich nieder. Sie waren so streng, dass sie ohne weiteres mit derselben Härte Andersgläubige verfolgten wie sie selbst in ihrer ursprünglichen Heimat unerbittlicher Verfolgung ausgesetzt gewesen waren. Und sie gründeten den Ort Newport. Dennoch erwies sich diese Siedlung schon bald als ein toleranter Ort, der um 1650 die ersten Quäker und Juden aufnahm.
    Newport, einst durch Gletscher entstanden, ist der tiefste Naturhafen der USA. Zwischen New York und Boston gelegen komme ich mir auf diesem karg-felsigen Gelände ein bisschen wie in die Tundra versetzt vor! Die Felsen sind von den Gletschern glatt geschliffen – es gibt also keinen Strand! Und der Frühling ist in Neu England ohnehin noch nicht angekommen! Die Bäume zeigen recht schüchtern gerade einmal bescheidene Knospen, es pfeift der Wind vom Atlantik her, und alles in allem ist es eigentlich weniger gemütlich als sportlich! Die Siedlung ihrerseits blühte nahezu von Anbeginn an: Schiffbau und Schifffahrt machte es möglich! Im 18. Jahrhundert beteiligten sich die ach so frommen Kaufleute am Sklavenhandel und wurden noch wohlhabender! Der Dreieckshandel machte es wiederum möglich: Die Schiffe brachten aus Jamaika Melasse in diese nördliche Stadt, der daraus gebrannte Rum wurde nach Afrika verfrachtet und gegen schwarze Sklaven eingetauscht, welche – wohin? - natürlich nach Jamaika transportiert wurden, und der Kreislauf begann von Neuem. Das erinnert sehr an unsere heutigen globalen Handelsverhältnisse!!! Auch in dieser verlassen aussehenden, doch wichtigen Gegend setzten sich Briten und Franzosen zur Zeit der Revolutionskriege, wie an vielen anderen Orten in der neuen Welt, kriegerisch auseinander. Als letzter der 13 Gründerstaaten trat der Winzling Rhode Island 1790 den Vereinigten Staaten bei
    Im 19. Jahrhundert begannen Wallstreet-Magnaten ihre Sommersitze, die Mansions, in der Umgebung des Städtchens zu errichten, um sich der sommerlichen Hitze New Yorks zu entziehen, bzw. ihren Familien einen klimatisch erträglichen Sommeraufenthalt mit allem Komfort und allem Luxus zu ermöglichen. Sie nannten sie „ihre Cottages“, ein Ausdruck, der aus heutiger Sicht absolut „over the top“, also total übertrieben ist. Ende des Jahrhunderts kam das „Vergoldete Zeitalter“ so richtig in Schwung!  Wir sind hier, um uns diese unglaublich eleganten und luxuriösen Landsitze, die in ihren aufwendigen Baustilen und parkähnlichen Gartenanlagen hin und wieder fast an kleine Schlösser erinnern, zu betrachten.  
    Das Städtchen selbst macht einen bescheidenen, doch recht hübschen „neu-englischen“ Eindruck, in dem es eine Reihe interessanter Häuser mit geschichtsträchtigem Hintergrund zu betrachten gibt. Seine „normalen“ zweistöckigen Häuser sind mit Holzschindeln gedeckt. In der geradezu bescheidenen Kirche St. Mary’s of the sea mit dem langgezogenen spitzen Turm, wie er für die Neuengland-Staaten so typisch ist, wurden Jaqueline Bouvier und John F. Kennedy getraut. Jackies Eltern besaßen ebenfalls ein „Cottage“ auf Rhode Island, das allerdings im Vergleich zu den Herrensitzen in der Umgebung einen recht bescheidenen, wenn nicht gar armseligen Eindruck macht und somit außer Konkurrenz  ist. Na ja, man weiß ja, dass Vater Bouvier ein Frauenfreund und dem süßen Leben nicht abgeneigt war, und schöne Frauen kosten eben Geld! Wie sich denken lässt spielte sich in den hochherrschaftlichen Häusern auf Rhode Island ein gesellschaftliches Leben ab, wie man es eigentlich nur aus alten märchenhaften amerikanischen Filmen kennt! Viele Geschichten und so manches Skandälchen ranken sich um sie! Reichtum pur, kann man da nur sagen! Der Kennedy-Clan hat übrigens seinen Landsitz Hyannisport  in Cape Code – noch weiter nördlich und daher noch exclusiver!
    In Newport gibt es übrigens auch die älteste Synagoge der Welt – so sagt man uns – errichtet im palladianischen Stil. Sie wurde in Amsterdam nachgebaut. Die größte Synagoge der Welt befindet sich.... – man kann es kaum glauben – .....in Curacao!
    Als Amerika 1983 erstmals das Rennen um den „America’s Cup“ verlor, ging eine Ära zu Ende! 50 Jahre lang war Newport der Austragungsort dieser spektakulären Ausscheidung gewesen – so weit zum Sport.
    Was nun die Sommersitze der Astors, der Vanderbilts und der anderen „Reichen“, deren Namen uns in Europa nicht so geläufig sind, angeht, so orientierte sich ihre Architektur oft an europäischen Vorbildern, namentlich an französischen, an englischen und italienischen spektakulären Bauten. Der Ballsaal der Caroline Astor bot Platz für 400 Gäste – nur! – denn mehr als 400 Personen kannte die gute Gesellschaft zu ihrer Zeit nicht! Hammersmith Farm hingegen ist ein eher armseliges Anwesen und gehörte nicht zu den gesellschaftlich tonangebenden Adressen! Es wurde denn auch erst viel später als Sommerresidenz von John F. Kennedy und seiner Frau Jackie bekannt.    
    „The Breakers“ ist das prachtvollste der sogenannten Sommerhäuser in Newport, ein Symbol der gesellschaftlichen und finanziellen Machtstellung der Vanderbilt Familie zur Zeit der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert in Amerika. Ein zuvor aus Holz erbautes Haus wurde 1892 durch ein Feuer zerstört. Der Architekt Richard Morris Hunt errichtete das heutige Herrenhaus im Stil der italienischen Renaissance mit 70 Räumen und ließ diese von einer internationalen Gruppe von Künstlern und Handwerkern ausstatten .  Der große Saal (The Great Hall) war den offenen Innenhöfen der Paläste in Genua nachempfunden. Angesichts des ungeheuren Reichtums geht man geradezu in die Knie – unwillkürlich fühlt man sich auch an die Prachtbauten des bayerischen Königs Ludwig II  erinnert!
    Was die Park- und Gartenanlagen der herrschaftlichen Sommersitze angeht, wo wirkte auch hier der Gartenarchitekt, der den Central Park geschaffen hat.
    Boston gilt als die Geburtsstätte der amerikanischen Unabhängigkeit, als  d i e  Stadt, in der die Idee der Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm! Alle Welt kennt die Bostoner Tea-Party. Als neue englische Gesetze den amerikanischen Kolonien weitere Steuern und Zölle aufbürden wollten, kam es 1770 zum Aufstand und zum „Massaker von Boston“, in den 5 Bürger um’s Leben kamen (derer man heute noch gedenkt!) Daraufhin hoben die Briten alle Steuern bis auf die Teesteuer auf. Und wie reagierten die Kolonisten? 1773 enterten als Indianer verkleidete Patrioten drei englische Schiffe, die im Bostoner Hafen lagen, und warfen 342 Teekisten in das Meer..... 1776 zogen sich die Briten schließlich endgültig aus Boston zurück.
    1630 hatte sich eine Gruppe von Puritanern aus Charleston auf dem heutigen Beacon Hill niedergelassen. Den ersten Winter überlebten 200 Menschen in der ungewohnten Kälte nicht, wie man sich gut vorstellen kann! Dennoch wuchs die Kolonie schnell, und schon 1635 gründeten die Puritaner die erste freie öffentliche Schule des Landes und ein Jahr später die heute so berühmte Harvard-Universität.
    Im 19. Jahrhundert war Boston für das Land ein leuchtendes Vorbild für ganz Amerika! Es galt als Kulturhauptstadt mit den besten Bildungsstätten. In den Augen der übrigen Amerikaner verkörperten die echten Bostoner (deren es heutzutage im Zuge der multinationalen Einwanderer wohl nicht mehr allzu viele gibt) eine gute Kinderstube, eine gediegene Bildung und diskreten Wohlstand. Kontinuierlich wurden Sumpfgebiete trocken gelegt, Buchten zugeschüttet und Hügel eingeebnet, ein Vorgang, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist.
    Auf den ersten Blick hat mir die Stadt, auf die ich so große Erwartungen gesetzt hatte, überhaupt nicht gefallen! Und warum? Wenn ich darüber nachdenke, so sehe ich zunächst vor meinem geistigen Auge ein Durcheinander verschiedener dunkler grau-brauner Baulichkeiten ohne strukturelle Harmonie des Stadtbildes aus verschiedenen Jahrhunderten / Jahrzehnten / Generationen vor mir! Einfach hintereinander drangeklotzt – so kam es mir auf Anhieb vor!  Denke ich weiter darüber nach, so muss ich zugeben, dass die Stadt zugleich etwas Ernsthaftes, um nicht zu sagen „Puritanisches“ ausstrahlt,  zumal sich eine „natürliche“ Farbigkeit aus bunten Frühlingsblumen vermissen ließ – der Frühling war eben noch nicht ganz angekommen! Und den Park in der City fand ich ohnehin kärglich! Zugegebenermaßen sieht man sehr interessante Häuser und einige interessante Straßenzeilen, die meisten von ihnen mit einem interessantem historischen Hintergrund, keine Frage! Doch die trotzigen, düsteren, der schottischen Gotik nachempfundenen Kirchen aus dunklen Granitmauern, Ausdruck des Lebensgefühls  der bigotten Gründerväter dieser Stadt, erinnern mich an schottische Dickschädel, wenngleich ihre Fassaden schön strukturiert sind! Ich höre, dass der berühmte amerikanische Dirigent James Levine, der von 1999/2000 bis 2004 Chef der Münchner Philharmoniker war (und bei uns in der Bayernmetropole bedauerlicherweise einen Bandscheibenvorfall erlitt!), seit 2004 das berühmte Boston Symphony Orchestra leitet. Fast tut er mir ein bisschen leid, dass es ihn aus einer heiteren, eher südlichen gemütlichen „Metropole“ des alten Europa in die nüchterne Rauhigkeit einer ehemals puritanischen Stadt in Neu-England verschlagen hat!
    Ein „erhabenes, nein, eher noch ehrfürchtiges Gefühl“ überkommt mich beim Betreten des Campus der altehrwürdigen Harvard Universität, die so viele Nobelpreisträger hervor gebracht hat! In Cambridge, Bostons kleiner Schwesterstadt, die unmittelbar nach Überquerung des Charlie River beginnt, führt die Hauptstraße direkt zum Eingang dieser ehrwürdigen Stätte. Wie hingestreut liegen in einem weitläufigen Gelände die einzelnen großzügigen zwei- bis dreistöckigen Gebäude aus rotem Ziegelstein in einem weitläufigen Gelände, das sich durch Rasenflächen und Inseln von teilweise noch kahlen, teilweise aber auch bescheiden blühenden Bäumen, von gepflasterten Geh- und breiteren geteerten Fahrwegen auflockert.  Die vornehmen Fassaden, vereinzelt auch der Gotik nachempfunden, teilweise auch georgianischen Stils, sind gegliedert, die Stockwerke, auch die Fenster, manchmal weiß abgesetzt, und hin und wieder erblickt man auch einen kleinen Erker oder eine großzügige Terrasse. Auf den Satteldächern ragen hohe Schornsteine empor. Modernere Bauten halten sich diskret im Hintergrund. Natürlich fehlt auch hier die spitztürmige Kirche, ebenso wenig wie ein Denkmal des Stifters, des Geistlichen John Harvard, welcher der 1636 von ihm gegründeten „Schule“ die Hälfte seines Vermögens, nämlich 780 Dollar (damals!) und 320 Bücher vermachte. Heute verfügt die Universität über viele Milliarden Dollar und weit über 10 Millionen Bücher! Sie besitzt auch eine der 36 Gutenberg-Bibeln! Harvard gilt als die beste Universität Amerikas. „Ein Harvard-Abschluss, und es wird Ihnen nie wieder nass in den Schuhen!“ sagt man. Außer der Tiermedizin sind alle Fakultäten vertreten. John F. Kennedy hat hier ebenso studiert, wie George W. Bush. Bill Clinton war übrigens in Yale, wo heute unser ehemaliger Außenminister Joschka Fischer eine Professur inne hat. Studiengebühren? Wie erwartet: hoch! 38000 – 48000 Dollars kostet ein Studienjahr. Immerhin gibt es dafür auch eine Cafeteria!
    Als farbigen Kontrapunkt sozusagen sehen wir einen Obdachlosen ein Wägelchen vor dem ehrwürdigen Entree zum Campus vorbeischieben, darauf eine Katze, die sich gemütlich spazieren fahren lässt! Zwei Hunde laufen fröhlich mit. Und wir sehen die Zukunft des Landes, eine Kohorte kleiner Kinder im Vorschulalter nämlich, die sich hintereinander an einer langen Schnur, vorn und hinten von Erzieherinnen gehalten, klammern und brav im Gänsemarsch unter deren Augen daher marschieren. Wie einst die Sklaven! So kommen sie mir in dieser Formation vor!      
    „Hattest Du einen guten Winter?“ fragt die fröhliche Reiseführerin Schweizer Herkunft den kanadischen Busfahrer. Ich bin verblüfft.! Ist dies die kanadische Variante des „How do you  do“? im Vorfrühling? Sie erinnert mich an die chinesische Begrüßung: „Hast du heute schon gegessen?“ – Beide Redensarten lassen tief blicken! Und tatsächlich findet sich bei unserem zugigen Spaziergang an der Hafenpromenade von Halifax noch ein bräunlicher Schneehaufen.
    Der Ausdruck „Promenade“ täuscht übrigens, sofern man sich darunter auch nur ein Fünkchen Eleganz vorstellt! Eine betonierte Strasse führt an dem Meeresarm entlang, auf dem Segelboote im Wind schaukeln und Fährschiffe unterwegs sind. Wir passieren einige Imbissstationen, sehen auch eine große aufgeblasene grellbunte Disneyfigur im Wind, der ganz schön pustet, hin und her tanzen....Nein, vom Hocker reißt einen dieses Städtchen auf der kanadischen Atlantikinsel Nova Scotia eigentlich nicht, und man sieht ihm, bis auf einige „gewichtige“ Halb-Höher-Häuser und noch weniger Hochhäuser nicht an, dass wir uns im Handels-, Finanz- und Bildungszentrum der kanadischen Atlantikprovinzen befinden. Kanadisches Understatement! Zu Halifax zählt auch der Stadtteil Dartmouth, der sich auf der anderen Seite des Meeresarms befindet und auf dem kürzesten Wege mit der Fähre zu erreichen ist.
    Vermutlich ging Leif Erikson, der wilde Wikinger-Draufgänger, um das Jahr 1000 in Nova Scotia an Land und traf hier auf die Micmac-Indianer. Im 16. Jahrhundert versuchten die Franzosen, das Land zu besiedeln, nachdem ihnen das natürliche und so praktische Hafenbecken aufgefallen war. Das passte den Engländern nicht, natürlich! 1621 erhielt der Schotte William Alexander von König Jakob I. das Land zugesprochen unter der Bedingung, ein neues Schottland zu schaffen. Dennoch musste es der König bald wieder den Franzosen überlassen. Letztendlich erhielten es die Engländer doch, und der Hafen Halifax war zu Kriegszeiten stets ein wichtiger Stützpunkt ihrer Kriegsmarine. 1867 schließt sich „das neue Schottland“ mit den Provinzen Brunswick, Ontario und Québec zur neuen kanadischen Konföderation zusammen.
    Der Hafen war und ist heute aber auch lebenswichtig für den Handel. Wenn nämlich im Winter der Schiffsverkehr auf dem St.-Lorenz-Strom erlahmt, dann kommt seine betriebsamste Zeit! In Nova Scotia, wo sich auch reichlich Industrie angesiedelt hat (Kohle, Stahl, Eisenbahnbau, in unserer heutigen Zeit eher stockend) soll man den Tourismus als Wirtschaftszweig nicht unterschätzen! Diese große Insel im Atlantik ist wegen ihrer Naturschönheiten auch ein sehr beliebtes Ferienziel.
    Während unseres Spaziergangs entdecken wir ein vielgezacktes metallenes Denkmal: es erinnert an die Opfer jener schrecklichen Katastrophe, die sich am 6. Dezember 1917 im Hafen ereignete: die Montblanc, ein französisches Munitionsschiff, stieß mit einem Passagierschiff zusammen und verursachte die größte aller Explosionen vor der Atombombe. 1963 Menschen kamen bei diesem Unglück um! Und der nördliche Teil der Stadt wurde in ein riesiges qualmendes Trümmerfeld verwandelt.
    Für die ersten Siedler, die Franzosen, war Nova Scotia immer Akadien. Sie hielten die Buchstaben ak-a-de, die am Ende vieler indianischer Ortsnamen erschienen, fälschlicherweise für den Namen des Landes. So spricht man auch heute noch von einer akadischen Küche, die aus herzhafter Kost besteht. Wahrscheinlich suchte man die kalten, langen, dunklen Winter mit ausgedehnten deftigen Mahlzeiten zu verkürzen und sich damit warm zu halten! So wird auch uns reichlich aufgetischt: Wir sind zum Lobster-Essen geladen!
    Ist der Hummer allein schon eine Köstlichkeit, so bekommt er in den Augen der „Neu-Schotten“ erst den richtigen Pfiff, wenn man sein weißes mit einer Kräuterfarce bestrichenes Fleisch in flüssige heiße Butter taucht, wenn man dazu einen opulenten Kartoffelsalat mit reichlich Mayonnaise genießt. Remouladensauce extra! Suppe vorweg und Dessert danach eingeschlossen.....! Dazu Bier, natürlich! Wir haben in den letzten Wochen beileibe nicht gehungert, aber was zu viel ist, ist zu viel! Fettleibigkeit habe ich in „Neu Schottland“ allerdings nicht gesehen, doch nicht wenige Einwohner von Halifax sind durchaus übergewichtig! Kein Wunder!
 
   
Und...ein Paradies im stürmischen Ozean
    Abschied von der neuen Welt! Von Halifax aus beginnt die Überfahrt nach Europa! Die „Hochdrücke“ verlassen uns nicht – zum Glück – denn jetzt beginnt die wirkliche Schaukelei, vorwiegend verursacht durch verschiedene Meeresströmungen, denen die Albatros auf ihrem Weg über den Atlantik immer wieder ausgesetzt ist. Hier im Norden legt sich der kalte Wind, unterstützt vom Fahrtwind, allerdings auch im Hoch mit Wucht auf die Decks! Die verschiedenen Meeresströmungen lassen die gute Tante Albatros auf und nieder tanzen, und nachts höre ich ihr Stöhnen und Ächzen und Knarzen, wenn ich im Bett hin und herrolle. Bange vor dem Klabautermann? Gibt es nicht! Blickt man im Restaurant aus dem Fenster, so sieht man den tanzenden Horizont: langsam hebt er sich in die Höhe, bis er im oberen Fensterrahmen verschwindet und das graue unruhige Meer hinter der vollständigen Scheibe sichtbar ist. Nach einer kleinen Weile erscheint er wieder, gleitet gemächlich nach unten, verschwindet auf’s Neue unter dem unteren Fensterrahmen – hinter der Fensterscheibe ist nichts als Himmel – um nach einer weiteren kleinen Weile wieder zu erscheinen und nach oben zu wandern....auf-ab-auf-ab-auf-ab.... immer im gleichen Rhythmus. Zwischendurch hört man es klirren! Geschirr, vorwiegend Gläser, sind den Tisch oder die Theke einer Bar entlang gerutscht, und am Boden zerschellt. Der natürliche Schwund von Geschirr auf einer Hochseereise! Wir werden eine Woche auf dem Atlantik schippern und nur auf den Azoren Station machen. Allen oben beschriebenen Aktivitäten kann nun gemütlich nachgegangen werden, ohne dass Langeweile aufkommt. Inzwischen kennt man sich untereinander vom Sehen, wenn man nicht mit diesen oder jenen Mitreisenden eine nähere Bekanntschaft geknüpft hat. Schon lange begrüßt man sich, wenn man sich trifft: In den Treppenhäusern, auf den Decks, in den Aufzügen. Vom Personal wurde man von Anfang an zu jeder Tagszeit stets freundlich gegrüßt.    
    In der nunmehrigen dritten Woche unserer Seereise, Ende April also, überqueren wir auch jene Stelle, an der in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 die Titanic innerhalb von nicht einmal drei Stunden versank, nachdem sie mit einem Eisberg kollidiert und von ihm aufgerissen worden war. Eisberge sind auf unserer Reise, beinahe 100 Jahre später, weit und breit nicht in Sicht.....globale Erderwärmung?
    Es wird sonniger, die See wird ruhiger, und am dritten Tag fängt man an zu schwitzen, nachdem die dickere Kleidung wieder im „tanzenden Schrank“ verschwunden ist. Wir nähern uns den Azoren, und die liegen etwa in der Höhe von Gibraltar – 1400 km von ihrem Mutterland Portugal entfernt..
    Manche glauben, diese abgelegenen neun Inseln mit ihren nebelverhangenen Gipfeln, den schwarzen Kliffen, den blauen Kraterseen und – vor allen Dingen – ihrer üppigen Vegetation seien die Bergkuppen jenes legendären Kontinents Atlantis, der vor Urzeiten von den Fluten des Ozeans verschlungen wurde. Scheinen sie doch einer so ganz anderen Welt anzugehören! Wahrscheinlicher ist, dass sie – erdgeschichtlich gesehen – vor nicht allzu langer Zeit durch Vulkanausbrüche aus den Tiefen des Atlantik hervorgehoben wurden. Einige der Vulkane sind noch tätig, und Geysire sprühen Wasserdampf aus Felsspalten hervor. Mitten im Atlantik gelegen diente der Archipel nacheinander als Zwischenstation der Galeonen, die, beladen mit den Schätzen aus der neuen Welt, auf dem Weg in ihr Mutterland waren, als Stützpunkt der Walfänger, als Tankstelle des transatlantischen Flugverkehrs und als Hafen für Segeljachten und ....Kreuzfahrtschiffe! Wie schon in anderen Häfen, in die wir auf unserer Reise eingelaufen waren, treffen wir auch hier auf eines dieser schwimmenden Hotels, von denen aus sich die Passagiere auf ihre Art „die Welt erobern“. Das größte, dem wir begegnet sind, beherbergte 2000 Passagiere! Eine kleine Stadt fast! Da ist es bei uns auf der Albatros wesentlich gemütlicher!
    Entdeckt wurden die Inseln im 15. Jahrhundert von den Portugiesen, doch schon im 4. Jahrhundert vor Christus – so beweisen auf Corvo gefundene Münzen – hatten die Karthager die Azoren erreicht. Sesshaft wurden sie hier allerdings nicht. Als die Schiffe Heinrichs des Seefahrers, des Infanten von Portugal – der selber nie zur See gefahren ist – 1427 die unbewohnten Inseln entdeckten, benannten sie diese nach den vielen Falken, die sie für Habichte (portugiesisch Acor) hielten. Seit 1895 sind die „portugiesischen“ Azoren eine autonome Region und verwalten sich selbst.
    „Wal bläst“ Wal bläst tatsächlich! Wal bläst steuerbord voraus! Da sind sie, die freundlichen Meeresriesen! Gerade hier im Mittelatlantik tummeln sie sich und sprühen ihre Fontänen in die Höhe! In Ponta Delgada werde ich kleine Reisebüros entdecken, die „Wal Watsching“ anbieten!
    Wenn es auf dieser Welt Paradiese gibt, dann gehören die Azoren mit Sicherheit dazu! Durch die hohe Luftfeuchtigkeit sind diese paradiesischen  Inseln „immer grüne Inseln“. Das feucht warme Klima ruft eine üppige Vegetation, eine Blumenpracht hervor! Der Archipel wird auch als „die Wetterküche“ Europas bezeichnet. Und sind wir nicht immer ganz aufgeräumt, ja hochgestimmt, wenn sich ein Azorenhoch nach Osten bewegt, uns gar beglückt? In einem Paradies angekommen zu sein, dieser Meinung sind nicht nur wir, sondern auch unsere kleinen blinden Passagiere, die Piepmätze, denn hier steigen sie aus! Sie verlassen das Schiff, sie verschwinden ganz einfach, so, als hätten sie ihr Reiseziel erreicht (oder als hätten sie von der rauen Seefahrt endlich „den Schnabel voll“). Falls sie hier keine Artgenossen vorfinden, mit denen sie sich verschwägern können, werden sie auf den Azoren eine ganz neue Vogelkolonie gründen. Auf diese Weise trägt die Seefahrt - wie wohl in früheren Zeiten auch – noch heute zur Durchmischung der Vogelarten auf dem Globus bei!
    Die Hauptstadt der Azoren, die wir besuchen, Ponta Delgada, liegt an einer Südbucht von Sao Miguel, der größten Insel des Archipels, die auch Ilha Verde, grüne Insel, genannt wird. Der Boden ist hier so fruchtbar, dass 4 Ernten im Jahr keine Seltenheit sind. Orangen, Bananen, Tee, Tabak, Getreide und – einmalig in der Welt – riesige Ananas in Treibhäusern(!) gedeihen beinahe wie von selbst.
    Der Reiz des schmucken portugiesischen Städtchens liegt in seinen engen Gässchen, den Plätzen mit der schwarz-weißen Mosaikbepflasterung, den alten Häusern aus dunkelgrauem Lavastein, mit ihren weiß abgesetzten Simsen und Fenstern und mit ihren schmiedeeisernen Balkonen, den reich – auch mit Fayencen – ausgestatteten Kirchen (auf den Azoren ist man noch sehr fromm!) und den blühenden Parks und Gärten voller Geranien-, Hibiskus-, Oleander- und Strelitzienblüten. „Bewacht“ wird der Hafen vom Fort Sao Bras aus dem 16. Jahrhundert!   
    Auf einer kleinen Rundfahrt – eine bescheidene Regenhusche eingeschlossen – staunen wir über die üppig blühenden Azaleen an den Straßenrändern. Wild wachsend bilden sie riesige Büsche und Sträucher.„Glückliches“ schwarz-weißes Euro-Fleckvieh, die Brüsseler Euro-Marken in den Ohren, weidet auf den saftig grünen Wiesen. Wir sind wieder im Euro-Land! Wenngleich noch so weit von daheim entfernt – ein kleines bisschen ist es schon wie zu Hause.
    Aus 56 Ländern wurden viele Baumarten auf die Inseln eingeführt – ein Multi Kulti auch in der Pflanzenwelt! Hier finden sich etwa 800 Arten. Die schönsten und interessantesten können wir in dem kleinen botanischen Garten bewundern! Ein Garten Eden!
    Über die bewaldeten Hänge eines Vulkans gelangen wir zum „Krater der sieben Städte“. In diesem Kessel schimmern ein saphirblauer und ein smaragdgrüner See – ein unvergleichlicher Anblick! Einer Sage zufolge wurde eine der Städte des geheimnisvollen Atlantis vom Krater verschluckt! Einer anderen nach gründeten sieben Bischöfe – auf der Flucht vor den Mauren in Portugal – an dieser Stelle sieben Städte. Keine Frage: die Landschaft ist wunderschön. „Zum sich dazu legen!“    
   
    Unerbittlich geht die Reise wieder nach Norden. Bei Windstärke 6 – die Wellen sind 4 m hoch – gleitet erneut Geschirr von den Tischen, wir fangen an, uns fest zu halten oder taumeln wie Betrunkene durch das Schiff. Ich schaue mir den berühmten Film „Mobby Dick“ im Bordkino an und finde es apart, dass ich selbst schaukele, während das Segelschiff auf der Leinwand seinerseits mit den Wellen kämpft! Auf dem Seeweg nach Bremerhafen – er dauert 4 Tage – geraten wir – so Kapitän Hansen - in eine Kreuzsee! Wie bitte? Was ist eine Kreuzsee? Bei einer Kreuzsee – so lernen wir – kommen die Wellen, verursacht durch eine Meeresströmung, von achtern, während der Wind von vorn gegen den Bug bläst.
    Befinden wir uns auf der hohen grauen See wiederum mutterseelenallein und nur in der Obhut von Kapitän Hansen, „dem Helden from the Brigge“ und seiner Mannschaft und im übrigen in Gottes Hand, so ändert sich das schlagartig, als wir in den Ärmelkanal gelangen. Hier herrscht reger Schiffsverkehr, der sogar „Verkehrsregeln“ erfordert. So halten sich die nach Osten fahrenden Schiffe rechts, also auf der Seite des Festlandes, während die nach Westen Strebenden die Fahrrinne, die der britischen Seite nahe ist, zu benutzen haben. Auch „befreundete“ Kreuzfahrtschiffe sind auf Kurs in die weite Welt oder nach der Heimat. Insider erkennen sie schon von Ferne und nennen ihre Namen! Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die „Kreuzfahrer“ eine eingeschworene Gemeinde sind, für die es nichts s
Schöneres gibt, als Inseln und Küsten auf einem Kreuzfahrtschiff zu erobern! Eine Art zu reisen, die sich immer größerer Beliebtheit gerade unter den älteren Menschen erfreut.
    Verblüfft war ich, als mir später ein Reisekaufmann in München erzählte, dass die MS Albatros mit ihrem türkisfarbenen Schornstein das erste Traumschiff in der berühmten Fernsehserie war! Nun denn! Auf zu neuen Ufern! 
 
 
     
   
 
     
     
     
     
 zurück zu  REISEERLEBNISSE         
Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!