Die Föhringer Brücke von A.B.


 

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Die Föhringer Brücke

Text  © Anneliese Beck, Muenchen, 2008

 

Isarring mit Isar

 

Föhringer Brücke dahinter

Spaziergang an der Isar entlang - Zwischen den Bäumen die Brücke

Blick zum Isarring

Föhringer Brücke dahinte

 


Die Föhringer Brücke

    Text  © Anneliese Beck, Muenchen, 2008

 

Wer, frage ich Sie, hat  wohl eine Vorstellung von jener Isarbrücke bei dem Dörfchen Föhring, über welche damals im 12. Jahrhundert die Salzstrasse führte, und die für die Freisinger Bischöfe aufgrund des von ihnen erhobenen Brückenzolls eine so herrlich sprudelnde Einnahmequelle war? Ich stelle mir eine gedrungene, durch eine Reihe von kräftigen, in den Boden gerammten Baumstämmen getragene grob und dennoch sorgfältig gezimmerte belastbare Holzkonstruktion vor, gerade so breit, dass ein von mehreren Zugtieren  gezogenes schwer beladenes Fuhrwerk, zumeist ein Kastenwagen und von den mittelalterlichen „Wagnern“ ebenfalls aus Baumstämmen gefertigt und verpicht, darüber hinweg rumpeln konnte.

Vorstellbar ist auch ein Unterbau aus Stein, ein niedriges, klobiges dickes Mauerwerk an beiden Ufern, vielleicht auch inmitten der Strömung, mehrere Pfeiler also, verbunden durch dicke, stämmige Holzbohlen, die ihnen auflagen und so den Übergang bildeten, über welche  grobschlächtige und keineswegs zimperliche mit Peitschen bewaffnete Fuhrleute die angeschirrten Tiere vorsichtig und unter Geschrei und schnalzenden Lauten über den noch längst nicht gezähmten Gebirgsfluss aus dem Karwendel führten, der in seinem Kieselsteinbett über eine Menge grober  Steinbrocken übermütig dahinsprudelte. Vielleicht war sie sogar mittels einer einfachen Konstruktion überdacht, gedeckt mit Weidengestrüpp und allerlei anderem biegsamen Geäst, ein Dach aus Reisern also.

 

Gefahr

Vor jedem Gefährt, so stelle ich mir vor, führten zuvor abgesessene bewaffnete Berittene ihre Tiere auf diesem hölzernen, manchmal durch heftigen Regen verglitschten Brückenweg, von dem man sich auf alle Fälle ein Geländer wegzudenken hat, und selbstverständlich folgten jedem Fuhrwerk gleichfalls Bewaffnete der überall lauernden räuberischen Banditen wegen. Sie hatten den Transport des weißen Goldes, aber auch allerlei andere kostbare Fracht, wie Tuche, Metalle, Geschmeide, Gebrauchsgegenstände, Töpferwaren, Spezereien, auch Waren aus dem geheimnisvollen Orient, aus dem strahlenden Byzanz, sogar Dokumente zu beschützen! All dies war verstaut in hölzernen oder geschmiedeten Kisten und Kästen, und die waren mit aufwendigen Schlössern gesichert! Der oder die Schlüssel wurden wohl von einem oder mehreren Bewaffneten, verborgen vielleicht in Geldkatzen, mitgeführt.

    Wie übrigens hat man sich das Salz vorzustellen? Waren es einigermaßen gerade geschnittene Blöcke? Waren es amorphe Klumpen in so einer Art von Säcken zusammengepackt? Wurden sie auch von Saumtieren, also von Packpferden, von Eseln und Maultieren, geschleppt, deren Führer während des Übergangs über den Fluss mindestens genau so laut schrieen wie die Fuhrleute? Übrigens konnte nicht nur des Schutzes des jeweiligen Frachtgutes wegen stets nur ein einziges Fuhrwerk diese Brücke passieren. Wären nämlich Tiere und Menschen dicht an dicht aufeinander gefolgt, sie wäre sonst zu sehr in Schwingung geraten und hätte damit ihre Konstruktion gefährdet!

 

    Vor Betreten der Brücke war der Brückenzoll zu entrichten! Dies geschah weiter oben am rechten Hochufer bei dem Dorf Föhring. Vielleicht hatten die Freisinger Bischöfe die Eintreibung des Brückenzolls verpachtet, und der Pächter hatte sich regelmäßig und gleichfalls in bewaffneter Begleitung aufzumachen, um in der bischöflichen Kanzlei zu Freising vorzusprechen, um abzurechnen und gleichzeitig die eingenommenen und in Geldkassetten verschlossenen Gold- und Silbermünzen zu übergeben. Oder wurde, wahrscheinlicher noch, der Geldsegen von geistlichen Herren mit  entsprechender eingeschworener bewaffneter Entourage regelmäßig abgeholt?

Oder saßen vielleicht von vornherein geistliche Kanzleibeamte im Zollhäuschen? Nur sie konnten ja Frachtscheine lesen und abrechnen, denn wer konnte damals schon lesen und schreiben mit Ausnahme der Geistlichkeit? Weshalb ein weltlicher Pächter mit Sicherheit einen Priester als Gehilfen beschäftigte! 

Auch waren diese bischöflichen Kanzleibeamten, sollten sie denn persönlich den Brückenzoll erhoben haben, sicherlich in weit geringerem Maße der Versuchung der Veruntreuung ausgesetzt als weltliche Vertrauensleute. Außerdem sammelten sie nicht nur die Münzen ein, sondern – so denke ich mir – sie bedachten die Reisenden zusätzlich und unentgeltlich mit einem frommen Segen, bevor sie diesen  den Weg hinunter zur Brücke frei gaben. Und der war sicherlich schwierig,  sodass die Fuhrleute trotz allen frommen Segens nicht selten und nicht ohne sich zu bekreuzigen in sich hinein oder auch lauter aus sich hinaus geflucht haben dürften!

 

    Im Übrigen bleibt es einem jeden selbst überlassen, sich das Umfeld der Zollstation selbst auszumalen: Schreiend wieselten Garköche, fliegende Händler und Gaukler durcheinander, stelle ich mir vor! Bettler und gerissene Taschendiebe trieben sich herum. Litaneien herunterbetende Pilger, Wandergelehrte und Scholaren, Wanderärzte und Quacksalber, herunter gekommene Mönche, zerschlissene Priester, aufgeputzte Weibsleute und anderes fahrendes Volk trachteten das jenseitige Ufer zu erreichen... alles, was halt damals auf den großen Strassen Europas so unterwegs war. Esel schrieen, Hühner gackerten, Gänse versuchten zu flüchten, Pferde mussten auf die Schnelle beschlagen werden, es roch nach Kot, nach Schweiß, nach Dünnbier und nach am Spieß gebratenem Fleisch, und Mensch und Tier watete knöcheltief im Staub oder in schlammigem Dreck oder stapfte im Schnee herum!

 

    Oft genug  stürmte und schäumte der Fluss wie zum Hohn wild über die von ihm herangeschwemmten größeren und kleineren Gesteinsbrocken dahin, oder er trat zu Zeiten der Schneeschmelze im Gebirge oder nach tagelangen Regenfällen weit über seine Ufer. Wie oft wohl, frage ich mich, war die Brücke bei schlechtem Wetter nicht passierbar? Und wurde sie auch im Winter benutzt? Und wie oft war sie dann vereist? Wie oft im Jahr hatten die Transporte überhaupt auf besseres Wetter zu warten? Und wie häufig mag sie ernsthaft beschädigt und daher vorübergehend unpassierbar gewesen sein?

 

Herzog Heinrich XI,

Immerhin, trotz solcher oder anderer Widrigkeiten blieb für die Freisinger Bischöfe noch so viel Zaster hängen, dass der machtbewusste, arrogante und rücksichtslose, zudem leicht aufbrausende und jähzornige Herzog Heinrich XI, den man wegen seines außerordentlichen Mutes und seiner Körperkraft trotz seiner überlieferten „Minderwüchsigkeit“ – ich stelle ihn mir kurzbeinig vor! – den „Löwen“ nannte, dass dieser Heinrich der Löwe also, zwei Jahre, nachdem er von Kaiser Friedrich Barbarossa mit dem Herzogtum Bayern belehnt worden war und in dieser Zeit besagte bischöfliche Einnahmequelle wütend beobachtet hatte, die „kapitalistische „Brücke“ des Freisinger Bischofs Otto zerstörte. Er ließ sie einreißen, berichtet die Überlieferung, er ließ sie abfackeln, und ich stelle mir vor, wie einzelne Trümmer verkohlten Holzes auf den hurtig dahingurgelnden Wassern der Isar flussabwärts tanzten, sich drehten, sich verfingen um beim nächsten Hochwasser wieder frei zu kommen und schließlich in der Donau und letztendlich – wenn sie es denn schafften – im schwarzen Meer endgültig in die Tiefe sanken. Und wie die Föhringer aus den steinernen Pfeilern der zerstörten Brücke kleine und große Brocken herausbrachen, um sie als Baumaterial zu benützen.

Der habgierige Herzog jedoch – ein alles in allem schwieriger Mensch – ließ sich eine Meile stromaufwärts bei einer kleinen Mönchssiedlung namens Munichen eine eigene Brücke und damit eine eigene pekuniäre „Salzquelle“ errichten. Das geschah im Jahre 1158 dort, wo heute die Ludwigsbrücke die Isar überspannt. So ging der aus Oberschwaben stammende Welfe – dieser sein Hausname bedeutet angeblich Welpe – als Gründer Münchens in die Geschichte ein, indem er sich wie ein hungriges Wolfsjunges den einträglichen Brückenzoll schnappte. Allerdings wurde auf einen Schiedsspruch des Kaisers hin seinem Widersacher, dem Freisinger Bischof Otto, ein Drittel seiner Einnahmen aus dem Brückenzoll zugesprochen. Das wird ihn gewurmt haben!

22 Jahre lang konnte sich der Herzog der sprudelnden Geldquelle erfreuen.

1180 nahm ihm nämlich Barbarossa das Herzogtum wieder ab. Die Salzstrasse aber verlief von nun an dort, wo sich heutzutage in der Fußgängerzone die Menschen tummeln, wo sie flanieren, shoppen und sich amüsieren.

Und aus dem neu entstehenden Umschlagplatz für Waren und Tiere entstand der Marienplatz.

 

    „Die Zeit geht vorüber!“ sagen die Menschen. Aber die Zeit sagt: „Es sind die Menschen, die vorüber gehen!“

 

 

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Die Föhringer Brücke

Text  © Anneliese Beck, Muenchen, 2008

 

   

Isarring mit Isar

 

Föhringer Brücke dahinter

Spaziergang an der Isar entlang - Zwischen den Bäumen die Brücke

Blick zum Isarring

Föhringer Brücke dahinter

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