Korfu-phaeaken


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Die Insel der Phäaken

 

Korfu im September 2008

1© Anneliese Beck, Muenchen, 2008

  

 

 

 

 

Die Insel der Phäaken

 

Korfu im September 2008

1© Anneliese Beck, Muenchen, 2008

 

Am 10. Juni 1921 kam Prinz Philip, der spätere Herzog von Edinburgh, in dem Schlösschen Mon Repos auf Korfu einem Ondit zufolge – oder war es eher ein Maudit? – auf dem Küchentisch zur Welt. Sollte dieses Gerücht, dass es sich damals nämlich um eine ungewöhnliche hochadelige Entbindung gehandelt hat, auf Wahrheit beruhen, so muss die Geburt des jüngsten Kindes von Prinz Andreas von Griechenland und Dänemark und Prinzessin Alice von Battenberg, der man hoffentlich auf der harten Gebärunterlage einige Kissen untergeschoben hatte, eine schwierige, wenn nicht gar eine Zangengeburt gewesen sein, sodass sich der (oder die?) Geburtshelfer genötigt sah(en), sich einen für die damaligen örtlichen Verhältnisse optimalen Zugang zum Ort des Geschehens zu verschaffen. Wie dem auch gewesen sein mag: Eine Küche konnten wir anlässlich unseres Besuches von Mon Repos (griechisch Mon Repo) nicht entdecken, wohl aber ein nettes, übersichtliches Museum, wo u.a. Grabungsfunde aus der Umgebung gezeigt werden. Das kleine Schloss liegt etwa 3 Km von Korfu-Town – griechisch Kerkyra – entfernt in einem ausgedehnten Park oberhalb der Garitsa-Bucht. Eine Ausgrabungsstätte, in denen Reste eines Artemistempels gefunden wurden, befindet sich übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft. In der weitläufigen dunklen dicht an dicht bewachsenen Parkanlage, die man zunächst auf einer bergan führenden gepflasterten schmalen Strasse zu durchqueren hat, finden sich neben einzelnen Palmen und einigen anderen mediterranen Baumarten vornehmlich die auf der Insel allgegenwärtigen alten dunklen Olivenbäume mit ihren faszinierenden, die Grenzen der Phantasie sprengenden bizarren Formen. Vereinzelt lugen bescheidene lilienförmige zartlila Blüten auf niedrigen blätterlosen Stängeln aus dem dunklen Boden hervor. Üppigen bunten Blumenschmuck in Kübeln  - wie übrigens sonst überall in Griechenland üblich, wo man, je nach Vermögen, praktisch jeden Kanister und jeden zerbeulten Eimer bepflanzt - wird man auch  nach Erreichen der Eingangsterrasse zu dem eleganten weißen Schlösschen nicht finden. Nur ein paar Grünpflanzen in der Antike nachempfundenen Töpfen halten sich bescheiden im Hintergrund. Hingegen bietet sich dem Auge ein repräsentativer Eingang mit einer Reihe vorgesetzter dorischer Säulen, die einen  ebenso repräsentativen Balkon tragen, dessen steinernes weißes Geländer aus sich ständig wiederholenden langgezogenen griechischen Vasen besteht. Durch die Säulen gelangt man über einige Stufen zur Eingangstür. Zuvor jedoch schweift der Blick durch hochstämmige Zypressen hindurch und über ein dichtes Blätterdach hinweg auf die Bucht. Unser Besuch fiel in die „frühen“ Morgenstunden, und das Meer glänzte tiefblau!

 Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass der spätere Prinzgemahl der englischen Königin, dessen sarkastischer Humor weltweit bekannt ist und oft Anlass zum Schmunzeln gibt, und zu dem eine Küchentisch-Geburt eigentlich recht gut passt, sowohl ein Enkel von König Georg I., wie auch ein Neffe von König Konstantin I. ist. Beide waren Könige von Griechenland. Er ist sogar sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits um wer weiß wie viele Ecken mit dem Englischen Königshaus verwandt (und er ist außerdem ein direkter Nachfahre der hl. Elisabeth von Thüringen, von der er wohl nur wenig von ihrer sprichwörtlichen Frömmigkeit und Demut geerbt hat!). Aufgrund seiner Verwandtschaft zu den Windsors steht er, man staune, in der Thronfolge an 480. Stelle und damit weit hinter seinen Kindern und seinen Enkeln! Eine aussichtlose Position wohl schon zum Zeitpunkt seiner Geburt auf besagtem Küchentisch, und jetzt in seinem Alter erst recht! 

 Man mag sich fragen, was diese ganze königlich-englische Geschichte hier zu suchen hat. Ganz einfach: 1824 wurde das Schlösschen Mon Repos als Sommersitz für den britischen Lord-Hochkommissar Frederick Adam errichtet. 1815, nach dem Ende der Napoleonischen Ära, wurden nämlich die ionischen Inseln England, dem Sieger über Napoleon – auch er hatte vorübergehend seine zu seiner Zeit siegreiche Hand auf diese Inseln gelegt - zur Verwaltung übertragen. Fortan bestimmten 10 Lord-Hochkommissare die Politik dieser meeresumspülten Inseln, die sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts mit europäischer Hilfe ihre Freiheit erkämpft hatten und zu einer „Republik der sieben Inseln“ geworden waren. Natürlich sind es mehr als sieben, aber die kleinen Inselchen zählen nur am Rande und „laufen sozusagen mit“! Erst 1864 gewährte Königin Viktoria den ionischen Inseln die volle Unabhängigkeit, sodass sie sich dem griechischen „Mutterland“ anschließen konnten. Bis zum Jahre 1974 wurde das kleine gemütliche Schloss als Erholungsdomizil von der griechischen Königsfamilie benutzt, die bekanntlich in eben diesem Jahr aus Griechenland vertrieben wurde, indem man dort die Monarchie endgültig abschaffte.

 Mütterlicherseits war der spätere Prinz von Griechenland und Dänemark, so sein Titel, ein Neffe des Earl of Mountbatten of Burma, vormals Prinz Louis von Battenberg. Dieser ließ 1917, als England mit dem deutschen Kaiserreich im Krieg lag (1. Weltkrieg), seinen deutschen Namen in das Englische übersetzen und hieß fortan Mountbatten. Auch unser Prinz von Griechenland und Dänemark nahm später diesen Namen an – Deutsches war eben nach den beiden schrecklichen Kriegen wirklich nicht mehr in, und schon gar nicht im Lande Albion. Als Prinz Philip 1947 seine weit entfernt verwandte Cousine, die englische Thronfolgerin, heiratete, nahm er die englische Staatsbürgerschaft an und wandelte sich zum Herzog von Edinburgh.

 Und was wurde aus Mon Repos? Nachdem die Griechen ein bisschen untereinander wegen seiner weiteren Verwendung gestritten hatten, stellte man es, nun als ein Museum, wieder her. Mir persönlich hat die eher minimalistische, doch höchst  geschmackvolle Einrichtung des sog. „Wohnzimmers“ , des Salons, ganz besonders gefallen. Der geräumige ebenerdige helle Raum mit seinem spärlichen dunklen Mobiliar empfängt sein Licht durch einen ausladenden, halbkreisförmigen Erker mit länglich heruntergezogenen Fenstern und Terrassentüren. Auch ihn umstehen etliche dorische Säulen und spenden den nötigen Schatten und somit Kühle, wenn die südliche Sonne „auf den Fenstern steht“. Durch sie fällt der Blick auf eine elegante Ballostrade hinter einer schmalen Terrasse, auch sie zusammengefügt durch die erwähnten sich gleichförmig wiederholenden langhalsigen griechischen Vasen, über welche man über hohe Bäume hinweg auf das ionische Meer schaut. Der Erker wiederholt sich etwas kleiner im ersten Stock und wird von einem schmalen Balkon umrundet. Auch sein steinernes Geländer besteht aus – was sonst? – griechischen Vasen!

 Zur Zeit unseres Besuches wurde ein wenig herumsaniert, und wir gerieten in ein Gespräch mit einem der Bauarbeiter, einem mit Zahnlücken behafteten etwa 60 jährigen Griechen, der 30 Jahre lang in dem trüben Wilhelmshaven am deutschen Nordmeer im Straßenbau geschuftet hatte. Mit Stolz erinnerte er sich an die Schneehaufen im Winter auf der Autobahn, mit denen er zu kämpfen hatte, und in denen er einmal sogar bis zu den Hüften versank. Ein umwerfendes und unvergessliches Erlebnis! Er hatte schreckliches Heimweh nach Deutschland, wo seine Söhne viel Geld verdienten: 2000 Efro (so nennen die Griechen den Euro) ein jeder, er hingegen, alt wie er nun sei, nur 400 dieser vermaledeiten neuen Währung! Dazu wäre anzumerken, dass es in Griechenland auch nicht wesentlich preiswerter ist, als in anderen EU-Ländern!!! Die alten Griechen weinen der Drachme nach, zu deren Zeiten alles noch viel billiger war, so, wie die alten Deutschen der alten D-Mark nachjammern.

 Zwei alte Korfioten also, ein Prinz und ein Bauarbeiter! Und man fragt sich, wer von den beiden es schwerer hatte in seinem langen Leben.....oder, umgekehrt gefragt: Wer von ihnen ist, ganz allgemein betrachtet, der Glücklichere? Ist es der Prinz, der keine beneidenswerte, eher eine mitleiderheischende Kindheit durchleben musste, der als Royal bis in sein hohes Alter ohne Wenn und Aber seinen Pflichten nachzukommen hat, dazu so manchen Ärger, so manchen Kummer mit seiner Familie durchstand und im Familienurlaub gezwungen war, angetan mit einem Kilt im nebeligen Schottland herumzustapfen? Oder ist es doch der staubgeborene griechische Arbeiter, der über 30 Jahre lang in einer nieseligen norddeutschen Hafenstadt gutes Geld verdiente und seine Söhne eben dort gut versorgt weiß, auch wenn er selbst bis zur Rente noch eine – immerhin absehbare - Durstrecke durchstehen muss? Wer weiß...Die sonnige Heimatinsel der beiden Männer spielt bei derlei Überlegungen jedenfalls keine Rolle.....

 Nicht so bei den Briten! Sie lieben diese Insel, welche als die schönste aller griechischen Inseln gerühmt wird, schon deren britischer Vergangenheit wegen! Ohnehin sprechen alle Korfioten, die auch nur im entferntesten mit dem Tourismus zu tun haben, englisch, was einen Aufenthalt dort ungeheuer erleichtert. Abgesehen davon, dass ein Engländer stets erwartet, dass man seiner Muttersprache einigermaßen mächtig ist! Viele Korfioten sind mehrsprachig (sprechen auch deutsch) und sind daher in der Lage, ohne weiteres von einer Sprache in eine andere zu fallen.

 Die lieblichen Inseln im ionischen Meer verdanken ihre Schönheit, ihren dichten Baumbewuchs und ihre Blumenpracht dem Regen, der hier häufiger fällt, als auf den übrigen griechischen Inseln in der Ägäis, auf denen zudem schon in der Antike ein heftiger Holz-Raubbau betrieben worden war. Die alten Griechen waren bekanntlich seit urdenklichen Zeiten Seefahrer, also auch Schiffbauer, und der Ionier Odysseus, der Sage nach von der ionischen Insel Ithaka stammend, mag noch vor Aristoteles Onassis der berühmteste unter ihnen gewesen sein. Woher übrigens der Name „Ionisches Meer“ stammt, ist unklar. Er hänge mit dem alten Wort „io“ für „dunkel, veilchenfarbig“ zusammen, sagen einige. Besang doch einst schon Homer das „veilchenfarbige Meer“!

 Da wir nur eine knappe Woche auf Korfu verbrachten, konnten wir den landschaftlich attraktiveren Norden dieses berühmten Eilandes, dessen östliche Gestade Albaniens Westküste gegenüber liegen, welche sich ihrerseits bei guter Sicht im Sonnenlicht als herbes und kahles Balkangebirge präsentiert,  leider nicht erkunden. Wir hatten uns nämlich südlich von Kerkyra bei Tassos, einem etwa 60 jährigen Künstler, und seiner Frau Katharina einquartiert. Beide hatten  ihrem ebenerdigen weißgekalkten Haus mit einem lila gestrichenen Türstock und ebensolchen Fensterumrahmungen und -Sprossen einen gleichfalls weißgekalkten Anbau mit zwei großzügigen Appartements angefügt, denen sie sogar noch jeweils ein kleines, rudimentäres erstes Stockwerk als weitere räumlich großzügige Schlafstatt aufsetzten. Auch unsere breiten geschwungenen gläsernen Terrassen- und Haustüren waren lila umrandet, und deren reichlich vorhandene hölzerne Sprossen wiesen dieselbe Farbe auf. Wir logierten ausgesprochen großräumig in rosa gehaltenen grob verputzten Räumen unter hölzernen Deckenbalken. Um in die große Wohnküche, auch in das ebenfalls große Badezimmer und - über eine schmale Treppe - in das „zweite Zimmer“ (von uns nicht genutzt, außer, dass wir uns von dort zusätzlich Decken holten) zu gelangen, hatten wir sogar einen kleinen gepflasterten Gang unter freiem Himmel zu überqueren. Allerdings....allein waren wir in unserem Appartement nicht: Nächtens aktive Mücken sorgten dafür, dass wir schon nach der ersten Nacht wie „hoch ansteckend“ aussahen, von Ratten in der Nachbarschaft einmal abgesehen. (Unsere liebenswürdigen und hilfsbereiten Münchner Nachbarn, die vorsorglich mit einem Gazevorhang gegen die Insekten ausgerüstet waren, hatten eines dieser Nagetiere vor unserer Ankunft auf der über den kleinen Garten schwingenden elektrischen Leitung balancierend beobachtet, - alle elektrischen Leitungen auf der Insel „schwingen“ durch die Luft -  eine zweite bekamen wir gegen Ende unseres Aufenthaltes ebenfalls zu Gesicht). Diese Tiere mochten sich vielleicht auch im seichten Meerwasser tummeln, denn das Meer beleckte mit seinen Wellen direkt neben der an unserem kleinen Garten vorbeiführenden Küstenstrasse das Ufer – wir konnten dort sogar baden...wenn uns darnach gewesen wäre...Wie dem auch sei: Wir mussten uns sozusagen verbarrikadieren, unsere Vorräte schützen und eine Mückenkerze anzünden! In unserem Gärtchen vor unserer schmalen Terrasse breiteten zwei Zitronenbäume ihre Äste aus, deren reife Früchte am Boden lagen und darauf warteten, aufgelesen zu werden. Daneben fanden ein Feigenbaum, eine Agave, ein Hibiskusbaum voller kleiner gefüllter pinkfarbener Blüten und einige Geranien genug Platz für ihr Wurzelwerk und ihr weiteres Fortkommen. Alle diese Pflanzen wurden von Katharina liebevoll gewässert. Obgleich zum Wassersparen angehalten aasten Katharina und Tassos in unseren Augen mit dem kostbaren Nass. Katharina sprach nur griechisch, doch wir kamen ganz gut mit ihr klar, Tassos konnte deutsch.

 Neben Tassos’ Grundstück erstreckte sich ein „Wald“ voller alter Olivenbäume den Berg hinauf. Ein riesiger Olivenhain also! Natürlich wachsen hier auf den ionischen Inseln die klassischen Bäume der Mittelmeer-Region, wie zum Beispiel verschiedene Palmenarten, Zypressen,  Mittelmeerpinien, Steineichen und Johannisbrot- und Gummibäume, um nur einige zu nennen. Die Vorherrschaft nimmt allerdings der Olivenbaum ein! Man sieht ihn überall, man findet ihn sogar am steinigen Meeresufer der Ostküste, wie ich beobachten konnte, wo die Wellen seine Wurzeln und die Füße seiner rissigen Stämme umspülen.

 1386 bat Korfu Venedig um Schutz gegen die Osmanen, die um diese Zeit Konstantinopel bedrohten. Bis auf die Insel Lefkada schlossen sich die übrigen ionischen Inseln diesem Ersuchen an. Und wenn die Venezianer damals irgendwo einmal Fuß gefasst hatten, dann blieben sie auch! In diesem Falle 400 Jahre lang! Bis Ende des 18. Jahrhunderts bauten sie die Insel mit zwei gewaltigen Festungen zu einem Bollwerk gegen die Türken aus. Korfu und die übrigen ionischen Inseln wurden nie osmanisch! Im Gegensatz zum Mutterland und den übrigen griechischen Inseln, welche in die Hand der Türken fielen und sich erst im 19.Jhrhundert von ihrer Herrschaft befreien konnten. Im 16. Jahrhundert  wurde Korfu mehrmals von den Türken belagert – ohne Erfolg. Auch bei einem erneuten Angriff der Osmanen, 1716, als die Venezianer dem deutschen General Mathias von der Schulenburg die Verteidigung übertrugen, reüssierten die Angreifer nicht. Der Deutsche konnte sie so lange aufhalten, bis Prinz Eugen auf dem Balkan auftauchte und die Türkengefahr ein für alle Mal bannte. Ein Denkmal auf der berühmten Esplanade in der Hauptstadt Kerkyra erinnert an die heldenhafte Tat des tapferen Generals von der Schulenburg.

 Was haben die Türken mit Korfus Olivenbäumen zu tun? Ganz einfach: Sehr viele Olivenhaine stammen aus venezianischer Zeit. Die Republik jenseits der Adria zahlte für jede neue Pflanzung mit barer Münze – und mehr als vier Millionen Olivenbäume sind das Resultat! Das Klima war günstig, die Bäume gediehen, und so war das Olivenöl Jahrhunderte lang das Rückgrat der korfiotischen Wirtschaft. Kein Wunder, dass die Insel von ihren Fans als „eine Symphonie in Grün“ beschrieben wird. Obgleich schon Herbst fand sich noch vieles in voller Blüte: hoch wuchernde vielfarbige Bougainvillen, Calla, kleine zarte Röschen, dunkelblaue Winden,  Mimosen, dichte Oleanderbüsche in dunkelrot, weiß und rosé, groß- und kleinblütiger Hibiskus in verschiedenen Farben und eine ganze Reihe zarter Blüten an Sträuchern und Büschen, an Kletterpflanzen und in Töpfen, deren Namen ich nicht kenne. Daneben wucherte überall in Meeresnähe hohes, zum Teil undurchdringliches Schilfgras. Auf Spaziergängen auf unserer Küstenstrasse hatten wir auch Gelegenheit, hübsche Villen, die Fenster stets andersfarbig abgesetzt, wie hier üblich, und verziert mit verspielten Balkonen, Loggien und Treppenaufgängen zu bewundern. Gepflegte Gärten ebenfalls verziert mit an die Antike erinnernden Figuren, mit barocken Formen nachempfundenen Ballostraden, hinter denen Treppen zum Meer hinunter führten, sowie kurz geschorenem Rasen sind  wohl ein britisches Erbe, denke ich! Dagegen sah ich nie ein wirklich „tot-schickes“   Restaurant, wo sich der Jet-Set hätte tummeln können....In dieser Hinsicht scheint Korfu nicht „in“ zu sein, abgesehen davon, dass unser Aufenthalt auf der Insel eigentlich viel zu kurz war, um dies endgültig zu beurteilen. Die zahlreichen Briten fielen zudem eher durch ihr oft niederschmetterndes Outfit als durch beeindruckende Eleganz auf!

 So großzügig unser Domizil bei Tassos und Katharina war – es lag im Grunde genommen zu  weit von Schuss. Über einen Kilometer auf der gewundenen, schmalen bergauf-bergab führenden Küstenstrasse waren zu Fuß zurückzulegen, bis man zu dem nächsten Supermarkt, zu einem einigermaßen benutzbaren Strand und zu einfachen Tavernen gelangte. Noch vor Antritt der Reise hatte ich das Mieten eines Autos in Erwägung gezogen und mich gleich am Flughafen nach entsprechenden Möglichkeiten erkundigt. Die zusätzliche Auskunft im Supermarkt, ein nicht sehr vertrauenerweckendes Überland-Busnetz mit spärlichen Verbindungen und regelmäßig unpünktlichen Abfahrtszeiten betreffend (wer, der jemals im Süden gereist ist, kennt das nicht?), bestärkte uns in dem Vorhaben, sich mit einem fahrbaren Untersatz auszurüsten. Nicht mit einem jener schicken vierrädrigen Motorräder, wie ich sie schon vor drei Jahren auf Mykonos gesehen hatte, auf denen man – behelmt! - den Unbilden des Wetters ausgesetzt ist.....Wir brauchten etwas Solides! Verstärkt wurde der Wunsch nach dem oben beschriebenen Marsch bei glühender Hitze (hin und zurück, natürlich!) – es herrschten weit über 30 Grad, als wir auf der Insel ankamen – insbesondere jedoch nach jenem Naturereignis, das  am folgenden Tag über die Insel hereinbrach. Aber da war das Leihauto auch schon bestellt.

 Unter der brütenden Hitze lag das Meer an jenem Sonntag Spätnachmittag graublau und bleiern wie ein unheimliches riesiges schlafendes wildes Tier. Nicht die kleinste Welle, kein geheimes Gurgeln oder Murmeln, kein winziges Schaumkrönchen waren auszumachen, während sich über dem Gebirge im Westen eine schwarze Wolke im Verlaufe eines Cappuccinos rasant vergrößerte und mindestens ebenso bedrohlich wirkte. Immer schwärzer wurde der Himmel und immer unheimlicher das Wasser. Ganz plötzlich brach ein gewaltiger Windstoß über uns herein, und sogleich fuhr die Windsbraut wie eine wilde Furie über die Tische der kleinen offenen Taverne dahin. Was nicht in Windeseile gerettet werden konnte, landete auf dem Boden. Im Nu wurden in der luftigen Terrasse die Stühle zusammen geschoben und an den offenen drei Seiten dicke durchsichtige Plastikbahnen herunter gelassen, während die Gäste unter Dach flüchteten. Gleich darauf brach das Unwetter los. Das Meer blieb weiterhin ruhig, graublau, bleiern, doch mit ohrenbetäubendem Krachen fuhren unzählige Blitze, sich beängstigend nach unten verbreiternd, in das Wasser. Wieder....wieder.... und immer wieder! ! Unzählige Male! Einmal fürchtete ich, es könne sich ein Kugelblitz bilden und auf uns zurollen! Manchmal verzog sich das Wetter ein wenig nach Osten, und der Donner krachte erst nach etlichen Sekunden mit vollster Lautstärke los, nachdem uns der Blitz hatte zusammenzucken lassen. Doch sofort kam es wieder näher, und gleißendes nach unten und in die Wasserfläche hinein fahrendes Licht im Verein mit ohrenbetäubendem Krachen in nahezu ununterbrochener Reihenfolge fuhren uns in die Glieder. Mittlerweile schüttete der Himmel sein Nass über uns aus: es schwemmte herunter wie aus Kübeln und überschwemmte Strassen und Gärten. Auf einem Schiff in der Karibik habe ich vor gar nicht langer Zeit ein Gewitter erlebt. Es war aufregend genug, doch das war nichts gegen dieses nahezu beängstigende Unwetter auf Korfu. Kein Wunder, dass der elektrische Strom auf der ganzen Insel komplett ausfiel, und das für Stunden! Demzufolge funktionierte auf der ganzen Insel u.a. auch keine Kaffeemaschine mehr!!! Als es schließlich nur noch leise regnete, wagten wir uns aus dem Pulk von Engländern, in dem wir notgedrungen ausgeharrt hatten, in’s Freie und in den finsteren Supermarkt, wo man für uns aus einer dunklen Ecke zwei signalfarbene Regenumhänge hervor zog. Bunt wie die Paradiesvögel marschierten wir nach Hause. Ein älterer liebenswürdiger Engländer strahlte uns unterwegs an:

 „You look like Sweethearts!“

 „We  a r e  seethearts!“

Und hatten wir nicht Recht? Fortan hießen unsere Regenumhänge, die wir sicherheitshalber immer mit uns führten „Sweehearts“!

 Von Katharina erhielten wir eine schmale, hohe gebogene Kerze, die mich sofort an meine ebenso gebogene Kommunionkerze - damals im Krieg - erinnerte. „Unsere Münchner“ versorgten uns zusätzlich mit Teelichtern. Wie alternde Nymphen geisterten wir mit flackernden Lichtchen in der Hand durch unsere Bleibe. Das Donnergrollen hielt die ganze Nacht hindurch an. Zwischenzeitlich lugte der Vollmond durch die Wolkendecke auf die komplett verdunkelte Insel. Als man uns am nächsten Vormittag das Auto brachte, regnete es wieder leicht. Die Folge einer kurzen Einführung in das Management eines Suzukis bei geöffneter Wagentür war schon nach verhältnismäßig kurzer Autofahrt ein feuchtes Gesäß aufgrund eines feuchten Fahrersitzes........Einige Tage später erlebten wir erneut einen – allerdings kurzzeitigeren – wetterbedingten Stromausfall, doch da waren wir sozusagen schon daran gewöhnt! Und inzwischen hatte es auch deutlich abgekühlt auf eine angenehme Temperatur so um die Mittzwanziger – ideal für Besichtigungstouren! Doch der Inselsommer hatte ausgeträumt, und der Himmel bot von nun an ein Wechselspiel von weißem, manchmal auch grauem Gewölk und durchgehender satter Bläue. Das anfangs in undurchsichtigem Dunst gelegene Ufer des Festlandes war nun meistens gut zu sehen......

 Trotz bergiger, enger und kurvenreicher Strassen gestaltete sich das Chauffieren des handlichen und bequemen Suzukis gar nicht so schwierig, zumal ich eine begnadete Beifahrerin zur Seite hatte. Die Korfioten, auch an Leihwagen auf ihren Straßen gewöhnt, fahren ruhig und rücksichtsvoll. Aggressives Fahren, gar ungeduldiges Hupen und gefährliches Überholen, habe ich nicht erlebt. Eigentlich überhaupt kaum ein Hupen, obgleich im Reiseführer das Abgeben eines akustischen Signals vor jeder Kurve empfohlen wird! Die Straßenverhältnisse erinnerten mich oft an jene im gebirgigen kurvenreichen Südtirol. Das Parken? Eigentlich kein Problem. Man kann sich praktisch überall hinquetschen, wo sich ein Plätzchen findet, und ein anderer Verkehrsteilnehmer, welcher Art auch immer, sich daran vorbeischieben kann! Es sei denn, es leuchtet einem ein „Halteverbot“ entgegen. Doch auch diesem entgeht man geschickt, indem man für die kurze Zeit des Haltens die Warnleuchte einschaltet. Diese sollte man eher häufiger als zu selten benutzen! Warnleuchten sieht man daher allenthalben blinken. Ein „Parkverbot“ habe ich nie gesehen! Begegnungen? Selbstverständlich hält man an und lässt den Entgegenkommenden passieren, sofern sich eine auch nur winzige Verbreiterung der Strasse dazu anbietet. Und vice versa! Verkehrszeichen? Gemäß den Empfehlungen der EU fand sich auf der Insel ein deutlich gelichteter Schilderwald! Obgleich aufgrund der Straßenverhältnisse häufig Geschwindigkeitsbegrenzungen angezeigt werden – nach meinem Eindruck das häufigste Verkehrsschild überhaupt - haben unsere vier Augen einen Aufhebungs-Hinweis nie ausmachen können! Ohnehin halten sich die Einheimischen nach Aussagen meiner Freunde Ursel und Hans, die beide nördlich von Korfu-Town oberhalb einer grandiosen Bucht ein kuscheliges Ferienhäuschen besitzen, wie auch nach meinen eigenen Beobachtungen, am wenigsten daran. Wenn überhaupt, dann die Fremden! Einen  EU-Kreisel, der uns zu Hause alle paar Kilometer in’s Trudeln bringt, habe ich überhaupt nur einmal erlebt! Natürlich finden sich auf der Insel auch „gerade“ und etwas breitere Strassen, ausgehend von Kerkyra, der Hauptstadt. Der Weg über das Gebirge auf engen, gewundenen Sträßchen sind für den Ungeübten auf jeden Fall der erste Härtetest! Die ionischen Inseln sind nun mal gebirgig  - der höchste Berg, der „Moni Pantokrator“ im Norden erreicht eine Höhe von über 900 Metern - und selbstverständlich ist auch das Land auf seinen Höhen und in seinen Tälern, entfernt von der Küste, wenn auch nicht dicht, aber immerhin besiedelt. Ist die Ostküste steinig, so findet sich der ideale Badestrand im Westen. Das Benzin kostet übrigens einen EURO pro Liter! Davon können wir in Deutschland nur träumen!

 Über den Lefkimmi-Highway steuerten wir Issos, im Südwesten der Insel in der Nähe eines Salzsees gelegen, an. Nach Verlassen der angenehmen Fahrstrasse gelangten wir bald über ein enges, gewundenes Sträßchen zunächst bergab, sodann über flaches Land durch eine Macchia von über-mannshohen Schilfgräsern, vorbei an vereinzelten winzigen Dörfchen. Eine beglückende Idylle in der vormittäglichen Stille! Kein Vogellaut war zu hören, keine Zickade ließ sich vernehmen, wie ich überhaupt während des gesamten Aufenthaltes auf der Insel das Zirpen dieser Tiere vermisst habe. Ausgedehnte, hohe, z.T. bebuschte Sanddünen hatten sich vor dem breiten Sandstrand im Laufe langer Zeiträume aufgeworfen. Auf ihnen kann man stundenlang einher wandern! Das offene, leicht bewegte Meer gleißte im Sonnenlicht, und ein kühner und durchaus erfolgreicher Drachensurfer trainierte verbissenen und glücklich, so denke ich, im angenehmen Seewind. Nach einem Spaziergang auf den einsamen Dünen tauchten auch wir in die Adria und ließen uns auf ihren Wellen schaukeln! Und während wir noch eine kurze Zeit lang auf dem breiten, einsamen Sandstrand lagerten, um zu trocknen, dachten wir an das einstmals so mächtige Venedig, das vor mehr als 600 Jahren vom weit entfernt gegenüberliegenden Ufer seinen „imperialistischen Blick“ auf die Insel geworfen hatte.

 Der eigentliche Härtetest bezüglich eines frisch „erworbenen“ Leihwagens ist jedoch der Besuch der Hauptstadt Kerkyra! Nicht des Verkehrs wegen – in Europa sind wir immerhin einiges gewöhnt – sondern der Parkplatzsuche wegen. Da ist man ganz schön und angestrengt unterwegs! Dicht an dicht und eng an eng stapeln sich die zwei- und vor allem die vierrädrigen motorangetriebenen Gefährte in den engen Sträßchen und Gässchen! Alle offiziellen größeren Parkplätze waren ohnehin überfüllt. Nach langer Ausschau und viel Herumgekurve und Hindurchgewurschele durch enge Einbahnstrassen fanden wir schließlich einen gemütlichen Platz am Rande des Hafens, in dem die Kreuzfahrtschiffe festmachen. Das zu dem Zeitpunkt dort ankernde große, elegante schwimmende Hotel war für uns ein hellleuchtender  Endzipfel eines Ariadnefadens in dem Gewirr enger  und verwinkelter, von vier- und fünfstöckigen Häusern gesäumter Gassen des berühmten und ein bisschen angeschmuddelten Cambiello-Viertels aus venezianischen Zeiten, der berühmten Altstadt von Kerkyra also, welche eingebettet ist zwischen zwei beeindruckenden venezianischen Festungen. Erste Befestigungsanlagen wurden schon von den Byzantinern im 8. Jahrhundert angelegt. Venedig baute sie später aus, und es entstand im Laufe der Zeit die beeindruckende Alte Festung hoch über dem Meer. Die Neue Festung wurde ab 1570 erbaut, wiederum ein imposantes Bollwerk! Und immer ging es gegen die Türken.

 Auf unserem Spaziergang durch Kerkyras Altstadt besuchten wir auch den Inselheiligen und Schutzpatron von Korfu, St. Spiridon, in seiner Kirche, dem wichtigsten Gotteshaus der Insel, wie sich denken lässt. Bekanntlich hängen die Griechen, so auch die Korfioten, dem griechisch-orthodoxen Glauben an. Nicht, dass wir erwartet hätten, vor einer unerwarteten orthodoxen Prachtentfaltung, gar einer  goldglänzenden Ikonostase in die Knie gehen zu müssen. Doch der Heilige logiert dort schon arg bescheiden, vergleicht man seine Bleibe mit den an Reichtum und goldglänzender Prächtigkeit  nicht zu überbietenden  Kirchen Mütterchen Russlands!  In seinem irdischen Leben wurde Spiridon uralt. Auf Zypern geboren lebte er dort von 270 bis 350, damals ein sehr, sehr langes Leben. Und er war bekannt! Denn nach der Überlieferung soll er auch 325 am Konzil von Nicäa teilgenommen haben und dort für die Wesensgleichheit Jesu mit Gottvater eingetreten sein. Noch heute ein gültiges Glaubensgut! Nach der Eroberung Konstantinopels durch die osmanischen Türken (1453) verbrachte ein korfiotischer Priester den Leichnam, den man bereits schon früher „zufällig“ völlig unversehrt und nach Basilikum duftend aufgefunden hatte, was ihm seine Heiligkeit einbrachte, auf seine Heimatinsel Korfu. Er vererbte die Reliquie seinen Kindern. Als Mitgift (!) seiner Enkelin kam sie schließlich die Familie Bulgari, die damit ihre Privatkapelle durchaus aufwertete. Bis heute kann man den Hl. Spiridon in seiner extra für ihn errichteten Kirche, deren rot behelmter Campanile über die Gassen ragt, besuchen und in seinem  Silberschmuck in einer kleinen Seitenkapelle hinter Glas bewundern. Ob Pest (1630 und 1673) oder Türkenbelagerung (1716): ohne die Hilfe des Heiligen wären die Korfioten jeweils  ganz schön „Baden gegangen“! Das jedenfalls steht für sie fest!

 Ich habe Kerkyra als eine typische südliche Stadt mit italienischem Flair und griechischer Ruhe und Gelassenheit empfunden. Wie sehr die ionischen Inseln über die Jahrhunderte italienisch beeinflusst waren, zeigt sich zum Beispiel auch in der Musik! Nie habe ich auch nur einen einzigen Takt Buzuki gehört!

 Im Übrigen wurden wir dort wir erneut von einem Wolkenbruch überrascht. Durch den beginnenden Regen trabend konnten wir uns gerade noch rechtzeitig in den Suzuki retten. Der Beginn der Heimfahrt gestaltete sich insofern schwierig, als die Einbahnstrassen uns wiederholt in dieselben winkeligen und verparkten Winzlingsgässchen und meinem Dafürhalten nach an einem gewissen Etablissement vorbei „lotsten“. Einschlägige junge Damen machten es sich in den Fenstern in ihrem Bettzeug bequem und beobachteten mein Manövriervermögen. Sie kamen schlussendlich  n i c h t  auf ihre Kosten, wenn sie auch lachen mussten, und endlich fanden wir den Weg nach Hause. Natürlich gäbe es über den Spaziergang in Korfu-Town noch einiges zu berichten. Es soll aber bei diesem kurzen „literarischen“ Ausflug bleiben.

 Auch das verschlafene Städtchen Lefkimmi im Süden der Insel, das wir nach einem kurzen Strandaufenthalt mit einem Bad in der Adria bei Agia Varvara (St. Barbara) im Südwesten besuchten, sucht die sommerliche Hitze durch enge, schattige Gassen und Gässchen, wie im Süden üblich, zu mildern. Wir pirschten uns zum Hafen durch, dabei eine schmale hohe gebogene Brücke überquerend, welche einen mit reichlich Wasserpflanzen bewachsenen Zufluss zum Meer überspannte, und eine Ausgabe der Brücke von Mostar en miniature war. Außer zwei Schulbuben, die beiderseits des Flüsschens heim trödelten, war keine Menschenseele zu erspähen. Wir gelangten zum Hafen, stellten den Suzuki auf einem für die dortigen Verhältnisse „riesigen“ menschen- und autoleeren Platz „irgendwo“ ab und genossen einen atemberaubenden Blick auf das gegenüberliegende nur spärlich bewachsene und in der Spätnachmittagsonne in Grau-Grün-Weiß leuchtende Festlandgebirge, zu dessen Füssen sich ein weißes Städtchen duckte. Gerade hatte eine weiße Fähre losgemacht und steuerte auf uns zu. Das Tiefbau des Himmels, die graugrünen im zunehmendem Hintergrund immer höher hinaufragenden dunklen Berge, welche durch die sie einschneidenden Täler wie achtlos dahingeworfene runde Haufen wirkten, dazu das silbrig glänzende Meer unter grauen und weißen Haufenwolken in ihren bizarren Formen und das sich langsam nähernde schneeweiße Schiff vermittelten eine geradezu berauschende und beglückende Stimmung! Endlich machte die Fähre Anstalten, ausgerechnet dort anzulegen, wo ich den Suzuki geparkt hatte, um ihren „Bauch“ aufzuklappen und außer Passagieren auch Autos auf die Insel zu entlassen!!!!! Was sonst!

 Funde deuten auf eine illyrische Besiedlung der ionischen Inseln bereits um 3000 vor Christus hin. Der trojanische Krieg wird heute um 1200 vor Christus datiert, und bereits um diese Zeit wird Korfu – vielleicht erstmals? – von einer „königlichen Person“ besucht. Bekanntlich wurde Odysseus, Herrscher über die Insel Ithaka, nach 10 jährigem Herumirren auf dem Mittelmeer an Korfus Küste gespült.... Nachdem die Handelsmacht Korinth 734 vor Christus Kerkyra  gegründet hatte, waren die ionischen Inseln über viele Jahrhunderte hinweg bis hin zum Beginn der venezianischen Herrschaft im 14. Jahrhundert mit der wechselvollen Geschichte des griechischen Mutterlandes verflochten. Seit dem dritten Jahrhundert vor Christus gehörten sie somit auch dem römischen Reich an. Günstig auf dem Weg in die östlichen Provinzen der Weltmacht Roms gelegen erfreute sich Korfu des Besuches mehrer römischer Kaiser: Nero, Tiberius und Hadrian machten dem Eiland ihre Aufwartung. Doch diese Besuche haften weniger im Gedächtnis der Heutigen – wenn überhaupt! Der normale Mensch denkt, wenn er an Korfu denkt  – an wen sonst? - an die österreichische Kaiserin und ungarische Königin Elisabeth, genannt Sisi, die sich hier auf der Insel, die sie so sehr liebte,  auf Anraten des österreichischen Konsuls Alexander von Watzberg einen dem pompejanischen Stil nachempfundenen Palast erbauen ließ. Sie nannte ihn insgeheim „ihr Feenhaus“, offiziell jedoch „Achilleion“ nach dem von ihr so verehrten unglückseligen Helden von Troia: Achilles.

 Das Schloss entstand zwischen 1889 und 1891 und wurde von der Kaiserin bis 1898, ihrem  Todesjahr, mehrmals besucht. Nach ihrem gewaltsamen Tod – bekanntlich wurde sie in  Genf von einem italienischen Anarchisten ermordet - verkauften es die Erben an den deutschen Kaiser Wilhelm II., dem es im Gegensatz zur Kaiserin an charmantem und erst recht an romantischem Nimbus mangelte. Kein Wunder, dass er im Zusammenhang mit seinem korfiotischen Besitz ein wenig in Vergessenheit geriet!  Jedenfalls nahm auch er bis 1914 – bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges – im Achilleion wiederholt Aufenthalt. (Die Fotografie seiner im Hafen ankernden kaiserlichen Jacht findet sich in den ihm gewidmeten Ausstellungsräumen) Nach einem „Zwischenspiel“ als Militärkrankenhaus wurden Schloss und Park nach dem Krieg Eigentum des griechischen Staates – sozusagen als Kriegsentschädigung und durch den Versailler Vertrag festgelegt.....           

 Der Besuch des Achilleion war der eigentliche Grund meiner Reise nach Korfu! .....Wen wundert’s, dass ihm unser erster Besuch galt, sobald wir im Besitz des Suzukis waren?

 Das unter einem tiefblauen Himmel in hellem Weiß schimmernde, von Palmen, Zypressen und Pinien umstandene Schloss liegt bei dem Dörfchen Gastouri südlich der Hauptstadt Kerkyra, und dieses wiederum erreicht man über eine berganführende, mit reichlich Kurven gesegnete Strasse. Doch was für ein Anblick bietet sich dem Besucher, sobald er den Wagen abgestellt und nach einem leichten Anstieg auch die letzte Kurve überwunden hat! Sisis Achilleion  wird zwar auch ein „Zuckerbäckerschloss“ genannt, doch der - in meinen „laienhaften“ Augen - nach klassischen Regeln mit Balkonen,  Gesimsen, Architraven, Geländern und Figuren aus der Antike verzierte Palast hat mir, insbesondere in dieser grandiosen Umgebung, recht gut gefallen. Selbstverständlich findet sich im „Vorgarten“ auf einem runden Sockel die Statue der mageren, unterernährten und immer ein bisschen traurigen österreichischen Kaiserin, die dem Schlankheitswahn verfallen war! Der Eingang zum Inneren des Gebäudes unter einem  beeindruckenden Vorbau auf einer niedrigen Plattform, getragen  von Pfeilern und Säulen, auf die man über zwei flache Stufen gelangt, ist allemal pompös. Noch pompöser ist das Treppenhaus! Kein Wunder, dass Sisis einstiges Domizil auch für einen EU-Gipfel wunderbar geeignet ist (und war). Zur Zeit unseres Besuches wurden  nur das untere Stockwerk mit seinen zahlreichen Zimmern gezeigt, in denen Erinnerungsstücke an Kaiserin Elisabeth und Kaiser Wilhelm ausgestellt werden.

 Noch schöner ist die Rückseite des Schlosses, welche man über eine über eine Reihe von hinunter führenden Stufen erreicht. Man gelangt auf eine weitläufige, mit großen quadratischen schwarzen und grauen Fliesen belegte Terrasse vor einem rechteckigen Säulengang. Hier, im Schatten und direkt an der in pompeianischen Farben gehaltenen Hauswand blicken die Büsten antiker Dichter und Philosophen den Besucher an. An den Säulen lehnen Frauengestalten – wohl aus der griechischen Mythologie.

 Ein Höhepunkt ist jedoch die überlebensgroße Marmorfigur des sterbenden Achill in einem Rondell, ein Werk des Berliner Bildhauers Ernst Herter. Der gestürzte berühmte Held des troianischen Krieges greift an seine von einem Pfeil des Paris durchbohrte ungeschützte Ferse, jenes Paris, der, wie man weiß, die ganze Chose respektive den 10 Jahre lang andauernden Krieg wegen seiner Liebschaft mit der verheirateten schönen Helena erst in die Gänge gebracht hatte! Achill, der Sohn der Meeresnymphe Thetis, hatte einen sterblichen Vater und gehörte deshalb ebenfalls zu den Sterblichen. Daher tauchte seine Mutter den Säugling nach seiner Geburt in die Fluten des Styx, jenes Flusses, der das Reich der Lebenden von dem der Toten trennt, um ihn so unverwundbar zu machen. Dabei hielt sie das Kind an einem seiner kleinen Fußgelenke fest. Auf diese Weise wurde „die Ferse“ nicht benetzt, und Thetis, die sich wohl sehr schlau vorkam, vergaß, diesen kleinen Körperteil nachträglich einzutauchen. So starb der Held an einem todbringenden Pfeil! Seine berühmte Verehrerin, die Kaiserin, ließ auf ähnliche Weise ihr Leben! Sie wurde, wie man weiß, hinterrücks erdolcht!

 Kein Wunder, dass sich das ausgeprägte Selbstbewusstsein Wilhelms II. an der an den Tod gemahnenden sterbenden Achilles-Figur in diesem herrlich angelegten Garten stieß. Also ließ auch er eine noch größere Statue des berühmten troianischen Helden aufstellen, der, aufrecht stehend und in voller Bewaffnung, siegessicher in die Ferne blickt! Eine Verkörperung des kaiserlichen Machtbewusstseins! Doch seinem Schicksal entkommt man nicht. Der Held fiel in der Schlacht, und der Kaiser musste nach dem verlorenen Krieg in seiner Niederlage abdanken! Welche Zufälle!

 Eigentlich ist es überflüssig zu erwähnen, dass die Aussicht von dem an einem Berghang angelegten eher kleinen Park atemberaubend ist. Ich tue es dennoch, denn ich muss von den unglaublich hohen und dickstämmigen Zypressen berichten, die, in der Tiefe wurzelnd, die dem Meer zugewandten  Ballostraden noch weit überragten. Solche Bäume habe ich, der ich oft im Süden gereist bin, noch nie gesehen!

 Ausgerechnet dem listenreichen Odysseus, der nach 10 jähriger frustrierender Belagerung Troias den Griechen durch den von ihm erdachten Trick mit dem troianischen Pferd zum Sieg verholfen hatte, einem Trick, den in abgewandelter Form nach ihm noch zahlreiche Strategen anwendeten, und dessen raffinierteste Form wohl die Spionage ist, ausgerechnet ihm also war es auferlegt, weitere 10 Jahre auf dem Meer herum zu irren und noch zahlreiche Abenteuer zu bestehen. So blendete er zum Beispiel mit Hilfe seiner Kameraden den gefräßigen einäugigen Riesen Polyphem, Sohn des Meeresgottes Poseidon, der sie nacheinander aufzufuttern drohte, indem sie  mit vereinten Kräften einen Baumstamm in dessen einziges auf der Stirn prangendes Auge rammten. Poseidon schäumte vor Wut und scheuchte den Helden und  seine Freunde 10 Jahre lang auf dem launischen Meer herum. So wurden diese unter anderem von der Hexe Circe in Schweine verwandelt, was bis zum heutigem Tag auch nicht selten vorkommen soll, während sich unser Held von der Dame „becircen“ ließ! Ein Jahr harrte er bei ihr aus, was ausreichte, um von ihr seinen Sohn, Teleganos, zu bekommen! Bei der Nymphe Kalypso verweilte er sogar sieben Jahre lang, „um sich auszuruhen“. Das waren eigentlich die angenehmeren Unterbrechungen der Reise. Gefährlich wurde es bei den Sirenen und noch gefährlicher in der Strasse von Messina, in die er, wahrscheinlich bei schauderhaftem Wetter, zwischen die Ungeheuer Scylla und Carybdis geriet. Letztere war eine Tochter des Poseidon und der Gaia. Sie wurde von Zeus in ein amorphes Meeres-Monster verwandelt, dessen riesiges Maul 3 mal am Tag das Meerwasser einschlürfte, um es dann später wieder auszuspeihen. Scylla ihrerseits war von der eifersüchtigen Circe in ein Meeresungeheuer verwandelt worden, aus deren Unterleib sechs Hundekörper und 12 Hundepfoten wuchsen. Kein Wunder, dass Scylla darob so erbost war und vor Wut so sehr schäumte, dass, Gerüchten zufolge, alle Schiffe, die in ihre Nähe kamen, kenterten. Ach, die griechischen Mythen! Sie sind immer so unterhaltsam! Nach vielen weiteren Abenteuern landete Odysseus schließlich auf der Insel der Phäaken (Korfu), einem liebenswürdigen und gastfreundlichen Volk. Athene, die mittlerweile seine Angelegenheiten, sein Schicksal also, in die Hand genommen hatte, kleidete ihn ein und ließ auf seinem Haupt dunkle Locken sprießen – obgleich bei Homer die Griechen doch alle als blondhaarig geschildert werden! Nausikaa, die Tochter des Königs der Phäaken, verguckte sich natürlich sofort in ihn, und er, ein erfahrener Roué, wird auch heftig geflirtet haben. Kurz: Der Phäakenkönig rüstete seinem Gast ein Schiff aus, mit dem der Held  e n d l i c h  auf seine kleine Insel Ithaka zurückkehren konnte! Dort hielt sein treues Weib inzwischen die zahlreichen Freier – keiner von ihnen rechnete mit der Rückkehr des Ehemannes, was durchaus an die schon aufgegebenen Russlandgefangenen des letzten Weltkrieges erinnert – welche ihr, bildlich gesprochen „die Haare vom Kopf fraßen“, wiederum mit einem Trick in Schach!  Tagsüber webte sie fleißig an einem Teppich, nach dessen Fertigstellung sie sich für einen von diese  Herren entscheiden wollte – und nachts trennte sie das Gewebte wieder auf......Penelope: der Inbegriff einer treuen Ehefrau! Auch durch sie wurde die belanglose kleine ionische Insel Ithaka unsterblich! Poseidon seinerseits war über die Heimkehr des Helden dermaßen aufgebracht, dass er das Heimkehrerschiff nach seiner Rückkehr zu den Phäaken in einen Steinblock verwandelte. Und so gibt es auf der Insel mehrere Orte, die dieses „Steinschiff“ für sich in Anspruch nehmen.

Nun frage ich Sie: wer war wohl der berühmteste Besucher auf dieser der Insel der Phäaken? Waren es die antiken römischen Kaiser mit ihrer Entourages? Waren es berühmte venezianische Admirale oder die Feldherren gegen die Türken? Waren es die britischen Hochkommissare? Oder waren es die beiden kaiserlichen Hoheiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich hier vorübergehend ansiedelten?

Für mich war es noch immer der listenreiche Odysseus, dessen bizarre Abenteuer Homer in seiner Odyssee besang. Noch heute, nach mehr als 3000 Jahren, ist er es, der allen genannten und ungenannten Celebritäten, die je das Eiland betraten, den Rang abläuft und in meinen Augen auch fürderhin die Nummer Eins in der Rangliste der Besucher der bezaubernden Insel der einstmals so gastfreundlichen Phäaken bleiben wird! 

   

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