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Goldener Fluss - Goldene Stadt
Erinnerungen an eine Kreuzfahrt auf dem Douro im Mai 2011
Es war in Goa, jener ehemaligen portugiesischen Enclave an der Westküste Südindiens, als ich in den späten 80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum ersten Mal den Fado hörte. Tausende von Kilometern vom ehemaligen portugiesischen Mutterland entfernt berührten mich, die Mitteleuropäerin, in einer dunklen, fast schwarzen Tropennacht in einem tropischen Garten jene vorwiegend in Molltönen vorgetragenen Lieder, in denen über die Saudade, also über Wehmut, Traurigkeit, Weltschmerz und Nostalgie geklagt wird, und in denen man auch durch sich stets wiederholende Tonfolgen Anklänge an das vom Heimatland gar nicht so ferne Afrika heraus zu hören glaubt. Nicht umsonst vermutet man, dass diese Weisen oft afrikanischen bzw. arabischen Ursprungs sind. Leise begann er zu singen, ein schmaler, noch jüngerer eurasischer Rechtsanwalt mit portugiesischen Wurzeln. Sein Gesicht zeigte deutlich europäische Züge, doch der schmale Kopf war Erbe seiner indischen Vorfahren, ebenso wie seine zarten, langen Finger, die über die Saiten einer Gitarre glitten. Und in Erinnerung geblieben ist mir natürlich der berühmteste Fado: Coimbra! Coimbra, einst eine bedeutende römische Siedlung, südlich von Porto gelegen, fungierte, nachdem die Mauren aus diesem Gebiet verdrängt worden waren, ein Jahrhundert lang als portugiesische Hauptstadt und erhielt schon im späten 13. Jahrhundert eine Universität! Coimbra und Lissabon sind Hochburgen des Fado, und so ist auch „Lissaboner Nächte“ ein ganz bekannter Fado! Und was bedeutet Fado wirklich? „Schlechtes Schicksal!“ („fatum!“) Soll man daraus schließen, dass die Portugiesen, einst ein berühmtes Seefahrervolk, gesegnet, wenn man so will, mit Kolonien in Indien, auf Sri Lanka, in Südchina (Macao), in Afrika (Angola, Mozambique, die Kap Verden und Guinea Bissau fallen mir da gerade ein) und Südamerika (Brasilien) über die Jahrhunderte ihr Schicksal beklagten und bejammerten, gar gelitten haben, oder einfach nur von einer unaussprechlichen Sehnsucht, die sie in die Welt hinaus und auf die Meere trieb, erfasst waren? Auf Madeira, dieser wunderschönen Insel im Atlantik, ebenso wie die subtropischen Azoren zu Portugal gehörend, habe ich den Fado in den 90iger Jahren wieder gehört, und ich war genau so ergriffen wie damals in Indien. Klassischerweise wird der Sänger des Fado von 2 Gitarren begleitet: einer spanischen und einer portugiesischen. Die eine hat vier Saiten – und wenn ich mich recht erinnere ist dies die portugiesische - die andere verfügt über deren acht. Gibt es etwas Unvergesslicheres als ein Konzert in der Abflughalle des Flughafens von Porto, in dem nur diese beiden Gitarren, von zwei jungen Männern bewunderungswürdig virtuos gespielt, jenen einzigen weltberühmten Fado „Coimbra“ in ständigen sich variierenden Wiederholungen ohne Gesang über eine halbe Stunde lang zu Gehör brachten, ohne dabei je eintönig zu wirken? Wenn auch dieser Abschied unvergesslich ist: Letztendlich wird ein Ohrwurm daraus ! Die Römer nannten ihre ganz in der Nähe der Mündung des Rio Douro („goldener Fluss“) auf dessen rechtem Ufer gelegene Siedlung „Portus“ (Hafen). In Verbindung mit dem am linken Ufer gelegenen Ort „Cale“ wurde später daraus Portucale (Portugal), der Name des Staates, der entstand, nachdem diese Gegend von den Mauren zurück erobert worden war. Die Stadt Porto wuchs an den nördlichen Uferhängen des Douro (gesprochen „Dauru“) heran, dort, wo dieser aus einer steilwandigen Schlucht auftaucht. Sechs Brücken, davon zwei aus dem 19. Jahrhundert stammend, auch zwei Eisenbahnbrücken, auf denen oben die U-Bahn und unten der übrige Verkehr dahingleitet (weniger rauscht!), überspannen hier den Fluss, den man sich nicht als einen breiten Strom wie die Donau, den Rhein oder gar die Wolga oder den Dnjepr in ihren Unterläufen vorstellen muss, von einem Mündungsdelta erst gar nicht zu reden! Am bemerkenswertesten unter diesen durchweg eindrucksvollen Bauwerken ist jedoch die Ponte Maria Pia, einer 1886 von Gustave Eiffel entworfenen und von einem seiner Schüler ausgeführten Eisenbrücke, die 60 m über dem Wasser das hoch oben über dem linken Flussufer gelegene historische Stadtzentrum Portos mit der gegenüber liegenden Vila Nova de Gaia verbindet, und die noch vor dem Eiffelturm in Paris entstand. 2001 wurde den beiden Schwesterstädten der Ehrentitel „Kulturhauptstadt“ verliehen. Die Römer waren natürlich längst nicht die Ersten, die hier siedelten! Höhlenmalereien zeugen von vor über 20 000 Jahren in dieser Gegend umher streifenden Jägern. Ab 4000 v. Chr. entstanden die ersten prähistorischen Siedlungen. Wer anderer als die verwegenen aus dem heutigen Libanon stammenden Phönizier wagten es als erste, um 1200 v. Chr. zwischen den „Säulen des Herkules“, also dem Felsen von Gibraltar und dem marokkanischen Dschebel Musa, hindurch zu segeln. Sollte doch hinter ihnen die Erde, die man sich als eine Scheibe vorstellte, zu Ende sein, man also Gefahr lief, herunter zu fallen. Erfreut, dass ihnen dieses gefürchtete Schicksal erspart blieb, errichteten die Pioniere mehrere Handelsstützpunkte an der Atlantikküste. Nicht minder wagemutig folgten ihnen die von ihnen abstammenden und in der Gegend des heutigen Tunis beheimateten Karthager, deren atlantische Kolonien später die Römer übernahmen, nachdem sie diese ihre Erzfeinde in den punischen Kriegen vollständig vernichtet hatten. Im Landesinneren setzte sich ihnen allerdings über 200 Jahre lang keltischer Widerstand entgegen – na, das waren die süditalischen Haudegen ja aus den gallischen Kriegen allmählich gewohnt. Schließlich entstand die Provinz Lusitana unter – wem sonst? – Julius Caesar! Die in Acker-, Obst-, insbesondere in Oliven- und Weinanbau versierten Römer, die sich in bewährter Weise auch um die Infrastruktur des wilden Landes (Straßenbau, das Anlegen von Städten mit ihren öffentlichen Bauten) verdient gemacht hatten, brachten angeblich schon in den 30iger Jahren des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Apostel, das Christentum in das Land. Hier waren es die weit in der damaligen Welt herumgekommenen römischen Legionäre, die die neue Religion im südwestlichsten Teil Europas populär machten. Sie gewöhnten das Volk auch an die lateinische Sprache, nur, dass das moderne Portugiesisch von allen in Europa gesprochenen lateinischen Sprachen mit seinen zahlreichen weichen, sonor klingenden Zischlauten, oft verursacht durch einen im Kehlkopf entstehenden mitschwingenden Mitlaut, noch am wenigsten an das ursprünglich harte Latein erinnert. So wird z.B. „Jesus“ ganz weich wie „Schoschusch“ ausgesprochen. Im frühen Mittelalter blieben die Iberer von der ganz Europa erfassenden Völkerwanderung ebenfalls nicht verschont. Insbesondere die Vandalen setzten ihnen reichlich zu. Doch diese verkrümelten sich bald nach Nordafrika und wurden dort bekanntlich aufgerieben. Die ihnen nachfolgenden Westgoten zeigten sich friedlicher und lebten ganz gemütlich mit den Einheimischen zusammen bis… ja bis im frühen 8. Jahrhundert die Araber wie ein Sandsturm aus der nordafrikanischen Wüste über die iberische Halbinsel fegten. Bis auf den äußersten Norden wurde sie von ihnen erobert und für Jahrhunderte unterworfen. Bis heute sind ihre Spuren sichtbar, hinterließen doch die in Iberien errichteten verschiedenen maurischen Kalifate – Mauren nannte man die eingedrungenen Berberstämme später, nach „Mauretania“, dem römischen Namen für das heutigen Marokko - ein reiches kulturelles Vermächtnis, so in der Landwirtschaft, in den Künsten und den Wissenschaften, auch in der Architektur einschließlich der herrlichen Gartenanlagen, die wir heute noch in der Alhambra bewundern! Die arabisch-islamische Epoche sollte in Portugal fünf Jahrhunderte lang andauern. Es lässt sich denken, dass die Vertreibung der Mauren - die christliche Reconquista - ein jahrhundertelanges Unterfangen war. Doch schon 1143 löste sich der nördliche von den Mauren befreite christliche Teil des heutigen Portugal unter dem selbsternannten ersten portugiesischen König Alfonso I. von der kastilischen Oberhoheit und schuf sich einen Hof in Coimbra, das, wie erwähnt, für hundert Jahre Hauptstadt des neuen Staates wurde. Portugal sei also der älteste Staat Europas, hören wir. Zum Glück kamen europäische Kreuzritter auf ihrem Weg in das heilige Land vorbei, sodass der König mit ihrer Hilfe Lissabon – auch dies schon in alten Zeiten ein Handelsplatz der Karthager – erobern konnte. Erst Alfons III. gelang 1250 die Vertreibung der Mauren von der Algarve. Damit war sein Königreich tatsächlich frei von muslimischen Machthabern. Mittlerweile waren in den Städten des kleinen Portugal große, befestigte Kathedralen an Stelle der Moscheen entstanden. Und die zurück gebliebene muslimische Bevölkerung passte sich vermutlich an, wenn sie nicht nach Nordafrika floh. Toleranz kannten die Christen bekanntlich nicht. Natürlich versuchte Spanien im Laufe der folgenden Jahrhunderte, sich durch Heirat, aber auch durch uns aus unserer jüngsten Geschichte wohlbekannte „kalte“ intrigante „Nadelstiche“ bis hin zu „robusten“ kriegerischen Auseinandersetzungen den kleinen westlichen Nachbarn einzuverleiben – es gelang nicht, und bis heute ist die Stimmung zwischen den beiden „Völkern“, wenn man so will, etwas gespannt, wie man uns berichtet. Trotz EU! So gingen die ruhigeren, ernsthafteren Portugiesen angeblich deshalb weniger in die Kirche als die temperamentvolleren Spanier, weil sie eben fleißiger seien als diese und nicht so viel Zeit für die Frömmigkeit hätten…. wird uns berichtet! Dennoch sei die Arbeitslosigkeit von 11%, insbesondere die der jungen Leute, zu hoch. Allerdings wird sie noch von der Spaniens (20%, wie ich neulich im TV hörte) übertroffen, was die Theorie hinsichtlich der Frequenz des Kirchenbesuches in beiden Ländern bekräftigen könnte! So habe man mittlerweile eine neue Universität geschaffen, um junge IT-Spezialisten für vorhandene und noch anzusiedelnde moderne Industrien – wie viele mögen es sein? - auszubilden. Weiß man doch, dass der Staat in einem Defizit dümpelt, das einen eventuellen Antrag auf eine EU-Finanzspritze erforderlich machen könnte. Das Durchschnittseinkommen eines Arbeitnehmers betrage 700,00 bis 800,00 EURO, das niedrigste liege bei 475,00 EURO, hören wir. Allerdings ist das Leben in Portugal deutlich billiger als bei uns, von Frankreich und Italien erst gar nicht zu reden! Es wird auch über Korruption geklagt. So habe z.B. der mittlerweile abgewählte Ministerpräsident Sokrates (gesprochen Sokratesch, wie wir aus dem TV wissen) seiner Mutter, die nie berufstätig war, eine Rente von monatlich 5000.- Euro zugeschustert!......Fado….. Was nun den Sieg über die im Jahr 1385 eingefallenen kastilischen Truppen anging, so kam er mit Hilfe englischer Bogenschützen zu Stande, welche der englische Herzog von Lancaster nach Portugal beordert hatte. Damit begann das durch den daraufhin geschlossenen Vertrag von Windsor besiegelte englisch-portugiesische Bündnis, gefestigt durch die Heirat der Tochter des Herzogs, Philippa, mit dem König Joao I., das die Jahrhunderte überdauern sollte. Praktisch hält es bis heute, bis in die Zeit der EU! Daher wird es als das längst währende Bündnis Europas bezeichnet. Die Ehe zwischen Philippa und Joao erwies sich als eine äußerst fruchtbare: sie bekamen nämlich sechs Söhne, und einer von ihnen war Heinrich, der Seefahrer. Ich denke, ich muss hier nicht im Einzelnen ausführen, welche Konsequenzen für das Land die Geburt dieses späterhin so berühmten Infanten hatte: Er, der angeblich nie einen Fuß auf eine Schiffsplanke gesetzt haben soll (ich glaube, das stimmt denn doch nicht so ganz), hat bekanntlich die portugiesischen Entdeckungsreisen so richtig angeleiert, indem er aus ganz Europa Astronomen, Geografen, Kartografen, Mathematiker und Schiffsbauer zusammentrommelte und seine Seeleute dazu brachte, mit den Karavellen entlang der afrikanischen Westküste in’s Unbekannte zu segeln – Voraussetzung für die spätere Schaffung des bereits oben erwähnten Weltreiches! Fado…… Der Name unseres Schiffes lautet MS Fernao de Magalhaes, benannt nach jenem verwegenen, mutigen Seefahrer und Entdecker, der 1519 die erste Weltumsegelung begann und als erster Europäer durch die später nach ihm benannte gefährliche Magellan Straße in den indischen Ozean gelangte. Sein kühnes Vorhaben konnte er leider nicht vollenden, da er unterwegs getötet wurde. Die MS Magellan ankert flussaufwärts am linken Douro-Ufer, und ich mache mich auf, um auf einem schmalen, dicht am Felsen entlang bergan-bergab führenden Weg unter der Ponte Maria Pia, benannt nach einer italienischen Prinzessin, hindurch flussabwärts in Richtung Mündung zu wandern, dabei stets den Blick auf das am gegenüberliegenden Ufer an dem steilen Felsen ansteigende berühmte Porto gerichtet. Bekanntlich nimmt man mehr Eindrücke auf, wenn man die Beine unter den Arm nimmt, dabei jederzeit bereit, inne zu halten, wenn ein besonders interessanter Ausblick das Auge quasi fesselt. Wiederholt sehe ich jenseits des Flusses, wie die gelb leuchtenden Wagons der portugiesischen Eisenbahn hoch oben am Felsen entlang wischen. Auf dem Fluss gleiten die Rabellos, kleine Boote, die Strömung auf- oder abwärts. Sie sind zumeist mit Touristen besetzt. In den vorindustriellen Zeiten wurden auf ihnen die mit jungem Wein gefüllten Fässer von den viele Kilometer flussaufwärts gelegenen Weinanbaugebieten durch den damals streckenweise noch ungebärdigen, ja gefährlichen Douro nach Porto transportiert (und zurück getreidelt), während heutzutage Eisenbahn und Lkws diese Aufgaben übernommen haben. Dafür liefern sich die Rabellos unter begeisterter Anteilnahme der Bevölkerung Regatten und sind außerdem für die Touristen zuständig. Wahrscheinlich ist es nur der Fußball (FC Porto!), der noch weit überschäumendere Emotionen weckt! Der höchste Feiertag ist der 24. April! Da isst man Sardinen und schlägt sich gegenseitig mit Plastik auf den Kopf, denn das bringt Glück – und vielleicht Kopfweh, wenn man viele Schläge abbekommt. Vor dem Plastik-Zeitalter hielt man sich gegenseitig eine Knoblauchblüte unter die Nase! Zur Abwehr böser Dämonen! Fado….. Während sich nach einer guten halben Stunde Marsch hoch über mir der Zug- und U-Bahn-Verkehr von hüben nach drüben und umgekehrt bewegt, spaziere ich über die doppelstöckige Ponte Dom Luís I., neben mir ein im Vergleich zu mitteleuropäischen Verhältnissen kläglicher Autoverkehr, und erreiche das auf den ersten Blick bescheiden anmutende Ribeira-Viertel. An der Cais da Ribeira, der Flusspromenade, reihen sich an der alten Stadtmauer und unter deren Torbögen einfache Kaffeehäuser und Restaurants aneinander, bemüht, die Aufmerksamkeit der Touristen – allzu viele sind es nicht - auf sich zu ziehen. Einige fliegende Händlerinnen, die auf ihren Tischen unter Schirmen mit Gewebtem und Gestickten hantieren und die Männer ihrer Familie herum scheuchen, verfolgen dasselbe Ziel. Marktschreierisch, gar aufdringlich, ist hier niemand – die Portugiesen sind, wie man weiß, zurückhaltende, ruhige Menschen. Ich gelange durch einen offenen Torbogen in eine schmale Parallelgasse, die schnell bergan führt. Aus einem der geöffneten Fenster ertönen die melancholischen Melodien eines Fado…..und harmonieren durchaus mit dem Ambiente! Die Ribeira ist das typischste Stadtviertel Portos und von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt. In seinen steil ansteigenden engen Gassen sind die grauen, schmalbrüstigen Häuserfassaden vielfach mit blau-weißen Azulejos verziert, von denen viele die von den Mauren übernommene typische orientalische Ornamentik, in sich verschlungene „Arabesken“ oder geometrische Muster, aufweisen (hat doch Allah verboten, den Menschen abzubilden!) Andere zeigen wiederum bildliche Darstellungen, zumeist aus dem Handwerk und der Schifffahrt. Auffallend großflächig sind letztere, insbesondere an den Fassaden öffentlicher Gebäude, Kirchen und Monumenten, wie ich später entdecken konnte. Sie sind mittlerweile zu 60% renoviert, wie wir hören. Die Azulejos sind ein Mosaik aus quadratischen lasierten, bemalten, wetterfesten Keramik-Fliesen, die ursprünglich aus dem persischen Raum stammen. Stets werden sie mehr oder weniger aufwendig umrahmt. Auf der iberischen Halbinsel sind sie im ganzen ehemaligen maurischen Herrschaftsgebiet verbreitet und werden bis heute hergestellt. Portugal ist derzeit der Hauptproduzent. Ausgelassene Fröhlichkeit konnte ich sonst nicht entdecken. Nicht nur nicht in diesem berühmten Viertel sondern auch nicht während der späteren Stadtführung. Auch anlässlich eines weiteren Spaziergangs, den ich gegen Ende der Reise von der Ribeira aus auf der steil nach oben zum Zentrum führenden Rua Infante Henrique unternehme (Fußkranke, Kurzatmige und Gehfaule können die von der Ribeira aus startende Drahtseilbahn = Funicular dos Guindais benutzen) kann ich keinerlei Anklänge, gar Andeutungen an Eleganz, Pep, Lebensart, Großzügigkeit, Urbanität in dieser „heimlichen Hauptstadt“, wie Porto auch genannt wird entdecken: Die Stadt wirkt auf den naiven Spaziergänger bieder, eher etwas kleinbürgerlich, wenn nicht eintönig. Allerdings: eine ganz besondere Überraschung auf diesem Spaziergang ist der Sao-Bento-Bahnhof: ein von außen beachtliches und schönes Gebäude aus der Zeit, als die Eisenbahn Porto erreichte. Über eine Reihe von Stufen gelangt man in eine südlich anmutende luftige Halle, die auf der den Gleisen zugewandten Seite bis auf hübsch angeordneten Palmen und Blattpflanzen in Töpfen völlig offen ist, während an den übrigen Wänden riesige Azulejos in leuchtendem Blau prunken. Eines ihrer Bilder zeigt die Ankunft Joaos I. zu seiner Hochzeit mit Philippa von Lancaster. Die ausgesprochen gemütliche Halle mit Blick auf ebenso gemütliche Bahnsteige strahlt ein Flair des Südens aus, der mich vollkommen überrascht. Übrigens kommt man mit Englisch nicht sehr weit, während man sich mit Französisch gut durchschlagen kann! Die moderne Lingua franca hat sich hier im äußersten Südwesten Europas noch nicht so ganz durchgesetzt. Fado……. Das moderne, geschäftstüchtige Porto zieht sich bis zur Mündung des Douro in den Atlantik hin. Doch Hochhäuser im bekannten Allerweltstil, Hochhäuser überhaupt, habe ich hier nirgends gesehen. Als ich schließlich am letzten Tag der Reise an der Mündung des Douro stehe und den Blick über den Ozean bis zum Horizont richte, während mich die gegen die Mole schlagenden Wellen mit vorwitzigen Spritzern immer wieder zu necken suchen, stelle ich mir vor, ich könnte über ihn hinausschauen und das westliche Ufer des Weltmeeres erspähen. Dann nämlich würde ich die Freiheitsstatue und die Skyscrapers erblicken! Und ich denke: dort, weit im Westen glitzert und glänzt die feurige, kreative, geschäftstüchtige, elegante, den Künsten zugewandte, glamouröse schnelllebige Sexy-Multi-Kulti-Weltstadt New York, während sich im Osten das aus der Antike stammende alte, doch noch immer quirlige, erotisch-hinreißende, charmante, wenn auch maffiöse und heutzutage leider auch vermüllte Neapel in der nach ihr benannten berühmten Bucht an die Hänge des Vesuv schmiegt! Im Vergleich zu diesen beiden Diven kommt mir das zwar durchaus geschäftstüchtige, ernsthafte, doch unelegante und eher kleinkarierte, wie in einen dünnen Schleier der Saudade eingehüllte Porto recht bieder vor! Drei berühmte abendländische Städte auf demselben Breitengrad! Fado….. Salz auf den Lippen und die Mittagshitze! der Durst scheint unerträglich zu werden, doch man glaube nicht, dass in dem ehemaligen Fischerdorf – heutzutage kann man wohl dieses graue Nest an der Atlantikküste eher als ein kleines Städtchen bezeichnen – irgendeine einfache Pinte geöffnet hätte, geschweige denn, dass an der dem Ozean zugewandten Straße überhaupt eine zu finden gewesen wäre! Da muss man schon Sinn für Humor haben, um da noch fröhlich zu bleiben. Endlich findet sich nach langem hin-und-her-Wandern eine winzige Kneipe, in der uns eine mürrische ältere Wirtin mit dunkelbraun gefärbter Dauerwelle, der kein Lächeln zu entlocken ist, mag man sie noch so anstrahlen, über eine nicht ganz saubere Theke Coke und Wasser zuschiebt, womit wir auf 2 alten, wohl mindestens aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammenden wackligen Stühlen an einem ebenso betagten wackligen Tisch - alles andere als sauber – Platz nehmen und uns erholen und abkühlen können. Fortan übersieht sie uns – nur übellaunig? Doch nicht gar fremdenfeindlich? Oder ist sie nur besorgt um ihr Gebiss, das, verzöge sie den Mund, vielleicht…….eventuell………? Oder ist es einfach doch nur die Saudade, die wie ein feines, unsichtbares Gespinst auch über dieses Etablissement wie über den ganzen Ort gesponnen scheint. An die eleganten Badeorte am Mittelmeer, auch an der Nord- und an der Ostsee, darf man da gar nicht denken! Das Salz auf den Lippen werde ich übrigens auf dieser Reise noch bis weit flussaufwärts immer wieder schmecken. Herbes Land am Atlantik! Nur noch ein kurzes Streiflicht auf die weitere Geschichte des Landes: auf das verheerende Erdbeben vom Allerheiligen-Tag 1755, dessen Epizentrum in der Nähe von Lagos an der Algarve lag und viele Orte, vor allem auch die Hauptstadt Lissabon zerstörte, möchte ich nicht eingehen. Hingegen halte ich die Haltung Englands zur Zeit Napoleons den alten Verbündeten gegenüber für erwähnenswert. Der Usurpator versuchte nämlich, die Portugiesen unter Druck zu setzen, damit auch sie sich der Kontinentalsperre gegen England anschlössen. Mit Hinweis auf das Jahrhunderte alte Bündnis widersetzten sich diese jedoch, und es war der spätere Herzog von Wellington, der, die alten Bundesgenossen unterstützend, in Portugal gegen die einmarschierten Franzosen Krieg führte, während der portugiesische König nach Brasilien geflohen war. Wie die Sache ausging, weiß man. Weniger bekannt ist vielleicht, dass der erst 1820 aus Brasilien zurück gekehrte König Joao VI. eine neue, moderne Verfassung unterschrieb, in der die Rechte des Einzelnen garantiert und die Privilegien von Adel und Kirche aufgehoben wurden. - Das Gedankengut der französischen Revolution war also auch in diesem Land angekommen! - Das passte dem in Brasilien zurück gebliebenen dortigen Vizekönig, dem Prinzen Dom Pedro, überhaupt nicht. Also machte er sich vom Mutterland unabhängig, womit er ihm wichtige Finanzquellen entzog, indem er den Jahrhundertelang sprudelnden Geldhahn zudrehte. Ging es von da an mit dem riesigen Kolonialreich bergab? Nachdem in Portugal 1910 die Republik ausgerufen worden war und es in den folgenden 65 Jahren zu so manchem politischen Durcheinander einschließlich einer von 1932 bis 1974 andauernden Diktatur kam, wobei letztere wenigstens zu einer ökonomischen Verbesserung des Landes führte, brach in seinem letzten Jahr die auch bei uns bekannt gewordene „Nelken-Revolution“ aus. Gleichzeitig verlor das Land so nach und nach aufgrund der um sich greifenden Unabhängigkeitsbewegungen seine zahlreichen Kolonien. Das kleine Mutterland (heute 10 Millionen Einwohner) musste also Mitte der 70iger Jahre 750000 „Retornados“, Rückkehrer aus den Kolonialländern, die ihre ursprüngliche Heimat oft gar nicht kannten, aufnehmen und integrieren, was nicht immer gelang, und wodurch die wirtschaftliche Lage, wie sich denken lässt, verschärft wurde. Ich selbst habe in den 80iger Jahren die Blechhütten-Slums am Stadtrand von Lissabon auf dem Weg vom Flughafen in die Hauptstadt gesehen und mich, unwissend wie ich war, darüber gewundert. 1986 trat das Land der EU bei und ist auch Mitglied der EURO-Zone. Fado?..... Natürlich gibt es sie auch in Porto, die Kleinodien, und sie zu sehen, sie bewundern zu dürfen, macht mich, der ich in einer Zeit leben darf, in der das Reisen so komfortabel ist wie nie zuvor, glücklich. Die aus dem 12. Jahrhundert stammende und mehrfach umgebaute Kathedrale, die Sé (Sitz des Bischofs) besichtigen wir auf der Stadtführung zugunsten der berühmten gotischen Sao Franciso Kirche nicht. Diese bietet allerdings eine große Überraschung, denn ihr Inneres ist fast vollständig mit vergoldeten Holzschnitzereien aus dem 18. Jahrhundert ausgestattet. Das Gold bezog man nach den Napoleonischen Kriegen aus Brasilien. Es wurde ausschließlich von reichen Bürgern gestiftet, die sich damit ein Begräbnis in dieser Kirche „erkauften“! Insbesondere die Deckenschnitzereien im hinteren Anteil des Kirchenschiffs bieten ein solch glorioses barockes „Durcheinander“ und dies in einer derartigen Fülle, wie seinesgleichen nirgends in Europa zu finden ist! (Und von Ferne ein bisschen an das Figurengetümmel südindischer Tempel erinnert!) Interessant ist die Salomonische Säule, bestehend aus dem Stammbaum Jesu, wie ich sie noch nie gesehen habe. Eindrucksvoll ist auch der Altar der Kreuzigung der Jesuiten in Nagasaki, ein wahrlich düsteres Bild! Es stellt den am 5. Februar 1597 erlittenen Märtyrertod von 26 portugiesischen Missionaren, Franziskanern und Jesuiten, dar, denen man damals in Japan zur Shogun-Zeit zuerst jeweils das linke Ohr abgeschnitten und sie danach von Stadt zu Stadt geführt hat, um sie dort den Misshandlungen der Menge auszusetzen. Sodann erlitten alle in Nagasaki den Kreuzestod! Später wurden sie vom Papst heilig gesprochen. Ganz in der Nähe der Kirche befindet sich der aus dem 19. Jahrhundert stammende Palácio da Bolsa, der Börsenpalast, in dem sich die reichen Kaufleute versammelten, auch ausländische Diplomaten empfingen, und bei welchen Zusammenkünften fast ausschließlich die Rede vom Portwein war. Denn von Porto aus wurde ja dieser so wertvolle und besonders von den Bündnis-Engländern beliebte süße Rebensaft vermarktet. Aus ihm schöpfte die Stadt Porto, nach der er benannt wurde, ihren Reichtum Doch davon soll später die Rede sein. Im Palácio wurde sehr viel Stuck auf Holz, aber auch Marmor und Bronze verarbeitet. Bemerkenswert sind neben der zurückhaltenden Eleganz der „Handwerkskammer“, wie sich die Führerin ausdrückte, (fast fühlt man sich an das Understatement des geschäftstüchtigen Calvinismus erinnert) die Eisensäulen im glasüberdachten Innenhof, denn Eisen war im 19. Jahrhundert ein beliebtes Material. Ich erinnere mich sofort an das Eisenhaus in Maputo/Mozambik, das tatsächlich vollständig aus Eisen bestand, und in dem sich bei dem warmen Klima kein Mensch für längere Zeit aufhalten, geschweige denn darin wohnen konnte. Schließlich gab es damals keine Air Condition! Und natürlich fällt mir sofort der Eiffelturm ein! Der absolute Höhepunkt im Palast ist jedoch der arabische Saal, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammend und als repräsentativer Raum errichtet. Der Alhambra nachempfunden zeigt er sich in seiner Symmetrie und in den vom Fußboden bis zur Decke ineinander verschlungenen, kunstvollen Arabesken, die wohl, denke ich, die Unendlichkeit ausdrücken sollen, und an denen man sich nicht satt sehen kann, als ein vollkommenes Kunstwerk! Denkt man! Doch darf auf Erden überhaupt etwas vollkommen sein? Steht die Vollkommenheit nicht Allah allein zu, der in sich selbst vollkommen ist? Und befindet sich nicht in jedem Orient-Teppich mindestens ein Knüpffehler, mag der unseren Augen auch entgehen und uns als Kunstwerk noch so vollkommen erscheinen? So auch hier: Erst wenn die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, bemerkt man, dass die an der Frontseite eingelassene Eingangstür um ein Winziges gegen die Mittelachse verschoben ist! Heute wird der Saal für Klavier -und Streichkonzerte benutzt. Natürlich bietet Porto noch weitere kulturelle Sehenswürdigkeiten, die zu betrachten wir leider nicht genügend Zeit haben. Denn zur geführten Stadtbesichtigung gehört unbedingt ein Besuch in einer der großen Portweinkellereien der berühmten Familie Ferreira, die sich in Vila Nova de Gaia, Portos Schwesternstadt, am südlichen Flussufer aneinanderreihen und hügelaufwärts hinziehen. Und damit komme ich zum Portwein, jenem wunderbaren Süßwein, der auch mir so leicht und oft über die Zunge ginge, ließe ich es zu! Zählt er doch zu den Klassikern der Welt! 1373, also 130 Jahre nach dem oben beschriebenen Bündnisvertrag mit England, unterzeichneten die Portugiesen mit den Engländern einen Handelsvertrag, in dem festgelegt wurde, dass sie für die regelmäßige Lieferung des Vinho de Lamego (Lamego ist einer Stadt 8 Km südlich des Douro-Ufers) die Erlaubnis bekamen, vor der Englischen Küste Kabeljau zu fischen. Man kann sich vorstellen, wie „wohlschmeckend“ der damalige portugiesische Wein nach der langen Seereise war! Englische Gaumen waren zu der Zeit wohl nicht so empfindsam! Die Nachfrage der Engländer nach exportfähigem Wein stieg in Spanien und Portugal gegen Ende des 17. Jahrhunderts, auch wegen ihrer schlechten Beziehungen zu Frankreich. Doch nur die Mönche vermochten damals - und das nicht nur wegen der besseren hygienischen Verhältnisse in den Klöstern - lagerbaren, trinkfähigen Wein herzustellen: den „Priest Port“, wie er genannt wurde. Sie setzten nämlich dem Traubensaft während der Gärung Neutralalkohol zu, womit diese gestoppt wurde. Und das macht man noch heute. Im Falle des Portweins wird bereits 14 Tage nach Einsetzen der Gärung ein 80prozentiges Weindestillat zugesetzt. Der Restzucker, der sich noch in dem Rebensaft befindet, macht die Süße des späteren Weines aus. Danach verbleibt der junge Wein noch für weitere 6 Monate im oberen Dourotal, dort, wo die Reben in großen „Quintas“, aber auch in kleineren und mittleren Betrieben kultiviert werden, bis sie in die berühmten, großen kühlen Kellereien am linken Douro-Ufer kurz vor der Mündung des Flusses gelangen, um dort zunächst in verschieden großen Eichenfässern, die durchweg aus Spanien stammen, gelagert und weiter veredelt werden. (Je kleiner das Fass, desto wertvoller der spätere Wein) Die Fässer nutzen sich natürlich auch ab und landen schließlich auf den britischen Inseln, wo sie immer noch als Whisky-Fässer benutzt werden! Später zieht man den Wein auf Flaschen, die stets liegend zu lagern seien, damit der Korken benetzt bleibt. (55% der Korkproduktion kommt aus Portugal, und der Kork wird bekanntlich nicht nur für die Verschlüsse der Flaschen verwendet sondern findet noch allerlei andere Anwendung). Ein guter Jahrgang wird durch eine längere Lagerung, (in immer kleineren Fässern) insbesondere durch die spätere Flaschenlagerung, in seiner Qualität verbessert. Der Beste und Teuerste und oft Unbezahlbarste ist der Vintage Port, und der kommt immer aus Portugal. Im Besitz der Familie Feirreira befindet sich noch eine Flasche aus dem Jahr 1865. Kein Mensch weiß, wie der Wein schmeckt, doch ihr pekuniärer Wert liegt mittlerweile bei 1500,00 EURO! Allerdings ist er unverkäuflich. Ursprünglich lagen der Weinanbau, die Kellerei und der Weinhandel in verschiedenen Händen. Sie verliefen völlig getrennt. Am portugiesischen Exporthandel waren hauptsächlich Ausländer beteiligt (Engländer, Deutsche, Niederländer). Im Laufe der Zeit vermischten sich allerdings die Berufsstränge. Heute gibt es nur noch wenige unabhängige große Familienbetriebe, wie die berühmten Ferreiras und die Sandemans, die den Ruhm des portugiesischen Portweins in die Welt hinaustragen. Der Rio Douro, der „Fluss aus Gold“ ( Ouro = Gold) entspringt in den Bergen Nordspaniens und durchzieht zunächst in einer Länge von 580 Km Kastilien, wo man ihn „Duero“ nennt. Dann bildet er 110 Km lang die spanisch-portugiesische Grenze, bevor er auf den letzten 210 Km quer durch Portugal zum Atlantik fließt. Und nur auf dieser seiner letzten Strecke ist er schiffbar. Die Sonnenstrahlen verleihen seiner Wasseroberfläche einen leichten Goldschimmer, dem er seinen Namen verdankt. Es wird aber auch berichtet, dass ihn bestimmte Sedimente, die er aus den spanischen Bergen mit sich führt, golden schimmern lassen. Jahrhundertelang überflutete der Douro immer wieder Ansiedlungen, und so kann man sich vorstellen, wie mühsam und gefährlich das Verschiffen des jungen Weins auf den kleinen Rabellos war. In den 1930iger Jahren begann man, Staumauern zu bauen, um den Fluss zu zähmen und Strom zu gewinnen, und obschon der Schiffsverkehr zur damaligen Zeit gering war, legte man Schleusen an. Auf unserem Weg von Porto flussaufwärts wird die MS Magellan in 5 Schleusen gehoben (und auf dem Rückweg wieder gesenkt), wovon die Schleuse von Crestuma mit ihren 14 m die niedrigste, diejenige von Carrapatelo, mit einer Länge von 85 m, einer Breite von 12 m und einer Höhe von 36 m die höchste Europas ist. Damit ist sie höher als die beachtlichen Schleusen auf der Wolga! Und, befindet man sich in ihr, fühlt man sich wahrhaftig in den Orkus versetzt!!! Ihr Bau fußt auf einem Vertrag zwischen den Spaniern und den Portugiesen, in dem die Entsorgung spanischen Mülls in Portugal festgelegt wurde. Aber daraus wurde nichts. Mehrmals wurden die auf Deck befindlichen Passagiere bei der Ein- oder Ausfahrt einiger Schleusen, auch vor einer Eisenbahnbrücke, aufgefordert, sich auf dem Boden oder auf einer niedrigen Sitzgelegenheit niederzulassen und den Kopf weit nach vorn zu beugen, wobei gleichzeitig die Stühle unter dem Sonnensegel umgelegt, alle Gegenstände auf den Tischen einschließlich aufgebauter Brettspiele auf dem Boden verteilt und der Sonnenschutz selbst herunter gelassen wurde! Jeder folgte brav dieser Anweisung, und niemand wurde guillotiniert! Eine hohe, wunderbar geschwungene Brücke, die sich wahrlich sehen lassen kann, erregt unsere Bewunderung! Hier seien ein paar Betrachtungen zu einigen Ausflügen, die wir vom Schiff aus unternahmen, eingefügt. Braga, zu Zeiten der Römer Babera Auguida genannt, liegt nördlich von Porto in der ehemaligen römischen Region Galecia und wird das Rom Portugals genannt. Schon 45 nach der Zeitenwende soll es hier Christen gegeben haben. Hier residierte bis zur Ausrufung des Republik 1910 der Primas des Landes, also der wichtigste Erzbischof, und die früheren Erzväter auf diesem Bischofssitz konnten sich bei Beratungen und Disputen oft gegen den König durchsetzen. Einst soll man auf Bragas Straßen mehr Priester und Nonnen gesehen haben, als gewöhnliche Leute! Was ich übrigens glaubhaft finde! Die beachtliche Kathedrale (Sé) besaß viele sehr alte Reliquien, die angeblich vor Urzeiten von Santiago de Compostella, das ja das Grab des heiligen Apostel Jakobus beherbergt, entwendet worden sein sollen. Jedenfalls wurde kürzlich ein Teil von ihnen zurück gegeben! Ob es genützt hat, weiß man noch nicht! Zu Zeiten der Völkerwanderung trafen die Sueben ein, die, wie viele germanische Stämme, dem arianisch geprägten christlichen Glauben anhingen. Nicht lange! Denn sie fügten sich ein, convertierten brav und ordneten sich dem Papst unter! In der Mitte des 18.Jahrhunderts kam es zu einem Zerwürfnis zwischen dem Vatikan und dem Königreich. Was war passiert? Der damalige König hatte eine unziemliche Anzahl außerehelicher Kinder, die er sehr liebte, und die alle als Infanten erzogen wurden. Zwei Brüder des Monarchen waren Bischöfe, und die geistlichen Onkel duldeten diese königliche Patchwork-Familie, in der sie sich vielleicht auch noch wohl fühlten! Der Vatikan allerdings konnte solche unmoralischen Zustände, vor allen Dingen jedoch den Nepotismus, nicht dulden! Obgleich er sich, denkt man an die Renaissance-Päpste, durchaus an die eigene Nase hätte fassen können! Fado…… Nur wenige Kilometer östlich von Braga befindet sich die berühmte Wallfahrtskirche „Bom Jesus do Monte“. Zu ihr hinauf führt ein Stationen-Weg mit mehreren hundert Stufen, den sehr fromme Pilger auf Knien zurücklegen. Der barocke Granitbau, zu dem ein doppelter Treppenaufgang, geschmückt mit Steinfiguren, führt, wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts begonnen. Ich würde gar nicht groß darauf eingehen, wenn das Innere der Kirche nicht so penetrant nach billiger Seife gerochen hätte, die mich sofort an meine Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit erinnerte und mich einen baldigen Rückzug antreten ließ. In der Gegend um Vila Real, ein beliebter Aufenthaltsort portugiesischer Könige und bereits im oberen Douro-Tal gelegen, bauten einst viele Adelige ihre Villen. Hier liegt auch eines der am meisten abgebildeten Kulturdenkmäler Portugals, weil es nämlich die Etiketten auf den Bocksbeutelflaschen des Mateus Rosé ziert: der „Solar de Mateus“ genannte Palast, ein typischer Barockbau der Region mit – ich würde sagen – ebenso typischen extravaganten Stuckfassaden. Neben zeitgenössischen Möbeln, Gemälden und anderen Ausstellungsstücken beherbergt er Briefe von Wellington, Talleyrand und Friedrich dem Großen, und das in dieser (in meinen Augen) abgelegenen Gegend! Sehenswert ist außerdem der kleine in französischem Stil angelegte Garten, der Versailles nachempfunden ist. Weitere Spaziergange, die ich teilweise auch allein unternehme, machen nur allzu deutlich, w i e abgelegen gerade das obere Douro-Tal eigentlich immer noch ist und erst recht in früheren Zeiten war, als lediglich die Rabellos sozusagen die Nabelschnur „zur großen weiten Welt“ bildeten. So verwundert es nicht, dass viele, insbesondere jüngere Retornados nicht mehr in die einsamen kleinen, ärmlich wirkenden Dörfchen und verschlafenen Städtchen ihrer Vorväter zurückkehren wollten, wie auch die heutigen jungen Leute fortstreben und sich lieber eine Zukunft in Frankreich, Deutschland oder wo auch immer aufzubauen suchten. Fado…….Blumen, gar eine üppige Blütenpracht, sieht man übrigens selten, wenn überhaupt…….. Im unteren Douro-Tal wird vorwiegend Weißwein gezogen. Wir passieren eine Region, in der weitläufige Eukalyptus-Anpflanzungen verwundern. Wie das? Ist Eukalyptus nicht ein australischer Baum, der außerdem viel Wasser braucht. Hier regnet es häufig, hören wir, und der schnell wachsende Exot ist der Lieferant für die Papierindustrie. Doch vor allem fesseln die nun beiderseits des Flusses beginnenden terrassenförmig angelegten Weinberge, die der Landschaft, je weiter wir in das Landesinnere vorstoßen, ein so einzigartiges Gepräge geben, wie es nirgendwo sonst in Europa vorkommt. Nicht umsonst wurde das Douro-Tal von der Unesco zum Welt-Kulturerbe erklärt. Und zu Recht! Zunächst sind die Berge noch sanft gewellt, sodann folgt eine Gegend, in der das Urgestein, Granit, an die Oberfläche kommt, wo steile Felsen unmittelbar senkrecht aus dem strömenden Wasser in die Höhe steigen und riesige Felsbrocken das Flusstal einengen. „Zyklopenland“ nennt es meine Reisebegleiterin, das mich entfernt an die Schweiz erinnert. Sodann folgen erneut die allesamt in Terrassen angelegten Weinberge, die sich immer höher und höher hinziehen und schließlich – man mag es kaum glauben – eine Höhe von 1500 m bis 2000 m erreichen. Da keine Krume sichtbar ist, wirken die Berge vom Schiff aus wie vollständig mit lichtem Grün überzogen. Ganz selten steht ein Haus wie verloren in einem Weinberg, hin und wieder tauchen große Schilder auf, die auf eine ausgedehnte Quinta der Ferreiras oder der Sandemans hinweisen. Eine Fähre habe ich auf dieser über 200 Km langen Schifffahrt nur einmal gesehen. Die kleinen Orte, die wir anlaufen, sind nicht besonders interessant. Oft schadhafte, flächige Azulejos schmücken hin und wieder ein einfaches Rathaus oder, wenn vorhanden, einen Bahnhof. Unglaublich und in seiner nahezu unfasslichen Schönheit ist hingegen ein Ausflug in die Nebentäler des Douro, in denen sich der Anbau dieser so wertvollen Reben fortsetzt und immer wieder neue und wunderbare Ausblicke bietet. Der Besuch einer sich in privatem Besitz befindlichen beachtlichen Quinta mit Verkostung und Verkauf von Port und Rebenblüten-Honig selbstverständlich inbegriffen. Das Douro-Tal wird im Norden von hohen Gebirgen abgeschirmt, die es vor kalten Nordwinden abschirmen, sodass diese keine Chance haben, den wertvollen Weinstöcken einen Kälteschaden zuzufügen. Der Boden besteht aus Schiefer, der das Wasser gut hält, und da die Reben bis zu 10 m lange Wurzeln bilden können (!) ist das Klima mit langer Sonneneinstrahlung und hin und wieder auftretenden heftigen Regengüssen - auch wir wurden auf unserer Reise zweimal an Land gehörig eingeduscht! - geradezu ideal. „Hier herrschen 9 Monate lang Winter, dann kommt die Hölle“ (Hitze), sagen die Leute, und letztere kann ich mir sehr gut vorstellen. In diesem Klima in den steilen Weinbergen zu arbeiten ist sicher eine Knochenarbeit und war es in früheren Zeiten noch weit aus mehr. Auch in diesem Metier war die moderne Technik hilfreich. Man stelle sich allein das Keltern der Trauben vor: Zunächst wurden die Männer herangezogen. Da sie allesamt beim Militär und somit an Disziplin gewöhnt waren, arbeiteten sie in Takt und Gleichschritt! Als nächstes kamen die Frauen und älteren Kinder dran, die das Keltern eher als ein Tänzeln betrieben. Vielleicht haben sie zeitweise auch dazu gesungen? Davon ist mir allerdings nichts zu Ohren gekommen. Fado! In der Mitte des 19. Jahrhunderts schlug die Reblaus zu. Diese befällt nur die Wurzeln der Stöcke und beraubt sie so ihrer Nährstoffe und damit ihrer Lebensenergie. Alle Rebstöcke mussten entfernt werden. Man sammelte sie in großen Haufen und zündete sie an. An die Orten des jeweiligen Autodafés setzte man Olivenbäume, die weit geringerer Pflege bedürfen als der Weinstock, und die heute noch dort zu sehen sind. Die Weinberge wurden verlassen. Aber es geschah ein Wunder: man führte aus Amerika eine neue Rebe ein, deren Wurzeln gegen die Reblaus resistent ist. Auf sie ließen sich die alten Reben aufpfropfen, und heute werden im oberen Douro-Tal 80 Rebsorten kultiviert! Eine Erfolgsgeschichte! An dieser Stelle wäre die Geschichte von Antonia Adelaide Ferreira und dem Baron Forester zu erwähnen, die wir auf unserer Reise mehrmals hörten. Antonia Adelaide, geboren 1811, wurde schon mit 33 Jahren Witwe und führte das Ferreira-Unternehmen selbständig weiter. Joseph James Forster kam 1831 als britischer Händler nach Porto, lernte, im Gegensatz zu den meisten hier ansässigen Engländern, Portugiesisch und bemühte sich darum, die Weinbauern persönlich kennen zu lernen. Er verstand sich auch gut mit der Aristokratie und wurde zum Barao (Baron) erhoben. Bemerkenswert ist, dass er sich dagegen wehrte, die Farbe des Weins durch Beimischung von Holundersaft zu intensivieren, und gegen den Zusatz von Weinbrand hatte er auch etwas. Im Jahre 1862 befand er sich in der Gesellschaft von Antonia Adelaide auf einem Rabello im oberen Douro-Tal, als das Boot in den Stromschnellen von Vargellas kenterte. Der Baron, der in seinem Gürtel reichlich Gold bei sich trug, um die Arbeiter zu bezahlen, wurde von diesem in die Tiefe gezogen und ertrank. Seine Leiche wurde nie gefunden. Antonia Adelaide hingegen, nach der Mode der Zeit gekleidet (man denke nur an die Bilder der Queen Viktoria), trugen die sich aufbauschenden Röcke, die wie ein Luftkissen wirkten, schließlich an Land. Fado…… Der letzte portugiesische Hafen Barca de Alva bildet mit einer beeindruckenden Festungsruine die Grenze zwischen Portugal und Spanien. Die einst massive Festung wurde im 17. Jahrhundert in sternförmigem Grundriss neu erbaut, um Artilleriebeschuss stand zu halten. Genützt hat es nichts! Denn als 1810 die Franzosen die Stadt belagerten, traf ein Geschoss das Munitionsdepot, zerstörte die halbe Festung und tötete Hunderte von Menschen! Ein Jahr später sprengten die flüchtigen Franzosen, deren Tage bekanntlich gezählt waren, einen weiteren Teil der Festungsbauten in die Luft. Im heutigen Gott sei Dank friedlichen Europa, in dem sich die über die Jahrhunderte streng bewachten Grenzen allmählich verwischen, unternimmt unsereins einen gemütlichen Abendspaziergang über die einstigen Festungsanlagen. Der Bus folgt zunächst einer in Serpentinen angelegten Straße zu einer flachen kargen windigen Hochfläche, die eher einer Steppe als einer grünen, bewachsenen, agrargenutzten südlichen Landschaft gleicht. Nordkastilien erinnert an die Mancha (Südkastilien), in der Don Quichote beheimatet war, und wie sie vom Dichter des Ritters von der traurigen Gestalt, Miguel Cervantes, geschildert wird. Wenngleich keine Windmühlen auszumachen sind! Hingegen reichlich Buschwerk und viele knorrige Kork- und Steineichen, deren Früchte die umherschweifenden vor sich hin wühlenden Schweine genüsslich in sich hinein fressen, auf dass später ihre dunklen fast schwarzen Schinken, pata negra - eine Delikatesse! - zur Appetitanregung in den Auslagen Salamancas unübersehbar die Blicke der Touristen auf sich ziehen. Ich sehe Mandel- und Olivenbäume, keine Plantagen, oh nein! Ich sehe die schwarzen Stiere, die Torros negros – ob sie wohl in einer Corrida ihr Leben beenden werden? Man hört, glaube ich, heutzutage mehr von spanischen Fußball-Fans denn von Afficionados des Stierkampfes. Hin und wieder tauchen ein paar Schafe auf, vereinzelt auch einige Pferde. Dagegen mehr Störche, „die die Babies aus Paris bringen“ – eine Annahme, die, spitzzüngig ausgedrückt, in so mancher Beziehung tief blicken lässt! Eine Landschaft also, in der die Sehnsucht gedeiht…. Die Sehnsucht nach dem Gold, dem Abenteuer, dem besseren Leben in einer neuen Welt! Bis heute! Denn Nordkastilien ist nicht nur durch Viehzucht, sondern auch durch Landflucht geprägt. Keine 100 Km vom Douro entfernt liegt Salamanca, die golden Stadt! Auch Salamanca gehörte einst zum römischen Reich, nämlich von 133 v.Chr. bis zum Jahre 711, als auch diese Stadt von den heran wütenden Mauren eingenommen wurde. Als sie die Christen 1055 zurückeroberten, lag sie in Trümmern, und der Wiederaufbau erfolgte erst 30 Jahre später. Ihr römisches Erbe allerdings, die alte Römerbrücke über den Rio Tormes, an dessen Nordufer sich die Altstadt auf einer Anhöhe erhebt, blieb erhalten. Und noch heute ist diese alte Brücke für Fußgänger passierbar. Wirft man, von der kastilischen Hochebene her kommend, einen ersten Blick auf die vollständig aus gelb-braunem Sandstein erbaute alte Stadt, so bleibt dieser zunächst an der bunten Glasfassade des Jugendstilmuseums hängen. Doch dann schieben sich die beiden Türme der Kathedrale in’s Blickfeld. Und verlässt man schließlich den Bus und betritt die berühmte sandfarbene Innenstadt, die in ihrer trutzig abweisenden Strenge spanischer Renaissance unter einem südlichen gnadenlos blauen Himmel nur aus gelbbrauner Architektur besteht und nichts als Architektur (wie Florenz, zum Beispiel), und dennoch von so strenger Schönheit ist, so kann man sich die Härte der allerchristlichsten Könige und die Unbarmherzigkeit spanischer Konquistadoren einigermaßen vorstellen. Nein, hier sieht man kaum einen Baum und schon gar keine Blumen, keine Verspieltheit, nicht die Andeutung eines winzigen idyllischen Plätzchens, von gemütlichen Ecken erst gar nicht zu reden! Diese durchweg imposanten Paläste und Kirchen sind Ausdruck von altkastilischem Stolz und strikter Unbeugsamkeit. Keine Satellitenschüsseln verunstalten sie – die sind nämlich verboten, und nur möglichst unauffällige, bescheidene Fernsehantennen sind erlaubt. Gleichmütig und unnahbar lassen es Kirchen und Paläste in den braunen Straßen zu, dass die südliche Sonne ihnen einen schimmernden Goldton verleiht: Salamanca ist Spaniens „goldene Stadt!“ 1988 wurde Salamanca von der Unesco zum Weltkulturerbe deklariert, und 2002 fungierte Kastiliens „Gold“ zusammen mit Brügge als Kulturhauptstadt, wobei Brügge eine weitaus gemütlichere Stadt ist! Jeder normale, halbgebildete Mensch ist der Meinung, die Universität von Salamanca sei die älteste Universität Spaniens. Dem ist nicht so, denn die älteste Universitätsgründung auf der iberischen Halbinsel fand in Palencia statt, wobei Stadt wie Uni eher bedeutungslos waren, während die Universität von Salamanca, gegründet 1218, noch immer Weltberühmtheit genießt. Schon im 16. Jahrhundert zählte sie 8000 Studenten. Die Universidad de Salamanca wurde zu einer der wichtigsten Bildungsstätten Europas. Neben uns unbekannten spanischen VIPs studierten hier u.a. Lope de Vega, Calderón de la Bara und Miguel de Cervantes, Dichter, die auch uns Mitteleuropäern nahe stehen. Überflüssig zu erwähnen, dass sich die moderne Universität regen Zulaufs erfreut. Da hier, in Salamanca, das beste Hochspanisch gesprochen wird, sind auch die Sommerakademien für ausländische Studenten gut besucht. Salamanca ist – so kann man sagen – eine Studentenstadt. Ihr Mascottchen ist der Frosch – eigentlich eine Unke – der sich, an einen Totenschädel klammernd, an der Fassade der alten Universität, die sich im Platereskenstil (= Stil der Silberschmiede) der spanischen Frührenaissance präsentiert, eher versteckt, denn dass er ins Auge springt. Mit anderen Worten: man muss den kleinen Kerl suchen! Er symbolisiert die Ausschweifungen, denen sich Studenten gern hingeben, und die nach dem Tode gesühnt werden müssen! In der seltsam anmutenden Casa de las Conchas, einem mit Hunderten von Jakobsmuscheln an den Außenwänden verzierten imposanten Palast mit einzelnen reich umrandeten gotischen Fenstern mögen die katholischen Könige residiert haben, wenn sie in Salamanca weilten. Als Hauptstadt diente zwar Valladolid, doch man weiß ja, dass gekrönte Häupter zu jener Zeit eher ein ambulantes Leben führten – ähnlich wie heutzutage unsere Politiker! Es wird uns erzählt, dass Columbus hier mit der Königin Isabella von Kastilien und Leon zusammengetroffen sei, um sie von seinen Plänen, im Westen einen Seeweg nach Indien zu finden, zu überzeugen. Sicher ist, dass er sich 1492, wenige Monate vor seiner Seereise, hier im Kloster San Esteban aufhielt, um vor Professoren, Kardinälen und anderen „Experten“ seine Pläne und auch seine Erkenntnisse bezüglich des Erdumfangs und des Abstands zwischen Europa und Asien zu erläutern. Kein Mensch ahnte damals nur im Entferntesten, wie sehr er sich dabei verhauen hat! Und dennoch die Grundlagen für ein Weltreich schuf, in dem die Sonne nicht unterging! Außergewöhnlich ist, dass Spaniens „Goldene“ zwei Kathedralen in einem besitzt. Da man die aus dem 12. Jahrhundert stammende Alte Kathedrale als nicht groß genug erachtete, begann man 1513 mit der später im Inneren reich geschmückten neuen Kathedrale, die mit einer prachtvollen gotischen Westfassade aufwarten kann. Während der Bauzeit wollte man (oder war es der der jeweilige Bischof?) auf die Gottesdienste in der alten Kathedrale nicht verzichten, sodass man deren Abriss zunächst verschob und schlussendlich ganz bleiben ließ. Vom südlichen Seitenschiff der „Neuen“ führt eine Treppe hinunter in die romanische „Alte“, in der eine der ältesten Orgeln (aus dem 14. Jahrhundert) beheimatet ist. Eine Doppel-Kathedrale also! Alberto Churriguera und Andrés Garcia de Quinones schufen 1729 in Salamanca Spaniens schönsten und prächtigsten Hauptplatz: die Plaza Mayor! Diesen außergewöhnlich schönen Platz, auf dem in früheren Zeiten auch Stierkämpfe abgehalten wurden, schenkte König Philipp V., erster spanischer König aus dem französischen Haus Bourbon, den Einwohnern der Stadt. Alberto Churriguera stammte aus einer berühmten Bildhauer- und Baumeisterfamilie. Der ornamentreiche Stil dieser Schule mit seinen dramatischen Reliefeffekten wird Churriguerismus genannt. Der in seinen harmonischen Dimensionen durchsonnte große Platz ist durchgehend von gleichmäßigen Arkaden eingegrenzt, auf die eine ebenso gleichmäßige dreistöckige palastartige Architektur gesetzt ist, und die, nur enge, fast unsichtbare Durchgänge freilassend, lediglich durch einen breiten vorgesetzten Glockenturm, der über nur zwei hohe Stockwerke und mehrere sichtbaren Glocken verfügt, unterbrochen wird. Ihm gegenüber öffnet er sich der Rua Mayor, die zur Kathedrale führt. Betritt man den Platz durch dieses Tor, so erblickt man rechterhand über den Arkaden unterhalb des ersten Stockwerks die Portrait-Köpfe der spanischen Könige und anderer Berühmtheiten, u.a. auch das Haupt des Caudillo Francisco Franco. Kaffeehäuser und Restaurants zu Hauf, wie sich denken läßt! Aber auch eine Reihe sehr eleganter Geschäfte unter den Arkaden, die zum Window-Shopping einladen. Schlussendlich landet man doch in einem der Freiluftcafés und im Schatten, um die Umgebung so recht zu genießen! Wenn es nur gelänge! Übermütige Studenten, die offensichtlich ein wichtiges Examen hinter sich gebracht haben, feiern ganz in der Nähe fröhlich-lautstark und mit viel Täterätätä! Ich frage mich, ob ernsthafte, genau so zielstrebige junge Portugiesen mit ebensolchem Getöse von sich her gemacht hätten….wahrscheinlich schon! Denke ich. Und wünsche der iberisch-europäischen Jungend von Herzen ein günstiges Fatum – Fado…… Wenn auch nicht aus einem jeden von ihnen ein José Manuel Barroso hervorgehen wird!
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